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Millennium: 18. Jahrhundert

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Charles de MontesquieuCharles de Montesquieu
Artikelgliederung
3.12. 1

London

Die größte Stadt Europas zählte gegen Ende des 18. Jahrhunderts knapp 900 000 Einwohner, die in etwa 100 000 Häusern lebten. Die alte Stadt war 1666 bei einem Großbrand weitgehend zerstört worden. An ihrer Stelle entstand eine Stadt, die von manchen als „unbequem und unelegant” bezeichnet wurde, von der man nicht behaupten könne, dass sie über Pracht oder Größe verfüge. Und doch entstanden im Verlauf des 18. Jahrhunderts viele Bauten, deren Schönheit gepriesen wurde: die Saint Paul’s Cathedral, die Kirche Saint Martin-in-the-Fields, der Sitz des Lord Mayor, Mansion House und das im Georgian Style gehaltene Bürogebäude Somerset House. Die Wohnhäuser hatten fast alle eine schmale Straßenfront und lange Seitenwände. Auf diese Weise ließen sich möglichst viele Häuser in einer Straße errichten. Ihre Einteilung war äußerst einfach. Auf jedem Stockwerk gab es einen Raum auf der Vorderseite und einen auf der Hinterseite. Wenn man von einer kleinen Anzahl Aristokraten sowie von den ärmsten Klassen absieht, wohnte fast jeder in einem dieser so genannten terraced houses.

Die Parks von London waren überall in Europa berühmt. Viele Besucher aus dem Ausland ließen sich vom Saint James’s Park begeistern. Der an den Park angrenzende Saint James’s Palace war seit 1691 die königliche Residenz. Das Regierungszentrum lag westlich davon in der City of Westminster. Besonders auffallend war hier die Westminster Abbey, seit Jahrhunderten die Krönungs- und Grabeskirche der englischen Könige, deren Westtürme aber erst 1745 errichtet wurden, und der Palace of Westminster, in dem das Unterhaus tagte.

London übernahm im 18. Jahrhundert die Stellung als Zentrum des Welthandels, die Amsterdam im vorangegangenen Jahrhundert innehatte. Hier befanden sich nun die Hauptsitze der größten Handelsgesellschaften. Die Londoner Börse und die Bank von England waren das Herz der Weltwirtschaft. Besonders die Bank von England hatte eine wichtige Rolle für den britischen Staat. Sie vergab Kredite, verkaufte Risikobeteiligungen und Rentenbriefe und handelte mit kurzfristigen Anleihen. Nicht umsonst bezeichnete sie der Premierminister 1781 als Teil der Verfassung. Mit der Vergabe von Krediten an verschiedene Handelsgesellschaften (Hudson’s Bay Company, Ostindische Kompanie, South Sea Company), dem Handel mit ungeprägtem Gold und Silber und der Geldvergabe an kleinere Privatbanken belebte die Bank von England die Wirtschaft der Stadt. Noch immer hatten allerdings die kleinen Privatbanken den größten Anteil am Geldverkehr in Großbritannien. Die Privatbankiers waren oft die Nachfahren von Kaufleuten, Ladenbesitzern, Goldschmieden und anderen Bürgern, die das Geldgeschäft anfangs nur als Nebenerwerb betrieben hatten.

3.12.1. 1
Einkommen und Lebenshaltungskosten

Die Lebenshaltungskosten in London waren nicht gering. Das zeigt sich in den Tagebuchaufzeichnungen des schottischen Schriftstellers James Boswell, die er 1762 während eines Aufenthalts in der Hauptstadt niederschrieb. Arbeiter verdienten im Durchschnitt 15 Schilling in der Woche. Zu den Arbeitern mit den geringsten Löhnen gehörten die Weber, die oft nicht mehr als neun Schilling pro Woche verdienten. Facharbeiter und bestimmte Handwerker, etwa Möbeltischler und Juweliere, konnten dagegen bis zu vier Pfund in der Woche verdienen. Um die Lebenshaltungskosten der Familie aufzubringen, arbeiteten meist auch die Ehefrauen der Arbeiter, z. B. als Obst- oder Fischverkäuferinnen oder als Näherin, Putzfrau oder Wäscherin.

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Wohnverhältnisse und Gesundheitsversorgung

Die Wohnverhältnisse der ärmsten Mitglieder der Gesellschaft, der Tagelöhner, Straßenhändler und Putzfrauen, waren trostlos. Oft mussten diese dicht zusammengedrängt in Kellern leben, wo sie von Ratten und Feuchtigkeit geplagt wurden. Der Arzt Willan beschrieb das Elend dieser Unglücklichen wie folgt:

„Es ist kaum zu glauben, aber doch wahr, dass Menschen aus der untersten Klasse noch nicht einmal dreimal im Jahr frische Laken auf ihr Bett legen, dass sie, selbst wenn sie keine Laken verwenden, niemals die Decken reinigen, waschen oder ersetzen …, dass Gardinen, wenn überhaupt vorhanden, niemals gereinigt werden, sondern im selben Zustand hängen bleiben, bis sie auseinanderfallen, dass schließlich oft drei bis acht Personen verschiedenen Alters in demselben Bett schlafen und dass es im Allgemeinen nur ein Zimmer mit einem Bett pro Familie gibt … Das Zimmer ist oft ein tiefer Kellerraum, fast unzugänglich für das Licht von draußen und frische Luft, oder ein Oberboden mit niedriger Decke, schmalen Fenstern und einem engen Zugang, dunkel und nicht nur von schlechter Luft, sondern auch von den Dämpfen stinkender Exkremente erfüllt. Man wäscht das Leingut oder verrichtet andere unangenehme Arbeiten, während die Säuglinge auf dem beschmierten Bett dösen und die etwas älteren Kinder auf demselben Bett spielen. Von Zeit zu Zeit wird eine unappetitliche Mahlzeit zubereitet. In vielen Fällen verhindert Faulheit oder das schwere Mobiliar und die Gerätschaften, mit denen das Zimmer voll gestellt ist, den heilsamen Gebrauch des Besens und des Malerpinsels. Obiger Bericht ist nicht übertrieben. Seine Wahrheit kann von den Doktoren, die die elenden Bewohner der Straßen in der Pfarrgemeinde Saint Giles oder der Hinterhöfe und Gassen an der Liquor Pond Street, Hog Island, Turnmill Street, Old Street, Whitecross Street, Grub Street, Golden Lane, den zwei Brook Lanes, Rosemary Lane, Petticoat Lane, Lower East Smithfield, einigen Teilen von Upper Westminster und verschiedenen Straßen von Rotherhithe … kennen, bestätigt werden.”

Immer mehr Wohnungen wurden in oft baufälligen Gebäuden eingerichtet, in denen man für einen geringen Betrag ein Dach über dem Kopf finden konnte. Vor allem viele Iren, die zu den ärmsten Bevölkerungsschichten gehörten, konnte man hier antreffen. Schon in der Mitte des Jahrhunderts waren diese Häuser berüchtigt.

„Innerhalb weniger Jahre ist am Stadtrand ein Markt für alte, verfallene Häuser entstanden, die von den Bewohnern mit Betten ausgestattet wurden, die allabendlich für zwei Pence für eine oder drei Pence für zwei Personen vermietet werden … In einem Zimmer stehen oft vier oder fünf Betten. Die Luft ist unvorstellbar schlecht … Dort werden alkoholische Getränke angeboten, mit denen man sich betrinken kann …, und die Häuser sind die ganze Nacht geöffnet, um allerlei Schurken zu beherbergen und gestohlene Ware in Empfang zu nehmen.”

Laut einem Polizeibericht gab es am Ende des 18. Jahrhunderts „… über 20 000 Unglückliche aus verschiedenen Klassen, die jeden Morgen aufwachen, ohne zu wissen, wie … sie sich am kommenden Tag ernähren sollten oder wo sie in der kommenden Nacht schlafen sollten.”

Im Bereich des Gesundheitswesens gab es in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wesentliche Verbesserungen, nachdem in der ersten Hälfte des Jahrhunderts zu manchen Zeiten die Zahl der Todesfälle höher als die der Geburten war. Chronischer Alkoholismus war vor allem in den untersten Schichten der Bevölkerung verbreitet. In allen möglichen Geschäften wurden hochprozentige Getränke verkauft, und Arbeitgeber gaben ihren Arbeitern reichlich Branntwein. 1736 berichtete eine Kommission, die sich mit dem Alkoholmissbrauch beschäftigte, dass „… Kerzenmacher, viele Weber, verschiedene Tabakhändler, Schuhmacher, Zimmerleute, Friseure, Schneider, Färber, Arbeiter und andere hochprozentige Getränke verkaufen. Tagelöhner im Dienst dieser Leute, die alkoholische Getränke verkaufen, haben diese Getränke immer zur Hand … und lassen sich willig dazu verleiten, von dieser Gelegenheit reichlich Gebrauch zu machen, vor allem da sie auf Kredit trinken können. Allzu oft denken sie nicht daran, wie schnell die Rechnung anwächst. So stellen sie dann am Wochenende fest, dass sie keinen Lohn nach Hause bringen können, so dass ihre Familien krepieren müssen … Hinsichtlich des weiblichen Geschlechts mussten wir feststellen, dass diese Seuche sich auch dort eingenistet hat, und zwar in einem kaum fassbaren Maße. Unglückliche Mütter gewöhnen sich an destillierte Getränke, ihre Kinder werden schwach und kränkelnd geboren und sehen oft so faltig und zusammengeschrumpft aus, als wären sie schon sehr alt. Andere Frauen wiederum geben ihren Kindern täglich zu trinken … und lehren sie, bevor sie noch laufen können, diesen sicheren Verderber zu schätzen.”

Nach 1751 nahm der Alkoholmissbrauch deutlich ab, da in diesem Jahr eine hohe Branntweinsteuer eingeführt wurde. Die niedrigeren Sterbezahlen lassen sich aber nicht allein mit der Branntweinsteuer erklären, sondern vor allem mit einer verbesserten Gesundheits- und Lebensmittelversorgung. Die modernen Naturwissenschaften hatten die ärztlichen Behandlungsmethoden tief greifend beeinflusst. Selbst die so gefürchteten Pocken, denen immer wieder ein Teil jeder Generation zum Opfer gefallen war, konnten dank der Entdeckung Edward Jenners, dass eine Impfung mit dem Virus der Kuhpocken der Krankheit vorbeugte, bekämpft werden. Kein Mittel kannte man aber gegen den Typhus, der eine hohe Zahl von Opfern oft gerade in den Krankenhäusern forderte. Gassen und Hinterhöfe, in denen diese Fieberkrankheit einmal um sich gegriffen hatte, blieben eine Infektionsquelle:

„Wenn das Fieber einmal ein Gebäude durch Tod und Vertreibung entvölkert hat, kommen neue Bewohner, arm und unwissend, die krank werden und sterben oder dahinsiechen. Wenn sie dann weggebracht worden sind, ins Armenhaus oder ins Grab, hinterlassen sie dieselbe verseuchte Behausung für ihre unglücklichen Nachmieter. Aus diesen Pesthäusern dringt der konzentrierte Krankheitserreger in die benachbarten Hinterhöfe und Gassen … Das Fieber wird durch die häufigen Kontakte der Bedürftigen, die oft gezwungen sind, bestimmte Dinge zu verpfänden, um andere kaufen zu können, über die ganze Nachbarschaft verbreitet. Über Pfandleiher und Lumpenhändler wird das Gift dort verbreitet, wo man es am wenigsten vermutet.”

3.12.1. 3
Vergnügungen

Das Leben vieler Mitglieder der Oberschicht der Bevölkerung spielte sich in den zahlreichen Landhäusern ab, die am Stadtrand entstanden. Die Bewohner und ihre Gäste vertrieben sich ihre Zeit mit Sport, Musik, Literatur, Kartenspielen, gutem Essen und edlen Getränken. In diesen Landhäusern gab es oft wohl ausgestattete Bibliotheken, die vom guten Geschmack der Bewohner zeugten: englische, lateinische und italienische Klassiker, wertvolle illustrierte Reiseberichte und Geschichtswerke. Die Jagd und das Kricketspiel gaben den Bewohnern die tägliche körperliche Bewegung, was angesichts der restlichen Alltagsaktivitäten mehr als notwendig erschien. Die großen Mengen an Speisen und Getränken bildeten eine andauernde Gesundheitsgefährdung. Nicht umsonst galt es als der Gipfel der Trunkenheit, wenn man „betrunken wie ein Lord” war. Die Mahlzeiten waren äußerst reichhaltig. Ein Menü in der folgenden Zusammenstellung war keine Seltenheit: „erster Gang: Ein großes Stück Kabeljau, Lammrücken, Suppe, Hühnerpastete, Fleischpastete, Karotten usw. – zweiter Gang: Tauben mit Spargel, Kalbsfilet mit Pilzen, geröstetes Kalbsbries, warmer Hummer, Aprikosenkuchen und zwischendurch eine Pyramide aus Sülze – Nachspeise: Obst und Madeira, weißer und roter Portwein.”.

Die Magistrate verhielten sich gegenüber den Vergnügungen des einfachen Volks im Allgemeinen ablehnend. Man betrachtete die populären Vergnügungen als Anlässe für Trunkenheit, Unruhen und soziale Entgleisungen. Man ging daher nicht nur gegen das Glücksspiel und Hahnenkämpfe vor, sondern betrachtete auch Jahrmärkte und Volkstheateraufführungen mit Misstrauen. So hatten die einfachen Leute nur wenige legale Möglichkeiten des Zeitvertreibs. Der junge Boswell trug am 15. Dezember 1762 folgenden Bericht über einen Hahnenkampf in sein Tagebuch ein, den er nach einer guten Mahlzeit in einem Steakhouse besuchte:

„Ein Beefsteak-house ist ein vortrefflicher Ort, um dort eine Mahlzeit einzunehmen. Man kommt in einen warmen, komfortablen Raum, wo eine Anzahl von Leuten am Tisch sitzt. Man setzt sich einfach irgendwohin und bestellt, wozu man Lust hat. Dies wird einem gut zubereitet serviert. Meine Mahlzeit (Fleisch, Brot und Bier) kostete mich inklusive eines Pennys für den Ober nur einen Schilling … Um fünf Uhr füllte ich mir meine Taschen mit Lebkuchen und Äpfeln, zog meine alten Kleider an, legte Uhr, Börse und Terminkalender weg und ging mit einem Eichenstock in der Hand zum Hahnenkampf. Ich kam zu früh an, und darum ging ich noch in einen einfachen Gasthof, wo ich mich zwischen ein paar durchtriebene Taugenichtse setzte. Der Posten vor dem Haus hatte mir sehr zuvorkommend den Weg gezeigt. Es war sehr kalt, und ich erinnerte mich an den armen Kerl, so dass ich ihm eine Pinte Bier brachte. Er war sehr dankbar dafür und brachte einen herzlichen Toast auf meine Gesundheit aus … Daraufhin ging ich zum Hahnenkampfplatz, einem runden Raum, in dessen Mitte die Hähne kämpfen. Rundherum sind wie in einem Amphitheater die Sitzplätze angeordnet. Der Boden und die Sitzplätze sind mit Matten bedeckt. Die Hähne, gut genährt und mit silbernen Sporen bewaffnet, werden auf den Boden gesetzt und kämpfen mit einer erstaunlichen Verbitterung und Entschlossenheit. Einige von ihnen waren schnell erledigt. Ein Paar kämpfte dagegen eine Dreiviertelstunde lang. Der Tumult und der Lärm der Zocker ist enorm. In der kurzen Zeit wechselte ziemlich viel Geld den Besitzer. Unter den Zuschauern waren auch einige professionelle Zocker. Ein alter, gewiefter Fuchs, dessen Gesicht ich schon einmal gesehen hatte …, saß eine Weile neben mir. Ich erzählte ihm, dass ich von Hahnenkämpfen nichts verstand. ‚Mein Herr‘, sagte er, ‚sie haben eine ebenso große Chance wie jeder andere auch.‘ Er dachte wohl, dass ich sein williges Opfer sein würde, denn ich wirkte unerfahren. Aber ich wich ihm aus. Den Anblick der ausgelassenen und geldgierigen Zocker fand ich schockierend. Ich hatte Mitleid mit den armen Hähnen. Ich schaute mich um, um zu sehen, ob einer der Zuschauer Erbarmen mit den Hähnen hätte, die auf grausame Weise verstümmelt und aufgerissen wurden, aber ich konnte in keinem Gesicht das kleinste Zeichen von Mitleid entdecken. Ich hatte dann auch nicht erwartet, dass sie seelisch leiden würden. So beendete ich meinen echt englischen Tag und kam ziemlich müde und verwirrt über die Eigenarten dieser Menschen nach Hause.”

Wenn die Möglichkeiten des Zeitvertreibs für die einfachen Leute begrenzt waren, so gab es für die Angehörigen der höheren Stände Angebote in Hülle und Fülle, darunter eine große Anzahl von Schauspielhäusern. Die Musikszene erlebte während des gesamten Jahrhunderts eine Blütezeit. Bei den Professional Concerts in den Hannover Square Rooms und den Solomon’s Concerts, die von Haydn initiiert worden waren, wurde meist ein sehr abwechslungsreiches Programm von Orchesterwerken, Kammermusik, Gesang und Madrigalen geboten. In den Catch- and Glee Clubs konnten sich die weniger Musikinteressierten an leichten Klängen erfreuen. In London gab es viele dieser Clubs, z. B. die Nobleman and Gentlemen’s Society, die Madrigal Society, den Glee Club und die Concentores Sodales. Trotz der Unbeständigkeit des englischen Wetters gab es im Sommer viele Freilichtkonzerte, wo man zu geringen Eintrittspreisen anspruchsvollen Musikaufführungen lauschen konnte. Vor allem die Gesangs- und Orgelkonzerte in den Vauxhall Gardens waren ein echter Publikumsmagnet. Opernaufführungen konnte man in Covent Garden und der Drury Lane beiwohnen. Zwei andere Veranstaltungsorte, das King’s Theatre und das Pantheon, brannten in den Jahren 1789 bzw. 1791 nieder. Die wichtigsten Aufführungsorte für geistliche Musik waren die Royal Chapel, die Westminster Abbey und die Saint Paul’s Cathedral. Von großer Bedeutung für das Londoner Musikleben war die lange Anwesenheit Georg Friedrich Händels, der von 1712 bis zu seinem Tod 1759 in London wohnte. Seine Musik wurde zu vielen Anlässen gespielt, so etwa die Feuerwerksmusik zur Eröffnung eines großen Volksfestes im Jahr 1748 und das Te Deum anlässlich des Friedens von Utrecht (1713). Am bekanntesten aber sind Händels Oratorien, insbesondere Der Messias. In den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts war Händel der Leiter der Royal Academy of Music, eines Opernhauses, das 1728 schließen musste, als sich das Londoner Publikum von der italienischen Oper abwandte. Der Komponist versuchte dann noch einige Zeit, mit seinen Opernkompositionen das Interesse an dieser Form der Oper wachzuhalten, aber das Publikum bevorzugte modernere Stücke wie etwa John Gays The Beggars’ Opera. Händel wurde in der Westminster Abbey beigesetzt. Die Statue auf seinem Grabmal, das Louis François Roubillac schuf, zeigt den Komponisten, wie er sich mit dem linken Arm auf der Orgel abstützt und in der rechten Hand den Anfang des Larghetto aus dem Messias hält. Ein weiterer Ausländer, der dem Londoner Musikleben neue Impulse brachte, war Franz Joseph Haydn. Als er nach einem kurzen Aufenthalt 1795 wieder nach Österreich zurückkehren wollte, setzte sich sogar König Georg IV. für seinen Verbleib in London ein.

4

Amerika

4.1

Nordamerika

Mit dem Frieden von Paris im Jahr 1783 wurde – nach einem achtjährigen Freiheitskrieg gegen die Briten – die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika international anerkannt. In den Folgejahren wurden einzigartige staatsrechtliche Institutionen geschaffen, insbesondere die Verfassung von 1787 mit ihrer von Montesquieu inspirierten Dreiteilung der Macht. Die Wiege der amerikanischen Freiheit war Massachusetts, der Mittelpunkt des Handels und des kulturellen Lebens. Boston, die Hauptstadt dieses Bundesstaates, war der Schauplatz zweier Ereignisse, die den Lauf der Geschichte entscheidend beeinflussen sollten, nämlich das Boston Massaker (1770) und die Boston Tea Party (1773). Beide Vorfälle waren eigentlich nicht weltbewegend, gaben jedoch dem Freiheitsstreben der amerikanischen Siedler einen wichtigen Impuls. Im nahe gelegenen Cambridge hatte die bedeutendste Universität der Vereinigten Staaten, die Universität Harvard, ihren Sitz.

Der Staat New York spielte während des 18. Jahrhunderts keine große Rolle, aber die gleichnamige Stadt entwickelte sich auffallend schnell. An der Wende zum 19. Jahrhundert zählte sie 60 000 Einwohner, doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor. Die größte Stadt war Philadelphia mit 70 000 Einwohnern. Seitdem in dieser Stadt 1776 die von Thomas Jefferson verfasste Unabhängigkeitserklärung unterschrieben worden war, war sie der Regierungssitz. 1793 wurde die Stadt von einer Gelbfieberepidemie getroffen, an der fast 10 000 Menschen starben. Diese Katastrophe veranlasste die Behörden, Maßnahmen zur Verbesserung der Hygiene und der Wohnverhältnisse zu treffen. Seit 1791 war Philadelphia der Sitz der amerikanischen Staatsbank, der Bank of the United States. Der Bundesstaat Pennsylvania war eine Hochburg der pazifistisch denkenden Quäker. Aber auch viele Einwanderer aus Deutschland, Irland und Schottland hatten sich dort niedergelassen.

Wie Massachusetts spielte auch Virginia eine wichtige Rolle im Freiheitskampf der Amerikaner. Hier fand 1781 bei Yorktown die letzte Schlacht des Unabhängigkeitskrieges statt. In den Staaten Virginia, North und South Carolina und Georgia sowie in den neu gegründeten Staaten Tennessee und Kentucky gab es viele afrikanische Sklaven. In den nördlichen Staaten dagegen nahm der Widerstand gegen diese extreme Form von Unterdrückung zu. Nachdem 1775 die erste Vereinigung gegen die Sklaverei gegründet worden war, erließen die Staaten Pennsylvania und Massachusetts Gesetze, welche die Haltung von Sklaven verboten. In Massachusetts sprach der oberste Gerichtshof 1783 in einem Verfahren, in dem ein Sklave seinen Besitzer verklagt hatte, folgendes Urteil aus:

„Das Recht der Christen, Sklaven zu halten und zu verkaufen, war ein Brauch, der seinen Ursprung in der Praxis einiger europäischer Völker und den Bestimmungen der britischen Regierung über ihre damaligen Kolonien hatte. Aber welche Ideen hinter diesen auch gesteckt haben mögen und aus welchem Vorbild sie auch erwachsen sein mögen, im amerikanischen Volk hat sich eine andere Auffassung entwickelt, die die natürlichen Rechte der Menschheit und den angeborenen Wunsch nach Freiheit vertritt, mit denen der Himmel die ganze Menschheit (ohne Unterschied der Hautfarbe, des Ansehens und der Form der Nase) beschenkt hat. Aus diesem Grund … erklärt unsere Verfassung …, dass alle Menschen frei und gleichberechtigt geboren sind …, dass jeder Untertan das Recht auf Freiheit hat … Die Idee, dass es geborene Sklaven gäbe, ist unvereinbar mit dieser Verfassung … Die lebenslange Versklavung eines denkenden Wesens ist nicht zulässig, es sei denn, es verspielt seine Freiheit durch irgendeine Straftat oder es gibt sie durch seine persönliche Zustimmung oder einen Vertrag auf.”

In den Südstaaten konnte von einer solchen Haltung nicht die Rede sein. Im Gegenteil, die Sklaven waren ihren Besitzern dort rechtlos ausgeliefert.

Die Gebiete westlich der Küstenstaaten waren das Objekt großflächiger Bodenspekulationen. Obwohl die Regierung mit den dort lebenden Indianern Verträge abgeschlossen hatte, brachen immer wieder Kämpfe mit nach Westen ziehenden Siedlern aus. Im Südwesten wurden die Indianer von den Spaniern unterstützt, im Norden von den Briten. Bei Fallen Timbers an der Grenze zu Kanada errang General Anthony Wayne, der den Beinamen „Mad Anthony” erhielt, 1794 einen wichtigen Sieg über die Indianer des Nordwestens.

Die Rede Logans, des Häuptlings der Mingo, dessen ganze Familie von Weißen ausgerottet worden war, hinterließ 1774 sowohl in Amerika als auch in Europa einen großen Eindruck. Thomas Jefferson gab die Rede in seinem Buch Notes on the State of Virginia mit folgenden Worten wieder: „Ich [Logan] fordere jeden weißen Mann heraus zu behaupten, dass er jemals hungrig in Logans Hütte gekommen sei und dass ihm kein Fleisch gegeben worden wäre oder dass er frierend und nackt gekommen sei und dass ihm keine Kleider gegeben worden wären. Während des jüngsten langen und blutigen Krieges blieb Logan ruhig in seiner Hütte und plädierte für den Frieden. So groß war meine Liebe für die Weißen, dass meine Landsleute auf mich wiesen und sagten: ‚Logan ist der Freund der Weißen.‘ Aber im letzten Frühling hat Oberst Cresap kaltblütig und grundlos alle Familienangehörigen Logans ermordet. Er verschonte nicht einmal das Leben meiner Frauen und Kinder. Kein Tropfen meines Blutes strömt noch durch die Adern irgendeines lebenden Geschöpfes. Das rief nach Rache, und ich habe danach auch gedürstet. Ich habe viele getötet, ich habe meinen Rachedurst vollkommen befriedigt.”

Oft wurde auch auf die Geldgier unter Weißen wie auch Indianern spekuliert, um feindliche Stämme wirkungsvoll zu bekämpfen. 1755, während des Britisch-Französischen Kolonialkrieges, wurde dem britischen Generalkapitän der Provinz Massachusetts Bay für jeden gefangenen oder skalpierten Indianer ein Geldbetrag angeboten: „Für jeden männlichen Indianer über zwölf Jahren, der gefangen genommen und nach Boston gebracht wird, 50 Pfund, für jeden Skalp eines indianischen Mannes 40 Pfund, für jede weibliche indianische Gefangene … und für jeden männlichen indianischen Gefangenen unter zwölf Jahren … 25 Pfund, für jeden Skalp einer indianischen Frau oder eines indianischen Mannes unter zwölf Jahren … 20 Pfund.”

Die positiven Seiten der indianischen Gesellschaft sahen die wenigsten der Weißen. Eine Ausnahme war der Engländer John Lawson, der zu Anfang des Jahrhunderts verschiedene Reisen durch Indianergebiet unternahm. 1709 erschien seine History of North Carolina, in der er die Indianer folgendermaßen beschrieb: „Sie [die Indianer] haben keine Zäune, um die Parzellen ihrer Felder voneinander abzutrennen, und doch kennt jeder sein Grundstück. Es kommt äußerst selten vor, dass sie einander auch nur eine Kornähre stehlen. Wenn doch einmal jemand beim Stehlen erwischt wird, wird er von den Ältesten dazu verurteilt, für denjenigen, den er bestohlen hat, zu arbeiten und zu pflanzen, bis der Schaden ersetzt ist … Es kommt oft vor, dass eine Frau von ihrem Ehemann verstoßen wird und eine große Zahl von Kindern zu ernähren hat. So jemandem helfen sie immer, sie lassen ihre jungen Männer pflanzen, ernten und all die anderen Dinge tun, zu denen die Frau nicht in der Lage ist … Niemals raufen sie miteinander, außer wenn sie betrunken sind, und niemals kann man sie miteinander streiten hören. Sie sagen, dass die Europäer immer klagen und unruhig sind, und sie fragen sich, warum sie diese Welt nicht verlassen, da sie sich hier doch nicht wohl fühlen und unzufrieden sind. All die Katastrophen und Unglücke [die die Indianer ereilen] enden mit Lachen, selbst wenn ihre Hütten Feuer fangen und all ihr Hab und Gut verbrennt …, so endet solch ein Unglück stets mit einem herzhaften Lachanfall, es sei denn, dass Familienangehörige oder Freunde ihr Leben verlieren … Eine Untugend, die anderswo häufig anzutreffen ist, habe ich bei ihnen nie beobachtet, nämlich den Neid auf das Glück eines anderen.”

Seit dem Ende des Britisch-Französischen Kolonialkrieges (1754-1763) gab es in Kanada keine von Frankreich beherrschten Gebiete mehr. Dennoch lebten dort noch viele französischsprachige Siedler, welche die englische Herrschaft nicht immer begrüßten. 1791 wurde das Land in zwei Provinzen geteilt, das überwiegend französischsprachige Unterkanada und das englischsprachige Oberkanada.

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