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Millennium: 20. JahrhundertEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; 1900 bis 1914; 1914 bis 1919; 1919 bis 1929; 1929 bis 1939; 1939 bis 1945: Der 2. Weltkrieg; Rückblick auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts; 1945 bis 1965; 1965 bis 1989; 1989 bis 1999
Die Kubakrise hatte 1962 die Welt an den Rand eines Atomkrieges geführt. Die amerikanische Strategie einer massiven Vergeltung im Verteidigungsfall wurde von der Strategie der Flexible Response abgelöst. Die Großmächte nahmen Abrüstungsgespräche auf, die 1972 im SALT-I-Vertrag mündeten. In den folgenden Jahren bestimmte eine vorsichtige Entspannungspolitik die Ost-West-Beziehungen; doch in den achtziger Jahren brachte Ronald Reagan als Präsident der Vereinigten Staaten den Ost-West-Entspannungsprozess zum Stillstand. In Europa wurden in den siebziger und achtziger Jahren mehrere Staaten in die Europäischen Gemeinschaften (EG) aufgenommen – die Zahl der Mitglieder verdoppelte sich von sechs auf zwölf –, von einer politischen Integration konnte jedoch noch lange keine Rede sein. In Afrika erreichten die letzten Länder ihre Unabhängigkeit von den europäischen Kolonialmächten. Die Erdöl fördernden Länder gewannen weitreichenden Einfluss auf das Weltgeschehen. Die Kluft zwischen dem Reichtum der Staaten auf der Nordhalbkugel und der Armut auf der Südhalbkugel blieb bestehen. In den westlichen Industrieländern deutete sich an, dass das Wirtschaftswachstum nicht ewig so weitergehen konnte; eine schleichende Rezession ließ u. a. die Zahl der Arbeitslosen stark ansteigen. Die Energieversorgung wurde immer problematischer, und die Ölkrise von 1973 weckte in breiten Schichten der Bevölkerung das Bewusstsein für das Thema Energie. Zugleich wurde immer offensichtlicher, welche Gefahren die Industrialisierung für die Umwelt barg. Die Drohung eines möglichen Atomkrieges in Europa veranlasste viele Menschen, in der Friedensbewegung aktiv zu werden, Bürgerinitiativen setzten sich für die Vernichtung von Atomwaffen und für den Umweltschutz ein. Die Friedens- und Ökologiebewegung der achtziger Jahre hatte ihre Wurzeln in der Studentenbewegung der zweiten Hälfte der sechziger Jahre. Mehr Demokratisierung und Mitbestimmungsrechte waren die Schlagworte, bestehende Machtverhältnisse in Politik und Gesellschaft wurden in Frage gestellt. Der technische Fortschritt ging unterdessen mit hoher Geschwindigkeit voran: Die Entwicklung des Mikrochip z. B. hatte tief greifende Folgen für die gesamte Wirtschaft.
Gegen Ende der sechziger Jahre verstärkten die Amerikaner ihren Einsatz im Vietnamkrieg. 1966 flog die amerikanische Luftwaffe durchschnittlich 164 Angriffe pro Tag auf Nordvietnam, und 1967 waren etwa 500 000 amerikanische Soldaten in Vietnam stationiert. Trotzdem gelang den US-Streitkräften kein entscheidender Durchbruch. Die Tet-Offensive im Januar und Februar 1968 wurde für die amerikanischen Streitkräfte zu einem Desaster. Langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass der Krieg gegen die hoch motivierten kommunistischen Vietcong nicht zu gewinnen war. Die US-Regierung geriet zunehmend unter den Druck der amerikanischen Öffentlichkeit, die das Engagement der USA in Vietnam immer mehr ablehnte. 1969 kündigte der amerikanische Präsident Richard Nixon kurz nach seinem Amtsantritt einen stufenweisen Rückzug der amerikanischen Truppen an. Im Januar 1973 unterzeichneten die Kriegsparteien in Paris einen Waffenstillstand. Einen Monat später waren alle amerikanischen Truppen aus Vietnam abgezogen. Etwa 57 000 Amerikaner waren in Vietnam ums Leben gekommen. 1976 wurden Nord- und Südvietnam zur Sozialistischen Republik Vietnam vereint.
Die Ablehnung des Vietnamkrieges radikalisierte nicht nur in den USA die Protestbewegung, die sich gegen verschiedene Missstände in den westlich-kapitalistischen Gesellschaften richtete. Die Bürgerrechtsbewegung in den USA trat vor allem für die Belange der schwarzen Bevölkerung ein. 1964 wurde in den USA ein Bürgerrechtsgesetz verabschiedet, das die Rassentrennung in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens aufhob. Im Herbst 1964 kam es zu einem großen Studentenaufstand an der kalifornischen Universität Berkeley, nachdem der Mord an drei Studenten während eines Protestmarsches ungeahndet geblieben war. Aktionen für die Einhaltung der Menschenrechte und mehr Demokratie in der Gesellschaft setzten sich daraufhin mehrere Monate lang fort. Die Studentenbewegung kam von Amerika aus nach Europa und verwandelte sich allmählich in eine Protestbewegung gegen das so genannte politische und gesellschaftliche Establishment im Allgemeinen. 1968 brachen in Paris die Mai-Unruhen aus: Massive Studentenproteste (später unterstützt von den Arbeitern) richteten sich gegen die autoritäre und bürokratische Politik der Regierung sowie gegen die undemokratischen Lerninhalte im französischen Unterrichtswesen. Inspiriert von den Schriften der Frankfurter Schule der Sozialphilosophen Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas und Herbert Marcuse, rief die Studentenbewegung dazu auf, die kapitalistische Konsumgesellschaft zu stürzen, die in ihren Augen die Ursache von Ungleichheit und Unterdrückung war und das Individuum in seiner freien und kreativen Entfaltung behinderte. Die Protestgeneration entwickelte zugleich eine Jugendkultur, die sich auf den verschiedensten Gebieten (Musik, Kleidung, Sexualität) von der etablierten Generation abgrenzte. Obwohl die Protestbewegung Anfang der siebziger Jahre langsam abebbte, ohne das kapitalistische System auch nur ansatzweise erschüttert zu haben, wirkte sie doch nachhaltig auf die Gesellschaft. Die Frauenbewegung kämpfte für die Emanzipation der Frau in allen gesellschaftlichen Bereichen, und die traditionellen Machtverhältnisse Mann-Frau, Eltern-Kinder, Weiße-Schwarze, Arbeitgeber-Arbeitnehmer waren nicht mehr selbstverständlich.
In den Vereinigten Staaten rief die Watergate-Affäre 1972/73 eine schwere innenpolitische Krise hervor. Während des Präsidentschaftswahlkampfes 1972 brachen Wahlkampfhelfer Präsident Nixons in die Watergate-Appartements ein, in denen sich das Hauptquartier von Nixons demokratischem Herausforderer McGovern befand. Zunächst hatte Nixon jegliche Mittäter- oder Mitwisserschaft geleugnet, doch nach langwierigen, von der Nixon-Administration immer wieder behinderten Untersuchungen stellten Justiz und ein Senatsausschuss 1974 die Mittäterschaft Nixons fest; Nixon trat zurück. Vietnamkrieg und Watergate hatten das Vertrauen der amerikanischen Bevölkerung in die Politik schwer erschüttert. Einen außen- und innenpolitischen Wendepunkt stellte 1981 der Amtsantritt Ronald Reagans als Präsident der Vereinigten Staaten dar. Die Verteidigungsausgaben wurden massiv erhöht, und Reagan selbst stellte 1983 den (nicht verwirklichten) Plan vor, Amerika über ein im Weltraum stationiertes Raketenabwehrsystem (SDI, Strategic Defense Initiative) gegen einen möglichen sowjetischen Raketenangriff zu verteidigen. Die Beziehungen zwischen den beiden Supermächten wurden durch SDI schwer belastet.
Die Entstalinisierung, die in der Entspannungsperiode unter Chruschtschow begonnen hatte, wurde in der Stagnationsphase unter Staats- und Parteichef Breschnew (1964-1982) nicht weitergeführt. Auf internationaler Ebene zeigte Breschnew die Bereitschaft zu Verhandlungen und zur Fortsetzung der Entspannungspolitik. 1972 unterzeichnete er das Abrüstungsabkommen SALT I. Als die Sowjetunion 1979 in den Bürgerkrieg (siehe Afghanistan-Krieg) im benachbarten Afghanistan eingriff, bedeutete dies zunächst auch das Ende der Entspannungspolitik. Der Westen verurteilte das sowjetische Vorgehen aufs Schärfste, verzichtete aber auf direkte militärische Aktionen gegen die Sowjetunion, unterstützte aber, allen voran die USA, die muslimischen Widerstandsgruppen, die Mudschaheddin. Ebenso wie die amerikanischen Truppen in Vietnam konnte auch die Sowjetarmee den Kampf gegen die Mudschaheddin nicht gewinnen. Am 15. Mai 1988 zog sich die Sowjetunion aus Afghanistan zurück. Etwa 15 000 sowjetische Soldaten waren während des Afghanistankrieges ums Leben gekommen. Nach dem Tod Breschnews 1982 geriet die Sowjetunion bei der Suche nach einem Amtsnachfolger vorübergehend in eine Krise, da sowohl Jurij Andropow als auch Konstantin Tschernenko jeweils kurz nach Amtsantritt starben. Am 11. März 1985 wurde der relativ junge Michail Gorbatschow vom Politbüro zum neuen Generalsekretär der KPdSU ernannt. Schon bald nach seinem Amtsantritt machte Gorbatschow deutlich, dass er das festgefahrene System zu reformieren beabsichtigte. Glasnost („Offenheit”) und Perestroika („Umbau”), die Mottos der Gorbatschow’schen Reformpolitik, wurden weltweit zu Schlagwörtern. Die Beziehungen zum Westen verbesserten sich deutlich: Eine Reihe von Ost-West-Gipfeltreffen brachte eine drastische Reduzierung der Atomwaffen. Zudem brach Gorbatschow mit der Breschnew-Doktrin, als er erklärte, dass die osteuropäischen Volksdemokratien, die seit Kriegsende unter der Vorherrschaft der Sowjetunion standen, ihren eigenen Weg finden müssten. Auf wirtschaftlichem Gebiet gingen die Reformen nur schleppend voran: Trotz der Kürzung des enormen Verteidigungshaushalts konnte sich die Sowjetunion nicht aus der Abwärtsspirale befreien.
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