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Artikelgliederung
Einleitung; Die Ursprünge der klassischen Geographie; Formale Etablierung als Wissenschaft; Herausbildung der internen Differenzierung; Die Geographie am Ende des 20. Jahrhunderts; Die Geographie im 21. Jahrhundert
In einem weit gefassten Verständnis von Geographie lassen sich die ersten Ansätze geographischen Denkens und Arbeitens bis in die frühesten Hochkulturen zurückverfolgen. In diesem Sinne ist die Geographie so alt wie die Menschheit. Der hier vorliegende Beitrag will in einem kursorischen Abriss den Bogen geographischer Leistungen von diesen Anfängen bis in die Gegenwart spannen. Um keinerlei Vorwissen voraussetzen zu müssen, ist die Darstellung chronologisch aufgebaut. Geographie heißt in wörtlicher Übersetzung „Erdbeschreibung” und „Zeichnung der Erde”. Wer diesen Begriff geschaffen hat, ist nicht bekannt. Er findet sich erstmals in einer pseudo-aristotelischen Schrift. Die lange geographische Entwicklungsgeschichte zerfällt in zwei sehr ungleiche Teile: Zunächst bestand die Hauptaufgabe der Geographie darin, die Welt zu erkunden, sie aufzunehmen und die gesammelten Informationen für andere „sichtbar”, verständlich und nutzbar zu machen. Diese sehr praktisch ausgerichtete Erdbeschreibung und -darstellung wurde bis in das 19. Jahrhundert betrieben. Mit dem Übergang von der so genannten deskriptiven Erdkunde zur Geographie als anerkannte wissenschaftliche Disziplin begann eine starke Spezialisierung in sehr unterschiedliche Forschungsrichtungen. Dies führte dazu, dass es heute kaum noch ein einheitliches Verständnis von dem gibt, was Geographinnen und Geographen leisten. Nahezu alle Forschungsarbeiten aus dem Altertum sind von einzelnen herausragenden Persönlichkeiten geleistet worden, die sich ihrerseits selten in eine Disziplin einreihen lassen, wie wir sie heute aus unseren universitären Strukturen heraus ableiten. Es waren stets „Universalforscher”, wodurch sich automatisch umfangreiche Überschneidungen mit den Anfängen anderer wissenschaftlicher Disziplinen ergeben. Aus geographischer Sicht bestehen diese Querverbindungen insbesondere zur Geschichte. Die Geographie befasste sich allerdings – bis fast in die heutige Zeit – vorwiegend mit Problemen der jeweiligen Gegenwart; historische Einblendungen zur Vertiefung bildeten die Ausnahme. Die Erweiterung des geographischen Weltbildes setzt Reisen voraus. Diese aber haben stets einen Ausgangspunkt: den eigenen Ort, die bekannte Umgebung, die eigene Kultur. Auf diese Weise schafft sich jeder Kulturkreis sein eigenes Weltbild. Damit aber fließt in jede Darstellung der Geschichte des Reisens und somit auch in die Entwicklungsgeschichte der Geographie unausweichlich der Aspekt der Kulturkreise mit ein. Dem vorliegenden Beitrag liegt ein eurozentrisches Denken zugrunde. Die Entwicklungen in anderen Hochkulturen bleiben hier unberücksichtigt.
Die geographischen Arbeiten hatten in ihren Anfängen eine klare praktisch-relevante Ausrichtung: Es ging um die Entdeckung der Erde und, damit verknüpft, auch um die kartographische Darstellung des bekannten Wissens. Informationen über die topographischen Gegebenheiten, natürliche Erscheinungen und deren Zusammenhänge wurden im Altertum nicht gerade im Überfluss angeboten, und der Glaube an übernatürliche bzw. andere nicht deutbare oder sogar geheimnisvolle Vorgänge und Mächte war groß. Dementsprechend scheinen die ersten Ansätze, die Erde darzustellen, eher phantasievoll und scheinbar wenig realistisch gewesen zu sein. Doch eine solche Bewertung aus heutiger Sicht wäre unredlich, denn sie ignoriert die Rahmenbedingungen, die fehlenden technischen Möglichkeiten, und sie missachtet die herausragenden intellektuellen Leistungen jener Personen, die diese ersten Entwürfe konzipierten.
Die europäische Geographie basiert auf einem griechischen Fundament. Den Griechen gebührt die Ehre, sich als Erste der Aufgabe einer systematischen Sammlung und Verbreitung geographischer Nachrichten unterzogen zu haben. Nicht nur in Delphi, dem Sitz des berühmten Orakels und dem Mittelpunkt der griechischen Welt, sondern vor allem in den Kolonialstädten an der kleinasiatischen Küste wurden sämtliche Berichte von den Ländern und Völkern des Mittelmeeres, Nordafrikas und Vorderasiens eifrig zusammengetragen und schriftlich niedergelegt. Doch aufgrund der lückenhaften Quellenlage dieser Schriften kann heutzutage die Entfaltung der griechischen Geographie nicht mehr vollständig belegt, nachvollzogen und gewürdigt werden. Die Entwicklungsgeschichte der Geographie wird demzufolge immer an nur wenigen herausragenden Persönlichkeiten und Leistungen festgemacht, obwohl andere vielleicht ebenso große Beachtung verdient hätten. Die ersten Versuche, die bekannte Welt kartographisch darzustellen, sind wohl von Alexander von Milet (610-546 v. Chr.) unternommen worden, doch die Originale seiner Arbeiten fehlen. Die erste Beschreibung der Erde, die – leider auch nur in etwa 300 Fragmenten – heute noch vorliegt, stammt von Hekataios (um 560/550 bis ca. 480 v. Chr.), der ebenfalls in Milet lebte und wirkte. Der Geschichtsschreiber Hekataios unternahm (möglicherweise) als erster Europäer Reisen, die nicht mehr Handelszwecken oder kriegerischen Aufgaben dienten, sondern allein zur Erweiterung des Blickfeldes führen sollten. Bei ihm findet sich der erste Nachweis, dass sich die Griechen nicht mit bloßer Sammeltätigkeit begnügten, sondern die Vielzahl der Nachrichten aus aller Welt zu ordnen suchten und die Geographie damit zu einem Selbstzweck, zu einer Wissenschaft erhoben. Hekataios war es auch, der sich nicht auf Schilderungen beschränkte, sondern versuchte, ein Kartenbild der Erde zu schaffen: Die Erde war bei ihm eine kreisförmige Scheibe, in deren Mittelpunkt Delphi mit seinem Orakel lag. Herodot (484-425 v. Chr.) gilt gemeinhin als „Vater der Geschichtsschreibung”. Aber da er in Ländermonographien nicht nur die topographischen Ergebnisse seiner zahlreichen Reisen mitteilte, sondern auch über die Natur sowie Eigenheiten und Sitten der Bewohner berichtete, kann er ebenso als Vater der geographischen Forschungsreisen bezeichnet werden. Herodot sprach von den drei Erdteilen Europa, Asien und Libyen, worunter er sowohl das gleichnamige Land als auch Afrika verstand. Der Himmel ruhte als kristallene Halbkugel über einer Erdscheibe, die ihm allerdings eher elliptisch geformt erschien. Eine Darstellung des Äquators und der Wendekreise fehlte noch. Herodot wusste zwar, dass die Sonne an verschiedenen Stellen aufgeht, doch er glaubte, sie werde im Winter durch Stürme aus ihrer alten Bahn getrieben. Um etwa 200 v. Chr. wirkte Eratosthenes (276-196 v.Chr.) in Alexandria, dem geistigen Zentrum jener Zeit. Er entwarf eine Erdkarte, die nicht mehr auf Vermutungen, sondern auf schon weitgehend wissenschaftlichen Beobachtungen beruhte. Trotz irriger Voraussetzungen bestimmte seine methodisch vorbildlich ausgeführte Erdmessung mit Hilfe des Gnomon (Schattenmesser) den Erdumfang mit 39 700 Kilometern und kam damit dem wirklichen Wert von etwa 40 075 Kilometern erstaunlich nahe. Eratosthenes schuf mit genialer Messtechnik und dem Entwurf einer Weltkarte die notwendigen Voraussetzungen für die weitere Erkundung der Erde. Das gesamte Mediterraneum (Mittelmeerraum samt dem Schwarzen Meer) wurde von ihm dargestellt. In manchen Teilen geschah dies allerdings noch recht unvollkommen, so dass diese Karte eine Präzisierung regelrecht herausforderte. Dieser Aufgabe nahm sich Strabo von Amasya (um 63 v. Chr. bis ca. 24 n. Chr.) gut zwei Jahrhunderte später an. Als reisender Historiker wandelte er sich zum Geographen. Die 17 Bücher seiner Geographica waren bis in jene Zeit das ausführlichste und vollständigste erdkundliche Werk. Die politische und militärische Vormachtstellung Griechenlands war damals schon beendet, keineswegs jedoch die kulturelle Leistung. Alexandria zählte immer noch zu den führenden Kultur- und Handelszentren jener Zeit. An der Mittelmeerküste im Norden Ägyptens gelegen, lebte in dieser Stadt fast eine halbe Million Menschen, und in den Bibliotheken lag vermutlich das gesamte Wissen der damaligen Zeit gesammelt vor. Während der Belagerung durch römische Truppen unter Julius Cäsar wurden 47 v. Chr. große Teile der Bibliothek durch einen Brand vernichtet. Ptolemäus (um 100 bis ca. 160 n. Chr.) war als Astronom, Mathematiker und Geograph in der alexandrinischen Bibliothek angestellt. Er fasste alle damals bekannten geographischen Informationen in einem umfangreichen Tabellenwerk zusammen und entwickelte für die darin enthaltenen topographischen Objekte ein Koordinatensystem aus Längen- und Breitengraden, wie es auch heute noch verwendet wird. Als Basislinie für die Breitenangaben benutzte Ptolemäus den Äquator, ein Meridian durch die Kanarische Insel El Hierro bildete den Ausgang für die Längenberechnungen. Mit der Festlegung der Länge des Äquators auf 32 000 Kilometer wich das Ergebnis von Ptolemäus weit vom realen Erdumfang ab; er schätzte die Erde deutlich kleiner ein, als sie Eratosthenes vor ihm schon präziser berechnet hatte. Dies schmälerte jedoch nicht seine Leistung und die Verwendbarkeit seiner Tabellen. In einem seiner zahlreichen Werke, der Geographike hyphegesis, formulierte Ptolemäus eine Anleitung zum Kartenzeichnen. Ob er jemals eine Karte selbst erstellt hat oder ob stets nur nach seinen Anweisungen Karten angefertigt wurden, ist nicht geklärt. In jener Zeit waren zwar erst circa 13 Prozent der Landfläche und etwa 4 Prozent der Wasserfläche der Erde bekannt, aber dennoch war mit den Erkenntnissen von Ptolemäus ein vorläufiger Höhepunkt geographischer Kenntnis erreicht. Die wirkliche Größe der intellektuellen Leistung zur Aufstellung dieser astronomischen Theorien über den Aufbau des Universums vermag man nur annähernd angemessen einzuschätzen und zu würdigen, wenn man bedenkt, dass dieses ptolemäische Weltmodell bis ins 16. Jahrhundert Gültigkeit behielt. Strabo und Ptolemäus waren Griechen, die allerdings bereits in der Blütezeit des Römischen Reiches wirkten. Die Römer erkannten die Bedeutung der Kartographie als wesentliches strategisches Element und setzten sie vornehmlich für Militär- und Verwaltungsaufgaben ein. Alle erhobenen topographischen Informationen wurden in speziellen Werkstätten in so genannte Itinerare eingetragen. Diese sind vergleichbar mit heutigen Reiseführern, denn sie enthielten nicht nur Wegbeschreibungen und graphische Darstellungen der Verkehrsnetze, sondern auch akribisch aufgeführte Informationen etwa über Pferdewechselstationen und Übernachtungsmöglichkeiten. Die Qualitäten der römischen Geographie lagen in diesen länderkundlichen Berichten, ansonsten aber fanden jahrhundertelang keine wirklich großen Veränderungen statt: Es galt nach wie vor das ptolemäische Weltbild, nur die topographische Detailkenntnis wuchs.
Während der Übergangszeit von der Antike zum (europäischen) Mittelalter kam es in der Alten Welt zu gravierenden politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen. Insbesondere die Bereiche Bildung und Kultur verloren in dieser unruhigen, politisch instabilen Zeit deutlich an Stellenwert. Jerusalem entwickelte sich zum Zentrum der europäischen Welt, und Seefahrer setzten die Erkundung und kartographische Darstellung des Mittelmeeres und der angrenzenden Meere fort. Da aber die Handelsbeziehungen nicht mehr in der gleichen Intensität betrieben und gepflegt wurden wie in der Blütezeit der Antike, wurden von Europa aus kaum Entdeckungsreisen unternommen. Lediglich im Norden brachen die Wikinger zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert zu großen Reisen auf und trugen damit zu einer topographischen „Horizonterweiterung” des europäischen Weltbildes bei. Ansonsten aber gilt das Mittelalter auch für die geographische Forschung als Phase der Stagnation und teilweise sogar des Rückschrittes. Parallel dazu, aber vollkommen losgelöst von der griechischen und römischen Welt der Antike, hatte sich im Fernen Osten (China) eine eigene Hochkultur entwickelt. Auch von dort aus wurden – analog zur Entwicklung im Abendland – Entdeckungsfahrten und Kartierungen vorgenommen. Das geographische Wissen und die kartographischen Techniken waren allerdings deutlich weiter entwickelt als in Europa. Doch dies war in Europa nicht bekannt, und es wurde in jener Zeit auch kaum Initiative ergriffen, um Kontakte herzustellen. Zwischen Europa und China gelegen, etablierte sich im 7./8. Jahrhundert eine islamische Macht. Die Araber studierten und nutzten die verbliebenen Texte der Griechen, sie erkundeten Afrika sowie den südwestlichen Teil Asiens. Als herausragende Geographen genannt werden üblicherweise Al Idrisi (1100-1166), der für seine hervorragenden Karten bekannt war, und Ibn Battuta (1304 bis ca. 1369), der ausgedehnte Reisen unternahm. Erst im Hochmittelalter, als die Kirche sich als länderübergreifende Institution etabliert hatte, entwickelte sich in Europa wieder eine Aufbruchstimmung in Kultur und Bildung, und auch der Handel nahm einen neuen Aufschwung. Der Venezianer Marco Polo (1254-1324) gilt als der größte Reisende des christlichen Mittelalters. Er profitierte dabei von den „Vorarbeiten” im chinesischen Kulturkreis und brachte dieses Wissen in das europäische Weltbild ein.
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