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Millennium: GeographieEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Die Ursprünge der klassischen Geographie; Formale Etablierung als Wissenschaft; Herausbildung der internen Differenzierung; Die Geographie am Ende des 20. Jahrhunderts; Die Geographie im 21. Jahrhundert
Mit der Renaissance begann für die Europäer die eigentliche Phase der geographischen Entdeckungen. Auch diese stellen – wie schon die frühen Forschungsreisen in der Antike – großartige Einzelleistungen dar. Der Portugiese Heinrich der Seefahrer (1394-1460) gilt als Vater der Seefahrt und der Navigation. Er überwand die noch immer vorherrschende mittelalterliche Anschauung und verhalf neuen Gedanken zum Durchbruch. Die durch ihn planmäßig ausgesandten und finanzierten See-Expeditionen bildeten die Grundlagen für die Ausdehnung des portugiesischen Handels- und Herrschaftsbereiches und den Aufstieg Portugals zu einer der ersten Kolonialmächte. Die 1492 erfolgte (Wieder-)Entdeckung Amerikas (eigentlich waren es zunächst „nur” die Karibischen Inseln) durch Christoph Kolumbus (1451-1506) gilt – aus eurozentristischer Perspektive – als Beginn der großartigen und langen Phase der Entdeckungen. Das eigentliche Motiv aller Entdeckungsreisen lag in der Ausweitung der politischen Einflusssphäre sowie der Möglichkeit, durch hochwertige, in Europa nicht vorhandene Rohstoffe und Materialien riesige Handelsprofite zu erzielen. Portugal und Spanien etablierten sich als die großen Seefahrernationen. Um sich nicht unnötig gegenseitig zu behindern, „teilten” sie die Welt in Interessengebiete: Die Portugiesen wandten sich weiterhin nach Süden und Osten; sie umschifften Afrika und gelangten auf diesem Wege nach Indien. Die Spanier hingegen orientierten sich deutlich nach Westen; sie hofften, einen Seeweg durch die scheinbar unüberwindliche Barriere der Neuen Welt nach Indien zu finden. Die mittlerweile unzähligen Reisen bewiesen zunehmend, dass die Erde eine Kugel sein müsse. Dem Portugiesen Ferdinand Magellan (um 1480 bis 1521) gelang schließlich der empirische Nachweis: Magellan war als portugiesischer Offizier bereits bis nach Ostindien vorgedrungen. Er war fest davon überzeugt, Indien auch in Richtung Westen erreichen zu können, und legte – da er mittlerweile in Portugal in Ungnade gefallen war – dem spanischen Königspaar seine Pläne vor. Spanien stellte ihm daraufhin eine Flotte mit fünf Schiffen zur Verfügung. 1520 gelang es Magellan, eine Durchfahrt zu finden (die nach ihm benannte Magellanstraße). Er verlor aber bei einer eigentlich überflüssigen Aktion (Einmischen in Stammesfehden auf der Insel Cebu) sein Leben. Seine Leute setzten den Weg fort, und nur 18 Personen erreichten den Heimathafen. Damit war die erste Erdumseglung unter gewaltigen Anstrengungen und großen Opfern an Menschen und Material gelungen. Die Kugelgestalt der Erde wurde somit zwar zur Gewissheit, aber sie passte nicht mehr in das astronomische System von Ptolemäus. Das geozentrische Weltbild, dem zufolge die Erde der Mittelpunkt des Universums sei, galt immer noch als offizielle Lehrmeinung, und die Kirche bemühte sich mit allen Mitteln, diese Theorie zu halten. Erst der polnische Astronom Nikolaus Kopernikus (1473-1543) entwickelte die Vorstellung, dass die Sonne den Mittelpunkt bildet, den die Planeten, darunter auch die Erde, umkreisen. Johannes Kepler (1571-1630) und Galileo Galilei (1564-1642) konnten dieses heliozentrische Modell dann weiterentwickeln und letztendlich auch beweisen. In den folgenden Jahrhunderten wurde die Erdoberfläche systematisch erforscht. Eine Vielzahl herausragender Persönlichkeiten profilierte sich mit immer neuen Entdeckungen (Geographische Entdeckungen), die allerdings meistens für die jeweils einheimische Bevölkerung verheerende Folgen nach sich zogen.
Das Reisen wird nie seine geographische Qualität verlieren. Lediglich die Art des Reisens hat sich gewandelt und wird sich auch weiterhin verändern (müssen). Die Entdeckungsreisen hatten eigentlich mit der vollständigen Erkundung der Erdoberfläche ihr Ende gefunden. Weiße Flecken gab es nur noch auf mikroräumlicher, auf lokaler Ebene. Doch natürlich galt es weiterhin, Neues zu erreichen. Durch eine thematische (die Polregionen, die Meere, die Gebirge) oder leistungsbezogene Vorgabe konnten immer wieder neue (Leistungs-)Grenzen überschritten und selbst definierte Aufgaben bewältigt werden. In diese Kategorie fallen die meisten Erstbesteigungen von Berggipfeln (so z. B. die des Mount Everest durch Sir Edmund Hillary 1953), Durchquerungen von Wüsten und Weltumsegelungen. Die geographische Komponente trat dabei allerdings zunehmend in den Hintergrund. Ein anderes Phänomen bildete die Wandlung vom Entdeckungs- zum Forschungsreisenden. Diese erreichten ihr Ziel, wenn sie sich speziell vorbereitet hatten, Instrumente einsetzten und einen wissenschaftlichen Bericht vorlegten. Dieses Vorgehen hatte immer detailliertere und spezialisiertere Frage- und Aufgabenstellungen zur Folge. Als konsequente Fortführung dieser Entwicklung entstanden die so genannten Untersuchungsreisen mit dem Charakter zielgerichteter Feldforschung. Sie erfordern bereits vor der Reise eine intensive Auseinandersetzung mit dem Zielgebiet. Diese Vorabinformationen umfassen insbesondere auch die Kenntnis der spezifischen lokalen und regionalen Probleme, für die dann vor Ort in oftmals langwieriger und zäher Arbeit Verbesserungen gefunden werden sollen. Damit ist der Geograph nicht nur Besichtiger und Schilderer oder gar Analytiker/Erklärender, sondern er entwickelt(e) sich zunehmend zum Helfer.
Bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts war die Geographie vorwiegend damit beschäftigt, die Gestalt der Erde selbst, die unterschiedliche naturräumliche Prägung und Ausstattung der Erdoberfläche sowie die räumliche Anordnung (Verteilung) der zahlreichen Bevölkerungsgruppen weitestgehend deskriptiv zu erfassen und diese Informationen auf Karten zu übertragen. Die bis dahin erzielten Ergebnisse – sowohl die überragenden Theorien und Modellbildungen der Antike als auch die Entdeckungsfahrten in Mittelalter und Neuzeit – waren fast immer Einzelleistungen von engagierten Forschern. Im 19. Jahrhundert vollzog sich allmählich ein Wandel zur organisierten Forschungsarbeit, und die ersten geographischen Gesellschaften zur Pflege gemeinsamer Forschungsinteressen wurden gegründet: 1828 die Gesellschaft für Erdkunde in Berlin, 1830 die Royal Geographical Society in Großbritannien und 1836 die Frankfurter Geographische Gesellschaft. Getragen und vorangetrieben wurde die weitere Entwicklung dennoch zunächst von herausragenden Persönlichkeiten. Insbesondere Alexander von Humboldt und Carl Ritter trugen in dieser Zeit viel zum Fortschritt der Geographie bei, und weil die Geschichtsschreibung Entwicklungen gerne personifiziert, werden beide als „Gründerväter der Geographie” bezeichnet: Alexander von Humboldt (1769-1859) verfasste – wie viele andere Forscher auch – umfangreiche Reiseberichte. Doch seine Art des Beobachtens und die vergleichende Betrachtung von Naturerscheinungen und Landschaftsbeschreibungen unterschieden sich deutlich von der zuvor üblichen Berichterstattung. Er lehrte, Vergleiche zu ziehen und jede neue Erfahrung, jede Bereicherung des Wissens in das Gesamtgebäude des Wissens von der Erde einzuordnen. In seinem Hauptwerk Kosmos, Entwurf einer physischen Weltbeschreibung vereinigte er in einem Überblick über die Entwicklung von Geographie und Naturforschung das Denken der klassischen Zeit mit dem Geist der aufkommenden exakten Naturwissenschaften. Damit wurde er Begründer des modernen wissenschaftlichen Reisens sowie Mitbegründer der wissenschaftlichen Geographie. Zeitgleich und teilweise auch gemeinsam mit Humboldt wirkte Carl Ritter (1779-1859). Er erkannte das Kausalitätsprinzip in der Geographie und die Wichtigkeit des vergleichenden Vorgehens. Der Titel seines Hauptwerkes Die Erdkunde im Verhältnis zur Natur und Geschichte des Menschen (1817/18) deutet an, dass er sich (bereits) mit den Wechselwirkungen von Raum und Mensch auseinandersetzte. 1820 nahm er den Ruf als außerordentlicher Professor für Geographie der Universität Berlin an. Den entscheidenden Durchbruch erzielte die Geographie mit der Institutionalisierung als Fach an Universitäten und der Ausweisung von Professuren, denn darin dokumentiert sich die allgemeine Anerkennung als Wissenschaft. Die Geographie profitierte hier zweifellos von den allgemeinen politischen Entwicklungen jener Zeit: Mit der deutschen Reichsgründung 1871, dem Erwerb von Kolonien seit 1884/85 und der Entstehung eines neuen politischen und bald imperialistischen Bewusstseins entstanden Lehrstühle für das Fach Geographie in vorher nicht gekannter Anzahl. Parallel hierzu etablierte sich die Erdkunde als Schulfach (1872 an den Volksschulen Preußens und 1887 als Prüfungsfach für Gymnasiallehrer), um mit heimatkundlich-vaterländischen Bildungszielen die Reichsgründung auch von innen zu festigen.
Mit dem Übergang von der praxisbezogenen Erforschung der Erde zur universitären Wissenschaft verschob sich auch die Begrifflichkeit innerhalb der Geographie von einer alltagsweltlichen, noch allgemein verständlichen Sprache hin zu einem fachspezifischen Vokabular. Damit wurde es für Außenstehende zunehmend schwieriger, die fachinternen Veränderungen nachzuvollziehen. Etwa Mitte des 19. Jahrhunderts gab es kaum noch großflächige „weiße Flecken”, d. h. unbekannte Gebiete, auf der Erde. Dieses führte neben dem fast systematischen Schließen der kleinräumigen Lücken zu einem Wandel in den Arbeitsinhalten, in der Arbeitsweise und auch in der Methodik: Die deskriptive Darstellung verlor an Bedeutung, jetzt widmete man sich Gebieten, Sachverhalten und Zusammenhängen im Detail, die Analysen wurden immer diffiziler. Damit ergab sich fast automatisch eine wachsende Spezialisierung, und dieses führte dazu, dass sich zunehmend spezielle geographische Fachrichtungen herausbildeten. Während die französische Geographie in dieser Zeit von vornherein die regionale Geographie in ihren Mittelpunkt stellte, wurde Deutschland führend im Ausbau der so genannten „Allgemeinen Geographie”. Unter dem Einfluss der stark aufkommenden Naturwissenschaften trat das linear-kausale Denken mit nomologischem Ziel (d. h. der Suche nach allgemeinen Gesetzmäßigkeiten) verstärkt in den Vordergrund. Das Schwergewicht der geographischen Forschung verschob sich mehr und mehr in Richtung naturwissenschaftlicher Fragestellungen. Schon bald entwickelte sich ein Dualismus der Fachinterpretation, die oftmals durch die Vorbildung des jeweiligen Fachvertreters geprägt war: Naturwissenschaftlich und/oder geologisch vorgebildete Geographen legten die Grundlage einer physischen Geographie. Die eher historisch vorgebildeten Geographen entwickelten sich in Richtung einer Human- oder Anthropogeographie. Zwischen diesen beiden Ausrichtungen sind beständig, mit wechselnder Intensität, bis heute Grundsatz- und Richtungsdiskussionen geführt worden, ohne dass es dabei zu einer Einigung oder aber zu einer endgültigen Trennung gekommen ist.
Die naturwissenschaftliche Ausrichtung innerhalb der Geographie dominierte zum Ende des 19. Jahrhunderts deutlich. Alle neu zu besetzenden Lehrstühle wurden von geowissenschaftlich ausgebildeten Personen eingenommen. Die Mehrzahl von ihnen orientierte sich in Richtung der Morphologie und etablierte die Geomorphologie als eigenständige neue geowissenschaftliche Richtung: Oscar Peschel (1826-1875) hatte bereits den Begriff „Morphologie der Erdoberfläche“ in die Geographie eingebracht. Ferdinand von Richthofen (1833-1905) wurde zwar 1877 als Geologe an den Lehrstuhl nach Bonn berufen, trieb aber dennoch die geomorphologischen Arbeiten maßgeblich voran. Sein Nachfolger Albrecht Penck (1858-1945) schuf 1894 mit seinem Werk Die Morphologie der Erdoberfläche sodann eine umfassende und systematische Grundlage für die Geomorphologie. Auch in den USA war diese Fachrichtung mit G. K. Gilbert (1843-1918) und W. M. Davis (1850-1934) stark vertreten. Herbert Louis (1900-1985) gilt als der vorläufig letzte große Lehrmeister; er veröffentlichte 1960 das Standardwerk Allgemeine Geomorphologie. Im Lauf der Zeit entwickelten sich neben der Geomorphologie weitere Teildisziplinen innerhalb der Physischen Geographie, die sich anderen Bereichen der Geosphäre widmeten. Hier ist insbesondere die Klimageographie mit Julius Büdel (1903-1983) als namhaftestem Vertreter zu nennen sowie die Hydro-, Boden- und Biogeographie. Doch da die physiogeographische Umwelt stets das komplexe Produkt der Geofaktoren (Relief, Klima, Gestein, Boden, Wasserhaushalt, Vegetation) ist, sind die Grenzen zwischen den Teildisziplinen sowie auch zu den benachbarten Disziplinen der Geowissenschaften fließend.
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