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Millennium: Geographie

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Bedeutende Entdecker und ihre EntdeckungsreisenBedeutende Entdecker und ihre Entdeckungsreisen
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4.2

Die Humangeographie

1882 erschien die Anthropogeographie von Friedrich Ratzel (1844-1904), der damit die wissenschaftlichen Grundlagen für die Entwicklung einer so genannten Geographie des Menschen legte. Ratzel wird deshalb gern als „Vater der Anthropogeographie” bezeichnet.

Die Begriffe Anthropogeographie, Humangeographie und auch Kulturgeographie wurden und werden innerhalb der deutschsprachigen Geographie teilweise mit unterschiedlichen Inhalten belegt, wobei die Differenzierungen dann oftmals sehr subjektiv und personenspezifisch ausfallen. Da es keine allgemein akzeptierte Abgrenzung zwischen diesen drei Bezeichnungen gibt, werden sie nachfolgend synonym verwendet. Der Begriff Humangeographie als Gegen- bzw. Ergänzungsbereich zur physischen Geographie ist allerdings der im englischsprachigen Raum übliche Terminus; insofern sollte er präferiert werden.

Im 20. Jahrhundert setzte sich die Humangeographie gegenüber der naturwissenschaftlich ausgerichteten physischen Geographie allmählich durch. Sie vollzog dabei etliche, durchaus starke Richtungswechsel. Als wichtige Phasen und Ansätze der Humangeographie sind – in chronologischer Abfolge – folgende zu nennen:

4.2. 1

Der geo-/umwelt-/naturdeterministische Ansatz

Unter dem Einfluss der Darwin’schen Lehren über die Entwicklung der Arten entstand der Forschungsansatz eines Mensch-Umwelt-Kausalmechanismus: Menschen bzw. die Verhaltensweisen menschlicher Gruppen werden durch den Naturraum bestimmt; das Naturmilieu galt als Motor aller räumlichen Entwicklung. Dieser Ansatz brachte zunächst eine Fülle neuer Erkenntnisse über mehr oder weniger regelhafte Zusammenhänge (Abhängigkeiten und Anpassungsleistungen) zwischen Menschengruppen und der natürlichen Ausstattung ihrer Lebensräume.

Doch die Grenzen wurden schon bald deutlich: Bei interkulturellen Vergleichen und bei Untersuchungen von Gesellschaftsentwicklungen ergaben sich Widersprüche. Auch die direkten Erfahrungen der raschen Industrialisierung, die zunehmende räumliche Arbeitsteilung in Europa und Nordamerika sowie die wachsende Manipulation der Umwelt, die immer seltener noch als „natürlich” gelten konnte, waren mit diesem naturdeterministischen Ansatz nicht zu erklären.

Dass Ratzel der wichtigste Vertreter dieses Ansatzes war, erscheint sofort plausibel, wenn man berücksichtigt, dass er sich als Zoologe und Anhänger des Darwinismus erst allmählich in Richtung der Humangeographie entwickelte.

4.2. 2

Die Possibilistische Phase

Die im geodeterministischen Ansatz noch als entscheidend angesehenen naturräumlichen Rahmenbedingungen wurden nun als Chancen des eigentlich aktiven menschlichen Geschehens gesehen. Es wurde zunehmend die relative Autonomie des Menschen gegenüber den Einflüssen der Landesnatur erkannt: Dem Menschen fiel mehr und mehr die Rolle der Ursache und nicht die der Wirkung zu, und der Blick auf den Menschen selbst rückte in den Vordergrund. Die als genres de vie bezeichneten Lebensformgruppen bilden aktive Formen der Anpassung menschlicher Gruppen an ihre natürliche Umwelt.

Dieser Ansatz wurde in Frankreich besonders intensiv vertreten und ist eng mit Paul Vidal de la Blache (1845-1918) verbunden.

4.2. 3

Die Morphogenetische Phase

Das 19. Jahrhundert war stark nomothetisch geprägt. Als Gegenbewegung griff man mit der Hinwendung zu einer eher kulturwissenschaftlichen Orientierung die geographische Tradition der unmittelbaren Geländebeobachtung wieder auf. Dabei stützte man sich auf den wieder aufkommenden Historismus mit seiner idiographischen Betonung der Individualstellung im Gegensatz zur nomothetischen Verallgemeinerung. Das Landschaftsbild galt als physiognomischer Gesamteindruck, die Morphologie der Kulturlandschaft rückte ins Zentrum der Betrachtung. Es war eine Hinwendung zur sinnlich wahrnehmbaren, vom Menschen geformten Welt, eben der Kulturlandschaft.

Mit Hilfe dieses Landschaftsgedankens wollte man – vornehmlich in Deutschland – zu einer Überbrückung des Gegensatzes von physischer und Humangeographie beitragen. Vertreter dieses Ansatzes war insbesondere Otto Schlüter (1872-1959), der – geprägt durch Historismus und Hermeneutik – als zentrale Aufgabe der Geographie eine Morphologie der Kulturlandschaft ansah.

4.2. 4

Die funktionale Phase

Infolge einer wachsenden Beeinflussung durch soziologische Ideen drang immer stärker eine funktionale Betrachtungsweise in die humangeographische Welt ein. Der Funktionsbegriff wird in diesem Zusammenhang nicht im mathematischen Sinne (y = f(x)), also nicht als Abhängigkeitsbeziehung, sondern im Sinne von Daseinsäußerungen verwendet (Menschen als Träger von Funktionen, die sie ausüben, z. B. Kassierer im Verein).

Dieser Ansatz geht auf die Chicagoer Schule der Soziologie zurück, die als sozial-ökologische Schule bezeichnet wird. Sie verwendete häufig Analogien aus der Biologie (Evolutionstheorie, Darwinismus: Gesellschaftliches Leben ist Kampf ums Dasein, die Stärkeren überleben etc.). Das Hauptarbeitsgebiet waren Städte (Stadt als Organismus), woraus sich unmittelbar eine enge Verknüpfung mit der Geographie ergab.

Da im deutschsprachigen Raum in der heutigen Zeit der Begriff Ökologie meistens stark verengt auf die physische Umwelt bezogen wird, sollte man, um Missverständnissen vorzubeugen, stets präzisierend vom human-ökologischen oder sozial-ökologischen Ansatz sprechen.

Der Funktionalitätsansatz wurde in zahlreichen Disziplinen aufgegriffen. In dem städtebaulichen Manifest des Jahres 1933, der Charta von Athen, wurden klare Konsequenzen daraus gezogen: Als städtebauliche Leitlinie wurde fortan eine konsequente räumliche Funktionstrennung präferiert; d. h., es sollten vorrangig die Wohn- und Gewerbegebiete räumlich voneinander getrennt angelegt werden.

In der Humangeographie untersuchte man in dieser Phase in erster Linie die einzelnen Daseinsgrundfunktionen; man versuchte, sie zu lokalisieren und ihre Änderung im Zeitablauf zu analysieren. Auf diese Daseinsgrundfunktionen aufbauend, wurde, von der so genannten Münchner Schule ausgehend, in Deutschland ein neuer sozialgeographischer Ansatz entwickelt, der allerdings mangels Substanz nicht weiter ausgebaut wurde.

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