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Millennium: GeographieEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Die Ursprünge der klassischen Geographie; Formale Etablierung als Wissenschaft; Herausbildung der internen Differenzierung; Die Geographie am Ende des 20. Jahrhunderts; Die Geographie im 21. Jahrhundert
Innerhalb der Geographie wuchs in den sechziger und siebziger Jahren zunehmend das Unbehagen darüber, dass zum einen fachintern kaum eine allgemeine Wissenschaftsdiskussion geführt wurde und dass zum anderen in der Ausbildung ein direkter Praxisbezug fehlte. In dieser Unruhe- bzw. Umbruchphase griff man im deutschsprachigen Raum begierig eine aus den USA kommende Entwicklung auf: die wachsende Mathematisierung der Arbeitstechniken. Die Geographie übernahm die neuen quantitativen Verfahrenstechniken fast vorbehaltlos. Verstärkt bzw. begünstigt wurde diese Entwicklung durch die offensive Suche nach Praxisbezug. In Deutschland herrschte in jener Zeit eine weit verbreitete Planungseuphorie. Mit stark überzogenen Machbarkeitsvorstellungen stürzte sich die Geographie mit allen gerade adaptierten quantitativen Verfahren auf das neue Arbeitsfeld der Stadt- und Regionalplanung. Der blinde Übereifer erzeugte vollkommen unrealistische Erwartungshaltungen, und so war es eine zwangsläufige Folge, dass die Enttäuschung bei den einen und die Schadenfreude bei den anderen über das Nicht-einhalten-Können von lauthals propagierten Versprechungen sehr groß war. Mittlerweile haben die quantitativen Arbeitstechniken in der Geographie ihren Platz als ganz normale technische Instrumente, deren Anwendungs- und Erklärungsgrenzen durchaus bekannt sind, gefunden. Zweifellos haben diese Verfahren frischen Wind in die Geographie gebracht, doch eine „Revolution” – wie man sie anfangs noch erhoffte bzw. befürchtete – ist daraus nicht erwachsen. Dass die qualitativen Verfahren (hier als Gegensatzbegriff zu den quantitativen verstanden) derzeit wieder extrem hoch im Kurs stehen, ist nur eine natürliche Reaktion auf das zu starke Präferieren der quantitativen Arbeitstechniken.
Lange Zeit hielt sich als allgemein anerkannte Konvention die Feststellung, dass das Hauptanliegen und die Krönung der Geographie die Länderkunde sei. Als geistiger Vater der Länderkunde gilt Carl Ritter, denn für ihn waren Länder Einmaligkeiten, Individuen, die den Gegenstand der Geographie bildeten. Die eigentliche Blütezeit der Länderkunde wurde mit Alfred Hettners (1859-1941) Operationalisierung eingeleitet. Er entwickelte das so genannte länderkundliche Schema (1932; auch Hettner’sches Schema). Dieses handelt alle Sachverhalte der jeweiligen Region systematisch ab, wobei in aller Regel von den physiogenen Sachverhalten ausgehend zu den anthropogenen übergeleitet wird. Hettners Konzeption war durchaus anspruchsvoll; er stellte die Geofaktoren nicht unverbunden nebeneinander, sondern er behandelte in einem einleitenden Teil nur die das gesamte Land prägenden Tatsachen. Davon ausgehend, gliederte er das Gebiet in Teilräume, um hier die Fakten wieder zu verknüpfen. Doch mit wachsendem zeitlichen Abstand zu seinen Ausführungen verblasste der hohe Anspruch, und übrig blieb bei vielen Lesern und Nutzern eine nur negative Bewertung: Das länderkundliche Schema sei zu statisch, zu idiographisch, vorwiegend deskriptiv, monodisziplinär und handle Regionen zu additiv ab. Doch Praktikabilität und Pragmatismus setzten sich gegen jede inhaltlich begründete Kritik durch. So wurde das länderkundliche Schema bis heute weitergeführt und praktiziert; dies geschah allerdings zunehmend in einer kaum noch mit Hettners Konzeption übereinstimmenden Vorgehensweise, indem nämlich wirklich die einzelnen Themen additiv und enzyklopädisch abgehandelt wurden. Hettners vehementer Einsatz für die Länderkunde liegt nicht nur in seiner fachlichen Überzeugung begründet, sondern in mindestens ebenso starkem Maß in der disziplinpolitischen Strategie, mit der Länderkunde das Auseinanderdriften der natur- und der sozialwissenschaftlichen Richtung verhindern zu wollen.
Mit dem Begriff Geopolitik ist ein düsteres Kapitel der deutschen Geschichte verknüpft. Die Geopolitik ist nie als eine geographische Teildisziplin anerkannt worden, aber dennoch kann ihr die Nähe zur Geographie nicht abgesprochen werden, zumal in den Anfängen etliche Geographen aktiv beteiligt waren. Die Geopolitik machte eine extrem rasche Entwicklung durch: von der ersten formellen Namensgebung im 1. Weltkrieg durch den schwedischen Staatslehrer R. Kjellen über den Ausbau als angewandte Wissenschaft durch Karl Ernst Haushofer bis zum Einbau in die nationalsozialistische Gedankenwelt und schließlich zur verderblichen Rolle im 2. Weltkrieg als Mittel einer politisch-militärischen Geisteserziehung. 1924 erschien erstmals die Zeitschrift für Geopolitik unter der Federführung von Haushofer. Dieser war ein überaus agiler und angesehener Mann, so dass es ihm vergleichsweise leicht fiel, auch unter den wissenschaftlich arbeitenden Geographen eine ganze Reihe von Mitarbeitern zu finden. Kritik an den Inhalten dieser Zeitschrift kam nur langsam auf und hielt sich durchaus in Grenzen: geringe Wissenschaftlichkeit, nicht immer sachlich begründete politische Tendenzen und eine gewisse Effekthascherei mittels neuer Schlagwörter. Ab 1931 nahm jedoch die Einflussnahme stark nationalsozialistisch geprägter Personen und Organisationen erheblich zu, und namhafte Geographen (Lautensach, Obst und Maull) stellten ihre Mitarbeit an der Zeitschrift ein. Karl Ernst Haushofer verlor an Einfluss, die Zeitschrift büßte mehr und mehr an Wissenschaftlichkeit ein, und der Begriff Geopolitik stellte bald nicht mehr nur eine geistige Gefahr dar, sondern wurde zunehmend offensiv zu propagandistischen Zwecken eingesetzt. Durch die enge Verknüpfung mit der nationalsozialistischen Lebensraumtheorie verkam Geopolitik dann endgültig zum politischen Instrument. Geopolitik stellte zwar keine aktive Triebkraft dar, und sie bot auch keine ausgearbeitete Planungskonzeption, aber sie war ein williges Werkzeug. Ihr kam als wesentliche Aufgabe die ideologische und pseudowissenschaftliche Rechtfertigung von Aggressionen zu.
Die Vielfalt der theoretischen und methodischen Ansätze kennzeichnet die wissenschaftliche Geographie am Ende des 20. Jahrhunderts. Sowohl in der Physischen Geographie als auch in der Humangeographie lässt sich eine große Bandbreite unterschiedlicher Forschungsrichtungen feststellen. Die Differenzierung der Geographie in zwei selbständige Disziplinen hatte sich allerdings nicht institutionell durchgesetzt: An den meisten deutschen Universitäten waren beide Richtungen nach wie vor in einer gemeinsamen organisatorischen Einheit (Institut, Fachbereich usw.) verankert. Doch die Humangeographie und die Physische Geographie drifteten immer weiter auseinander. Sie orientierten sich zunehmend an der theoretischen und methodischen Entwicklung benachbarter Disziplinen. Die Entwicklung der Physischen Geographie war weitgehend an der Theoriebildung und der Methodologie positivistisch naturwissenschaftlicher Disziplinen ausgerichtet. Physische Geographie – allgemein zu beschreiben als Analyse des Beziehungsgefüges der Geofaktoren Relief, Klima, Gestein, Wasserhaushalt, Vegetation, Nutzung und Zeit – bildete entsprechend ihrem Selbstverständnis eine Teildisziplin der Geowissenschaften. Analog dazu war die Humangeographie als eine Teildisziplin der Sozialwissenschaften zu verstehen. Der Pluralismus soziologischer, ökonomischer und kulturwissenschaftlicher Theoriebildung und Methodologie spiegelte sich dabei in der Bandbreite humangeographischer Forschungsperspektiven: Stark diskutiert wurde die humangeographische Interpretation des strukturationstheoretischen Ansatzes von Anthony Giddens. Ebenso fanden humangeographische Auseinandersetzungen u. a. mit der Systemtheorie Niklas Luhmanns, der Theorie kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas, diskurstheoretischen Ansätzen Foucault’scher Prägung und anderen poststrukturalistischen Theoretikern statt. Die Diskussion in der Wirtschaftsgeographie war u. a. durch Ansätze der neuen Institutionenökonomie und der Netzwerktheorie sowie durch regulationstheoretische Konzepte geprägt. In diesen Arbeiten ging es nicht mehr darum, einen als absolut verstandenen Raum zu untersuchen, der als objektiv gegebener Container für vom Menschen Geschaffenes betrachtet wird. Vielmehr war Raum – oder besser Räumlichkeit, Territorialität – als gesellschaftlich hergestellt, als soziale Konstruktion zu begreifen. Gegenstand der Analyse waren daher – und hier unterschieden sich die Ansätze voneinander – entweder Handlungen oder Akteure/Akteurskonstellationen, soziale Systeme, Kommunikations- und Organisationsstrukturen oder Machtverhältnisse.
Je stärker die Physische Geographie und die Humangeographie Anschluss an die Diskussionszusammenhänge und Forschungsperspektive ihrer benachbarten Wissenschaften fanden, umso mehr entfernten sie sich theoretisch und methodisch voneinander. Bei aller erforderlichen und erwünschten disziplinpolitischen Öffnung und Integrationsfähigkeit muss jede Wissenschaft doch über ein eigenes, ein originäres Betätigungsfeld verfügen. Ausgehend von dem Begriff und der Aufgabe der Erdbeschreibung einschließlich ihrer Darstellung, hat die Geographie mittlerweile ihren „Zweck” voll erfüllt. Es gibt keine weißen Flecken mehr auf der Landkarte, die geographische Informationsdichte über Land und Leute, über ihre existentiellen Probleme und Lösungsmöglichkeiten ist kaum mehr überschaubar. Und technisch sind wir in der Lage, jede gewünschte reale oder thematische Darstellung der Erde zu erzeugen. Damit stellt sich für die Geographie die Frage, ob sie sich als wissenschaftliche Disziplin atomisiert hat und in andere Disziplinen, von denen einige ehemals Teildisziplinen der Geographie waren, aufgehen soll. Im Gegensatz zu einigen Naturwissenschaften, in denen immer wieder Neues, also neue Materialien, Gegenstände etc., erfunden werden können, haben es die Geistes- und Wirtschaftswissenschaften schwerer, sich beständig weiterzuentwickeln. Ihnen bleibt natürlich stets die Theoriebildung als Betätigungsfeld; doch diese darf nicht zum Selbstzweck werden. Die Geographie als empirische Wissenschaft wäre schlecht beraten, sich zu einer reinen „theoretischen Geisteswissenschaft” wandeln zu wollen. Doch eine solche Entwicklung ist nicht erforderlich, denn Arbeitsfelder gibt es für die Geographie noch genügend. Aufgrund der traditionell gepflegten Aufmerksamkeit für unterschiedliche Maßstabsebenen und kleinteilige Unterschiede – sei es im Hinblick auf die Komplexität und wechselseitigen Beziehungen innerhalb der Geofaktorensysteme oder auf gesellschaftliche Organisationsformen – bietet die Geographie gute Voraussetzungen, zu aktuellen Diskussionen wichtige Beiträge leisten zu können. Als besonders lohnenswert und Erfolg versprechend erscheinen derzeit die beiden folgenden Themenfelder.
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