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Millennium: GeographieEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Die Ursprünge der klassischen Geographie; Formale Etablierung als Wissenschaft; Herausbildung der internen Differenzierung; Die Geographie am Ende des 20. Jahrhunderts; Die Geographie im 21. Jahrhundert
Der integrative Anspruch der Disziplin ist zu einem Zeitpunkt aufgegeben worden, an dem die Folgen menschlicher Eingriffe in Ökosysteme zunehmend sichtbar wurden und sich die Frage nach der Belastbarkeit der Biosphäre stellte. Das Verhältnis von Mensch und Umwelt, die Frage der Organisation von Gesellschaften im Hinblick auf ihre natürlichen Lebensgrundlagen wird – auch wenn andere Fragen das Thema „Umwelt” derzeit aus der aktuellen Medienpräsenz verdrängt haben – eine der zentralen Fragen des 21. Jahrhunderts sein. Als Strategie zur dauerhaften Sicherung menschlicher Existenz wird seit vielen Jahren das Konzept der „nachhaltigen Entwicklung” diskutiert. Eine Entwicklung – so eine grundlegende Definition aus dem Bericht der so genannten Brundtland-Kommission von 1987 – ist dann als nachhaltig zu bezeichnen, „wenn sie die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können”. Diese Definition von sustainable development, das im Deutschen auch mit „dauerhaft zukunftsbeständiger” oder „zukunftsfähiger Entwicklung” übersetzt wird, wurde mit der Verabschiedung der Agenda 21 durch 178 Länder auf der Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 zu einem weitgehend akzeptierten allgemeinen Ziel gesellschaftlicher Entwicklung. Zur Zeit wird in Forschung und Praxis daran gearbeitet, diese konsensstiftende Leerformel inhaltlich zu füllen und in Form von Zielen, Indikatoren und Maßnahmen zu konkretisieren. Breiter Konsens besteht mittlerweile darüber, dass nur eine gleichberechtigte Betrachtung von Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft diese dauerhaft zukunftsbeständige Entwicklung sichern kann. Sowohl für die Physische Geographie als auch für die Humangeographie bieten sich verschiedene Anknüpfungspunkte: Während physisch-geographische Forschung dazu beitragen kann, das Wissen um die Auswirkungen dauerhafter anthropogener Eingriffe in hochkomplexe Geosysteme zu erweitern, liegt der Ansatzpunkt humangeographischer Forschung bei der Frage der Organisation menschlicher Gesellschaften im Hinblick auf natürliche Ressourcen. Hier stehen dann Fragen nach der Organisation von Produktionsprozessen, nach den Entscheidungen im Hinblick auf Siedlungs- und Verkehrsentwicklung oder nach groß- und kleinräumigen Nutzungskonflikten (zwischen Wirtschaft und Ökologie, zwischen Freizeit und Wirtschaft, zwischen Freizeit und Ökologie) im Vordergrund. Sowohl die Analyse dieser Fragen als auch die Erarbeitung von Lösungsansätzen z. B. im Hinblick auf die Förderung regionaler Wirtschaftskreisläufe, umweltfreundlicher Mobilitätskonzepte oder die Umsetzung von Ausgleichsmaßnahmen bei Nutzungskonflikten sind Themen humangeographischer Arbeiten im interdisziplinären Verbund.
Das normative Konzept nachhaltiger Entwicklung steht in einem deutlichen Spannungsverhältnis zu den gegenwärtigen Trends gesellschaftlicher und ökonomischer Entwicklung, die unter dem Schlagwort der „Globalisierung” zusammengefasst werden. Auch dieses Konzept bietet für humangeographische Forschungen vielfältige Anknüpfungspunkte, zumal der schillernde Begriff eine Art – zunächst nicht genau definierter – weltweiter Nivellierung suggeriert: Bedeutet die Entstehung globaler Finanzmärkte und transnational operierender Unternehmen oder die weltweite Verbreitung nordamerikanischer Filme, Musik und Restaurantketten, dass spezifische Orte bedeutungslos werden? Wird die Welt durch die Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnik tatsächlich zum „Global Village”, wie es schon in den sechziger Jahren der amerikanische Medienforscher McLuhan vermutete? Oder geht es bei den aktuellen Entwicklungen nicht eher um eine Neuorganisation räumlicher Bezüge für unterschiedliche gesellschaftliche Teilsysteme? Hier liegen vielfältige neue Fragestellungen für die Anknüpfung humangeographischer Forschungen an Ansätze in Soziologie, Ökonomie, Politikwissenschaft oder Kulturanthropologie. In diesen Disziplinen ist in jüngerer Zeit ein verstärktes Interesse für Fragen des „Raumes” zu verzeichnen, das sich mit humangeographischen Interessen trifft. Auch dort geht es um Fragen nach der Bedeutung von Raum für gesellschaftliches und ökonomisches Handeln unter der Perspektive eines gesellschaftlich „gemachten” Raumes. Eine Forschungsfrage ist beispielsweise das Verhältnis von „Entgrenzung”, d. h. des Bedeutungsverlustes räumlicher Nähe aufgrund technischer Kommunikationsmittel, und neuen Formen kleinräumiger Zusammenarbeit, wie sie z. B. in „innovativen Regionen” wie dem Silicon Valley oder dem Großraum München in Deutschland festgestellt werden können; auch die Herausbildung von so genannten Global Cities, d. h. von Steuerungszentren der globalisierten Wirtschaft, wird disziplinübergreifend untersucht. Aber auch die Frage nach den Interessen, die hinter der Entwicklung von regionalistischen und nationalistischen Bewegungen wie z. B. in Korsika, Südtirol oder auf dem Balkan stehen, beschäftigt Humangeographen und andere Sozialwissenschaftler. Auch hier ist sowohl die Analyse von Entwicklungen mit unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Methoden als auch die Entwicklung von Lösungsansätzen, z. B. in Form von regionalen Entwicklungskonzepten, Bestandteil humangeographischer Arbeit.
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