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Millennium: LiteraturEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Die Literatur der Antike (1000 v. Chr. bis 1 n. Chr.); Das 1. Jahrtausend n. Chr.; Das 2. Jahrtausend n. Chr. (erste Hälfte); 2. Jahrtausend n. Chr. (zweite Hälfte)
Die Millenniumsbilanz zum Jahr 1000 fällt kurz aus: Zu diesem Zeitpunkt präsentiert sich Europa literarisch verödet. Der Siegeszug des Christentums, im Weiteren die Siegeszüge der germanischen Völker hatten in Europa zu einem zwar nicht völligen, aber doch sehr weit gehenden Abreißen der geistig-kulturellen Traditionslinien der griechisch-römischen Antike geführt. Parallel entwickelte sich eine eigene großartige Kultur, jene der mittelalterlichen Klöster. Von Süditalien bis Irland und Schottland, dann auch im kontinentalen Westeuropa und in Mitteleuropa waren mit den klösterlichen Gemeinschaften religiöse Zentren entstanden, die zugleich auch Zentren der Schriftkultur waren. Sie waren aber nicht eigentlich Zentren der Literatur: Als gottgefällig galt allein das Lesen der Bibel und der Schriften der Kirchenväter; von diesem frommen Tun durfte sich der Mönch nicht abhalten lassen, am wenigsten durch die Lektüre heidnischer Autoren (deren Texte immerhin in den Skriptorien abgeschrieben und so vor dem endgültigen Verlust gerettet wurden). Dementsprechend dominierte im Frühmittelalter die geistliche Dichtung in lateinischer Sprache, der ein besonderer Rang nicht zugesprochen werden kann. Das literarische Erbe der Antike war in seiner Reichhaltigkeit vom Christentum bewusst nicht angetreten worden.
Betrachten wir aber den weiteren Gang der Dinge: Um die Jahrtausendwende fällt der suchende Blick auf den Beowulf, ein altenglisches Heldenepos in Stabreimen, das erste große Versepos, das in einer germanischen Volkssprache verfasst und überliefert wurde. Erst das Hochmittelalter, das 12. und das 13. Jahrhundert, markiert jedoch den Durchbruch zu einer neuen Dynamik der literarischen Kultur. Die stofflich-motivliche Grundlage dafür liefert vor allem die Artussage, deren Ursprünge in das 6. Jahrhundert n. Chr. und in einzelnen Elementen weiter in die keltische Mythologie zurückreichen. Die Sage wurde, vermittelt von der Historia regum Britanniae (um 1139) des englischen Dichters Geoffrey von Monmouth, über das gesamte Mittelalter hinweg zu einem Anknüpfungspunkt für großartige Dichtungen, den anglonormannischen Roman de Brut (1155) von Robert W. Wace, auf dem Festland für Chrétien de Troyes’ altfranzösische Versromane, die grössten Einfluß auch auf die mittelhochdeutsche Artusepik ausübte; auch in Italien fanden die Artusromanzen Verbreitung. Immer kam es dabei zu neuen stofflichen Anreicherungen, mit der Hervorhebung der Ritter der Tafelrunde (Gawain, Lancelot, Iwein, Erec u. a.), der Gralserzählung um Parzival, der Idealisierung der ritterlich-höfischen Ideale, vor allem der Minne. Beim Siegeszug des Artusromans handelt es sich also um ein gesamteuropäisches Phänomen; gerade im Bereich der deutschsprachigen Dichtung – von Hartmann von Aues Erec und Iwein (12. Jahrhundert) bis zum Parzival Wolfram von Eschenbachs (um 1210) – wird aber offenbar, was die Menschen jener Zeit an den Irrfahrten der Gralsritter in besonderer Weise faszinierte. Es war das gleiche Grundmotiv wie das der Odyssee, nur ins Christliche gewendet: Der Mensch auf der Suche nach dem Heil, nach dem ihm zugedachten Ort, an den er nach Bewährung in zahlreichen Prüfungen und Abenteuern heimkehrt und zur Ruhe findet. Besonders in Wolframs Parzival schwingt sich die Dichtung wieder zu einer gedanklichen wie künstlerisch-formalen Höhe auf, die in der Erzählliteratur neue Maßstäbe setzte. In anderer Weise gilt das auch für Wolframs großen literarischen Gegenspieler Gottfried von Straßburg und seine Gestaltung des Tristan-und-Isolde-Stoffs. Einen weiteren Gipfelpunkt im Bereich der Heldenepik markiert das aus dem Donauraum stammende Nibelungenlied (um 1200). Zeitgleich kommt es im Minnesang, von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts, zu einer Blüte mittelhochdeutscher Liebeslyrik. Seine Protagonisten – vom Kürenberger über Heinrich von Morungen und Walther von der Vogelweide bis zu Oswald von Wolkenstein – knüpften in der Hauptsache an unterliterarische volkstümliche Traditionen bzw. an die damit zusammenhängende provenzalische Troubadour- und lateinische Vagantendichtung an, kaum jemals an die lateinische Kunstdichtung der Antike, eher noch an die frühmittelalterliche arabische Hofdichtung, die über das maurische Spanien nach Europa kam. Im Zeichen des Minnesangs hatte sich eine sublime, im Ton differenzierte, nicht selten virtuose Formkunst entwickelt, die – wie auch die Heldenepik – Ausdruck einer ritterlich-höfischen Kultur war. Mit dem Tod Wolframs (circa 1220) und Walthers (circa 1230) war allerdings die literarisch produktivste Phase dieser Kultur bereits wieder beendet; in der Folgezeit dominierten Nachahmung und manieristische Übersteigerung.
War die hochmittelalterliche Literaturblüte Ergebnis einer Verweltlichung gewesen, die inhaltlich in der Konzentration auf Abenteuer und Minne, formal in der kunstvollen Fiktionalisierung zum Ausdruck kam, so war nachfolgend die Literatur des Spätmittelalters geprägt von der Ablösung höfischer Kultiviertheit durch Strömungen, die in radikaler Frömmigkeit und theologischer Spekulation gründeten. Die Rahmenbedingungen veränderten sich jetzt auf allen Ebenen: Inzwischen war in Europa ein Geflecht von Universitäten entstanden, das als Boden einer neuen gelehrten Dichtung dienen konnte. Auch der Aufstieg der Städte und des Stadtbürgertums schuf neue Voraussetzungen für literarische Innovation, etwa mit dem Auftreten der Meistersinger, die einen Übergang herstellten vom mittelalterlichen Minnesang zur Kultur der Neuzeit. Dass das Ende des Mittelalters gemeinhin mit der Entdeckung Amerikas im Jahr 1492 datiert wird, erscheint bei näherer Betrachtung wenig überzeugend, denn den universalhistorisch entscheidenden Wendepunkt markiert ohne Zweifel die um 1440/1450 erfolgte Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg. Mit der Möglichkeit der mechanischen Vervielfältigung von Texten, der Herstellung von Hunderten, bald auch Tausenden identischen Kopien eines Werkes wurden Hindernisse beseitigt, die der Verbreitung von Wissen – von gelehrtem und religiösem Wissen ebenso wie von praktischem Wissen – bisher Grenzen gesetzt hatten. Es erscheint überflüssig, die grundlegenden Veränderungen zu beschreiben, die diese Erfindung im Bereich der Literatur bewirkt hat. Jetzt erst war ein definitiver Wechsel vom Paradigma der mündlichen zu dem der schriftlichen Überlieferung möglich. Wie in vorgeschichtlicher Zeit und in der Antike war auch im Mittelalter die Literatur über weite Strecken spezifisch geprägt von den Möglichkeiten und Beschränkungen, den Erfordernissen der mündlichen Tradition. Das Nibelungenlied und die anderen mittelalterlichen Heldenepen und natürlich die Minnelieder waren, meist mit musikalischer Begleitung oder Untermalung, von fahrenden Sängern vorgetragen worden, ebenso wie einst die Epen Homers von Rhapsoden; nur gelegentlich wurden einzelne der in Variationen umlaufenden Fassungen niedergeschrieben. Aber auch in verschriftlichter Form tragen die Werke bis in Details hinein Kennzeichen der Mündlichkeit an sich: Vers und Reim, Strophenformen, Klanglichkeit – alles war den Forderungen nach Sangbarkeit und Wirksamkeit im Vortrag, nicht zuletzt der mnemotechnisch bedingten Forderung nach Einprägsamkeit unterworfen. Zwar blieb die Literatur den Gestaltungsweisen durch Vers und Reim noch lange verhaftet (vor allem dort, wo mündliche Vermittlungsformen weiterlebten, am Theater oder der musikbegleiteten Lyrik), aber in verschiedenen Bereichen der Prosaliteratur war durch das Druckmedium doch der Weg frei geworden für die Entwicklung komplexerer Formen. So etwa können die oft mehrere Bände umfassenden Barockromane als Ausdruck der Emanzipation von den Bedingungen oraler Traditionen in der Dichtung angesehen werden. Ein anderer Aspekt der Erfindung Gutenberg erwies sich erst recht als folgenreich: Das literarische Publikum vergrößerte sich ganz entschieden. In erster Linie war es das gelehrte Publikum, das vom (meist in Latein, der Lingua franca des gelehrten Europa) gedruckten Buch profitierte, aber auch die volkssprachlichen und volkstümlichen Formen von Literatur fanden weitere Verbreitung. Besonders mit der Reformation erhielt die von Gutenberg ausgelöste Medienrevolution eine Schwungkraft, die der Alphabetisierung der Bevölkerung entscheidende Impulse verlieh. Eine entscheidende Rolle spielte der Buchdruck auch bei der Bereitstellung der antiken Quellen, die mit humanistischer Gelehrsamkeit rekonstruiert und in Zusammenarbeit mit Drucker-Verlegern seit 1500 in Venedig und Basel, in Paris und noch an vielen anderen Orten in Buchform publiziert worden sind.
Die Anfänge der Neuzeit stehen klar im Zeichen der Wiederentdeckung antiker Traditionen. Gerade in der Literatur wird der radikale Bruch mit den Schreibweisen des Mittelalters überdeutlich; er wird demonstrativ vollzogen mit der Reaktivierung der als vorbildlich betrachteten Muster des klassischen Altertums. Die neulateinische Dichtung der Humanisten, die sich vor allem auf das (Schul-)Drama (siehe Schultheater), den Prosadialog und die Lyrik konzentrierte, ebnete einer volkssprachlichen Kunstdichtung den Weg, denn zunächst galt es, die Literaturfähigkeit der Sprachen herbeizuführen und unter Beweis zu stellen. In Italien setzte die Renaissance bereits im 14. Jahrhundert ein, mit Dante (La divina commedia, 1321), Petrarca und seinen Sonetten (Canzoniere, entstanden1336-1369) sowie Boccaccio, dem Schöpfer der Novellenform (Il Decamerone, entstanden zwischen 1348 und 1353) – um nur die prominentesten Vertreter dieser über ganz Europa ausstrahlenden Bewegung zu nennen. In anderen Ländern übte die Wiedereroberung antiker Geistigkeit eine stärkere Wirkung auf die Wissenschaften als auf die Literatur aus; dennoch kam es auch hier zu bemerkenswerten Leistungen Einzelner, etwa in den Niederlanden durch Erasmus von Rotterdam (Morias Encomion, Lob der Torheit, 1509), der sich auch für die Ausbreitung humanistischen Denkens in England, Deutschland und auch Spanien verdient machte.
Die Erneuerung antiker Literaturformen wie Satire und Epigramm, Odenstrophen oder auch der historischen Erzählung erweiterte das dichterische Spektrum, bedeutsam wurde nachfolgend aber auch die Amalgamierung der antiken Schreibweisen mit Traditionen der Volksliteratur. In dieser fruchtbaren Zusammenführung wurzeln die großartigen Leistungen, die in der spanischen Literatur des 16. bzw. 17. Jahrhunderts erbracht wurden. Repräsentanten des so genannten Siglo d’oro (goldenen Zeitalters) waren der Satiriker Quevedo, der – wie der Lyriker Luis de Góngora – mit kühner Metaphorik hervortrat, im Drama Lope de Vega, Verfasser von 1500 Comedias, sowie Calderon de la Barca. In der Erzählliteratur ist an erster Stelle Miguel de Cervantes Saavedra zu nennen, dessen als Parodie der Ritterromane in der Tradition des Amadis von Gaula angelegter Don Quijote (1605/1615) bis heute zu den bedeutendsten Romanen der Weltliteratur gezählt wird. Unter Gesichtspunkten der Wirkungsgeschichte hervorzuheben ist jedoch der spanische Picaro- bzw. Schelmenroman; er wird aus der Perspektive eines sozial Minderprivilegierten erzählt und inaugurierte so den modernen europäischen Roman. Den Anfang setzte der 1553 anonym erschienene Lazarillo de Tormes, der in ganz Europa in Übersetzungen Verbreitung fand; ihm folgten weitere bedeutende Schöpfungen wie Mateo Alemáns Das Leben des Guzmán von Alfarache (1599-1604). Im 17. Jahrhundert entstanden im Anschluss daran in verschiedenen Ländern vielfältige neue Ausprägungen des Schelmenromans, im deutschsprachigen Raum etwa Grimmelshausens Simplicissimus (Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch, 1669), ein fünfbändiges erzählerisches Zeitpanorama, zugleich eine Sittengeschichte des Dreißigjährigen Krieges. Auch für die deutsche Barocklyrik lieferte die romanische Literatur die wesentlichen poetologischen Orientierungen.
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