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Populäre Musik

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Artikelgliederung
5

Schlager und Popmusik in Deutschland

Bereits Johann Strauß’ Donauwellen-Walzer von 1857 bekam von der Wiener Presse das handelssprachliche Erfolgsetikett „Schlager” verliehen. Seitdem wurde unter diesem Begriff eine immense Vielfalt unterschiedlicher eingängiger Melodien zusammengefasst. Meilensteine der Unterhaltungskultur waren beispielsweise Johann Strauß’ Operette Die Fledermaus (1874), Karl Millöckers Bettelstudent (1882), Carl Zellers Vogelhändler (1891), Paul Linkes Frau Luna (1899), Franz Lehárs Die lustige Witwe (1905), Emmerich Kálmáns Csárdásfürstin (1915). Als so genannte „Gassenhauer” popularisiert und zuweilen mit veränderten Texten versehen, entwickelten sich viele ihrer Lieder zu kollektiven, schichtübergreifend beliebten Stücken.

Mit den verheerenden Erfahrungen des 1. Weltkriegs begann der Niedergang der bürgerlich gestützten Unterhaltungskultur der höheren Schichten. Zwar wurden immer noch Operetten geschrieben und gefeiert, diese bekamen aber verstärkt Konkurrenz von Revuen, Varietés und Unterhaltungsbühnen jedweder Art. Afroamerikanische Rhythmen und Moden veränderten das Nachtleben. Tänze wie Cakewalk, Charleston, Foxtrott und Tango führten in den „Goldenen Zwanzigern” den zuweilen autoreferentiellen deutschen Schlagerbetrieb der Vorkriegszeit auf. 1930 wurde Marlene Dietrich durch Josef von Sternbergs Film Der Blaue Engel und Friedrich Hollaenders Kompositionen Ich bin die fesche Lola und Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt zum erotischen Star der Schlagerszene. Im selben Jahr gelang dem Gesangs-Sextett Comedian Harmonists mit Veronika, der Lenz ist da der Durchbruch.

Die nationalsozialistische Zwangsherrschaft produzierte durch geschickten propagandistischen Einsatz von Rundfunk und Tonfilm neue, zumeist betont positiv besetzte Schlagerstars wie Ilse Werner, Marika Rökk, Zarah Leander, Johannes Heesters, Heinz Rühmann oder Hans Albers. Der größte Hit im nationalsozialistischen Deutschland war allerdings das bereits 1915 von Hans Leip geschriebene Chanson Lili Marleen, das Lale Andersen 1941 gefühlvoll vertonte und das ihr durch unterschwellige antimilitaristische Stimmungen bereits 1942 Auftrittsverbot bescherte.

5.1

Der Schlager nach 1945

Nach dem Zusammenbruch des totalitären Regimes 1945 wurde Deutschland mit der Unterhaltungskultur der Alliierten konfrontiert. Swing gehörte zu den bevorzugten Stilrichtungen, aber auch der Schlager erlebte eine Blütezeit mit Stücken wie Rudi Schurikes Caprifischer (1946), die Gerhard Winkler und Ralph Maria Siegel bereits 1943 geschrieben hatten. Eskapistische Themen wie Reise und Fernweh gehörten zu bevorzugten Liedtexten (Nimm mich mit Kapitän auf die Reise, Will Höhne 1950; Leise rauscht es am Missouri, Bruce Low, 1950; Heimweh, Freddy Quinn, 1956), ebenso wie ironische Stellungnahmen zu prägenden zeitgeschichtlichen Ereignissen wie der Währungsreform (Wer soll das bezahlen, Jupp Schmitz, 1949). Dazu kamen Jazz, Tango und Nostalgie in Form der wieder entdeckten Polka, vor allem aber die „textliche Erschließung” touristischer Nahziele (Du bist die Rose vom Wörthersee, Maria Andergast und Hans Lang, 1953; Moulin Rouge, Rudi Schurike, 1954; Ganz Paris träumt von der Liebe, Caterina Valente, 1955; Tulpen aus Amsterdam, Mieke Telkamp, 1956). Schließlich begann auch der Rock ’n’ Roll auf die deutsche Szene auszustrahlen (Sugar Baby, Peter Kraus, 1959; Schöner fremder Mann, Connie Francis, 1961).

Seit den sechziger Jahren sah sich der deutsche Schlager zunehmend von internationaler Konkurrenz, etwa durch Gruppen wie die Beatles, die Animals oder die Rolling Stones bedrängt. Zwar gab es immer noch einheimische Erfolge (Marmor, Stein und Eisen bricht, Drafi Deutscher, 1965; Immer wieder geht die Sonne auf, Udo Jürgens, 1967), die Musiker orientierten sich jedoch zunehmend am Ausland und nahmen britische Sänger wie Tom Jones, Engelbert, französische Chansonkünstler wie Edith Piaf, Juliette Gréco, Gilbert Bécaud oder Beat- und Rockgruppen zum Vorbild. In den siebziger Jahren begannen, neben den belanglosen, affirmativen Liedern (Fiesta Mexicana, Rex Gildo, 1972; Blau blüht der Enzian, Heino, 1972) kritisch-ironische Themen die heile Welt des Schlagers zu ergänzen (Frieden, Peter Maffay, 1972; Ein ehrenwertes Haus, Udo Jürgens, 1975; Annabelle, ach Annabelle, Reinhard Mey, 1972), die mit einiger Verzögerung in sozialen Utopien mündeten (Ein bißchen Frieden, Nicole, 1982).

5.2

Deutschrock und Neue deutsche Welle

In den sechziger Jahren veränderte die Rockmusik die Jugendkultur in Deutschland. Die Gruppe Ton Steine Scherben forderte lautstark zur politischen Anarchie auf mit dem Song Macht kaputt, was euch kaputt macht (1970). Bands wie Can, Amon Düül II, Embryo und Birth Control prägten mit psychedelischen Stücken das Idiom der ironisch „Krautrock” genannten Experimentalzeit der deutschen Rockmusik mit Einflüssen von indischer Musik bis hin zu Velvet Underground. Floh de Cologne pflegten Garagenklänge mit Anleihen an Frank Zappas Mothers Of Invention. Kraftwerk schlossen an die elektronischen Versuchsanordnungen Karlheinz Stockhausens an und popularisierten frühzeitig synthetische Sounds durch Hits wie Autobahn (1974). Tangerine Dream erstellten Klangcollagen mit Querverweisen auf Pink Floyd, Musiker wie Udo Lindenberg nahmen mit schnoddrigen Nonsense-Texten (Andrea Doria, 1973) die inhaltliche Unbefangenheit der Neuen deutschen Welle voraus. Mit den Scorpions wurde eine englischsprachige Band aus Hannover populär (Lonesome Crow, 1972). Nina Hagen verschaffte Punkeinflüssen Eingang in die einheimische Klangwelt (Nina Hagen Band, 1978), die von 1980 bis 1983 mit Blick auf die Entwicklungen des britischen New Wave Künstler wie Nena, Falco, Joachim Witt, Hubert Kah, Peter Schilling und Bands wie Spliff, Ideal, Trio, DAF, Fehlfarben, D.Ö.F., Geier Sturzflug oder die Spider Murphy Gang hervorbrachte. Als Nachhall dieser Neuen deutschen Welle schafften es Bands wie Die Ärzte und Die Toten Hosen zu Beginn der neunziger Jahre die juvenile Attitüde des Punk marktgerecht zu verarbeiten.

5.3

Die neunziger Jahre/Techno

Nachdem der Erfolg deutscher Musik nachließ, entwickelte sich in der Popindustrie eine postmoderne Vielfalt der Stilrichtungen. Manche Künstler wie Reinhard Fendrich, Peter Cornelius, Wolfgang Petry oder auch Rio Reiser, Heinz-Rudolf Kunze, Herbert Grönemeyer und Marius Müller-Westernhagen konnten sich ihren festen Platz im Business erhalten.

Nach dem Mauerfall 1989 begann sich vor allem in Berlin, eine lebhafte Clubkultur zu entwickeln. Die Neuentdeckung elektronischer Klangspielereien im Stil von Kraftwerk verband sich mit Einflüssen der britischen und amerikanischen DJ-Szene, z. B. aus Chicago und Detroit, den Zentren der Experimentalmusik in den achtziger Jahren, und den immens gestiegenen Möglichkeiten computergenerierter Tonerzeugung und -manipulation. Das Resultat war eine unter dem Kürzel Techno bekannt gewordene hedonistisch tanzzentrierte Funktionsmusik, die von etwa 1990 an bevorzugt in mehrtägigen Massenveranstaltungen (Raves, Love-Parade) zelebriert wurde. DJs wie Sven Väth, Westbam und Marusha wurden zu international gefeierten Persönlichkeiten der Musikszene. Die Mischung hektischer synthetischer Beats, rhapsodischer Textfragmente, repetitiver Klangcollagen und gesampelter, geloopter Melodieversatzstücke entwickelte sich in Verbindung mit außermusikalischen Katalysatoren wie der Modedroge Ecstasy (siehe Drogen- und Arzneimittelabhängigkeit) zu einem der erfolgreichsten Popmusiktrends der neunziger Jahre. Ambient bereicherte den Techno-Sound außerdem mit sphärischen Keyboardklängen. Die aus England stammende Variation Jungle kombinierte die schnellen Synthiebeats mit langsamen Reggae-Bässen (General Levy, Goldie).

Auf der anderen Seite reaktivierten die trockenen Computerklänge das Bedürfnis nach authentisch klingender Rockmusik. Im Gefolge internationaler Strömungen wie Grunge, Heavy Metal, Post-Punk wurden martialisch auftretende Bands wie Rammstein und Böhse Onkelz populär. Die Fantastischen Vier übertrugen außerdem die Kunst des skandierenden, gereimten Sprechgesangs aus der amerikanischen Rap- und Hip Hop-Szene auf die deutsche Sprache, so dass am Ende der neunziger Jahre sich die einheimische Popmusik weitgehend von der Identitätskrise nach dem kreativen Schub der Neuen Deutschen Welle erholen konnte. Parallel zum Easy Listening wurde sogar ein ehemaliger Schlagerstar wie Marianne Rosenberg (1996/97) wieder entdeckt oder Guildo Horn ironisch zum Star aufgebaut (Danke!, 1998).

6

Der anglophone Kulturraum

Im 19. Jahrhundert hatte das kulturelle Leben in den USA noch große Ähnlichkeit mit der europäischen Tradition. Denn die Einwanderer aus der Alten Welt importierten Bräuche und Traditionen, die sich nur langsam mit den Überlieferungen verschleppter afrikanischer Sklaven und indigener Kulturen vermischten. So gab es auf der einen Seite von Salonmusiken und Hausmusikabenden bis zu Militärkapellen und Festumzügen europäisch geprägte Konzert- und Aufführungsgewohnheiten. So begannen sich aber ebenfalls durch die vielfältigen Kulturkontakte vor allem in urbanen Ballungszentren eigene Gestaltungstraditionen zu entwickeln. Der durch den Komponisten Scott Joplin um 1895 populär gewordene Ragtime war einer der Versuche, der formal harmonisch an die europäische Klaviermusik der Romantik etwa Frédéric Chopins anknüpfte, jedoch in der rhythmisch synkopierten Gliederung von Melodieführung und Begleitung auffällige Eigenständigkeit bewies.

Daneben gab es bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts typische amerikanische Unterhaltungsveranstaltungen. In Minstrelshows imitierten und karikierten Weiße musikalisch untermalt die Lebensumstände der Schwarzen. Vaudeville-Theater boten varietéartige Vorstellungen mit populären Couplets. In schwarzen Kirchengemeinden entstanden Gospels als Wechselgesang zwischen Prediger und Zuhörern während des Gottesdienstes und Spirituals als außerliturgische religiöse Lieder, erstmals 1867 in der Sammlung Slave Songs Of The United States dokumentiert. Work Songs und Blues erzählten vom harten Alltag der Sklavenarbeit. Elemente afrikanischer Musik (Polyrhythmik, Polymetrik, Off-Beat, individuelle Ton- und Melodiegestaltung, kommunikative Strukturen) verbanden sich schrittweise mit europäischen Gestaltungsmaximen (formale Gliederung, mehrstimmige Harmonik).

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