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Populäre Musik

Enzyklopädieartikel
Multimedia
Glenn Miller: In the MoodGlenn Miller: In the Mood
Artikelgliederung
6.1

Jazz

Die Ursprünge des Jazz liegen in New Orleans. Im Rotlichtbezirk Storyville konnte sich bis 1917 ein florierendes Nachtleben mit improvisierender Musikkultur entwickeln. Man spielte „hot” und versuchte, in Ausdruck, Artikulation, Tonbildung, Intonation und Vibrato möglichst individuell und zugleich publikumswirksam Emotionen klanglich umzusetzen. Nach der Schließung der Bordelle verlagerten sich die musikalischen Zentren nach Chicago und New York. Von der ersten noch unausgereift wirkenden, aber immens erfolgreichen Jazzplatte der Original Dixieland Jass Band (Livery Stable Blues, 1917) bis zu den ausgefeilten Arrangements der Swing-Orchester Duke Ellingtons (It Don’t Mean A Thing, 1932), Count Basies (One O’Clock Jump, 1939) oder auch Tommy Dorseys (I’m Getting Sentimental Over You, 1932) und Glenn Millers (In The Mood, 1939) der dreißiger und vierziger Jahre entwickelte sich Jazz zur vorherrschenden Tanzmusik in den Amüsierpalästen der Großstädte. Durch die Truppenbetreuung der amerikanischen Soldaten mit Rundfunk, V-Discs und Konzerten wurde er in die ganze Welt getragen. Als nach dem 2. Weltkrieg die Unterstützungsgelder für die Orchester abnahmen und sich außerdem die Musiker mit dem Bebop vom Unterhaltungskünstler zum genialisch-kreativen Solisten (Charlie Parker, Miles Davis, Dizzy Gillespie) in kleinen Ensembles entwickelten, verlor Jazz langsam seine Breitenwirkung, behielt aber in Intellektuellenkreisen wie etwa den Pariser Existentialisten sein Publikum.

6.2

Blues, Folkmusik, Rock ’n’ Roll

Der Blues hat seine Wurzeln in den Umwälzungsprozessen der amerikanischen Gesellschaft der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Denn nach dem Ende des Bürgerkriegs 1865 veränderte sich die gemeinschaftliche Musizierform von schwarzen Sklavengruppen zur vereinzelten Darbietungsweise freier Lohnarbeiter. Formal häufig in ein 12-taktiges Harmonieschema gefasst und durch die wirkungsvolle Dur-Moll-Spannung der an der 3. und 7. Stufe variablen Tonleitern entwickelte sich der Blues um 1900 zu einem populären, ausdrucksstarken Sammelbecken gesungener Alltagsgeschichten und einer der grundlegenden Gestaltungsvarianten des Jazz. Als großstädtischer Rhythm and Blues der vierziger und fünfziger Jahre wurde er zu einer variablen Mischung afroamerikanischer Popularmusik. Mit Pionieren wie Robert Johnson, T-Bone Walker, John Lee Hooker und B. B. King trat er schließlich aus dem Nischendasein schwarzer Kulturproduktion (Race Records) heraus und wurde zur zentralen Inspirationsquelle für Rock ’n’ Roll und Rockmusik (Rolling Stones, Jimi Hendrix, Eric Clapton).

In der Folkmusik versammelten sich zahlreiche volksmusikalische Relikte der Einwanderungszeit. Hillbilly mit Banjo und Fiddle (The Carter Family, 1927), Bluegrass-Melodien an der Gitarre (Bill Monroe And The Bluegrass Boys, 1938), generell die ländliche und kleinbürgerliche Folklore englischer, französischer, irischer, deutscher, aber auch spanischer und mexikanischer Herkunft verband sich zu einem beliebten und vielfältigen Melodienfundus jenseits der urbanen Stilprägungen, der u. a. auch Countrysänger wie Willie Nelson und Johnny Cash hervorbrachte.

Um 1953 nahm der Sänger Bill Haley die Idee auf, Rhythm and Blues und Countrymusic zu verbinden. Mit den swingenden Betonungen auf dem 2. und 4. Taktschlag, der einfachen Melodieführung und 12-taktigen Gliederung, einfachen Texten und ironisch bunter, modischer Stilisierung gelang es ihm, im prüden Amerika der McCarthy-Ära den ersten nachhaltig wirksamen Popmusik-Trend zu lancieren. Die Textzeile Rock, Rock, Rock Everybody, Roll, Roll Roll everybody (Rock-A-Beatin’ Boogie, 1955) gab der Bewegung ihren Namen Rock ’n’ Roll. Mit Musikern wie Haley, Elvis Presley, Chuck Berry, Little Richard und Jerry Lee Lewis wurde sie zwischen 1953 und 1959 zur Initialzündung einer sich von der Erwachsenenwelt absetzenden musikalischen Jugendkultur.

6.3

Beat

Der zweite wichtige Impuls kam aus der britischen Hafenstadt Liverpool. Dort hatte sich im tristen Arbeitermilieu eine lebhafte Szene junger Bands entwickelt, die zunächst unter Ausschluss der musikalischen Weltöffentlichkeit ihre soziale Frustration in einer eigenen stilistischen Klangmixtur umsetzten. Dieser Beat war eine Kombination von Rock ’n’ Roll, Blues, Skiffle, folkloristischer melodischer Einfachheit und Live-Club-tauglicher Tanzbarkeit. Am 27. Dezember 1960 trat eine Gruppe namens The Beatles erstmals im Gemeindesaal eines Liverpooler Vorortes auf. 1962 gingen sie als Hausband des Cavern Clubs auf Tournee und gastierten im Hamburger Beat-Club. Im selben Jahr erschien ihre erste Single Love Me Do. Bereits 1964 waren 60 Prozent aller in den USA verkauften Singles Beatles-Produktionen und die Auftritte der Musiker sorgten im Fernsehen wie live für eine bislang unbekannte Massenhysterie unter jugendlichen Fans.

Der Musikmarkt beschleunigte sich und wuchs zu immensen Umsatzgrößen heran. Britischen Erfolgsgruppen wie den Beatles, den Animals, Them und den Rolling Stones wurden von verunsicherten amerikanischen Plattenfirmen Kunstprodukte wie die Monkees gegenübergestellt. Für Konzerte mussten wegen des Andrangs Sportarenen gemietet werden. Großveranstaltungen wie das Monterey Pop Festival (1967) oder Woodstock (1969) wurden zu wichtigen Treffpunkten einer auf protestierender Gemeinsamkeit gegenüber dem Establishment bedachten Szene. Siehe auch Rock-Festivals

Der Personenkult, der sich mit Musikern wie Elvis Presley angedeutet hatte, entwickelte sich zu einem zentralen Bestandteil der Popkultur. Die individuelle Kreativität und Integrität, nicht mehr die Interpretation vorgegebener Materialien wurde zum Prüfstein der Beurteilung und Begeisterung. Nach den Livejahren 1962 bis 1966 bestimmte die zunehmende Artifizierung die musikalische Entwicklung. An dem Album Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band (1967) beispielsweise arbeiteten die Beatles etwa 700 Stunden im Studio. Aus der einfachen Zwei- oder Vier-Spur-Aufnahme der Beatanfänge wurden komplexe Multi-Track-Gebilde, die mit den bombastischen Klangwelten von Bands wie Pink Floyd, Genesis, Yes oder Emerson, Lake & Palmer im folgenden Jahrzehnt perfektioniert wurden.

6.4

Surf, Folk, Rock

Der Erfolg des Beat und die Veränderung des künstlerischen Selbstverständnisses vom passiven Interpreten zum aktiv am kreativen und kommerziellen Prozess beteiligten Musiker öffnete neue Möglichkeiten des Ausdrucks und der Teilnahme am öffentlichen Leben. Zwar gab es weiterhin ausschließlich unterhaltsame Stilrichtungen wie den Surf Sound, der im Anschluss an das 1962 von den Beach Boys gesungene Surfin’ Safari von Sonne und Wellenreiten, Strand und schönen Mädchen erzählte, und Bands wie The Surfairs, The Surftones oder The Ventures hervorbrachte. Auf der anderen Seite erschien aber im selben Jahr der Singer/Songwriter Bob Dylan auf der Bildfläche, der mit kritischen Texten, folk- und bluesbeeinflusstem Sound und verbaler Revoluzzer-Attitüde die Gemütslage einer mit der Selbstgerechtigkeit der Eltern unzufriedenen Generation formulierte.

Nachdem der Bluesgitarrist T-Bone Walker bereits um 1935 zum ersten Mal seine Gitarre über einen Verstärker hatte laufen lassen, popularisierte nun Dylan mit dem spektakulären Auftritt beim Newport Folk Festival 1965 das elektrifizierte Instrument in neuem Kontext. Lovin’ Spoonful, The Byrds und Buffalo Springfield verfeinerten den Folk Rock zur eigenen Stilnische. Der Blues fand mit Gruppen wie den Rolling Stones, The Blues Project, Canned Heat, Cream und Künstlern wie Janis Joplin, Johnny Winter und Jimi Hendrix Eingang in die Rockmusik. Carlos Santana adaptierte perkussionsorientierte Latin-Rhythmen; Blood, Sweat & Tears und Chicago integrierten soul-jazzige Elemente von Bläsersätzen bis zu komplizierten, ausgefeilten Arrangements in die Rockmusik; Procul Harum, Emerson, Lake & Palmer oder Deep Purple kokettierten zeitweilig mit klassischen Ausdrucksformen vom Kontrapunkt bis zum Sinfonieorchester. Die Beatles fügten indische Eindrücke in Form von Sitarklängen in ihre Lieder ein, The Doors fassten die Stimmung des Vietnamkrieges in rauschhaft düstere Drogenphantasien, und Frank Zappa hielt dem ausufernden Musikbetrieb bereits von 1966 an mit The Mothers Of Invention den Spiegel der geschickt ausgetüftelten akustischen Groteske entgegen.

Innerhalb der kurzen Zeit von 1962 bis 1970 fächerte sich die Popmusik in eine kaum noch zu überblickende stilistische Vielfalt, bildete in Wort und Klang ein sinnstiftendes, integratives Moment der Hippiegeneration, bis sie zu Beginn der siebziger Jahre durch die sich potenzierende Kommerzialität und den Rückgang der psychedelischen und politischen Protestbedürfnisse des Publikums in die erste schwerwiegende Identitätskrise stürzte.

6.5

Soul, Funk, Philly, Disco

Zeitgleich mit dem überwiegend weißen Beat, Folk und Rock definierten auch die schwarzen Künstler ihre Kreativität unter neuen Vorzeichen. Politische Führungspersonen wie Malcolm X mobilisierten seit dem Ende der fünfziger Jahre die Black Muslims im Speziellen und stärkten das Bewusstsein der afroamerikanischen Bevölkerungsteile im Allgemeinen. Mit dem Sänger James Brown entstand von 1962 (Live At The Apollo) an ein vitaler Gegenpol zur Beatszene. Er nannte sich selbst „The Godfather Of Soul”, kombinierte wie vor ihm bereits Ray Charles das urbane Erbe des Rhythm and Blues mit afrikanischen Songstrukturen (Frage-Antwort-Schemata) und formulierte 1968 öffentlich das Motto des erstarkenden schwarzen Bewusstseins: Say It Loud – I’m Black And I’m Proud.

Zur besseren Differenzierung der umfangreichen Black-Musik-Szene wurde bereits um 1966 zwischen dem sanfteren, kommerziell orientierten Soul von Aretha Franklin, Stevie Wonder oder den Supremes, der überwiegend bei der Plattenfirma Motown in Detroit erschien, und dem herberen Funk unterschieden, der von markanten Bassgitarrenlinien, treibenden rhythmischen Phrasierungen und perkussionsreicher Begleitung bestimmt war (Sly & The Family Stone, Bootsy Collins, Parliament, George Clinton).

Als es den schwarzen Künstlern nach dem Motown-Boom um 1972 zum zweiten Mal gelang, mit Soulproduktionen die Hitparaden zu erobern, wurde die Musik Phillysound etikettiert, als Referenz an die in Philadelphia ansässigen Studios, deren streicherlastige aufwendige Arrangements das Klangbild bestimmten (The O’Jays, The Three Degrees, Billy Paul, The Temptations). Soul, Funk und Phillysound wiederum mündeten von George McCrays Rock Your Baby (1974) an in den bestimmenden Tanztrend der siebziger Jahre. Disco bezeichnete sowohl die neu in Metropolen wie New York und Paris entstandenen Nachtlokale, in denen zu Lichteffekten und Klangkonserven von Plattentellern gefeiert wurde, wie auch die dazu gehörende Musik. Mit dem Film Saturday Night Fever (1977, Regie John Badham) expandierte der Sound der Nachtschwärmer weltweit. In Gruppen wie Sweet, Mud, Slade verband er sich zu einer Popvariante des Glamrocks. Discokünstler wie The Bee Gees, Donna Summer, Kool and the Gang, Village People, Boney M, aber auch Michael Jackson, Prince oder Madonna entwickelten sich in den folgenden Jahren zu Stars der Unterhaltungsbranche. Teenie-Ableger des Kommerztrends von den Bay City Rollers bis zu den Backstreet Boys zielten als raffiniert konzipierte Marketingprodukte auf die Jugendlichen als bevorzugte Käuferschicht.

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