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Populäre Musik

Enzyklopädieartikel
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Glenn Miller: In the MoodGlenn Miller: In the Mood
Artikelgliederung
6.6

Hardrock, Heavy Metal, Punk, New Wave

1970 lösten sich die Beatles auf. Im selben Jahr starben die Hippie-Idole Janis Joplin und Jimi Hendrix, Jim Morrison folgte 1971. Die erste große Orientierungskrise erfasste die Pop- und Rockmusik. Manche Künstler setzten ihre Karriere in gewohnter Weise fort und knüpften an die blues- und gitarrenorientierte Variante des Rock ’n’ Roll nach Art von Hendrix an. Verzerrte Gitarren, schwere und pathetische Rhythmen, dunkle und zuweilen rätselhafte Texte verbanden sich mit zunehmender spieltechnischer Kompetenz. Diese Musik firmierte unter dem Namen Hardrock und wurde von Bands wie Black Sabbath (Paranoid, 1970), Led Zeppelin (Whole Lotta Love, 1969) oder Deep Purple (Smoke On The Water, 1972) in die großen Konzerthallen gebracht.

Nachdem Steppenwolf 1968 in ihrer Hippie-Hymne Born To Be Wild den heavy metal thunder beschworen hatten, bürgerte sich der Begriff Heavy Metal für die bombastisch übersteigerte, oft mit martialischem, machistischem Gebaren begleitete Variante des Hardrocks ein, die mit Gruppen wie Blue Öyster Cult, Judas Priest, Def Leppard, Motörhead und seit den achtziger Jahren mit Van Halen, Bon Jovi, Metallica oder Guns’N Roses zu Millionenerfolgen wurde. Diverse Nebenlinien wie Speed Metal (Beschleunigung der Beats), Trash Metal (erklärter Dilettantismus als Anti-Pop), Death Metal (Koketterie mit Grenzerlebnissen wie Satanismus) spalteten sich im Laufe der siebziger und achtziger Jahre vom Mainstream Metal ab, ohne die ursprünglichen Wurzeln des Rock ’n’ Roll wesentlich zu verlassen. Sänger wie Alice Cooper oder Gruppen wie Kiss persiflierten mit grell geschminkter Erscheinung und burlesker Bühnenshow als extreme Vertreter der Glamrocks den Branchenrummel und die ästhetische Beschränktheit der Heavy-Metal-Szene.

Mitte der siebziger Jahre waren viele Bereiche der populären Musik fest in der Hand von Musikkonzernen, die die Stilentwicklungen zu kontrollieren versuchten. An den englischen Vorstadtbands, die mit einfachem Garagenrock und provokantem Äußeren ihre soziale Verzweiflung zum Ausdruck brachten, fand jedoch kaum ein Talentscout Interesse. Als aber die Sex Pistols innerhalb der ersten drei Tage über 100 000 Exemplare ihres Debütalbums Never Mind The Bollocks (1977) verkauften, war Punk innerhalb kurzer Zeit in aller Munde. Mit The Damned, The Clash, The Exploited oder UK Subs war bereits eine breite Szene vorhanden, die vorwiegend auf Independent-Labels ihre Mischung aus hartem Rock ’n’ Roll und Bühnenprovokation, aggressiven Texten und Ablehnung ästhetischer Normen veröffentlichten.

In Amerika entstanden Pendants wie The Dead Kennedys, Black Flag, und die neu entstandene Richtung blieb für zwei Jahre international stilbestimmend. Mit Gruppen wie The Police, Talking Heads, The Cure, The Jam, U2, Joy Division oder Siouxsie and the Banshees verschmolz Punk durch die Verbindung mit dem Off-Beat des Reggaes und den finsteren Stimmungen der Undergroundszene zum New Wave. Anfang der achtziger Jahre waren die gefärbten Haare und die schrille Kleidung, die derben Floskeln und kantigen Rhythmen der einstigen Protestmusiker bereits soweit in den Alltag übergegangen, dass sie von New-Romantic-Gruppen wie Depeche Mode, Eurythmics, Tears For Fears, Human League oder Simple Minds als Zitate in ein Gerüst aus Elektro- und Garagenpop übernommen werden konnte.

6.7

Rap, Hip-Hop, House, Dancefloor

Als Reaktion auf die sozialen Verhältnisse der schwarzen Bevölkerung einerseits und die zunehmende Kommerzialisierung der Black Music durch Phillysound und Disco auf der anderen Seite begannen Mitte der siebziger Jahre Jugendliche aus den Großstadtghettos ihre Probleme in spontanen Sprechgesängen zu formulieren. Dieser Rap kombinierte gereimten Slang und Alltagsthemen mit Discorhythmen und entwickelte sich innerhalb von zwei Jahrzehnten zum erfolgreichsten, originär schwarzen Popmusikstil. Mit der Sugar Hill Gang (Rapper’s Delight, 1979) gelang ihm der Sprung in die Hitparaden. Kurtis Blow, Grandmaster Flash & The Furious Five, Run DMC, Salt’n Pepa oder auch De la Soul popularisierten in den achtziger Jahren den Old School Rap mit cleveren, ironischen Texten auf der Grundlage von Soul und Funk.

Mit Public Enemy, Warren G., Snoop Dogg, Gang Starr wurden die Lyrics aggressiver und propagierten als Gangsta Rap stolz das gefährliche, drogengetrübte Leben in Straßengangs. Mit den Beastie Boys und den Künstlern des Def Jam Labels begann um 1985 Rap in der härter instrumentierten und interpretierten Version zunächst als Hip Hop, dann als Hard Core bekannt zu werden. Die Überschneidungen mit der DJ-Kultur führte dazu, dass in den neunziger Jahren vor allem mit Rap-Elementen versehene Coverversionen bekannter Popsongs erfolgreich wurden wie Coolios Gangsta’s Paradise (1996) oder Puff Daddys Every Breath You Take (1997).

Ebenfalls aus der Stilpluralität der späten siebziger Jahre entwickelte sich um 1978 zunächst in Chicago eine Mischung aus Disco, Soul, elektronischen Elementen und DJ-Manipulationen, die als House Music zu einem populären Tanztrend und Vorläufer von Techno wurde. Die Übergänge zum Acid House der späten achtziger Jahre sind fließend. Charakteristisch bleibt die trancehaft psychedelische Öffnung und permanente Veränderung der Musik durch Remixe und ihre Funktionsbezogenheit als Katalysator für Tanzekstase.

6.8

Trip Hop, Drum & Bass, DJ-Culture

Das wachsende künstlerische Selbstbewusstsein der DJs führte zu immer neuen Kombinationen von manipulierten Tonkonserven und live produzierter Musik. Bands und Musiker wie Massive Attack (Blue Lines, 1991), Portishead (Dummy, 1994) und Tricky (Maxinquaye, 1995), Vertreter des so genannten Trip Hop, verbanden die ätherisch weltfernen Stimmungen des New Wave mit dem Slow-Beat des Ambient und den Stimm- und Klangcollagen experimenteller DJs. Der Londoner Soundtüftler Goldie fügte Soul, Jazz, Raggamuffin und Jungle zu einer hektisch schillernden, Snare- und Hihat-betontem Rhythmen- und Atmosphärenmischung zusammen (Timeless, 1995), die unter dem Namen Drum & Bass zahlreiche Nachahmer fand. Die DJs um den englischen Talentpool Ninja Tune (Coldcut, Herbalizer), aber auch aus der New Yorker Illbient-Szene (DJ Spooky, DJ Olive) begannen, zum Teil unter Bezug auf postmoderne Theoretiker wie Gilles Deleuze Popmusik systematisch zu dekonstruieren, um sie auf der Ebene des Remixes situationsbezogen neu zu kombinieren.

6.9

Grunge, Retro, Post-Rock, Brit Pop

Ähnlich wie der Beat der sechziger und der Punk der siebziger Jahre entwickelte sich Grunge zunächst als Subkultur in den öden Vororten von Industriezentren. In diesem Fall war es die Region um Seattle, in der bereits 1986 das Label Sub Pop begann, die Aufnahmen ortsansässiger Rockbands zu veröffentlichen. Es bildete sich ein typischer Stil aus Heavy-Metal-Gitarrenriffs und melancholisch-melodiösen Passagen heraus, den Nirvana mit Nevermind (1991) weltweit in die Hitparaden brachte. Mit Pearl Jam, Soundgarden, den Smashing Pumpkins und Skunk Anansie weitete sich der Einzelerfolg zur Szene aus. Therapy?, Garbage, Prodigy vermischten den Trend des lautstarken und sentimentalen Rock ’n’ Roll mit Punk, Glamrock oder synthetischen Elementen. Beck schlug mit eigenwilligen Klangcollagen und dem Hit Loser (1993) die Brücke zum postmodernen Songwriting.

Als eine der Begleiterscheinungen von Grunge erwachte im Kontrast zu den computergenerierten Klängen des Techno und dem Cover-Trend der Hip-Hop-Szene allgemein das Interesse an akustischer, ohne technischem Beiwerk gestalteter, authentischer Rockmusik. Als Retro oder Post-Rock apostrophiert sammelten sich in dieser stilistisch offenen Nische wiedervereinigte Gruppen und junge Bands, die im Stil früherer Musikergenerationen zu den Gitarren, Klavieren oder Hammondorgeln griffen. Die neue Begeisterung für Soul und Jazz führte in London und Japan zu einer regen Acid-Jazz und Rare Groove-Szene um Bands wie Incognito, Galliano und das Label Talkin’ Loud, die die Rhythmen der sechziger Jahre mit Rap, DJ-Elementen und Tanzbeats vermischten. Unter dem Trendbegriff Easy Listening erwachte außerdem das Interesse an Schlagerstars der siebziger Jahre von Abba bis Burt Bacharach zu neuem Leben.

In England führte die Begeisterung für vergangene Stilrichtungen darüber hinaus zu einem Punk- und New-Wave-Revival, das unter dem Kürzel Brit Pop erfolgreich wurde. Bands wie Oasis (Definitely, Maybe, 1994), Blur, Pulp, The Verve kopierten die Vorbilder von The Jam bis Simple Minds.

7

World Pop

Neben den anglophilen Kulturprodukten entwickelten nahezu alle Länder der Welt eigenständige Popmusikrichtungen, die mit der zunehmenden Vernetzung der Informationsströme auch außerhalb der nationalen Grenzen zu wirken begannen. In Brasilien etwa hatten sich bereits in den sechziger Jahren aus der Samba und der jazzinspirierten Bossa Nova neue musikalische Muster entwickelt. Trotz Repressionen durch die Militärdiktatur verbanden Musiker wie Gilberto Gil, Caetano Veloso, Chico Buarque und Gal Costa das afrobrasilianische rhythmische Erbe mit nordamerikanischen Einflüssen von der Elektrifizierung bis zu den Arrangements. Daraus entstand mit der Música Popular Brasileira eine der produktivsten Musikszenen der Welt.

Kuba bewahrte sich durch den Kalten Krieg erzwungenermaßen ein reichhaltiges Spektrum an eigenen Stilistiken. Unter dem Sammelbegriff Salsa wurde die Mischung afrikanischer Trommeltechniken, spanischer Folklore, amerikanischer Tanzmusik der dreißiger und vierziger Jahre und ungebändigter Spielfreude von etwa 1980 an über die Grenzen der Karibik und kubanischer Exilsiedlungen hinaus populär. Aus Jamaika exportierten vor allem Bob Marley und Peter Tosh von 1964 an eine Kombination von Rock ’n’ Roll, westindischer Folklore, afrikanischer Rhythmen und amerikanischer Souleinflüsse, die mit markantem Off-Beat als Reggae die Popmusik nachhaltig beeinflusste und sich als Raggamuffin mit dem Sprechgesang des Raps vermischte.

Darüber hinaus entstanden u. a. in Afrika mit den Zentren Algerien (Raï), Mali, Senegal, Kamerun (Griot-Pop), in Indien, Japan und Indonesien selbständige Formen populärer Musik, die sich regional bzw. national gegen die englischsprachige Kulturdominanz behaupteten.

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