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Tantra

Enzyklopädieartikel

Tantra (Sanskrit: Fäden, Gewebe), eine Gruppe von esoterischen religiösen Schriften und Ritualen des Hinduismus und Buddhismus. Die Hindu-Tantras wurden im Mittelalter nach dem Vorbild der Puranas in Form eines Dialogs zwischen der Gottheit Shiva und seiner Gefährtin Parvati geschrieben. In diesem Zwiegespräch erläutert Shiva ihr die Philosophie und die Mythen, die dem Tantra-Ritual zugrunde liegen. Dieses Ritual verlangt die Umkehrung normaler sozialer Verhaltensweisen der Hindu (z. B. inzestuöse Sexualakte) und die Umkehrung normaler physiologischer Prozesse (z. B. Samen von der Frau an den Mann abzugeben). Es kehrt auch die Reinigungszeremonie des orthodoxen Hinduismus panchagavya um, die darin besteht, sich den „fünf Erzeugnissen der Kuh” (Milch, Butter, Quark, Urin und Kot) zu enthalten, bzw. sich von ihnen zu reinigen. Im Tantra treten an deren Stelle die „fünf m’s”: maithuna (Geschlechtsverkehr), matsya (Fisch), mansa (Fleisch), mudra (Getreidekörner) und mada (Wein). Tantra-Jünger lernen von einem Guru ihre psychosexuelle Energie, „die zusammengerollte Schlangenmacht (Kundalini) am unteren Ende der Wirbelsäule”, über aufeinander folgende Energiebrennpunkte (chakras) bis zum höchsten Chakra auf dem Scheitel anzuheben, wo sie dann in dieser gebündelten psychosexuellen Energie die Vereinigung des Gottes und der Göttin erfahren. Dieser Übungsweg (sadhana) beginnt mit einer systematischen allmählichen bildlichen Vorstellung der Gottheit, die mit Hilfe von Diagrammen (ayantras) und Zauberformeln (mantras) sichtbar gemacht wird.

Der buddhistische Tantrismus ist die dritte große Schulrichtung des Buddhismus, das Donnerkeil- oder Diamantfahrzeug (Vajrayana), das sich aus dem Mahayana-Buddhismus entwickelte. Er wurde in Tibet vollendet und beeinflusste, vor allem in Assam und Bengalen, den hinduistischen Tantrismus, von dem er selbst auch beeinflusst wurde. Der Tantrismus, der einst in ganz China und Nepal verbreitet war, ist heute im Wesentlichen nur noch in Nordindien zu finden.

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