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VögelEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Anatomie und Physiologie; Größenspektrum; Lebenserwartung; Körperbau und Lebensweise; Verbreitung und Lebensräume; Fortpflanzung; Vogelzug; Vogelschutz; Vögel und Menschen; Evolution; Systematische Einordnung
Nur relativ wenige Vogelarten verbringen ihr ganzes Leben mit demselben Partner. Auch wenn dasselbe Paar über mehrere Jahre zusammen ist, muss die Beziehung zwischen ihnen, die Paarbindung, mit Beginn jeder neuen Brutzeit erneuert oder bekräftigt werden. Dies geschieht durch optische und/oder akustische Balzrituale. Optisches Balzverhalten ist oft sehr auffallend, häufig spielen besondere Federn eine Rolle, beispielsweise beim Pfau oder bei Reihern. Bei anderen Vögeln, etwa den Enten, kommt die Paarbindung durch stark ritualisierte Bewegungsmuster zustande. Wenn einer der beiden Vögel nicht mit dem artspezifischen Balzverhalten antwortet, wird die Sequenz abgebrochen. Zu den Balzritualen gehört auch das Duettsingen, das man von vielen Vogelfamilien kennt, beispielsweise den Zaunkönigen und den mit Spechten verwandten Bartvögeln. Die Rufe der Männchen und Weibchen folgen derart exakt aufeinander, dass man den Eindruck gewinnen kann, ein einzelner Vogel produziere die Laute. Bei manchen Arten gibt es keine Paarbindung. So können mehrere Männchen in einer so genannten Balzarena um Weibchen konkurrieren, mit dem Ziel, sich mit so vielen Weibchen wie möglich zu paaren. Dieses Arenaverhalten findet man u. a. bei Paradiesvögeln, Pfauen, manchen Schnepfenvögeln, einigen Raufußhühnern und den Schnurrvögeln, einer Familie kleiner tropischer Vögel.
Die Eier werden an den unterschiedlichsten Stellen abgelegt, vom bloßen Boden bis hin zu kompliziert gebauten Nestern. So gehören die Nester der in Afrika und Asien beheimateten Webervögel zu den aufwendigsten Konstruktionen, die aus dem Tierreich bekannt sind. Zum Bau der Nester werden die verschiedensten leicht zugänglichen Materialien verwendet, wie Gras, Zweige, Rinde, Flechten, Pflanzenfasern, Federn, Säugerhaare, Spinnweben, Schlamm, Seetang, Muscheln, Kies oder sogar der Speichel des Vogels selbst. Vom Menschen produzierte Materialien wie Papierschnipsel, Kunststoffteile oder Wollfäden können dabei ebenfalls Verwendung finden. Viele Vögel zupfen Federn aus ihrem eigenen Bauchgefieder, um ihr Nest auszukleiden; die nackte Haut an dieser Stelle (Brutfleck genannt) erleichtert später das Bebrüten der Eier. Die Anzahl der Eier pro Gelege kann bis zu etwa 20 reichen. Die kleinsten Eier mit einem Durchmesser von weniger als einem Zentimeter sind die von Kolibris, Straußeneier haben als größte Vogeleier einen Durchmesser von etwa 15 Zentimetern. Vogeleier sind entweder reinweiß oder sehr unterschiedlich gefärbt bzw. gefleckt. Die Färbung dient nicht unbedingt der Tarnung: An Kohlmeisen, die rotbraun gefleckte Eier legen, aber als Höhlenbrüter auf kein tarnendes Eimuster angewiesen sind, wurde gezeigt, dass bei Calciummangel das Pigment Protoporphyrin verstärkt eingelagert wird. Protoporphyrin verleiht der bei Calciummangel dünneren Eischale eine höhere Flexibilität und damit Bruchfestigkeit (Ecology Letters, 2005). Bei den meisten Arten brüten die Elternvögel abwechselnd, sonst übernimmt zumeist das Weibchen allein diese Aufgabe. Nur bei wenigen Arten sind die Rollen der Geschlechter vertauscht, und das Männchen übernimmt das Brüten und die Brutpflege. Bei diesen Arten ist das Weibchen in der Regel größer und bunter als das Männchen.
Frisch geschlüpfte Jungvögel lassen sich meist entweder als Nesthocker oder Nestflüchter einstufen. Nesthocker schlüpfen blind und nackt oder nur mit dünnem Daunengefieder. Sie können sich nicht auf den Beinen halten und sind völlig von den Altvögeln abhängig. Nestflüchter dagegen schlüpfen mit offenen Augen, haben ein dichtes Daunengefieder, können bald nach dem Schlüpfen laufen und sind schon nach wenigen Tagen in der Lage, sich selbständig Nahrung zu beschaffen. Die Jungen aller Singvogelarten und mit diesen nahe verwandter Arten sind Nesthocker, ebenso wie die Jungvögel der Spechte, Eisvögel, Segler und Pelikane. Die Jungen von Truthühnern, Fasanen, Wachteln, Haushühnern, Gänsen, Enten und Schwänen sind ausgeprägte Nestflüchtern. Nicht eindeutig als Nesthocker oder Nestflüchter einordnen lassen sich junge Greifvögel und die Jungen der Röhrennasen, die zwar nach dem Schlüpfen noch ziemlich hilflos sind, jedoch bereits ein dichtes Daunenkleid aufweisen. Junge Möwen und Seeschwalben schlüpfen mit Daunen und offenen Augen und können innerhalb von einem oder zwei Tagen laufen, müssen aber mehrere Wochen gefüttert werden. Bei den meisten Vögeln löst sich das Band zwischen Eltern und Jungen, sobald die Jungvögel vollständig in der Lage sind, sich selbst zu ernähren. Bei einigen großen Vögeln wie Schwänen und Kranichen kann die Familie während des Vogelzuges und über den Winter zusammenbleiben. Soziobiologische Untersuchungen zeigen, dass Jungvögel mancher Arten aus verschiedenen Ordnungen bis zu drei Jahre bei ihren Eltern bleiben und helfen, die Geschwister der nächsten Jahre zu füttern und zu schützen, bevor sie selbst auf Partnersuche gehen. Wenn eine Population stabil bleibt, halten sich (bei konstanter Zahl der Zu- und Abwanderungen) Geburts- und Sterberaten in etwa die Waage (siehe Populationsbiologie). Die Mortalität (Sterblichkeit) der Jungvögel ist in der Regel besonders hoch, Altvögel gleichen diese aus, indem sie relativ viele Nachkommen zeugen. Bei Zugvögeln sind außerdem die Risiken des Vogelzuges für hohe Verluste verantwortlich. Nicht ziehende tropische Landvögel werden häufiger Opfer von Fressfeinden als Vögel gemäßigter Klimazonen und verlieren auf diese Weise einen größeren Anteil an Eiern und Jungvögeln. In der Regel brüten Vögel bei einem Verlust von Gelege oder Jungen erneut.
Sowohl in den arktischen als auch in den gemäßigten Klimazonen gibt es Vogelarten, die Jahresvögel sind, also das ganze Jahr in ihrem Brutgebiet bleiben, wobei die Brutzeit meist auf das Sommerhalbjahr beschränkt ist. Auch viele Tropenvögel verbringen das ganze Jahr in demselben Gebiet; da dort der Wechsel der Jahreszeiten nicht stark ausgeprägt ist, können manche von ihnen fast zu jeder Zeit des Jahres brüten. Die meisten Vögel aus den arktischen und gemäßigten Klimazonen ziehen jedoch fort – d. h., sie verlassen regelmäßig zu einer bestimmten Jahreszeit ihr Brutgebiet und kehren später wieder dorthin zurück. Dabei handelt es sich in manchen Fällen lediglich um winterliche Wanderungen aus den rauen Klimaregionen hoher Berge in besser geschützte Täler. Das andere Extrem besteht in Wanderungen über sehr weite Entfernungen, wie sie in jedem Jahr von zahlreichen Arten unternommen werden, so etwa von den arktischen Küstenseeschwalben, die im Herbst von den nördlichen Breiten Eurasiens und Nordamerikas bis in subantarktische Gewässer ziehen, wo sie einen weiteren Sommer verbringen können. Angesichts der weiten Entfernungen, die viele Vögel zurücklegen, stellt sich die Frage, wie diese ihren Weg finden. Manche fliegen nur nachts, andere überqueren riesige Meeresflächen: In beiden Fällen haben die Tiere keine Orientierungspunkte, an denen sie ihren Flug ausrichten können, wie das offenbar viele Tagzieher tun. Heute geht man davon aus, dass es verschiedene Navigationssysteme bei Vögeln gibt. Die einen richten sich offenbar nach der Position der Sterne oder nach dem leuchtenden Band der Milchstraße, andere nach dem Sonnenstand, wieder andere können auch ultraviolette Strahlung oder das Magnetfeld der Erde wahrnehmen oder sind in der Lage, sehr tiefe Töne zu hören, wie entfernte Ozeanwellen sie hervorbringen. Mit Hilfe welcher Mechanismen die Vögel diese Informationen aus ihrer Umwelt in Navigationshilfen umsetzen, ist jedoch erst teilweise bekannt. Mit der Erforschung des Vogelzuges beschäftigen sich vor allem die Vogelwarten; Mitarbeiter dieser Institutionen beringen Vögel, um die Wanderwege von Zugvögeln in Erfahrung zu bringen.
Aussterben ist einerseits ein natürlicher Prozess der Evolution, andererseits das Resultat von Eingriffen des modernen Menschen. Von den etwa 9 000 Vogelarten, die fossil oder lebend bekannt sind, sind mindestens 75 in den letzten Jahrhunderten weltweit ausgestorben. Die meisten von ihnen wurden direkt durch den Menschen oder Tiere, die von ihm eingeführt wurden, ausgerottet (siehe Faunenverfälschung). Andere starben aus, weil der Mensch ihre natürliche Umwelt zu stark veränderte. Waldrodungen, die Trockenlegung von Sümpfen und Mooren und andere Eingriffe, die Lebensräume von Vögeln vernichteten, fanden seit der Mitte des 20. Jahrhunderts insbesondere auch in den Tropen in solchem Ausmaß statt, dass man noch nicht einmal abschätzen kann, wie viele Vogelarten dadurch für immer verschwunden sind. Ein weiteres Problem ist der Einsatz von Pestiziden, wodurch insbesondere manche Greifvogelarten akut gefährdet wurden. Auch lokale Umweltkatastrophen wie Öltankerhavarien können verheerende Auswirkungen auf Vogelbestände haben. So wurden im ersten Vierteljahr nach dem Untergang der Erika vor der bretonischen Küste (Ende 1999) über 60 000 ölverseuchte und größtenteils bereits verendete Vögel eingesammelt; weniger als 3 Prozent der Eingesammelten konnten nach der Reinigung ihres Gefieders wieder freigelassen werden. Nach einer 2003 veröffentlichten Einschätzung des Washingtoner Worldwatch Institute ist zu befürchten, dass im 21. Jahrhundert 12 Prozent (etwa 1 200 Arten) aller Vogelarten aussterben werden. Einer anderen Schätzung zufolge ging die Gesamtzahl der Vögel in den letzten 10 000 Jahren durch die Landwirtschaft um fast ein Viertel zurück (Proceedings of the Royal Society, 2003). Vögel gelten als Bioindikatoren: Wenn bestimmte Vogelarten aus einem Lebensraum verschwinden, ist dieser Lebensraum zumeist beeinträchtigt. Auch in Mitteleuropa sind zahlreiche Vogelarten – vor allem aufgrund der Zerstörung von Naturlandschaften – bedroht. Der Dachverband Deutscher Avifaunisten veröffentlichte 2007 die Studie Vögel in Deutschland 2007, der zufolge sowohl Bodenbrüter in der Agrarlandschaft wie Feldlerche und Großer Brachvogel als auch Vögel der Meeresstrände und des Wattenmeeres wie Seeregenpfeifer, Zwergseeschwalbe, Knutt und Eiderente besonders gefährdet sind. Demgegenüber zeigten Schutzbemühungen für die Großvögel Kranich, Seeadler, Wanderfalke und Schwarzstorch deutliche Erfolge. Unter 64 ausgewählten, in Deutschland häufigen Vogelarten wie Haussperling, Bachstelze und Mauersegler waren 23 im Zeitraum von 1990 bis 2005 in ihrem Bestand rückläufig. Neben der wichtigsten Maßnahme des Vogelschutzes, der Sicherung von Biotopen, kann man einigen Vogelarten durch das Anbringen von Nistgeräten helfen. Spezielle Nistkästen bzw. Niströhren gibt es z. B. für die bedrohten Schleiereulen und Steinkäuze. Weißstörchen kann man Nistunterlagen, etwa in Form von Wagenrädern, anbieten, für Seeschwalben lassen sich künstliche Brutinseln einrichten. Die Horste mancher Greifvogelarten, etwa diejenigen von Seeadlern, werden von Naturschützern rund um die Uhr bewacht, um das Aushorsten von Eiern oder Jungvögeln durch kriminelle Händler zu verhindern. Außer vielen Einzelpersonen kämpfen Organisationen wie der Bund für Umwelt und Naturschutz, der Naturschutzbund Deutschland sowie der World Wide Fund for Nature darum, die Verarmung der Avifauna (Vogelwelt) aufzuhalten.
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