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VietnamkriegEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Die erste Phase (1946-1954); Der Beginn der zweiten Phase des Krieges; Politische Unruhen in Südvietnam; Die zweite, die „amerikanische” Phase des Krieges; Die Tet-Offensive; „Vietnamisierung” des Krieges (1969-1971); Proteste in den USA; Verhandlungsstillstand; Erneute Eskalation; Vorläufiger Frieden; Die dritte Phase des Krieges: der Bürgerkrieg; Auswirkungen
Ab dem 8. Oktober 1972 fanden zwischen dem amerikanischen Sicherheitsberater Henry Kissinger und dem nordvietnamesischen Unterhändler Le Duc Tho vertrauliche Friedensgespräche in Paris statt. Ein Durchbruch wurde erzielt, als Nordvietnam einem Friedensplan zustimmte, der getrennte Vereinbarungen für den militärischen und den politischen Bereich vorsah, von seiner Forderung nach einer Koalitionsregierung in Südvietnam Abstand nahm und gleichzeitig Verhandlungen über Laos und Kambodscha zustimmte. Am 26. Oktober gab Kissinger einen Neunpunktefriedensplan bekannt, in dem allerdings technische Fragen ungelöst blieben, und den der südvietnamesische Präsident Thieu als Verrat bezeichnete. Mit der Wiederaufnahme der Gespräche zwischen Kissinger und Le Duc Tho am 4. Dezember 1972 war seit dem Beginn der Pariser Verhandlungen 1968 erstmalig das Zustandekommen eines Abkommens in Sicht. Am 16. Dezember stagnierten die Verhandlungen jedoch erneut, und zwei Tage später ordnete Nixon die massive Bombardierung von Hanoi und Haiphong an; diese Angriffe galten als die schwersten des Vietnamkrieges und schockierten die Bevölkerung nicht nur in den USA.
Anfang 1973, nachdem die USA ihre Angriffe nördlich des 20. Breitengrades eingestellt hatten, wurden in Paris die Friedensgespräche weitergeführt. Nach sechstägigen Beratungen zwischen Kissinger und Le Duc Tho gab Nixon am 23. Januar 1973 bekannt, dass ein offizielles Waffenstillstandsabkommen erreicht worden sei. Am 27. Januar unterzeichneten die Vertreter der USA, Südvietnams, Nordvietnams und der Provisorischen Revolutionsregierung Südvietnams ein Abkommen zur Beendigung des Krieges und zur Wiederherstellung des Friedens in Vietnam. Der Waffenstillstand trat offiziell am 28. Januar 1973 in Kraft. Das Waffenstillstandsabkommen forderte die vollständige Einstellung sämtlicher Kampfhandlungen, den Abzug der gesamten Truppen der USA und ihrer Verbündeten innerhalb von 60 Tagen nach Unterzeichnung des Abkommens, die Herausgabe der Kriegsgefangenen beider Seiten innerhalb von ebenfalls 60 Tagen, die Anerkennung der entmilitarisierten Zone als einer nur provisorischen und nicht politischen oder territorialen Grenze, die Einsetzung einer internationalen Kontrollkommission zur Überwachung der Einhaltung des Friedens; außerdem sollte ein „Nationaler Versöhnungsrat” aus Vertretern der südvietnamesischen Regierung unter Nguyen Van Thieu, der Provisorischen Revolutionsregierung der FNL sowie anderer Oppositionsgruppen zusammentreten, um allgemeine Wahlen in Südvietnam vorzubereiten; diese Verhandlungen scheiterten jedoch. Das Abkommen gestattete außerdem den weiteren Verbleib von 145 000 nordvietnamesischen Soldaten in Südvietnam.
Bis Ende März 1973 hatten die USA alle ihre Truppen aus Vietnam abgezogen, Südvietnam jedoch weitere wirtschaftliche und militärtechnische Hilfe zugesagt. In Vietnam gingen die Kämpfe zwischen kommunistischen Einheiten und südvietnamesischen Regierungstruppen trotz des Waffenstillstandsabkommens weiter; beide Seiten suchten ihre Gebiete zu verteidigen bzw. auszuweiten. Ende 1974 begannen die nordvietnamesischen Truppen eine Großoffensive gegen den Süden; die südvietnamesischen Truppen, jetzt ohne die Unterstützung seitens der USA, mussten sich nach und nach zurückziehen, und nach dem Fall von Huë Mitte März 1975 war der Krieg für Südvietnam verloren. Am 21. April trat Präsident Nguyen Van Thieu zurück, am 30. April wurde Saigon eingenommen, und am selben Tag kapitulierte Südvietnam gegenüber der Provisorischen Revolutionsregierung der FNL. Am 2. Juli 1976 wurde mit der Errichtung der Sozialistischen Republik Vietnam der gesamtvietnamesische Staat wieder hergestellt.
Im Vietnamkrieg wurden schätzungsweise zwei Millionen Vietnamesen getötet, drei Millionen verwundet und Hunderttausende von Kindern als Waisen zurückgelassen; etwa zwölf Millionen Menschen verloren ihre Heimat. In den von politischer Repression und massiven wirtschaftlichen Schwierigkeiten gekennzeichneten Nachkriegsjahren von 1975 bis 1982 emigrierten rund 1 218 000 Vietnamesen und ließen sich in über 16 anderen Ländern nieder. Etwa 500 000 Vietnamesen, die so genannten Boat people, versuchten, in kleinen Booten über das Südchinesische Meer aus Vietnam zu entkommen; viele kamen dabei um. Jene, die überlebten, sahen sich selbst in den Ländern, die zuvor Vietnamesen aufgenommen hatten, mit Einwanderungsverboten oder zumindest -beschränkungen konfrontiert. Auf amerikanischer Seite fielen insgesamt etwa 57 000 Soldaten, und etwa 153 000 wurden verwundet. Das Land Vietnam selbst wurde aufs schwerste in Mitleidenschaft gezogen: Die Flächenbombardements hatten Wirtschaft und Infrastruktur zerstört, und der großflächige Einsatz von Napalm und Entlaubungsmitteln verursachte verheerende, zum Teil irreparable ökologische Schäden. Wie viele Menschen in Vietnam noch heute unter den Auswirkungen von Agent Orange bzw. dem darin enthaltenen Dioxin leiden, ist nicht bekannt; die Schätzungen reichen von einer bis zu vier Millionen. Zu den schlimmsten Schädigungen, die das Dioxin bei den Menschen auch noch Jahrzehnte nach dem Krieg anrichtet, gehören Krebserkrankungen, schwere Nervenleiden, Hautkrankheiten, Fehlgeburten sowie Missbildungen von Kindern. Ganze Landstriche sind noch immer verseucht, die Menschen in diesen Gegenden weisen noch immer erschreckend hohe Dioxinwerte auf. Zwar wussten die Unternehmen, die Agent Orange herstellten (darunter Dow Chemical, Monsanto und Uniroyal) von Beginn an um die Gefährlichkeit dessen, was sie da herstellten, lehnten aber jede Verantwortung für die Folgeschäden ab, mit der Begründung, es gäbe keine wissenschaftlichen Beweise für einen Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und Geburtsfehlern und dem Gift Agent Orange. Eine von vietnamesischen Opfern 2004 in den USA eingereichte Klage gegen die beteiligten Chemieunternehmen wurde abgewiesen. Auch die US-Regierung deutete gerade einmal an, dass sie in Bezug auf ihre eigenen Soldaten, von denen viele in Vietnam natürlich auch mit Agent Orange in Berührung kamen und unter entsprechenden Folgen zu leiden hatten und haben, die Verantwortung übernehmen könnte; die geschädigten Vietnamesen schloss sie in diese Haftung nicht ein. Vielen ernst zu nehmenden Wissenschaftlern dagegen gilt der Einsatz von Agent Orange – eine Form der von der Genfer Konvention verbotenen chemischen Kriegsführung – als das größte Kriegsverbrechen, das die USA je begangen haben, und als in den Folgen vergleichbar mit den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki.
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