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Französische Literatur, die in französischer Sprache verfasste Literatur, vornehmlich die Frankreichs und des französischsprachigen Belgien. Ausgehend von der geschichtlichen Entwicklung der französischen Sprache lassen sich dabei die Phasen der altfranzösischen (9. bis 14. Jahrhundert), der mittelfranzösischen (14. bis 16. Jahrhundert) und der neufranzösischen Literatur (seit dem 16. Jahrhundert) unterscheiden. Dazu zählt auch die französischsprachige Literatur der Schweiz (siehe schweizerische Literatur).
Die französische Literaturtradition nimmt ihren Anfang in Reformversuchen Karls des Großen, die darauf abzielten, einer breiten Bevölkerungsschicht das Evangelium nahezubringen. Deshalb ließ Karl religiöse Schriften aus dem Lateinischen in die (romanische oder germanische) Volkssprache übertragen oder gab eigene Werke (Heiligenviten, also Legenden bzw. Hagiographien, Erbauungs- und Predigtliteratur etc.) in Auftrag. Beispiele für die beginnende volkssprachliche Tradition sind die Eulaliasequenz von 881, eine Schilderung der Passionsgeschichte Christi aus dem 10. Jahrhundert, das Leodegarlied (um 1000) und das Alexiuslied, das Mitte des 11. Jahrhunderts entstand. Zu den didaktischen Lehrstücken der Zeit gehört das Bestiarium des Philippe de Thaon. Darüber hinaus entstanden weltliche Werke wie Fabeln und Parabeln, die indes immer wieder an das christliche Erlösungsgeschehen anknüpften. In diesem Rahmen reflektiert die Heldenepik der Chanson de geste mit ihrem bedeutendsten Zeugnis, dem Rolandslied, den von Karl initiierten Aufstieg des Landes zur europäischen Großmacht, die juristische und soziale Struktur des Staates sowie dessen religiös begründete Mission während der Kreuzzüge. Neben Karl dem Großen, dem die Kreuzzugsdichtung, namentlich Jean Bodels Pèlerinage de Charlemagne bzw. Saisnes, vornehmlich galt, avancierten Wilhelm von Orange (Wilhelmsgeste) und Gottfried von Bouillon zu idealisierten Identifikationsgestalten. Seit Mitte des 12. Jahrhunderts sind altfranzösische Romane und Erzählungen in Versen überliefert, deren Zentralthemen das Leben bei Hofe und die ritterlich-distanzierte Minne sind. Dabei nutzten Werke wie der Roman de Thèbes und der Roman d’Enée aus der Antike überlieferte Stoffe (hier: von Publius Papinius Statius’ Epos Thebias bzw. der Dichtung des Vergil), um sie in den neuen Kontext einzubetten, dem Zeitgeschmack anzupassen und so die Gattung des höfischen Romans (Roman courtois) zu begründen. Ähnlich verfuhren Benoît de Sainte-Maure (Roman de Troie, 1165) und Lambert le Tort (Roman d’Alexandre). Wichtiger als dieser Einfluss aber war das Gedankengut der keltischen Mythologie, das über Geoffrey von Monmouths Beschreibung der Artussage in seiner Historia regum Britanniae nach Frankreich kam. Des Weiteren wurden die Legendenkreise um Tristan (siehe Tristan und Isolde) und den Gral zentral. Chrétien de Troyes schuf aus dem Artus-Komplex eigenständige, teils ins Mystische überhöhte Werke wie Érec en Enide (um 1170), Lancelot und Le Chevalier de la Charrete (beide um 1177 bis 1181) sowie Le Roman de Perceval (vor 1190), der im 13. Jahrhundert Robert de Boron zu seiner eschatologisch-visionären Variante Le roman de l’estoire dou graal inspirierte. Dem Tristan-Stoff fühlten sich Bérol und Thomas d’Angleterre verpflichtet. Aus der beliebten Gattung belehrender Fabeln der Zeit ragt vor allem Le roman de Renart (zwischen 1175 und 1240) um die Tierfigur des Reinecke Fuchs heraus. Daneben dominierte in der Lyrik eine volkstümliche, heiter-unbeschwerte Dichtkunst, die vor allem Frühlingslieder (Reverdies), Tanzlieder (Rondeaux bzw. Virelais) und im Umkreis der Hirtenidylle spielende Liebeslieder (Pastourelles) hervorbrachte. Zudem etablierten sich die der Romanze verwandten, erzählerischen Chansons d’histoire bzw. Chansons de toille. Auch wurde an den Höfen des Nordens die Troubadourdichtung der provenzalischen Barden populär: Das Motiv der unglücklichen Liebe zwischen Ritter und höfischer Dame fand so weite Verbreitung und wurde in der Lyrik der Zeit vielfach variiert, so etwa bei Chrétien de Troyes, Gace Brulé, Blondel de Nesle oder Colin Muset. Conon de Béthune wurde zudem durch seine Kreuzlieder Chansons de croisade mit ihrer dichterischen Propagierung des Kreuzzugsgedankens bekannt. Das französische Drama entwickelte sich im 12. Jahrhundert im Rahmen der Liturgie und wurde zunächst noch – als dialogische Aufbereitung biblischer Szenen – im Kirchenraum, später dann auf einer Simultanbühne auf dem Kirchenvorplatz vorgetragen. Im Lauf der Zeit wurden auch Szenen weltlichen Charakters aufgenommen. Das älteste französische Mirakelspiel Jeu de Saint-Nicolas (um 1200) von Bodel mit seinen burlesken und realistischen Elementen etwa bedeutete einen ersten entscheidenden Schritt hin zur Befreiung des Theaters von seiner religiösen Einbindung. Im 12. und 13. Jahrhundert entfernte sich der Roman dann immer mehr vom höfischen Bereich hin zu orientalischen Situationen – Hintergrund waren auch hier die Kreuzzüge – oder exotisch-phantastischen Gefilden; Beispiele hierfür waren die anonymen Floire et Blancheflur (um 1160/1170) und Aucassin et Nicolette. Auch wurde die Werkkomposition komplexer, und die Prosa fand weit reichende Verwendung. Im Bereich der Dramatik wurde das Passionsspiel und – im 14. Jahrhundert dann – das Mysterienspiel gebräuchlich; als Wegbereiter gelten Arnoul und Simon Gréban. Einer der wichtigsten Dramatiker einer weltlichen, der griechischen Komödie verwandten Theaterform war Adam de la Halle mit Le jeu de Robin et de Marion (um 1283; Das Spiel um Robin und Marion) über Robin Hood, zudem ein Vorläufer der komischen Oper. Ende des 13. Jahrhunderts bildete sich im Umfeld eines erstarkenden Bürgertums eine realistisch-urbane Literaturtradition heraus, die mit der idealisiert-höfischen konkurrierte. Eine allegorische Auseinandersetzung mit dem Lebensgefühl des Mittelalters – und seinem Übergang vom höfischen zum bürgerlichen Ideal – stellt der zweite Teil des Roman de la Rose (erster Teil zwischen 1225 und 1240 von Guillaume de Lorris, zweiter Teil zwischen 1275 und 1280 von Jean de Meung) dar. In Lyrik und Dramatik traten verstärkt die Meistersinger auf. Auch wurden, etwa vom fahrenden Sänger Rutebeuf mit Das Mirakelspiel von Theophilus (um 1261), politische und soziale Missstände literarisch angegriffen. Überhaupt gab sich die Lyrik seit dem 14. Jahrhundert betont zeitkritisch; Beispiele hierfür sind die Werke Guillaume de Machauts, Christine de Pisans, Alain Chartiers oder Charles d’Orleans’, Letztere vor dem Hintergrund des Hundertjährigen Krieges. Formal neigte die Dichtung zur – meist lehrhaften – Ballade. Im 15. Jahrhundert entstanden die Farce (La farce de Maistre Pierre Pathelin, um 1465) sowie die dramatische Gattung der Ständesatire Sotie mit ihrem herausragenden Vertreter Pierre Gringoire. Demgegenüber behielten die Moralités immer einen stärker religiös-moralisierenden Impuls. Auf dem Gebiet der Epik wurde die Ritterdichtung durch satirisch-skeptische Werke wie Cent nouvelles nouvelles (um 1462; Die hundert neuen Novellen) oder durch die deftig-bäuerliche Gattung des Fabliau verdrängt. Auch setzte sich die Prosaform nun endgültig durch. Ansonsten ragt François Villons Lyrik aus der Literaturproduktion des französischen Mittelalters heraus, der als abenteuerlicher Vagabund derb-erotischen Zynismus und opulenten Witz neben einfühlsame Weltbetrachtung stellte (Le grand testament, entstanden 1461; Das große Testament).
Ende des 15. Jahrhunderts wirkte der Kontakt mit der italienischen Renaissance äußerst fruchtbar auf die Entwicklung der französischen Literatur. 1530 schuf Franz I. mit dem Collège de France einen Sammelpunkt für französische Humanisten, deren Auseinandersetzung mit den Schriftstellern der Antike die klassische Philologie in Frankreich begründete: Zahlreiche Texte von Plutarch, Euripides, Heliodor, Longos etc. wurden übersetzt. Auch erstellte man mehrsprachige Wörterbücher, die dazu beitrugen, das Französische als gleichwertige Literatursprache neben dem Lateinischen und dem Italienischen zu etablieren, wie es u. a. Jean Lemaire de Belges propagierte. Auch die erste Bibelübersetzung durch den Humanisten und katholischen Theologen Jakob Faber 1530 trug dazu bei und trieb die Reformation im Land voran. In der Folgezeit mussten viele Reformatoren das Land verlassen. Calvin verfasste mit seiner Institution de la religion chrétienne (1541) die erste theologische Schrift auf Französisch; der an italienischen Vorbildern und an der Antike orientierte Clément Marot schuf – neben einer hoch gerühmten Psalmenübersetzung – das erste französische Sonett. Darüber hinaus prägte sein Stil nachhaltig den Dichterkreis der Pléiade um Pierre de Ronsard und Joachim du Bellay, zu dem etwa É. Iodelle, R. Belleau und P. de Tyard gehörten. Er verhalf einerseits den antiken Gattungen von Tragödie, Komödie (Iodelles Eugène, 1552) und Epos (Ronsards La Franciade, 1572, geplant als neue Aeneis) in einer antikisierenden Art und Weise zu einer ersten Blüte, betonte darüber hinaus andererseits aber die Gleichwertigkeit des Französischen gegenüber den anderen Literatursprachen – und suchte sie mit seinen Werken zu illustrieren (Défense et illustration de la langue française, 1549). Im Umfeld der Lyoner Dichterschule mit ihrem an Petrarca geschulten Inventar an übersteigerten Liebesmotiven (siehe Petrarkismus) ist die Lyrik von Maurice Scève (Délie, objet de la plus haute vertu, 1544; Délie, Inbegriff allerhöchster Tugend) und von Louise Labé (Sonnetts, 1555; 24 Sonette) sowie das Werk des in der Nachfolge Ariostos schreibenden Philippe Desportes zu sehen. In der Prosa der Zeit orientierte sich Margarete von Navarra bei Heptaméron (herausgegeben 1559) an Boccaccios Novellenzyklus Decamerone. François Rabelais wiederum ließ sich für die sinnenfroh-überbordende Phantastik und den Wortwitz seiner von satirischer Gesellschafts- und Kirchenkritik durchsetzten Renaissanceromane um die Riesen Gargantua und Pantagruel (1532-1564) u. a. von der Tradition des Volksbuchs inspirieren. Darüber hinaus entstand eine ausgeprägte Memoirenliteratur, aus der die Werke von B. de Monluc und Pierre de Brantôme herausragen. Eine französische Poetologie des Dramas entwarf, ausgehend von Aristoteles und unter Bezugnahme auf den italienischen Humanisten Julius Caesar Scaliger (Poetices libri septem, 1561), J. de la Taille: Daran ausgerichtet waren etwa die Theaterstücke von Robert Garnier, A. de Montchrétien, J. Grévin und P. de Larivey. Die erste Staatstheorie in französischer Sprache schrieb Jean Bodin mit Les six livres de la république (1576; Sechs Bücher über den Staat); Michel de Montaigne begründete mit seinen formal wie inhaltlich innovativen Schriften eine erkenntniskritische, spielerisch „offene” Essay-Tradition (im Gegensatz zu der naturwissenschaftlich-eindeutigen Francis Bacons).
Bereits 1606 hatte der damalige Hofdichter François de Malherbe mit Commentaire sur Desportes eine auf Rationalität, kühle Intellektualität und sprachliche wie formale Klarheit abzielende Regelpoetik vorgelegt, die den Dichteridealen der Pléiade widersprach und zentrale Momente der an der Antike orientierten französischen Klassik vorwegnahm. Gegen diese objektive Kunstauffassung rebellierten im frühen 17. Jahrhundert zahlreiche Autoren wie Mathurin de Régnier und T. de Viau, sodass erst unter der absolutistischen Herrschaft Ludwigs XIV. in den sechziger Jahren die klassische Literatur in Frankreich endgültig zur Blüte gelangte. Dabei war die Ausbildung einer adeligen Salonkultur etwa in den literarischen Salons der Marquise de Rambouillet und der Madeleine de Scudéry von entscheidender Wichtigkeit, in denen sich, orientiert an den idyllischen Schäferromanen von H. d’Urfés L’Astrée (1607-1627) – eine Figur des Buchs gab dem Seladon seinen Namen – bis hin zu Madeleine de Scudérys Artamène ou le grand Cyrus (1649-1653), der galant-mondäne Geschmack der Zeit vorbereitete. Als Parodie dieser Romane entstand der burlesk-komische Roman in der Tradition des Schelmenromans spanischer Provenienz, der durch den „Blick von unten” eines sozial niedrig stehenden Protagonisten das höfische Leben fokussierte; dazu gehörten Vraie histoire comique de Francion (1623-1633; Wahrhaftige und lustige Historie vom Leben des Francion) von Charles Sorel, Le roman comique (1651-1657; Der Komödianten-Roman) von Paul Scarron, Le roman bourgeois (1666) von Antoine Furetière sowie die äußerlich am Muster des Schäferromans festhaltenden, ansonsten aber sozialkritischen Romane eines Cyrano de Bergerac. Philosophisch war René Descartes von Bedeutung, der in Discours de la méthode (1637; Abhandlungen über die Methode) – der ersten auf Französisch verfassten philosophischen Abhandlung überhaupt – die Vernunft als einzig mögliches kritisches Medium zur Erkenntnis von Wahrheit propagierte (1670 waren die Pensées sur la religion et sur quelques autres sujets, Gedanken zur Religion und zu einigen anderen Themen, des Philosophen Blaise Pascal von einer ähnlich klaren Gedankenführung und stilistischen Brillanz geprägt). Ein weiterer Schritt hin zur französischen Klassik war das von Kardinal Richelieu vorangetriebene Bestreben der 1634 gegründeten Académie française, die Regeln der französischen Sprache mit Hilfe eines Wörterbuches und einer verbindlichen Grammatik zu normieren. Stilistisch wurde der gehobene Sprachton („bon usage”) der französischen Literatur durch Claude Vavre de Vaugelas’ Remarques sur la langue française (1647) geprägt, was sich u. a. in der ausgeprägten Memoirenliteratur von Jean-François Paul de Retz, Louis de Saint-Simon u. a. sowie in der Korrespondenz der Zeit, etwa von G. de Balzac und Marquise de Sévigné, ablesen lässt. Den Höhepunkt klassischer Prosakunst markierte Marie-Madeleine de La Fayette mit ihrem Roman La princesse de Clèves (1678; Die Prinzessin von Clèves). Stark von der Essayistik Montaignes beeinflusst zeigt sich die analytisch-aphoristische Prosa der Moralisten, besonders die Réflexions ou sentences et maximes morales (1665; Betrachtungen oder moralische Sentenzen und Maximen) von François de La Rochefoucauld und Les caractères de Théophraste, traduit du grec, avec des caractères ou les mârs de ce siècle (1688; Die Charaktere oder die Sitten im Zeitalter Ludwigs XIV.) von Jean de La Bruyère. Von zentraler Bedeutung für das gesellschaftliche Leben der Zeit war vor allem die Dramatik, sodass sich hier die Neuerungen der Klassik am nachdrücklichsten niederschlugen. Dabei setzte sich etwa die von Aristoteles geforderte Einhaltung der drei Einheiten – Ort, Zeit und Handlung – allgemein durch. (Vorklassische Dramatiker wie Alexandre Hardy, Théophile de Viau und Honorat de Racan waren in ihren zumeist tragikomischen Stücken extrem sprunghaft verfahren.) Weitere Schriften zur Poetik des klassischen Dramas hatten Jean Chapelain und François Hédelin vorgelegt. Dabei standen Aspekte des sittlichen Anstands („bienséance”) und der logischen Wahrhaftigkeit („vraisemblance”) im Mittelpunkt der Diskussion. Nichtbeachtung wurde von der Literaturkritik sofort geahndet: Nachdem etwa Pierre Corneille mit Le Cid (1637; Der Cid) heftige Proteste wegen der „Regellosigkeit” des Stückes entfacht hatte, hielt er in Horace (1640; Horatius) oder Polyeucte martyr (1643; Polyeukt, der Märtyrer) die klassischen Vorgaben ein. Ein weiterer Vertreter der klassischen Dramatik Frankreichs war der an antiken Vorbildern wie Euripides geschulte Jean Racine, der etwa in der Tragödie Phèdre (1677; Phädra) den Untergang eines in seine Leidenschaften verstrickten Menschen darstellte. Für die Entwicklung der französischen Komödie des 17. Jahrhunderts war vor allem Molière wegweisend, der in Charakterdramen und Sittenstücken wie Le misanthrope (1666; Der Menschenfeind) und Le Malade imaginaire (1673; Der eingebildete Kranke) die vom gesunden Menschenverstand (dem „bon sens”) abweichenden, allgemein menschlichen Schwächen wie Geiz, Hypochondrie etc. bloßstellte. Um eine Neubelebung der Fabelgattung machte sich vor allem Jean de La Fontaine verdient. Im Bereich der Lyrik stellte Nicolas Boileau-Despréaux’ Abhandlung L’Art poétique (1674; Die Dichtkunst) die Forderungen der französischen Klassik nach Rationalität und Klarheit auch für die Dichtkunst zusammen, indem er sich auf Malherbes Ausführungen berief. Zehn Jahre später aber kam es bereits zum Streit zwischen den Vertretern der Klassik und jenen Autoren, die eine adäquate Antwort der Literatur auf den beginnenden sozialen, philosophischen, naturwissenschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel einklagten. Die als Querelle des anciens et des modernes bezeichnete Literaturfehde – ausgelöst wurde sie durch Charles Perraults Siècle de Louis le Grand (1687) – brachte viele Autoren dazu, ihr eigenes, am höfischen Modell orientiertes Schreiben neu zu überprüfen. Selbst in den Salons kam es nun auch zu mehr oder weniger offener Kritik am Absolutismus: Als solche wurde auch François de Fénelons Erziehungsroman Les aventures de Télémaque (1699; Die Erlebnisse des Telemach) gedeutet. Vor allem aber bildete sich ein historisches Bewusstsein aus, das die Möglichkeit einer Entwicklung des ästhetischen Geschmacks implizierte. Eine Abkehr vom Modell der Klassik bedeutete bereits Fénelons – allerdings erst 1716 erschienener – Lettre à l’Académie. Vorbereitend auf die Prinzipien der Aufklärung wirkten die antikirchlich-freigeistigen bzw. philosophischen Werke der kritischen Geschichtsschreibung eines Charles de Saint-Évremond und die Schriften von Bernard de Fontenelle, vor allem aber das Wörterbuch Dictionnaire historique et critique (1697, endgültige Fassung 1702; Historisches und kritisches Wörterbuch) von Pierre Bayle, der die Prinzipien von Skepsis bzw. Toleranz vertrat und offen atheistische Ansichten propagierte.
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