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HomerEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Die Ilias; Die Odyssee; Epischer Stil; Homerische Hymnen; Die „homerische Frage”; Wirkungsgeschichte
Neben der Ilias und der Odyssee wird Homer eine Sammlung von 33 den beiden Epen stilistisch nahe stehenden Gedichten zugeschrieben, eine Zuweisung, die jedoch nicht unumstritten ist. Es handelt sich um Hymnen (Preislieder) auf griechische Gottheiten (z. B. Apollon, Aphrodite, Demeter und Hermes), die die Rhapsoden als Einleitungen zu ihren Rezitationen vortrugen.
Die Texte der homerischen Epen wurden im Lauf der Jahrhunderte immer wieder von älteren Manuskripten (die zum Großteil nicht erhalten sind) abgeschrieben und auf diese Weise durch das Mittelalter und die Renaissance bis in unsere Tage überliefert. Obgleich Homers Identität nicht zweifelsfrei geklärt werden konnte (so wurde er z. B. in der Antike immer wieder als blinder Greis dargestellt) und auch Zweifel bestehen, ob alle Textteile beider Epen durchgehend von demselben Autor verfasst wurden, herrschte doch von der Antike bis in die Neuzeit weitgehend die Meinung vor, dass es sich bei Homer um einen (möglicherweise auch zwei) Dichter handelte. Die Ilias und die Odyssee galten, obwohl sie offensichtlich auf überliefertem Material beruhten, als eigenständige und weitgehend fiktive Originalwerke. Teilweise bereits in der Antike, verstärkt jedoch in den letzten 200 Jahren hat sich diese Sichtweise gewandelt. Die viel diskutierte so genannte „homerische Frage”, also die Frage nach dem Dichter der homerischen Epen und ihrer Entstehungsart, geht auf die Beobachtung zurück, dass beide Werke äußerst disparate Elemente vereinigen, sich viele Unstimmigkeiten feststellen lassen. So treten beispielsweise Waffen- oder Kultbräuche nebeneinander auf, die aus verschiedenen Kulturschichten stammen, unerklärliche Widersprüche und Brüche lassen sich feststellen, aber auch selbständige Einheiten darstellende Lieder und Kleinepen herauslösen, die zu einem größeren Werk kompiliert worden sein könnten. Eine zufrieden stellende Antwort auf die homerische Frage wurde bis heute nicht gefunden. Untersuchungen und Analysen von Einzelaspekten, die im 19. und 20. Jahrhundert unternommen wurden, schienen auf eine Sammlung von Einzelgedichten bzw. -liedern hinzudeuten; nach der unitarischen Betrachtungsweise dagegen sind diese Unstimmigkeiten von untergeordneter Bedeutung und die Epen als einheitliche Werke eines einzelnen Verfassers zu sehen. Archäologische Funde aus den letzten 125 Jahren, insbesondere die Ausgrabungen Heinrich Schliemanns in Troja und Mykene, haben gezeigt, dass die von Homer beschriebene Kultur tatsächlich existierte. Die Epen könnten daher gewissermaßen als historische „Quelle” hinzugezogen werden, ein Aspekt, der seitdem bei der Untersuchung ihrer Entstehung verstärkt mit einbezogen wurde.
Die Wirkung der Epen Homers auf die gesamte nachfolgende Literatur der Griechen kann gar nicht überschätzt werden. Als maßgeblicher Gestalter ihres Götter- und Menschenbildes beeinflusste er Trägodie, Geschichtsschreibung und Philosophie und wurde bereits in der Antike in den Kanon der klassischen Schulautoren aufgenommen. Beinahe jeder Epiker in der abendländischen Literatur berief sich direkt oder indirekt auf das homerische Vorbild oder setzte sich kritisch damit auseinander. In der römischen Literatur gab es bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. eine Nachdichtung durch Livius Andronicus, und Vergils römisches Nationalepos Aeneis beinhaltete eine Widerlegung des individualistischen Wertesystems der homerischen Epik. Die am stärksten an Homer orientierten Szenen in dem Epos Paradise Lost (Das verlorene Paradies) des englischen Dichters John Milton – beispielsweise die Schilderung des Kampfes im Himmel – haben eher komischen Charakter. Im Bereich des Romans, beispielsweise im Don Quijote (1605) von Miguel de Cervantes oder im Ulysses (1922) von James Joyce, zeigen die auf Homer anspielenden Passagen eine deutliche Neigung zu Parodie und Spott. Bahnbrechend unter den englischen Homer-Übersetzungen der Hochrenaissance wurden die Versionen von George Chapman (1616) und Alexander Pope (Ilias, 1715-1720; Odyssee, 1725-1726). In Deutschland wirkte der Einfluss Homers besonders auf Goethe, Lessing und Herder, durch die Übersetzungen von Johann Heinrich Voß (Odyssee, 1781, Ilias, 1793) wurden seine Werke breiten Bevölkerungsschichten zugänglich. Unter den Übertragungen der jüngeren Zeit ist besonders die des Altphilologen Wolfgang Schadewaldt zu nennen (Odyssee, 1958, Ilias, 1975).
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