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Buddhismus

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6.6

Tibetischer Buddhismus

Der tibetische Buddhismus steht in der Tradition des Mahayana, hat aber eine Reihe von Besonderheiten, die dazu geführt haben, dass er nicht nur als weitere Schule oder Richtung, sondern – unter verschiedenen Bezeichnungen wie Vajrayana (Diamant-Fahrzeug), Tantrayana, Mantrayana oder Lamaismus, die jeweils ein Charakteristikum hervorheben – als eigenes Fahrzeug benannt wird. Es gibt einen eigenen tibetischen Kanon mit den beiden Teilen Kanjur und Tanjur. Ersterer besteht aus 108 Bänden und enthält die Ordensregeln sowie Sutras und Tantras; der Tanjur mit 225 Bänden beinhaltet Kommentare und verschiedene Abhandlungen.

Die Bezeichnung Tantrayana weist auf die tantrischen Elemente. Der tantrische Buddhismus entwickelte sich etwa seit dem 3. Jahrhundert n. Chr. in Indien und breitete sich später in China, Korea, Japan und eben in Tibet aus. Nach frühem Buddhismus und Mahayana gilt er als die dritte Drehung des Rades der Lehre. Das 7. und 8. Jahrhundert war die Blütezeit des Tantrismus an den buddhistischen Klosteruniversitäten Nordindiens, etwa in Nalanda. Der Tantrismus bezieht die gesamte Wirklichkeit in die religiöse Erfahrung ein. Er vertritt eine sakramentale Sicht der Wirklichkeit: Jede materielle, psychische und geistige Erscheinung kann demnach zum Symbol für die göttliche Wirklichkeit und somit zum Heilsmittel, zum Vehikel für die Erlangung der Buddhaschaft werden. Farben, Formen und Klänge, vor allem aber rituelle Vergegenwärtigungen höherer Bewusstseinszustände in Form von körperlich visualisierten Gottheiten spielen eine große Rolle. Letztere werden durch körperliche, verbale und mentale Symbole dargestellt, durch Formen (Mandalas), Gesten (Mudras) und Silben (Mantras). Diese tantrische Tradition wurde in Tibet eingeführt und verband sich dort mit den einheimischen schamanischen Praktiken und Kulten der vorbuddhistischen Bon-Religion. Während in der Philosophie alle tibetischen Schulen dem indischen Mahayana folgen, liegt das Besondere des tibetischen Buddhismus in der tantrischen Praxis. Die Einweihung in die tantrischen Rituale und in die Meditationspraxis erfolgt durch einen erfahrenen Guru, tibetisch Lama.

Neben den zahlreichen tantrischen Schriften stellen die wundersamen Lebensgeschichten der vollkommenen Meister, der Siddhas, von denen gewöhnlich 84 gezählt werden, eine weitere Literaturgattung dar. Als einer der bedeutendsten dieser Meister gilt Padmasambhava, der den tantrischen Buddhismus im 7. Jahrhundert nach Tibet brachte. Die Einführung des Buddhismus traf jedoch auf erhebliche Widerstände, und es kam zu einer massiven Verfolgung. Eine Wiederbelebung des Buddhismus, die so genannte zweite Verbreitung, setzte im 10. Jahrhundert ein. Damals entstanden die neuen Schulen oder Orden, die das Leben Tibets bis heute prägen. Die heute noch bestehenden vier großen Schulrichtungen sind die Nyingmapa, die Sakyapa, die Kagyüpa und die Gelugpa.

Eine Besonderheit des tibetischen Buddhismus, nach der er auch Lamaismus genannt wird, ist die Institution reinkarnierter Lamas. Der spirituelle Meister (Sanskrit Guru, tibetisch Lama) vermittelt nicht nur Wissen, sondern spirituelle Kraft. Bedeutende Lamas gelten als Inkarnationen berühmter Lamas aus der Vergangenheit: Auf diese Weise entstanden Inkarnationslinien bzw. -ketten, d. h. unmittelbar aufeinander folgende Inkarnationen, deren Träger als Oberhäupter von Schulen und Klöstern die geistliche und oft auch weltliche Macht ausübten. Am bekanntesten und politisch bedeutsamsten wurden die Dalai-Lamas aus der Gelugpa-Schule, die als Inkarnationen des Bodhisattva Avalokiteshvara betrachtet werden, der auch als Schutzpatron Tibets gilt. Wenn der Dalai-Lama im Westen als Gottkönig apostrophiert wird, so ist das zumindest missverständlich, da er im buddhistischen Verständnis nicht ein Gott ist, sondern die Verleiblichung der barmherzigen Bewusstseinskraft des einen universalen Buddha-Bewusstseins.

7

Gegenwart und Zukunft

7.1

Buddhismus im Westen

Im 19. Jahrhundert übte der Buddhismus als Alternative zu einer christlichen Religion und bürgerlichen Gesellschaft auf Intellektuelle in Europa und Amerika eine erhebliche Anziehungskraft aus. Dieses zunächst intellektuelle akademische Interesse am Buddhismus wurde von einer existentiell-meditativen Suche nach neuen Lebensformen abgelöst, die in der Begegnung mit japanischen Zen-Meistern und tibetischen Lamas Unterstützung fand. Das Ereignis, das dem Buddhismus in Amerika zum Durchbruch verhalf, war das Weltparlament der Religionen von 1893 in Chicago, auf dem die Buddhisten zahlreich vertreten waren. In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts protestierte die so genannte Beat-Zen-Generation gegen die materialistische Kultur und das Spießertum der westlichen Welt. In den achtziger Jahren gründeten japanische Zen-Linien zahlreiche Zentren in Amerika und bildeten auch westliche Zen-Meister aus. Neben dem Zen ist der tibetische Buddhismus die zweite große buddhistische Tradition, die sich in Amerika institutionalisieren konnte. Als der 14. Dalai-Lama 1959 vor den chinesischen Invasoren ins indische Exil floh, folgten ihm viele Lamas, von denen einige sich in Amerika und Europa niederließen. In Deutschland kam es nach 1945 zu zahlreichen Neugründungen von buddhistischen Basisgruppen und Zentren, die sich 1955 zur Deutschen Buddhistischen Gesellschaft zusammenschlossen. Aus ihr wiederum ging 1958 die Deutsche Buddhistische Union als Dachverband hervor.

Seit den siebziger Jahren gibt es bewusste Bestrebungen, die buddhistische Bewegung den europäischen Gegebenheiten anzupassen; dazu gehören etwa die gleichwertige Bedeutung von Laien und Mönchen bzw. Nonnen, die Gleichberechtigung der Frauen, eine Rückbesinnung auf die ursprüngliche Lehre des Buddha Shakyamuni jenseits der kulturellen Besonderheiten in den verschiedenen asiatischen Formen sowie ein verstärktes soziales und politisches Engagement im Sinne des Bodhisattva-Ideals.

7.2

Engagierter Buddhismus

Zu Beginn des letzten Jahrhunderts entwickelten Laien und Mönche in Japan unter dem Stichwort eines buddhistischen Sozialismus ein soziales Engagement, das auf der Grundlage der buddhistischen Ethik auf die sozialen Verwerfungen der Modernisierung antworten sollte; in Thailand erregten die so genannten Entwicklungsmöche Aufmerksamkeit. Thich Nath Hanh, ein 1926 in Vietnam geborener Zen-Mönch, wurde zum Inspirator der Bewegung Engagierter Buddhisten, und 1989 wurde von Laien, Mönchen und Nonnen aus elf Ländern das Internationale Netzwerk Engagierter Buddhisten gegründet.

Die Synthese von buddhistischer Spiritualität und verantwortungsethischem Engagement sowie von buddhistischer Philosophie und westlicher Sozialethik gibt dem Buddhismus im Westen ein spezifisches Gepräge. Möglicherweise ist der Buddhismus damit weltweit in eine neue Phase seiner Entwicklung eingetreten, die vielleicht eine neue Drehung des Rades der Lehre bedeutet.

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