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Jiddische Sprache

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Jiddische Sprache, wichtigste Volkssprache der in Ost- und Westeuropa beheimateten oder von dort stammenden aschkenasischen Juden. Jiddisch gehört zum westgermanischen Teil der germanischen Sprachen, ist jedoch nicht typisch für diese Sprachfamilie. Es wird mit hebräischen Schriftzeichen geschrieben (von denen einige anders als im Hebräischen selbst verwendet werden). Jiddisch (was „Jüdisch” bedeutet) entstand zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert im Südwesten Deutschlands und war eine Anpassung der mittelhochdeutschen Dialekte (besonders der rheinländischen und donauländischen Mundarten) an die spezifischen Spracherfordernisse des Jüdischen. Dem Deutschen wurden hebräische Wörter mit Bezug zum jüdischen religiösen Leben hinzugefügt. Das in früherer Zeit in Osteuropa gesprochene Jiddisch bestand aus etwa 85 Prozent deutschem, zehn Prozent hebräischem und fünf Prozent slawischem Wortschatz. Als später der Großteil der europäischen Juden ins vorwiegend slawischsprachige östliche Europa übersiedelte, ergab sich ein stärkerer Einfluss des Slawischen. Daneben sind Spuren von rumänischen, französischen und anderen Sprachelementen zu finden. Viele englische Wörter und Redewendungen gingen ins Jiddische ein, wo sie zu einem wesentlichen Bestandteil des heute in den USA und anderen englischsprachigen Ländern gesprochenen Jiddisch wurden. Neben den Änderungen im Wortschatz unterscheidet sich das heutige Jiddisch vom modernen Deutschen vor allem durch vereinfachte Flexion und Syntax, die Entstehung einiger von den slawischen Sprachen beeinflusster grammatischer Züge und die freiere Aussprache von deutschen Wörtern. Die Aussprache des Jiddischen wurde ebenfalls sehr stark durch die slawischen Sprachen beeinflusst. In der Wortbildung und in der Verwendung der Hilfsverben gleicht das Jiddische dem Englischen, das ebenfalls eine germanische Sprache mit einem auf verschiedene Weise erweiterten Wortschatz ist.

Im Jiddischen gibt es zwei Dialektgruppen, von denen eine noch weiter unterteilt ist. Das Westjiddische wird nur noch von wenigen Sprechern hauptsächlich in den deutschsprachigen Gebieten Westeuropas gesprochen. Das weiter verbreitete Ostjiddisch hat einen nordöstlichen und einen südlichen Zweig. Zum nordöstlichen Zweig gehört das in den baltischen Ländern und im Nordwesten Russlands sowie von aus diesen Gegenden ausgewanderten Juden und deren Nachkommen gesprochene Jiddisch. Zum südlichen Zweig – der in eine zentrale und eine südöstliche Untergruppe aufgeteilt ist – gehören die in Polen, Rumänien und der Ukraine gesprochenen Dialekte.

Jiddisch ist eine äußerst anpassungs- und aufnahmefähige Sprache, die reich an Redewendungen ist und bemerkenswerte Frische, Kraft und Schärfe besitzt. Da es mehr von einfachen Leuten als von Gelehrten gesprochen wurde, besitzt es wenig abstrakte Wörter. Aus diesem Grund weist es auch wenige die Natur beschreibende Wörter auf, mit der die osteuropäischen Juden kaum in Berührung kamen, dafür aber einen großen Wortschatz, der die Eigenschaften und die Beziehungen der Menschen untereinander beschreibt. Das Jiddische macht freien Gebrauch von Verkleinerungsformen und Kosewörtern, und es besitzt eine große Bandbreite von Schimpfwörtern. Es gibt eine große Zahl von Sprichwörtern und sprichwörtlichen Redensarten. Diese Eigenschaften machen das Jiddische zu einer außergewöhnlich warmen und persönlichen Sprache.

Man schätzt, dass Anfang des 20. Jahrhunderts Jiddisch von elf Millionen Menschen hauptsächlich in Osteuropa und in den USA gesprochen wurde. Etwa die Hälfte dieser Menschen kam im 2. Weltkrieg während der Massenvernichtung der Juden um. Heute gibt es noch etwa vier bis fünf Millionen Sprecher. Auch die Tatsache, dass immer mehr Juden die in den USA und in der Sowjetunion vorrangig gesprochenen Sprachen übernommen haben, trug zum Niedergang des Jiddischen bei. 1984 wurde in der UdSSR ein Russisch-Jiddisches Wörterbuch mit Artikeln zu Etymologie und Grammatik veröffentlicht. Seither haben russische Juden auch einige Romane auf Jiddisch verfasst. In Israel wird überwiegend Hebräisch gesprochen. Jiddisch ist eine Zweitsprache, die vor allem von Mitgliedern der älteren Generation mit osteuropäischem Hintergrund gepflegt wird. Nur wenige israelische Dichter schreiben heute in jiddischer Sprache. Die Hebräische Universität von Jerusalem bemüht sich darum, das Jiddische zu erhalten, indem sie Jiddisch als Unterrichtsfach anbietet. Das Studium der Entwicklung der jiddischen Sprache ist Teil des Versuchs des 1925 in Berlin gegründeten und 1940 nach New York übersiedelten YIVO Institute for Jewish Research, die Geschichte der Kultur des osteuropäischen Schtetl, d. h. der ehemals überwiegend von Juden bewohnten Orte Osteuropas, zu bewahren.

Seit Mitte der neunziger Jahre wird der Ursprung des Jiddischen von Sprachwissenschaftlern (vor allem in den USA) kontrovers diskutiert. Eine der Theorien besagt, dass das Jiddische im Wesentlichen aus dem Bayerischen stamme. Bei Alltagswörtern (z. B. Blume, Gasse, Rad oder Tag) hätten die Bayern mehr Entsprechungen mit dem Jiddischen als andere deutsche Volksstämme. Diese Theorie hat Konsequenzen für das Geschichtsverständnis der europäischen Juden und ihrer Nachfahren in den USA und Israel: Danach würde der überwiegende Teil der osteuropäischen Juden aus dem Donau-Raum oder aus noch östlicheren Gebieten stammen und nicht, wie es die klassische Aschkenasim-Lehre besagt, vor allem aus dem Rheinland.

Eine kaum belegbare Theorie behauptet sogar, Jiddisch sei ursprünglich eine slawische Sprache gewesen, in der die meisten Vokabeln nur durch deutsche Wörter ersetzt worden seien. Diese Annahme stützt jüdische Sprachwissenschaftler, die seit dem Ende des 2. Weltkrieges versuchen, das Jiddische vom Deutschen zu trennen und als „einzigartige kulturelle Schöpfung der Juden” einzuordnen.

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