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Fjodor M. Dostojewskij

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Fjodor M. DostojewskijFjodor M. Dostojewskij
Artikelgliederung
5

Die philosophischen Romane

In den Jahren nach 1866 war Dostojewskij überaus produktiv. Der Roman Schuld und Sühne (1866) erschien, als er noch in Russland weilte. Zwischen 1867 und 1871, als sich der Autor auf der Flucht vor Gläubigern im Ausland aufhielt, wurden die Fortsetzungsromane Der Idiot (1868-1869) und Die Dämonen (1871/72) vollendet bzw. begonnen, die Dostojewskij weltberühmt machen sollten. Seinen letzten Roman, Die Brüder Karamasow (1879/80), beendete Dostojewskij erst kurz vor seinem Tod am 9. Februar 1881 in Sankt Petersburg. Der Entstehungsprozess dieser Romane lässt sich anhand des Tagebuches eines Schriftstellers (1873-1881) akribisch nachvollziehen. Neben autobiographischen und poetologischen Bemerkungen erschienen in den Tagebüchern auch mehrere Prosatexte, darunter Bobok (1873) und die wegen ihrer stenographischen Genauigkeit als „phantastisch” bezeichnete Erzählung Die Sanfte (1876).

Wie bereits mehrmals zuvor stellte Dostojewskij auch in Schuld und Sühne (eine bessere Übersetzung des Originaltitels wäre Übertretung und Zurechtweisung) mit dem verarmten Petersburger Studenten Raskolnikow (von russisch raskol: Abspaltung) einen vom Volk losgelösten Helden in den Mittelpunkt. Dadurch, dass Raskolnikow den von ihm begangenen Mord an einer Pfandleiherin (der „Laus”) und ihrer Schwester letztendlich als Versuch deklariert, sich über die moralischen Grundsätze der Allgemeinheit hinwegzusetzen und damit zum Übermenschen (zum „Napoleon”) zu werden, wird das kriminalistische Element des Buches auf eine philosophische Ebene gehoben. Statt Genugtuung aber stellt sich bei Raskolnikow nur das Gefühl völliger Vereinsamung ein. Erst durch ein Geständnis und die aufopfernde Liebe der engelsgleichen Prostituierten Sonja gelingt dem philosophischen Verbrecher die Läuterung. Die Abkehr vom materialistischen Denken seiner Vorzeit lässt Raskolnikow im sibirischen Gefangenenlager zu neuem Leben auferstehen.

Anders als in Schuld und Sühne steht in Der Idiot eine Figur im Zentrum des Geschehens, die von Beginn an christusähnliche Züge trägt. In Notizen hat Dostojewskij sie selbst einen „im positiven Sinne schönen Menschen” genannt. Schönheit und Sittlichkeit sind hier synonym gedacht. Als Idiot erscheint der Epileptiker Fürst Myschkin nur einer unverständigen Umgebung. Tatsächlich weist seine Epilepsie auf Dostojewskijs Ideal eines religiösen Mystizismus hin. Durch sein Erleben einer höheren Realität fällt Myschkin aus der Summe der negativen Helden Dostojewskijs ganz heraus. Ästhetisch interessant ist Myschkin aber vor allem durch seine romankonstituierende Funktion: Trotz seiner sozialen Isolation sind alle Erzählstränge auf ihn bezogen, und alle Figuren wenden sich ihm zu. Die Aura Fürst Myschkins gewährt dem Roman seine Einheit.

In Die Dämonen greift Dostojewskij das zentralistische Modell des Idioten wieder auf. Wie um eine Sonne gruppieren sich im Universum des Romans mehrere Revolutionäre um den Anarchisten Stawrogin, dessen nihilistischer Egalismus („Alles ist allem gleich”) wiederum im Mord kulminiert. Das an einem vermeintlichen Verräter begangene Verbrechen gibt der Gruppierung Sinn und Zusammenhalt. Zur Konzeption der Dämonen ließ sich Dostojewskij von Presseberichten über den Mord an dem Studenten Iwanow im Park der Landwirtschaftlichen Moskauer Akademie inspirieren. Doch überhöht er auch hier das Geschehen im philosophischen Sinne: Alle Revolutionäre sind besessen von atheistisch-zerstörerischen Idealen. Im Roman stellt Dostojewskij ihnen das Credo der Nebenfigur Schatows entgegen: „Ich glaube an Russland, ich glaube an die Orthodoxie ... Ich glaube, dass Christi Wiederkunft in Russland stattfinden wird.” So wird die Figur zum Sprachrohr ihres Autors. Demgegenüber beichtet Stawrogin: „Ich glaube an den Teufel.”

Dostojewskijs letzter Roman Die Brüder Karamasow stellt eine Quintessenz des Gesamtwerks dar, und auch hier ersetzt ein komplexes Netz von Handlungen und Intrigen die stringente Handlung. Auf der untersten Ebene ist das Buch als Kriminalgeschichte eines Vatermordes lesbar. Seine intellektuelle Spannung bezieht es jedoch aus der Konfrontation der Brüder Karamasow, die jeweils verschiedene weltanschauliche Positionen vertreten: Die Intellektualität des Skeptikers Iwan wird im Roman gegen die Emotionalität Dmitrijs und die Frömmigkeit Aljoschas ausgespielt. Alle drei Typen aber illustrieren gemeinsam einmal mehr Dostojewskijs Figurenkonzeption unter dem Aspekt der selbstzerstörerischen Qual (nadryw) des Individuums. In ihnen sind die existentiellen Antinomien Dostojewskijs (Machthunger versus Unterwerfung, Freiheit versus Zwang, Sünde versus Ethik, Körper versus Seele) neuerlich umrissen.

6

Wirkungsgeschichte

In seiner epochalen Studie Probleme der Poetik Dostojewskijs (1929) wies der russische Literaturwissenschaftler Michail Michajlowitsch Bachtin auf das neue Erzählverfahren Dostojewskijs hin und hob die „Polyphonie” (Mehrstimmigkeit) der Romanstruktur hervor. Bachtin zufolge treten die Figuren als Vertreter philosophischer Ideen auf, die Dostojewskij ohne Erzählerkommentar nebeneinanderstehen lässt. Antithetische Positionen werden zumeist in Rededuellen (wie etwa zwischen Iwan und Aljoscha in den Brüdern Karamasow) dargelegt. Wie Bachtin nachweisen konnte, findet dieses dialogische Prinzip bei Dostojewskij selbst in den Monologen der Figuren Anwendung: In den Aufzeichnungen aus einem Kellerloch etwa reagiert der Protagonist in seinen Reflexionen auf die Präsenz eines imaginären (Lese-)Publikums, indem er dessen Einwände in direkter Anrede („Sie denken bestimmt„, „oder denken Sie vielleicht”) selbst vorwegnimmt.

Auch wenn Wladimir Nabokov Dostojewskij wegen dieser quasi dramatischen Darstellungsweise jegliches Talent als Prosaautor absprach – besser hätte er, so Nabokov, Theaterstücke verfasst –, hat dessen Romanwerk doch gerade durch diese beiden innovativen Aspekte (Psychologie und Polyphonie) einen kaum zu unterschätzenden Einfluss auf die Literatur der Moderne ausgeübt. In Deutschland etwa wurde die 1882 unter dem Titel Raskolnikow erschienene Übersetzung von Schuld und Sühne begeistert aufgenommen. Vor allem die realistische Schilderung menschlicher Pathologien und die philosophische Stilisierung der Figuren zu Ideenträgern prägten die Schriftstellergenerationen von Naturalismus und Expressionismus nachhaltig. Auch die Autoren des Existentialismus und Surrealismus standen unter Dostojewskijs Einfluss: So behauptete etwa Jean-Paul Sartre, durch die Lektüre Dostojewskijs erst zu seinen Schriften angeregt worden zu sein. Deutlich ist vor allem in Sartres Einakter Bei geschlossenen Türen (1944) die Grundidee der Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (die Außenwelt als Hindernis der eigenen Selbstverwirklichung) erkennbar. Einer der größten und frühesten Bewunderer der Aufzeichnungen aber war Friedrich Nietzsche („ein wahrer Geniestreich der Psychologie”), der in der Erzählung die eigene Konzeption einer philosophischen „Umwertung aller Werte” vorweggenommen sah. Ansonsten bespiegelt gerade Nietzsches Urteil Dostojewskijs unaufhörliches Schwanken zwischen Traditionalismus und Modernität: Der Russe sei, so Nietzsche, ein „grandioser Psychologe – und ein erbärmlicher Christenmensch”.

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