![]() Auswahl der Encarta-Redaktion
Gute Bücher zum Thema "Osmanisches Reich", ausgewählt von den Encarta-Redakteuren. Verwandte Elemente
Suche in Encarta
In Encarta suchen nach Osmanisches Reich |
Windows Live® Suchergebnisse
Windows Live® Suchergebnisse Seite 2 von 3
Osmanisches ReichEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Expansion des Osmanischen Reiches; Staats- und Gesellschaftsstruktur des Osmanischen Reiches; Niedergang
Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts kontrollierten die Sultane sowohl die türkische Aristokratie als auch die durch das Dewschirme-System zum Islam bekehrten Christen und deren Nachkommen durch eine ausgeklügelte Balance der Macht, bei dem beide Gruppierungen gegeneinander ausgespielt wurden. Unter der Regierung Süleimans gewannen jedoch die Dewschirme die Oberhand und verdrängten die alte türkische Stammesaristokratie aus den Führungspositionen. Zu dieser Zeit begann das Reich auch unter der in einer Ära des inneren Friedens entstandenen Überbevölkerung zu leiden. Die hohe Geburtenrate führte schließlich auf dem Land und in den Städten zu Arbeitslosigkeit, die zudem durch die begrenzten Möglichkeiten des Landerwerbs und eine von den städtischen Gilden durchgesetzte restriktive Wirtschaftspolitik noch verschlimmert wurde. Diese Arbeitslosen schlossen sich häufig zu Räuberbanden zusammen, die Stadt und Land gleichermaßen verunsicherten. Durch die inkompetente, korrupte und ineffektive Regierung wurde die Landwirtschaft vernachlässigt, das Reich litt unter Hungersnöten und Epidemien, und ganze Provinzen fielen unter die Herrschaft örtlicher Feudalherren. Die Untertanen litten stark unter diesen Bedingungen, wurden jedoch von den schlimmsten Auswüchsen durch das System der Millets und der Gilden, die einen Stützpfeiler der Gesellschaft darstellten und bei Bedarf auch Regierungsfunktionen übernahmen, bewahrt. Die Osmanen zeigten sich aus mehreren Gründen nicht sehr besorgt über den Reichsverfall. Zum einen war Europa für mindestens ein Jahrhundert so stark mit seinen eigenen Problemen beschäftigt, dass es die Schwäche des Osmanischen Reiches nicht wahrnahm und auch nichts unternahm, um aus dieser Situation Vorteile zu ziehen. Zum anderen profitierte der Großteil der herrschenden osmanischen Klasse von dem Chaos im Land. Und schließlich nahmen die Osmanen die Veränderungen, die Europa um vieles mächtiger als zuvor werden ließen, nicht bewusst wahr. Sie gingen nach wie vor davon aus, dass die islamische Welt dem christlichen Europa noch immer weit überlegen sei. Unter diesen Bedingungen sah die herrschende Klasse keinerlei Veranlassung, Veränderungen vorzunehmen oder Reformen durchzuführen. Nach einer gewissen Zeit begannen die Mächte Europas jedoch das Ausmaß des inneren Verfalls des Osmanischen Reiches zu begreifen und daraus Nutzen zu ziehen. 1571 drang die Flotte der Heiligen Liga unter Don Juan de Austria in den östlichen Mittelmeerraum vor und zerstörte die osmanische Flotte in der Seeschlacht bei Lepanto. Dieser Niederlage begegneten die Osmanen mit dem Bau einer vollständig neuen Flotte, die sie in die Lage versetzte, die Kontrolle des Mittelmeerraumes für ein weiteres halbes Jahrhundert zurückzugewinnen. Trotzdem setzte sich in Europa die Ansicht durch, dass die Osmanen zu besiegen seien. Am Ende des Krieges mit Österreich (1593-1606) musste der Sultan den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches als gleichrangigen Partner anerkennen und die Tributpflicht Österreichs aufheben, was den europäischen Mächten die Schwäche des Osmanischen Reiches noch deutlicher vor Augen führte.
Erst als das Reich, von dem ihre Privilegien und ihr Reichtum abhingen, von außen bedroht wurde, akzeptierte die führende Schicht die Reformen. 1623 eroberte Schah Abbas I. von Persien Bagdad und den Osten des Irak und schürte eine Reihe turkmenischer Revolten in Ostanatolien. Als Antwort darauf etablierte Sultan Murad IV. erneut die alten Herrschaftsstrukturen und erhöhte damit die Effizienz der herrschenden Klasse und der Armee. Diese so genannten traditionellen Reformen wurden mit der Hinrichtung von Tausenden von Personen, die des Verstoßes gegen islamische Gesetze und Traditionen schuldig befunden wurden, eingeleitet. In der Folge gelang es, die Perser aus dem Irak zu vertreiben und den Kaukasus zu erobern (1638). Unter Murads Nachfolger setzte jedoch der Niedergang der Zentralautorität wieder ein. Der Türkisch-Venezianische Krieg, der im Seeangriff Venedigs in den Dardanellen seinen Höhepunkt erreichte, führte zum Aufstieg der Köprülü-Dynastie von Großwesiren, die ein weiteres Mal mit den von Murad VI. angewendeten Methoden dem Reichsverfall Einhalt zu gebieten und die ehemalige Macht des Osmanischen Reiches wieder herzustellen versuchten. 1683 unternahm der letzte Großwesir der Köprülü, Kara Mustafa Pascha, einen erneuten Versuch, Wien zu erobern. Nach einer kurzen Belagerung fiel die osmanische Armee jedoch gänzlich auseinander. Diese Tatsache ermöglichte es einer neuen Europäischen Heiligen Liga, Teile des Reiches zu erobern. Nach den Friedensverträgen von Karlowitz (1699) mussten Ungarn und Transsilvanien an Österreich, Dalmatien, der Peloponnes und wichtige ägäische Inseln an Venedig, Podolien und der Süden der Ukraine an Polen sowie Asow und die Gebiete nördlich des Schwarzen Meeres an Russland abgetreten werden.
Selbst in dieser Phase wies das Osmanische Reich jedoch noch genug innere Stärke auf, schlimme Missstände zu beseitigen und durch die Übernahme moderner europäischer Waffen und Taktiken sogar verlorene Gebiete zurückzugewinnen. 1711 zerschlugen die Osmanen einen Angriff des russischen Zaren Peter I., des Großen, und zwangen ihn zur Rückgabe der in Karlowitz verlorenen Gebiete; im Krieg mit Venedig und Österreich (1714-1717) verloren sie dagegen Belgrad und Nordserbien. Dies führte zu einer neuen Zeit der Reformen, genannt Tulpenzeit (1715-1730), während der die osmanische Armee umorganisiert und modernisiert wurde, mit dem Ziel, das Reich vor weiteren Gebietsverlusten zu bewahren. Mahmud I. (1730-1754) setzte während seiner Regierungszeit diese Bemühungen fort und beauftragte den französischen Artillerieoffizier Claude de Bonneval, genannt Humbaracı Ahmed Pascha, ein neues Artilleriekorps nach europäischem Muster aufzustellen. Damit waren die Osmanen im Krieg gegen Russland und Österreich (1736-1739) in der Lage, den Großteil der verlorenen Gebiete in Nordserbien und an der Nordküste des Schwarzen Meeres zurückzuerobern. Anschließend folgte eine Zeit des Friedens zwischen dem Osmanischen Reich und Europa, die in erster Linie darauf zurückzuführen ist, dass die europäischen Staaten in andere Kriege verwickelt waren. Diese Unterbrechung ließ jedoch einmal mehr die herrschende Klasse glauben, dass die Gefahr gebannt sei, und der Reichsverfall setzte schnell wieder ein. In zwei verheerenden Kriegen zwischen 1768 und 1792 (siehe Russisch-TürkischeKriege) zerfiel die osmanische Armee. Bis zum Frieden von Jassy (1792) hatten die Osmanen ihre Gebiete nördlich der Donau verloren und sich von der Krim und den Gebieten östlich vom Dnjestr bis Russland zurückgezogen. In den anderen europäischen Gebieten, in Asien und Afrika waren Herrscher an der Macht, auf die die Zentralregierung nur wenig Einfluss hatte.
Während des 19. Jahrhunderts verschärfte sich die Gefahr einer Eroberung durch ausländische Mächte noch durch das Entstehen des Nationalbewusstseins der unter osmanischer Herrschaft stehenden Völker. Die nichttürkischen Völker des Reiches forderten ihre Unabhängigkeit und erhielten sie auch nach und nach. Griechenland wurde als erstes Land 1829 in die Unabhängigkeit entlassen. Daraufhin kam es zu Revolten der Serben, Bulgaren und Albanier sowie der Armenier Ostanatoliens. Die osmanischen Herrscher führten daraufhin Reformen durch (1839-1878), die unter dem Namen Tanzimat (türkisch: „Umorganisation”) bekannt wurden. Das Tanzimat wurde unter Mahmud II. geplant und begonnen und erreichte seinen Höhepunkt unter der unumschränkten Herrschaft von Abd ül-Hamid II. (1876-1909). Mahmud II. hatte es sich zum Ziel gesetzt, die alte Armee aufzulösen und durch eine neue Armee nach europäischem Vorbild zu ersetzen. 1826 löste er die Janitscharen und die Armee der Spahis auf. Die Timare wurden 1831 vollständig vom Staat übernommen. Es wurde eine Armee aus Wehrpflichtigen aufgestellt, die durch Steuern finanziert werden sollte. Zur Erhebung der Steuern war allerdings ein größerer, effizienterer Verwaltungsapparat erforderlich. Außerdem war eine entsprechende Ausbildung der Offiziere und Staatsbeamten notwendig. Umfangreiche öffentliche Bauvorhaben zur Modernisierung der Infrastruktur des Reiches wurden in Angriff genommen, neue Städten, Straßen, Eisenbahnen und Telegraphenlinien entstanden. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nahmen die Osmanen zum ersten Mal verstärkt Kredite im Ausland auf, um die Reformen finanzieren zu können. 1875 war das Reich außerstande, die Zinsen für seine Auslandsschulden zu bezahlen. Moderne landwirtschaftliche Methoden trugen ebenfalls zur erneuten Blüte des Osmanischen Reiches bei. Aber auch restriktive Maßnahmen gegen Minderheiten waren Teil der neuen Politik, die vor allem während des 1. Weltkriegs zu Massakern an Armeniern führte (siehe Armenien).
Durch wirtschaftliche, finanzielle, politische und diplomatische Probleme wurden die Tanzimatsreformen jedoch schon bald untergraben. Die seit kurzem industrialisierten europäischen Staaten benötigten das Osmanische Reich als Lieferanten billiger Rohstoffe und als Absatzmarkt für ihre Fertigprodukte. Durch die Kapitulationen – Verträge, in denen die Sultane Europäern seit dem 16. Jahrhundert gestatteten, im Osmanischen Reich nach ihren eigenen Gesetzen und unter ihren eigenen Konsuln zu leben – konnten die Europäer die Osmanen daran hindern, Importe aus dem Ausland zu begrenzen und verhinderten so einen wirksamen Schutz der erst im Entstehen begriffenen Industrie. Da die Osmanen weitgehend von Kapital und technischem Wissen ausländischer Unternehmen abhingen, waren sie gezwungen in den letzten Jahren des Tanzimats so hohe Anleihen bei europäischen Banken zu tätigen, dass über die Hälfte des gesamten Staatseinkommens von den Zinsen verschlungen wurde. Darüber hinaus stieg in der Bevölkerung der Unmut über die neue moderne Verwaltung. Eine Gruppe liberal gesinnter Intellektueller mit konstitutionellen Zielen, bekannt unter dem Namen Jungtürken, begann damals, eine Begrenzung der Macht der herrschenden Klasse und der Beamten sowie die Einrichtung eines Parlaments zur Vertretung der Rechte des Volkes zu fordern. Da die Jungtürken von den Führern des Tanzimats politisch verfolgt wurden, flohen sie ins Ausland, wo sie ihre Forderungen in Büchern und Flugblättern veröffentlichten. Diese gelangten über die ausländischen Postämter, die unter dem Schutz der Kapitulationsurkunden standen und somit osmanischer Kontrolle entzogen waren, ins Osmanische Reich. Zur gleichen Zeit entstand in den seit kurzem unabhängigen Balkanstaaten eine starke Widerstandsbewegung, die sich die Kontrolle über das Gebiet Makedonien, dessen Bevölkerung zu nahezu gleichen Teilen aus Muslimen und Christen bestand, zum Ziel gesetzt hatte. In Griechenland, Serbien und Bulgarien entstanden Unabhängigkeitsbewegungen, die ihren Forderungen durch Terroranschläge Nachdruck verliehen und eine große Herausforderung für den osmanischen Staat darstellten.
© 1993-2008 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten. |
© 2008 Microsoft
![]() ![]() |