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Osmanisches ReichEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Expansion des Osmanischen Reiches; Staats- und Gesellschaftsstruktur des Osmanischen Reiches; Niedergang
Zu diesem Zeitpunkt führten eine neue internationale Krise, ein drohender Krieg mit Russland und Österreich und die konstitutionellen Bestrebungen einer Gruppe von Reformern zum Sturz des Sultans Abd ül-Asis. Nach der kurzen Regierungszeit von Murad V. bestieg Sultan Abd ül-Hamid II. den Thron. Er erließ eine Verfassung und willigte in die Bildung eines repräsentativen Parlaments ein, das 1877 zu seiner ersten Sitzung zusammentrat, aber bald darauf wegen des Krieges mit Russland wieder aufgelöst wurde. Auf dem Berliner Kongress (1878) trug Abd ül-Hamid in Zusammenarbeit mit Großbritannien zu einer Lösung der internationalen Krise bei. Unter dem Eindruck der fortdauernden Bedrohung durch die europäischen Mächte löste Abd ül-Hamid jedoch das Parlament auf und setzte eine autokratische Regierung (1878) ein. Den Beamten wurden die Regierungsvollmachten entzogen, die Macht im Palast konzentriert, jegliche Opposition wurde unterdrückt. Abd ül-Hamid gelang es, finanzielle Stabilität herzustellen und die Wirtschaft anzukurbeln, aber die politische Unterdrückung rief schließlich die liberale Widerstandsbewegung der Jungtürken auf den Plan. Diese setzte die Wiedereinführung von Verfassung und Parlament in einem als jungtürkische Revolution (1908) bezeichneten Aufstand durch. Der Erfolg des neuen konstitutionellen Regimes wurde jedoch sehr schnell von einer Reihe politischer Ereignisse geschmälert. Österreich annektierte Bosnien und die Herzogewina, Bulgarien gliederte Ostrumelien ein, und in Makedonien und Ostanatolien kam es erneut zu gewaltsamen Terrorakten. Abd ül-Hamid und seine Anhänger im Palast lasteten diese Probleme dem neuen Regime an und unternahmen im April 1909 eine Konterrevolution (Gegenrevolution). Das Parlament wurde aufgelöst und viele der Abgeordneten verhaftet. Aber die von den Jungtürken angeführte Armee in Makedonien marschierte auf Istanbul, schlug die Konterrevolution nieder und setzte den Sultan ab. Die nachfolgenden osmanischen Herrscher saßen zwar auf dem Sultansthron, hatten jedoch keine Regierungsgewalt mehr.
Die Jahre zu Beginn der Ära der Jungtürken (1908-1918) waren die demokratischste Zeit in der Geschichte des Osmanischen Reiches. Verfassung und Parlament wurden wieder eingesetzt und politische Parteien zugelassen. Die stärkste Partei war die von den Jungtürken gegründete Partei für Einheit und Fortschritt; daneben entwickelte sich jedoch noch eine Vielzahl anderer Parteien. Die Reformen der Jungtürken, die alle Lebensbereiche erfassten, erreichten ihren Höhepunkt in der Trennung von Kirche und Staat im Bildungs- und Rechtswesen sowie in der Einführung der Frauenrechte während des 1. Weltkrieges. Der moderne Staatsapparat aus der Tanzimat-Zeit wurde auf eine demokratische Basis gestellt, Industrie und Landwirtschaft wurden gefördert und moderne Methoden zur Führung des Staatshaushalts eingeführt. Der erste Balkankrieg führte jedoch zu einer Revolte innerhalb des Ausschusses für Einheit und Fortschritt, worauf ein von Enver Pascha angeführtes Triumvirat versuchte, die Regierungsgewalt zu übernehmen. Es machte sich die Uneinigkeit unter den siegreichen Balkanstaaten zunutze, um Edirne (Adrianopel) im zweiten Balkankrieg zurückzugewinnen, was schließlich zum Gelingen des Staatsstreiches der Jungtürken führte.
Zu Beginn versuchte das Triumvirat, eine Einmischung in den 1. Weltkrieg zu vermeiden. Aber das Angebot Deutschlands, das Reich bei der Rückeroberung der verlorenen Provinzen zu unterstützen und die Beschlagnahmung türkischer, in England im Bau befindlicher Kriegsschiffe durch die Briten führten das Osmanische Reich letztendlich zum Kriegseintritt an der Seite der Mittelmächte im Jahr 1914. Die türkischen Streitkräfte drängten in der Gallipoli-Kampagne ein ganzes Expeditionskorps erfolgreich zurück und nahmen es in Kut-al-Imara im Irak gefangen. Der Feldzug auf die Sinai-Halbinsel mit dem Ziel der Eroberung des Suezkanals und Ägyptens verlief jedoch erfolglos und endete mit der von den Briten unterstützten arabischen Revolte auf der Arabischen Halbinsel. Eine britische Truppe überfiel mit arabischer Hilfe Syrien von Ägypten aus und hatte gegen Kriegsende Südanatolien erreicht. Der Feldzug Enver Paschas in den Kaukasus am Anfang des Krieges endete weniger wegen der Abwehr russischer Truppen als vielmehr auf Grund seiner schlechten Organisation und gleichzeitig ausbrechender Aufstände in den Ostprovinzen erfolglos. In der Folge davon konnte Russland in Ost- und Mittelanatolien einfallen (1915-1916), bis diese Eroberungen 1917 durch die Russische Revolution beendet wurden. Die verheerenden Folgen dieser Überfälle aus dem Ausland wurden durch innere Revolten, Lebensmittelknappheit, Hungersnot und Krankheiten noch verschlimmert. Rund sechs Millionen Menschen aller Religionsgemeinschaften, etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung des Reiches, starben oder wurden getötet, und die Wirtschaft des Landes war stark angeschlagen.
Nach der Kapitulation des Reiches wurde die türkische Regierung unter die Aufsicht der alliierten Besatzungsmächte unter Führung der Briten gestellt. Auf der Pariser Friedenskonferenz wurde die Abtretung der Balkanprovinzen und der arabischen Provinzen beschlossen, und die vorwiegend von Türken bewohnten Gebiete in Ost- und Südanatolien sollten unter ausländische Kontrolle oder die Kontrolle von Minderheitengruppen kommen. Eine große griechische Streitmacht nahm 1922 Izmir ein und überfiel Südwestanatolien. Nach Bekanntwerden der Massaker an der türkischen Bevölkerung stellten die Alliierten jedoch ihre Unterstützung für Griechenland ein. In der Folge der vorgeschlagenen Friedensregelung und als Antwort auf die Invasion Griechenlands entstand in Anatolien unter Führung von Mustafa Kemal Atatürk die türkische nationalistische Bewegung. Während des türkischen Unabhängigkeitskrieges (1918-1923) widersetzte sich Atatürk erfolgreich den Bedingungen der Alliierten, verdrängte die griechischen sowie die britischen, französischen und italienischen Besatzungsmächte und setzte eine im Frieden von Lausanne (1923) festgelegte Regelung durch, die der Türkei die uneingeschränkte Kontrolle über die türkischen Gebiete Ostthrakien und Anatolien sicherte. Nach diesem Erfolg wurde die Republik Türkei mit der Hauptstadt Ankara ausgerufen, und das Kalifat des Sultans in Istanbul hörte auf zu existieren (1923).
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