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Johann Wolfgang von Goethe

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Johann Wolfgang von Goethe: Wanderers NachtliedJohann Wolfgang von Goethe: Wanderers Nachtlied
Artikelgliederung
2.4

Italienische Reise und Rückkehr nach Weimar (1786-1793)

Im Herbst 1786 brach Goethe, der die Last der dienstlichen und höfischen Verpflichtungen trotz fruchtbarer persönlicher Beziehungen (u. a. zu Herder und Knebel, mit dem er botanische Studien trieb) immer drückender empfand, zu einer Bildungs- und Erholungsreise nach Italien auf. Die Umstände dieser ersten italienischen Reise (1786-1788) sind ausführlich in den für Charlotte von Stein geführten Tagebüchern dokumentiert, die ihm drei Jahrzehnte später als Quelle seiner autobiographischen Schrift Die Italienische Reise (1816/17) dienten. Der Weg des Dichters, der inkognito als „Maler Möller” reiste, führte zunächst über den Gardasee (Torbole, Malcesine) und Verona nach Vicenza, wo er die Bauten Andrea Palladios bewunderte. Nach kurzen Aufenthalten in Padua, Venedig, Bologna und Florenz erreichte er im Oktober Rom, sein eigentliches Ziel. Er nahm dort Quartier bei dem ihm bekannten Maler Johann Heinrich Tischbein, der mit Goethe in der Campagna (1786-1788, Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt) eines seiner berühmtesten Porträts schuf, und knüpfte Beziehungen zu zahlreichen deutschen Künstlern, wie dem Dichter Karl Philipp Moritz und dem Landschaftsmaler Philipp Hackert. Eine enge Freundschaft verband ihn auch mit der Malerin Angelica Kauffmann.

Während des gesamten Italienaufenthaltes, den er hauptsächlich in Rom verbrachte, war Goethe neben seinen literarischen Projekten (Egmont, Tasso, Faust, Iphigenie) mit Studien der antiken Bildhauerkunst und der Vervollkommnung seiner zeichnerischen Fähigkeiten beschäftigt. Das südliche Klima, die reichen Kunstschätze und das freie Ausleben seiner künstlerischen Neigungen ließen Goethe diese Reise als „Wiedergeburt” und „sonderbare Hauptepoche” seines Lebens erfahren. Unmittelbare literarische Frucht trug sie in den 1788 bis 1790 entstandenen Römischen Elegien (gedruckt 1795), einer geistreichen Auseinandersetzung mit der antiken Liebesdichtung (Tibull, Properz und Catull) und einer Abhandlung über den Römischen Carneval (1788).

Nach seiner Rückkehr nach Weimar im Juni 1788 übernahm Goethe die Leitung des „Freien Zeichen-Institutes”, wurde aber ansonsten – abgesehen von der Direktion der Ilmenauer Bergwerke – auf eigenen Wunsch von allen anderen Ämtern entbunden (ab 1791 Oberdirektion des Hoftheaters). Kurz darauf lernte er seine künftige Lebensgefährtin Christiane Vulpius (1765-1816) kennen. Die Verbindung mit der in ärmlichen Verhältnissen lebenden Vollwaise stieß in der standesbewussten Hofgesellschaft auf Ablehnung und trübte vorübergehend das Verhältnis zu Charlotte von Stein. Im selben Jahr kam es in Rudolstadt zur ersten Begegnung mit Friedrich von Schiller, dem Goethe eine Professur in Jena vermittelte, ansonsten aber reserviert gegenübertrat. 1790 veröffentlichte er die abgeschlossene Erstfassung des Faust (Faust. Ein Fragment) und reiste erneut nach Italien, um die Herzoginmutter Anna Amalia von dort nach Weimar zurückzubegleiten. Diese zweite Italienreise (Bozen, Verona, Venedig) stand im Zeichen ausgiebiger Kunst- und Naturstudien und war belastet von der zeitweiligen Trennung von Christiane und dem im Vorjahr geborenen Sohn August. Die Anna Amalia gewidmeten Venetianischen Epigramme (1795 in Schillers Zeitschrift Die Horen) ließen zudem ein deutlich skeptischeres Italienbild aufscheinen. In diesen Epigrammen beschäftigte sich Goethe u. a. mit dem Zeithintergrund der Französischen Revolution (1789), der er zutiefst ablehnend gegenüberstand. 1792 erlebte er als Begleiter Karl Augusts den 1. Koalitionskrieg (1792-1797) der Österreicher und Preußen gegen die Franzosen und wurde Augenzeuge der Kanonade von Valmy. Die Ereignisse schilderte er später aus der Distanz von drei Jahrzehnten in Die Campagne in Frankreich 1792. Goethe war nach eigener Aussage bewusst, dass hier „eine neue Epoche der Weltgeschichte” anbrach, mit der er sich auch in dramatischer Form kritisch auseinandersetzte, wie in Der Bürgergeneral (1793) und dem – auf die Person Cagliostros bezogenen – Schauspiel Der Groß-Kophta (1792). In dem Versepos Reinecke Fuchs (1794) wandelte Goethe die implizite Feudalismuskritik der Vorlagen (niederdeutscher Text aus dem Jahr 1498 und Gottscheds Prosaübertragung) in eine zeitlose Satire über menschliche Schwächen um. Ende 1793 begann eine fünf Jahre andauernde Phase intensiver Homer-Studien, während der er Teile der Ilias und Odyssee übersetzte.

2.5

Das Jahrzehnt mit Schiller (1794-1805)

Mitte 1794 gewann Schiller Goethe als Mitarbeiter für die geplante Zeitschrift Die Horen. Mit einer schriftlichen Anfrage in dieser Sache setzte der schließlich über ein Jahrzehnt geführte Briefwechsel ein. Die entscheidende Begegnung vollzog sich im Anschluss an eine Tagung der Jenaer „Naturforschenden Gesellschaft” am 20. Juli. Schiller war fortan ein häufiger Gast in Goethes Haus und übersiedelte 1799 ganz nach Weimar. Das gemeinsame Wirken erstreckte sich künftig auf gegenseitige Beratung bei programmatischen Schriften, wie Schillers Brieffolge Über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts, und literarischen Projekten, wie Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96). Goethe wurde zudem regelmäßiger Beiträger der Horen, und er wurde von Schiller zur Vollendung des ersten Teils des Faust gedrängt. Die Horen ernteten ein spöttisches Echo der literarischen Kritik, die ebendort in dem Aufsatz Literarischer Sansculottismus mit scharfer Polemik bedacht worden war. Herausgeber und Autor antworteten mit den gemeinsam verfassten Xenien (Spottverse), die auszugsweise 1796 in Schillers Musenalmanach für das Jahr 1797 erschienen und erneut einen Eklat provozierten. In beständigem Austausch mit Schiller entstand Goethes Hexameterepos Hermann und Dorothea (1797), in dem er die Welt des zeitgenössischen Bürgertums im Rückgriff auf antike Muster (Homer) darstellte.

In der Zusammenarbeit der beiden Dichter entwickelte sich der an Antike und Renaissance orientierte Stil der „Weimarer Klassik”, wobei Goethe die Objektivität der wissenschaftlichen Naturbetrachtung einbrachte, Schiller dagegen die kritische Sittlichkeitslehre Kants. Ausführlich befassten sich beide mit der Theorie der literarischen Gattungen (Über epische und dramatische Dichtung. Von Goethe und Schiller, 1797), u. a. mit der Ballade. Der Musenalmanach für das Jahr 1798 enthielt neben Schillers (von Goethe angeregter) Ballade „Die Kraniche des Ibykus” fünf weitere von Goethe: „Der Schatzgräber”, „Legende”, „Die Braut von Korinth”, „Der Gott und die Bajadere” und „Der Zauberlehrling”. Anlässlich einer Schweizreise (1797) erweckte der später von Schiller dramatisierte Tell-Stoff Goethes Interesse, und ab 1798 erschien seine Kunstzeitschrift Propyläen, unter der Mitarbeit von Schiller und Wilhelm von Humboldt. Dort wie auch in seinem Bildungsroman Wilhelm Meisters Lehrjahre folgte Goethe dem Ideal klassischer Humanität, in dem er mit Schiller weitgehend übereinstimmte.

Trotz des intensiver werdenden Gedankenaustausches mit dem Kreis der Jenaer Romantiker blieb Schiller die wichtigste Bezugsperson, und sein Tod im Mai 1805 bedeutete eine schmerzliche Zäsur im Leben Goethes. Der umfangreiche Briefwechsel der beiden Weggenossen bezeugt die Intensität der geistigen Beziehung und des freundschaftlichen Verhältnisses und zählt zu den eindrucksvollsten Zeugnissen dieser Art in der deutschen Literatur. Im Epilog zu Schillers Glocke (1805) setzte Goethe dem Verstorbenen ein einfühlsames literarisches Denkmal.

2.6

Die Auseinandersetzung mit der Romantik (1806-1814)

In den kommenden Jahren standen Karl Ludwig von Knebel und der Komponist Carl Friedrich Zelter Goethe persönlich nahe, zum wichtigsten geistigen Weggefährten wurde Wilhelm von Humboldt. Seine Haltung zu den Romantikern, wie den Brüdern August Wilhelm und Friedrich von Schlegel, blieb – ungeachtet seiner Parteinahme für den in Jena lehrenden Philosophen Johann Gottlieb Fichte im so genannten Atheismus-Streit – zwiespältig. Einerseits ließ er sich von Achim von Arnim und Clemens Brentano, den Herausgebern der (Goethe gewidmeten) Sammlung Des Knaben Wunderhorn (1806-1808) zur Beschäftigung mit der Volkspoesie und dem deutschen Mittelalter anregen, andererseits erschienen ihm manche romantische Tendenzen als reine „Narrenpossen”. Während er in seiner Schrift Winckelmann und sein Jahrhundert (1805) noch unentschieden zwischen einem normativen Klassizismus und romantischen Sichtweisen schwankte, versah er den 1812 vollendeten Aufsatz Letzte Kunstausstellung 1805 mit deutlichen Seitenhieben auf die Romantiker.

Diese wiederum zählten anfänglich zu den nachhaltigsten Verfechtern Goethes. Vor allem der Wilhelm Meister galt ihnen als Vollendung romantischer Dichtkunst und Lebensauffassung. Im Lauf der Zeit traten indessen die unterschiedlichen Standpunkte und der Generationsunterschied stärker zutage und führten schließlich zum Bruch. Zur glühenden Verehrerin Goethes wurde dagegen Bettina Brentano, die spätere Gattin Achims von Arnim, die 1807 erstmals mit ihm in Verbindung trat. Romantische Züge trug der in Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften (1809) gestaltete Konflikt von individuellem Lebensplan und sozialer Existenz sowie die dort vollzogene Problematisierung der bürgerlichen Ehe. Vorbild für die Gestalt der Ottilie war die junge Wilhelmine Herzlieb, die Pflegetochter des Jenaer Verlegers Frommann, zu der der Endfünfziger eine heftige Neigung fasste. 1806 hatte er seine langjährige Lebensgefährtin Christiane geheiratet (nachdem sie sein Leben und Gut vor marodierenden französischen Soldaten gerettet hatte).

1808 traf Goethe auf dem Erfurter Fürstenkongress mit der bedeutendsten zeitgenössischen Herrschergestalt, Napoleon I., zusammen. Im selben Jahr erschien der erste Teil des Faust (Faust: Eine Tragödie), 1811 der erste Band seiner Autobiographie Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit (weitere Teile 1812, 1814, 1831 und posthum 1833), die die Jahre 1749 bis 1775 umfasste. Weitere Betätigungsfelder dieser Lebensphase waren Studien zur Farbenlehre und zur Kunst des Mittelalters, angeregt durch die Heidelberger Sammlungen der Brüder Boisserée. Regelmäßige Kuraufenthalte führten ihn nach Karlsbad und in andere böhmische Bäder, wo er neben der dichterischen Arbeit mineralogische Untersuchungen betrieb und gesellschaftliche Kontakte pflegte. 1812 kam es in Karlsbad zur persönlichen Begegnung mit Ludwig van Beethoven, der außer Vertonungen von Gedichten Goethes eine Ouvertüre zu Egmont komponiert hatte. 1813 starb die neben Goethe und Schiller wirkungsmächtigste Gestalt des Weimarer Geisteslebens, der Dichter Christoph Martin Wieland, dem Goethe einen respektvollen Nachruf widmete (Zum brüderlichen Andenken Wielands).

2.7

Die letzten Lebensjahrzehnte (1815-1832)

Von Mai bis Oktober 1815 unternahm Goethe eine ausgedehnte Reise durch das Rhein-, Main- und Neckargebiet, auf der er mit zahlreichen Persönlichkeiten des politischen und geistigen Lebens Bekanntschaft schloss (Freiherr vom Stein, Joseph von Görres, Wilhelm und Jakob Grimm, Johann Peter Hebel u. a.). Zum zentralen Ereignis wurde jedoch die Begegnung mit Marianne von Willemer, der Tochter eines Frankfurter Bankiers, die Goethes spontane Neigung leidenschaftlich erwiderte. Diese Liebe fand literarischen Niederschlag im Buch Suleika des West-östlichen Divan (1819, erweiterte Ausgabe 1827). Mehrere Gedichte stammen von Marianne und wurden von Goethe mit geringfügigen Änderungen übernommen. Die letzte Liebe des alternden Dichters galt der neunzehnjährigen Ulrike von Levetzow, die er 1823 in Marienbad kennen lernte („Marienbader Elegie”, 1827). Andere Meisterwerke seiner späten Lyrik waren die philosophischen Gedichte „Urworte. Orphisch” (1820), die „Paria-Trilogie” (1824) und die „Zahmen Xenien” (1827).

Mit fortschreitendem Alter zog sich Goethe vom literarischen Betrieb und vom Weimarer Gesellschaftsleben zurück (1827 Niederlegung der Hoftheaterleitung), widmete sich seiner umfangreichen naturkundlichen Sammlung und brachte eine Werkausgabe „letzter Hand” auf den Weg, die 1827 bis 1830 bei Cotta erschien. Das ausgehandelte Honorar, 60 000 Taler, belegte Goethes Ausnahmestellung in der zeitgenössischen Literatur (und darüber hinaus seinen Geschäftssinn). Außer verschiedenen autobiographischen Schriften und der 1828 verfassten Novelle standen Erzählprosa und Drama im Zeichen langfristiger Projekte. Der (gemäß seiner Weisung erst 1832 posthum veröffentlichte) zweite Teil des Faust und die Fortsetzung des Wilhelm-Meister-Komplexes mit den Wanderjahren (begonnen 1807, erschienen 1821, erweiterte Fassung 1829) haben die offene Form sowie die Ereignis-, Stoff- und Motivfülle gemeinsam. Der Untertitel der Wanderjahre, Die Entsagenden, weist auf einen zentralen Gedanken beider Werke hin: die freiwillige Selbstbeschränkung des Individuums in der praktischen Tätigkeit für das Gemeinwesen.

Wichtige Begleiter der letzten Lebensjahre (Christiane starb 1816, August 1830) wurden neben der Schwiegertochter Ottilie seine Sekretäre Friedrich Wilhelm Riemer und Johann Peter Eckermann, der später seine Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens (1837-1848) herausgab. Zu den letzten Schriften gehören die Aufsätze Landschaftliche Malerei und Noch ein Wort für junge Dichter mit einer retrospektiven Selbsteinschätzung Goethes. Der letzte, wenige Tage vor seinem Tod diktierte Brief war an Wilhelm von Humboldt gerichtet und betraf mit dem Faust das literarische Thema, das ihn sein Leben lang fesselte. Goethe starb am 22. März 1832 in seinem Haus am Frauenplan und wurde an der Seite Schillers in der Weimarer Fürstengruft beigesetzt.

3

Werke

Kein anderer deutscher Dichter hat ein so breit gefächertes Lebenswerk geschaffen wie Goethe, der außer dem poetischen auch ein umfangreiches kritisches und naturwissenschaftliches Schrifttum hinterließ. Nimmt man sein Zeichentalent und die vielfältigen Aufgaben am Weimarer Hof hinzu, so formen sich die Konturen eines universell tätigen Geistes, der das epochentypische Ideal des „Originalgenies” erfüllte. Goethe sah sich selbst als schöpferischen „Dilettanten”, der zeitlebens auf der Suche nach adäquaten Ausdrucksformen war. Als Lyriker, Dramatiker, Epiker und Theoretiker durchlief er zeit- und lebensaltersbedingte Entwicklungsphasen, von denen die „klassische” die bedeutendste wurde. Der Entstehungsprozess des als Plan schon früh lebendigen und erst im Alter abgeschlossenen Faust spiegelt gleichsam die Konstanten und Metamorphosen seiner Dichterexistenz.

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