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Karl MarxEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Die zeitgleiche Beschäftigung mit Ludwig Feuerbach bot Marx den philosophischen Hintergrund für seine Kritik an Hegel. Feuerbach war in seinen Vorläufigen Thesen zur Reform der Philosophie zu folgendem Schluss gekommen: „Das wahre Verhältnis vom Denken zum Sein ist nur dieses: Das Sein ist Subjekt, das Denken Prädikat. Das Denken ist aus dem Sein, aber das Sein nicht aus dem Denken.” Mit Feuerbach im Rücken konnte Marx daher feststellen, dass Hegel in seiner Dialektik permanent Subjekt und Prädikat vertauscht: Die Idee wird bei Hegel zum Subjekt, und die wirklichen Subjekte werden zu Prädikaten. Wenn Hegel also im Hinblick auf die Geschichte und die Philosophie von der Sache der Logik sprach, fordert Marx jetzt dazu auf, die Logik der Sache zu untersuchen.
Während Hegel im System seiner Philosophie den Übergang von der bürgerlichen Gesellschaft zum Staat mittels des allgemeinen Verhältnisses von Notwendigkeit und Freiheit bewerkstelligte, verlangte Marx, diesen Übergang aus dem spezifischen Wesen von Gesellschaft und Staat herzuleiten. Philosophisch ausgedrückt heißt dies, dass Marx in Übereinstimmung mit Feuerbach in der Hegelschen Dialektik eine Umkehrung von Subjekt und Prädikat vornimmt. Das Resultat dieser Überlegungen mündete in dem Manuskript Kritik des hegelschen Staatsrechts, das 1927 zum ersten Mal veröffentlicht wurde. „Hegel ist nicht zu tadeln, weil er das Wesen des modernen Staates schildert, wie es ist, sondern weil er das, was ist, für das Wesen des Staates ausgibt.” Diese Unterscheidung zwischen dem Wesen einer Sache und seiner Erscheinung ist eine Denkfigur, in der Marx quasi mit Hegel gegen Hegel auftritt und die in Marx’ eigenem Werk zu immenser Bedeutung gelangt. Feuerbach ist jedoch nicht der Endpunkt in Marx’ Philosophie. Marx übernimmt nämlich die von Feuerbach an der Philosophie und der Religion angebrachte Kritik und wendet sie nun seinerseits auf die Politik, den Staat und die konkreten menschlichen Verhältnisse in seiner Zeit an: Stände und Klassen werden ihm zum Thema genauso wie die Frage des Privateigentums. Damit sind die ersten Stützpfeiler einer materialistischen Dialektik gesetzt.
In seiner oft, aber zu unrecht als antisemitisch geschmähten Abhandlung Zur Judenfrage aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern unternahm Marx eine erste klare Abgrenzung gegenüber seinem früheren Weggefährten, dem Junghegelianer Bruno Bauer. Im Gegensatz zu den Juden in Frankreich waren die deutschen Juden immer noch nicht emanzipiert (siehe Judenemanzipation), also im Besitz der bürgerlichen Rechte. Dem Ansinnen der deutschen Juden auf Emanzipation stellte Bauer folgende Überlegung entgegen: Um miteinander leben zu können, müssten Christen wie Juden das aufgeben, was sie trennt, nämlich ihren jeweiligen Glauben. Weder Juden noch Christen könnten als solche Menschenrechte für sich reklamieren, denn Menschenrechte können nur bei geglückter Emanzipation beider, Juden wie Christen, verliehen werden. Laut Bauer würden religiöse Vorurteile verschwinden, wenn alle Menschen im einem liberalen weltlichen, also von der Religion befreiten Staat gleiche Rechte genießen würden. Marx stimmte Bauers Kritik am christlichen Staat durchaus zu, aber er bemängelte an Bauers Entwurf zu Recht, dass er den Zusammenhang von politischer und menschlicher Emanzipation außer Acht bzw. die eine mit der anderen zusammenfallen ließ. Die Gesellschaft wird nicht von allen ihren Übeln befreit, indem man lediglich eine strikte Trennung von Politik und Religion einführt. In der bürgerlichen Gesellschaft und damit im Rahmen der politischen Emanzipation befreit sich laut Marx der Mensch nicht von der Religion, sondern erhalte – immerhin – Religionsfreiheit. In allen Verfassungen, in denen von Menschenrechten die Rede ist, wird nach Ansicht von Marx der Mensch als beschränktes Individuum aufgefasst: Die Freiheit als Recht alles zu tun, was keinem anderen schadet, ist nur die Freiheit des beschränkten Individuums und nicht die Freiheit des wirklichen Menschen als Gattungswesen, denn als Gattungswesen baut die Freiheit des Einzelnen immer auf der Verbindung mit anderen Menschen auf und nicht auf der Absonderung vom anderen. Erst wenn der Mensch als Gattungswesen seine gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Form der politischen Kraft von sich abspaltet, ist laut Marx die „die menschliche Emanzipation vollbracht.”
In dem ebenfalls in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern veröffentlichten Aufsatz Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie zerpflückte Marx mit beißender Ironie und brillanter Rhetorik die politischen Zustände in Deutschland. Er erklärte die Kritik an der Religion für im Wesentlichen erledigt und beendet. Im Gegensatz zu Feuerbach wollte er jedoch die Religion nicht mit den ganz abstrakten Bestimmungen des Menschen in Bezug setzen. Denn „der Mensch, das ist kein abstraktes, außerhalb der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind.” Als Reaktion auf diese Verhältnisse ist daher die Religion „der Seufzer der bedrängten Kreatur… Sie ist das Opium des Volkes.” In einem Vergleich mit den Zuständen Frankreichs zur Zeit der Französischen Revolution kommt Marx zu folgendem Schluss: Die Franzosen haben die Revolution ohne Theorie vollzogen, die Deutschen haben stattdessen die Verhältnisse nur in der Theorie aufgehoben und revolutioniert. „Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muss gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.”
Im Gegensatz zu Frankreich zu Zeiten der Revolution hat Deutschland jedoch kein radikales aufbegehrendes Bürgertum, das eine Revolution wagen würde. Da Deutschland in dieser Hinsicht geschichtlich quasi zu spät kommt, wird es daher an einem anderen Punkt umso radikaler in die Geschichte eingreifen (müssen). Die bürgerliche Revolution in Frankreich erbrachte nämlich noch nicht die vollendete Emanzipation des Menschen; diese Emanzipation wird erst eine Klasse mit radikalen Ketten zustande bringen: das Proletariat. „Die Emanzipation der Deutschen ist die Emanzipation des Menschen. Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie, ihr Herz das Proletariat.” Damit war in Marx’ Werk quasi das letzte noch notwendige zentrale Stichwort gefallen: Die Revolution der Arbeiterklasse, des Proletariats, wird die neue Zeit, wird das Reich der Freiheit einläuten.
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