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Karl MarxEnzyklopädieartikel
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In den erst 1932 veröffentlichten Pariser Manuskripten findet sich die theoretische Begründung dafür, warum Marx alleine dem Proletariat die wirklich Umwälzung aller Zustände, in denen der Mensch ein geknechtetes Wesen ist, zuschrieb. Engels’ Abhandlung Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern gab Marx den letzten Anstoß, intensive ökonomische Studien anzustellen. Gemäß gängiger Meinung ist in den Pariser Manuskripten der Kern aller späteren Marx’schen Schriften angelegt: Hier vollzog sich die für Marx charakteristische Verschmelzung von philosophischer Tradition und national-ökonomischem Wissen bzw. politisch-ökonomischer Kritik auf einem bis dahin nicht gekannten Niveau. Marx ging von folgendem Gedanken aus: Da die Nationalökonomie (z. B. David Ricardo, John Stuart Mill, François Quesnay) das Privateigentum bisher ganz einfach vorausgesetzt hatte, war es ihr auch nicht möglich, den tatsächlichen Zusammenhang zwischen Kapital, Arbeit, Grundeigentum, Konkurrenz usw. zu begreifen. Marx interessierte in den Pariser Manuskripten nun nicht die geschichtliche Herleitung der Entstehung des Privateigentums, sondern die aktuelle Form und Erscheinungsweise des Privateigentums.
Im Produktionsprozess, im Prozess der Arbeit wird das Privateigentum immer wieder neu und zugleich vergrößert hergestellt. Die Folge davon ist, dass die einen, die Kapitalisten, immer reicher und die anderen, die Proletarier, immer ärmer werden. In und durch die Organisation dieses Produktionsprozesses, an dessen Ende der ausgebeutete Proletarier und der sich das Produkt aneignende Kapitalist stehen, vollzieht sich für Marx das entscheidende Phänomen der Entfremdung. Die „Verwirklichung der Arbeit erscheint in dem nationalökonomischen Zustand als Entwirklichung des Arbeiters, die Vergegenständlichung als Verlust und Knechtschaft des Gegenstands, die Aneignung als Entfremdung, als Entäußerung.” Im Gegensatz dazu war für Hegel jede Vergegenständlichung bereits eine Entfremdung: die Entfremdung des Geistes im Prozess der Arbeit. Für Marx ist die Vergegenständlichung noch nicht per se eine Entfremdung. Da er den Menschen als sinnliches Wesen auffasst, fasst er ihn auch als Naturwesen auf: als ein menschliches Naturwesen, das im Gegensatz zum Tier mit Bewusstsein arbeitet und sich in dieser Arbeit selbst bildet.
Die unmenschliche Entfremdung im Kapitalismus liegt nicht in der Vergegenständlichung als solcher, sondern am Kapitalismus als anarchistischer Produktionsweise, die auf Privateigentum an den Produktionsmitteln aufbaut. Die von Marx dabei erarbeitete Entfremdungstheorie hat bis in die Gegenwart hinein verschiedenste Theoretiker zu weiterführenden Arbeiten (z. B. Michel Foucault) angeregt. Marx verbindet in diesem Ansatz den philosophischen Materialismus Feuerbachs mit Hegels Philosophie und dabei vor allem mit Hegels dialektischem Begriff der Arbeit, wie ihn Hegel in seinem berühmten Herr-Knecht-Kapitel in der Phänomenologie des Geistes dargelegt hatte. Damit rückt der tätige Mensch in den Mittelpunkt, der Mensch, der in der Auseinandersetzung mit der Natur seinen zum Überleben notwendigen Stoffwechsel besorgt und sich dabei mittels der gemeinsam und nach menschlichem Maß organisierten Arbeit als Mensch über den eigenen Naturcharakter erhebt: Dies birgt die Potentialität in sich, dass der Mensch zum Menschen als Gattungswesen werden kann. In der kapitalistischen Realität fand Marx jedoch das schiere Gegenteil vor. Die kapitalistisch organisierte Arbeit führt zur Verelendung, und der ausgebeutete Arbeiter wird bei gleichzeitigem Reichtum der Klasse der Kapitalisten auf die Ebene des Tiers zurückgeworfen. „Eine unmittelbare Konsequenz davon, dass der Mensch dem Produkt seiner Arbeit, seiner Lebenstätigkeit, seinem Gattungswesen entfremdet ist, ist die Entfremdung des Menschen von dem Menschen.” Die Lösung des Problems ist eine kommunistische: Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln. „Die Aufhebung des Privateigentums ist daher die vollständige Emanzipation aller menschlichen Sinne und Eigenschaften; aber sie ist diese Emanzipation gerade dadurch, dass diese Sinne und Eigenschaften menschlich, sowohl subjektiv als objektiv, geworden sind.”
Die Heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik, 1845 erschienen, war das erste gemeinsame Werk von Marx und Engels. In dieser Polemik wandten sich die beiden gegen die Junghegelianer Bruno Bauer, Max Stirner und Arnold Ruge und vor allem gegen eine Form der Kritik, die Bauer „kritische oder absolute Kritik” nannte; diese Kritik war dem eigenem Anspruch nach die konsequente Weiterentwicklung der Hegelschen Geschichtsphilosophie. Da gemäß dieser junghegelianischen Position die Geschichte nur dazu dient, die Wahrheit zum Selbstbewusstsein kommen zu lassen, lehnten es Bauer, Stirner und Ruge auch konsequent ab, die bestehenden geschichtlich-gesellschaftlichen Verhältnisse praktisch ändern zu wollen. In einer minutiösen Kritik voll beißender Ironie wiesen Marx und Engels nach, dass diese Position zu nichts führt, dass eine Veränderung der Ideen allein die Welt nicht verändern wird. „Ideen können nie über einen Weltzustand, sondern immer nur über die Ideen des alten Weltzustands hinausführen. Ideen können überhaupt nichts ausführen. Zum Ausführen der Ideen bedarf es der Menschen, welche eine praktische Gewalt aufbieten.”
In ihrer zweiten gemeinsamen Arbeit, der Deutschen Ideologie, rechneten Marx und Engels endgültig mit ihrem „ehemaligen philosophischen Gewissen” ab, indem sie die komplette nachhegelianische Philosophie und die zeitgenössischen deutschen Sozialisten einer abschließenden Kritik unterzogen. Zu Lebzeiten der beiden fand dieses Buch jedoch keinen Verleger – es erschien erst 1932 vollständig. Marx und Engels überließen das Werk daher ihrerseits der „nagenden Kritik der Mäuse”. Inhaltlich findet sich in der Deutschen Ideologie eine erste kurze Darstellung des historischen Materialismus. „Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, sind keine willkürlichen, keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen, von denen man nur in der Einbildung abstrahieren kann. Es sind die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre eigene Aktion erzeugten.” Im Zentrum dieser Voraussetzungen steht daher der Produktionsprozess. „Die Weise, in der die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, hängt zunächst von der Beschaffenheit der vorgefundenen und zu reproduzierenden Lebensmittel selbst ab. Diese Weise der Produktion ist nicht bloß nach der Seite hin zu betrachten, dass sie die Reproduktion der physischen Existenz der Individuen ist. Sie ist vielmehr schon eine bestimmte Art der Tätigkeit dieser Individuen, eine bestimmte Art, ihr Leben zu äußern, eine bestimmte Lebensweise derselben. Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren. Was die Individuen also sind, das hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion.”
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