![]() |
Windows Live® Suchergebnisse
Windows Live® Suchergebnisse Seite 3 von 5
EthikEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Was bereits in der römischen Stoa Gegenstand der Ethik wurde, der zu bewältigende Gegensatz zwischen der (Trieb-)Natur des Menschen und seinem von Gott erteilten Schöpfungsauftrag, trat im Mittelalter noch stärker in den Vordergrund. So wie in der Scholastik die Philosophie ihren ersten Rang unter den Wissenschaften und Künsten verlor und zur anna theologica (Magd der Theologie) herabsank, so wurde auch Moral zur Hilfestellung bei der Überwindung der animalischen Anteile der menschlichen Natur im Interesse einer imitatio Christi, der gelebten Nachfolge Christi. Über den bereits von Platon erkannten vier Kardinaltugenden Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit erheben sich zudem die theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Ausgangspunkt ethischer Überlegungen im Mittelalter war nicht mehr die lex naturae, also die Stellung des Menschen als eines der Lebewesen innerhalb der Natur, sondern die Stellung des Menschen zu Gott, aus der sich die ethischen Postulate ergeben. Thomas von Aquin Der bedeutendste Philosoph der Scholastik, Thomas von Aquin, versuchte, die Idee des Naturgesetzes mit dem Dogma der christlichen Offenbarung zu verbinden und entwickelte ein umfassendes theologisch-philosophisches System, das über das gesamte Mittelalter großen Einfluss besaß, wenn auch der theologische Begründungszusammenhang allmählich in den Hintergrund trat. Ethisches Verhalten geht bei Thomas in der Nachfolge von Aristoteles von der dem Menschen von Gott verliehenen Vernunft und Willensfreiheit aus. Beide ermächtigen den Menschen dazu, das durch Vernunft erkannte Gute auch durch seine Willenskraft in die Tat umzusetzen. Die spätere Erkenntnis, dass das Postulat einer Willensfreiheit des Menschen nicht zu halten ist, führte zu einem Rückgang der ethischen Diskussion in der Moderne.
Mit dem Beginn der Neuzeit zerfiel in der Reformation die unmittelbare Bezugnahme zwischen Ethik und Theologie. Philip Melanchthon löste die Morallehre vom Verhältnis des Menschen zu Gott ab und stellte sie in den Rahmen der (neuen) bürgerlichen Ordnung. Ethik orientierte sich jetzt am neuzeitlichen Naturrecht, das sich in Renaissance und Humanismus stark entfaltet hatte, und bezog ihren Inhalt aus diesem. Das Naturrecht, d. h. das von Natur aus gerechte Recht, steht über dem von Menschen gesetzten Recht; dieses hat sich dem Naturrecht zu unterwerfen und kann somit keine Moralforderungen erheben, die der natürlichen Gleichheit der Menschen widersprechen. Die Ethik entwickelte sich dadurch stärker als zuvor zu einer politisch bedeutsamen philosophischen Disziplin, deren Inhalte mit dem entstehenden bürgerlichen Rechtsstaat und der bürgerlichen Kultur und Gesellschaft in Einklang gebracht werden mussten. Damit vollzog sich auch eine Abwendung von der ausgeprägt individualistischen Ethik der Antike hin zu einer stärker am Gemeinwesen und seiner Gerechtigkeit ausgerichteten Sozialmoral. Aus der „Weisheitslehre”, die nach dem Glück des Einzelnen fragte, wurde eine Pflichtenlehre mit der Forderung nach der Verantwortbarkeit des eigenen Handelns und damit der Verinnerlichung der Pflichtprinzipien im individuellen Gewissen.
Ein dem Rationalismus zugehörendes, die Pflicht auf die mutmaßlich mechanisch determinierte Natur des Menschen zurückführendes Ethikverständnis gewann durch Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert an Bedeutung. Motive und Gefühle ebenso wie Recht und Sitten hatten sich in der späten Neuzeit durch Vernunft und nicht länger durch Tradition oder Religion zu rechtfertigen. Der Verstand sollte unangefochten herrschen über die als vernunftlos angesehene Natur des Menschen, seinen „Tierrest”, der den Menschen zum Wolf des Menschen werden lässt (Hobbes: homo homini lupus). Es setzte sich, ausgehend von René Descartes, die Vorstellung vom Menschen als Maschine durch, nach der auch dessen Verhalten mechanisch gesteuert sei. Noch bei Immanuel Kant findet sich dieser Ansatz, der zu seinem ethischen Rigorismus führen sollte.
Dagegen wandten sich die Vertreter einer Gefühls- und Gewissensethik, unter ihnen Adam Smith und Francis Hutcheson. Zugleich vertrat David Hume ein ethisches Konzept, in dessen Zentrum die Nützlichkeit stand. Hieran knüpften später John Stuart Mill und Jeremy Bentham an, die prominentesten Vertreter der sich im 19. Jahrhundert in England entwickelnden Ethik des Utilitarismus, die sogar soweit geht, das ethisch Gebotene durch eine „Rechenformel” zu ermitteln.
Einen epochalen Einschnitt in der Geschichte der philosophischen Ethik bedeutete der Formalismus Immanuel Kants. Kant gründete seine Sittenlehre auf den kategorischen Imperativ, demgemäß der freie und als solcher seiner Pflicht gehorchende Mensch nur so handeln solle, dass sein Verhalten als allgemeines Gesetz gelten könne: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde”, oder etwas anders formuliert: „Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetze werden sollte”. Für den Umgang von Menschen untereinander bedeutet dies die Pflicht, die sich im „praktischen Imperativ” verkörpert: „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest”. Dieser Imperativ heißt „kategorisch”, weil er „ohne spezifischen Inhalt” ist. Kant entwickelte ein Moralprinzip, das formalistisch und nicht auf bestimmte Situationen bezogen ist, sondern unbedingt und unabhängig von den jeweiligen Wünschen und Bedürfnissen des Handelnden immer gilt. Da Lügen nicht allgemeine Regel werden soll, ist jedes Lügen verboten, auch das im Interesse eines anderen: Es ist laut Kant sogar dann unmoralisch, wenn man von einem Mörder nach dem Haus seines Opfers gefragt werde. Kants Ethik ist radikal deontologisch: Nicht die Neigung des handelnden Subjekts, seine Bedürfnisse, Triebe und Interessen, dürfen sein Verhalten bestimmen, sondern allein die Pflicht. Handeln ist für Kant umso moralischer, je stärker pflichtbezogen und je weniger gewünscht es vom Handelnden war: So sei Wohltätigkeit zwar ein erstrebenswertes und gesellschaftlich wertvolles Tun, moralisch wertvoll aber sei es nur, wenn der Handelnde es widerwillig, allein aus Pflicht und nicht aus Neigung oder gar Eitelkeit tue. Voraussetzung für dieses Ethikkonzept ist die Souveränität des handelnden Subjekts aufgrund seiner Willensfreiheit. Die psychologischen wie sozialen Grenzen und Einengungen der Willensfreiheit, Triebe, unbewusste Wünsche, soziale (Not-)Lagen, politische Interessen etc., wurden durch die Anthropologie der Moderne aufgedeckt, z. B. durch Psychoanalyse, Marxismus oder die radikale Kritik traditioneller Wertesysteme durch Friedrich Nietzsche. Die Ethik als philosophische Disziplin trat in ihrer Bedeutung vorübergehend zurück.
© 1993-2008 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten. |
© 2008 Microsoft
![]() ![]() |