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Protestantismus, Bezeichnung für die auf die Reformation zurückgehenden christlichen Kirchen und Gemeinschaften, aber auch für deren Vorläufer und später entstandene, aber von der Reformationsbewegung geprägte Kirchen und Gemeinschaften. So gehören die vorreformatorischen Gemeinschaften der Waldenser und Böhmischen Brüder (Hussiten) ebenso zum Protestantismus wie die eigentlichen Reformationskirchen, die sich von Martin Luther (siehe lutherische Kirchen; Luthertum), Ulrich Zwingli und Johannes Calvin (reformierte Kirchen) herleiten, sowie die später entstandenen evangelischen Freikirchen und die anglikanischen Kirchen. Offen sind die Grenzen zu den Pfingstkirchen (siehe Pfingstbewegung) und zu den charismatischen Bewegungen der neueren Zeit. Weltweit gibt es zurzeit etwa 500 Millionen Protestanten, das entspricht einem knappen Viertel der Christenheit. Auf das Zeitalter der Reformation (bis etwa 1560) folgte im 16. und 17. Jahrhundert eine Zeit der Konsolidierung, aber auch der allmählichen Erstarrung in der altprotestantischen Orthodoxie sowie der politischen Auseinandersetzung und der Religionskriege zwischen den Anhängern der Reformation und der Gegenreformation der Altgläubigen; Letztere wurden ihrerseits in der Gestalt des römischen Katholizismus zu einer Konfession innerhalb des gespaltenen westlichen Christentums. Im folgenden Zeitalter des Neu-Protestantismus prägten mit Aufklärung und Pietismus zwei Bewegungen, die sich von der Orthodoxie absetzten, die weitere Entwicklung des Protestantismus. Aufklärung und Idealismus führten Theologie und Kirche im 19. Jahrhundert in die Auseinandersetzung zwischen Glaube und Wissenschaft und zwischen Kirche und Kultur. Das 19. Jahrhundert war auch die Zeit der großen Erfolge protestantischer Missionsgesellschaften. Im 20. Jahrhundert kam es verstärkt zu Bemühungen um Herstellung der Einheit im Protestantismus selbst sowie innerhalb der christlichen Ökumene. In Deutschland existieren lutherische und reformierte Landeskirchen mit je eigenem Profil, aber auch unierte Landeskirchen, protestantische Kirchen des Augsburger Bekenntnisses (AB) bzw. des Helvetischen Bekenntnisses (HB) sowie zahlreiche Freikirchen mit Besonderheiten in Lehre, Gottesdienst und Organisationsform.
Der Begriff des Protestantismus ist abgeleitet von der Protestation von Speyer 1529, womit die evangelischen Stände Einspruch gegen die Anwendung des Mehrheitsprinzips in Glaubensfragen einlegten, das die evangelische Bewegung stark behindert hätte: Dagegen stellten sie das Bekenntnis zum Evangelium aufgrund eigener Gewissensentscheidung – eine Einstellung, die den Protestantismus bis heute prägt und als grundlegendes Merkmal gelten kann. Kennzeichnend ist ferner ein enges Verhältnis zur Bibel. Die Kritik an den Fehlformen der mittelalterlichen Frömmigkeit führte zur Ablehnung jeder irdischen Heilsvermittlung und damit zur Kritik an der kirchlichen Hierarchie und ihrer Sakramentenverwaltung. Der Kirche der Sakramente wird die Kirche des Wortes entgegengestellt. Die Betonung der persönlichen Gewissensentscheidung sowie die Relativierung und Kritik der Tradition bedingen ein neues Weltverhältnis: Die Welt wird von klerikaler Bevormundung freigesetzt und profan verstanden. Aus der Absage an die geistliche Berufung bildet sich ein neues Berufsethos; im Widerspruch zum priesterlichen Zölibat ersteht die Kultur des evangelischen Pfarrhauses. Der Kirchenbesitz wurde säkularisiert und der politische Bereich der kirchlichen Direktive entzogen, was zugleich die weltliche Obrigkeit stärkte. Im geschichtlichen Verlauf haben diese Grundmerkmale die Bildung von Konfessionen gefördert, wobei die geschichtlichen Gestaltungen in den Vordergrund traten.
Neben den orthodoxen und katholischen Kirchen bilden die protestantischen Kirchen die dritte geschichtliche Grundgestalt des Christentums. Während Orthodoxie und Katholizismus relativ einheitliche Organismen darstellen, präsentiert sich der Protestantismus als ein vielfältiges Phänomen. Es ist dies das Ergebnis eines geschichtlichen Prozesses, in dessen Verlauf sich auf der Basis reformatorischer Einsichten eine Vielzahl eigenständiger Kirchen, Denominationen und Gemeinden konstituiert hat. Dieser Prozess entspricht der Überzeugung, dass die Kirche ständig reformiert werden muss, und insofern kommt er auch nie an ein Ende.
Die überragende Gestalt des Luthertums ist Martin Luther, dessen 95 Thesen gegen den Ablasshandel vom 31. Oktober 1517 zum Auslöser der Reformation wurden. Großen Anteil am Erfolg Luthers hatte Philipp Melanchthon. Da Luther seit 1521 in Reichsacht war, formulierte Melanchthon für den Reichstag in Augsburg 1530 das Augsburger Bekenntnis, das zu einer wichtigen Bekenntnisschrift des Luthertums wurde. Im Augsburger Religionsfrieden von 1555, ausgehandelt als Kompromiss zwischen den „Altgläubigen” und den Augsburger „Konfessionsverwandten” von 1530, wurden die „Evangelischen” reichsrechtlich anerkannt; ausgeschlossen davon waren jedoch die Täufer und die Anhänger Zwinglis. Der Augsburger Religionsfriede bedeutete die Sanktionierung der Territorialkirchen und damit auch die Konsolidierung der lutherischen Kirchen.
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