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Hinduismus

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Durga, die hinduistische MuttergottheitDurga, die hinduistische Muttergottheit
Artikelgliederung
5.3

Die Zeit der Fremdherrschaft (ca. 1000 n. Chr. bis 1850)

Seit dem 8. Jahrhundert drangen immer wieder muslimische Eroberer nach Indien vor, vom 13. bis zum 18. Jahrhundert regierten in Indien muslimische Herrscher. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts nahm der Einfluss der Briten immer mehr zu: 1857 wurde Indien britische Kronkolonie. Im neohinduistischen Rückblick erschienen die Jahrhunderte der muslimischen Fremdherrschaft als Epoche der Dekadenz oder Stagnation. Zwar war es gelungen, vom 9. bis zum 13. Jahrhundert den Buddhismus zurückzudrängen – schon im 10. Jahrhundert war der Hinduismus wieder zur vorherrschenden Religion des gesamten Subkontinents geworden. Unter muslimischer Herrschaft begann er jedoch, sich politisch zurückzuziehen. Als Ausdruck dieser säkularen Ohnmacht kann gelten, dass die Zahl der Sannyasin, der Weltentsager, immer größer wurde.

Dennoch brachte die Zeit auch Neuerungen. Die Verbreitung des Islam etwa führte dazu, dass der Hinduismus Schriftreligion wurde. Zwar blieb das Sanskrit als die „Sprache der Götter” die Domäne der Brahmanen, aber ab dem 11. Jahrhundert beginnt mit der Übersetzung und den Adaptionen der traditionellen Texte in so genannte Volkssprachen eine neue Epoche. Die Bhakti-Bewegung wurde zum 10. Jahrhundert hin eine mächtige Strömung, die eine große Zahl von Dichtern, Gründergestalten und Führerpersönlichkeiten sowie die Blütezeit der Bhakti-Kulte (13.-18. Jahrhundert) hervorbrachte. Ein wichtiges Merkmal der Bhakti-Bewegung ist die Betonung der Kraft, die der Name Gottes besitzt, den Menschen zu erlösen. Japa, das Wiederholen dieses Namens (vor allem von Krishnas, aber auch von Rama), wurde dadurch zu einer allgegenwärtigen religiösen Übung. Auf der Grundlage der Bhakti-Bewegung entstand auch eine neue Religion, so der von Guru Nanak begründete Sikhismus.

5.4

Der Neohinduismus

Durch den Kontakt mit der westlichen Welt – vor allem durch die britische Kolonisation ab der Mitte des 18. Jahrhunderts und in der Auseinandersetzung mit dem westlichen Denken – entstanden ab 1800 mehrere Reformbewegungen, die unter der Bezeichnung Neohinduismus zusammengefasst werden. Dieser interpretierte den Hinduismus im Licht der Ideen der europäischen Aufklärung, in der Begegnung mit dem Christentum und den modernen Wissenschaften, und er stellte die „große” brahmanische, schriftliche und gelehrte Tradition in den Vordergrund. Damit vermittelte er dem Westen ein recht einseitiges Bild Indiens, das auch von vielen Indern als ihr Selbstbild angenommen wurde. Wichtige Persönlichkeiten waren Ram Mohan Roy (1772-1833), der Gründer des Brahma-Samaj, Dayananda Sarasvati, Gründer des Arya-Samaj, Swami Vivekananda, Sri Aurobindo, Rabindranath Tagore, Mahatma Gandhi und Sarvepalli Radhakrishnan. Als Symbol für das religiöse Selbstverständnis des Neohinduismus und für die Faszination, die er auf den Westen ausübte, kann der Auftritt von Swami Vivekananda auf dem Weltkongress der Religionen in Chicago 1893 stehen. Die Rezeption dieser Sichtweise macht auch verständlich, dass die Mission und Verbreitung hinduistischer Gruppen, die zu den neuen Religionen gezählt werden, im Westen oft nicht richtig verstanden wird und Irritationen auslöst.

6

Religiöses Leben

In Indien ist die Religion oftmals die das Leben, die sozialen Bezüge und den Alltag bestimmende Macht. Ausdruck findet die Religiosität in den Riten der Pujas (Verehrung, Zeremonie, Gottesdienst), wobei der Großteil der Bevölkerung in den „kleinen” Traditionen lebt und sich ihnen verpflichtet fühlt. Ein typisches Element dieser kleinen Traditionen besteht in einer gewissen Kosmosfrömmigkeit: Die Gegebenheiten und die Natur werden in das religiöse Leben einbezogen, Menschliches und Göttliches sind miteinander vermischt. In allen und in allem sprüht ein göttlicher Funken: Berge, Flüsse, das Meer, Bäume, Blumen können zu symbolträchtigen Kraftträgern und zu religiösen Symbolen werden. Der Ganges ist zugleich die Göttin Ganga, Berge sind Sitz von Göttern und Göttinnen. Der Tempel wird zum Symbol für den ganzen Kosmos, die Gottesstatue im Innern des Tempels ist für die Zeit des Gottesdienstes leibhaftig Gott, den der Priester als göttlichen Gast behandelt und am Ende des Gottesdienstes wieder in die Transzendenz entlässt. Die Kosmosfrömmigkeit folgt einer spirituellen Logik, wonach ein Austausch spiritueller Kraft möglich ist von einem höheren, spirituell potenteren Wesen oder Gegenstand auf ein niedrigeres Wesen, einen geringerwertigen Gegenstand. Und dieser Austausch kann durch einfache Präsenz, durch Blickkontakt, am wirkungsvollsten aber durch Berührung erfolgen.

Religiöse Handlungen bieten auch eine Möglichkeit, Punya – religiöses Verdienst – zu erwerben. Eine der wichtigsten Möglichkeiten dazu ist Yatra, die Pilgerfahrt. Der Pilgerort heißt Thirta (ursprünglich: Furt, der Ort, an dem man über einen Fluss übersetzte). Es gibt Pilgerrouten, die die heiligen Stätten der jeweiligen Kulte miteinander verbinden und sich über den ganzen Subkontinent ziehen. Viele Hindus unternehmen eine Pilgerfahrt durch ganz Indien mit dem Zug, die je nach Aufenthaltsdauer an den einzelnen Orten bis zu zehn Wochen dauern kann. In der Smriti-Literatur sind 16 Samskaras (Sakramente) für die Berechtigten vorgeschrieben, von denen heute die Hochzeits- und Trauerfeierlichkeiten noch allgemein befolgt werden. Ein Initiationssakrament war die so genannte Schnurzeremonie, bei der ein Junge der drei höheren Varnas durch den Empfang einer heiligen Schnur zu einem Djiva, einem „Erneut-Geborenen” wurde und in das Lebensstadium des Brahmacharya eintrat.

Die „Heiligen” können als die schöpferischen Mittelpunkte des Hinduismus gelten. Sie sind jene Gestalten, die für ihre Zeit am meisten relevant sind, und sie verkörpern und schaffen zugleich die relevante Form und Gestalt des Hinduismus. Selbst die philosophischen Systeme werden auf die Erfahrungen eines oder mehrerer Heiliger und heiliger Seher zurückgeführt. Die Religionsgeschichte des Hinduismus ließe sich statt nach Göttern und Kulten gegliedert auch anhand seiner Heiligen darstellen. So könnte am Beispiel Ramakrishnas der theistische Hinduismus, am Beispiel Gandhis der aktivistische Hinduismus, am Beispiel Ramana Maharshis (1897-1950) der Jnana-Yoga und am Beispiel Sri Aurobindos die Dialektik von Vergewisserung, Aktivismus und Kontemplation dargestellt werden. Wenn ein Heiliger zurück- und ein anderer in den Vordergrund rückt oder ein neuer Heiliger auftritt, lassen sich daraus Rückschlüsse ziehen, welche Tendenzen im religiösen und mentalen Bereich wirkmächtig sind oder sich verstärken werden.

7

Religion und Politik

Die Republik Indien ist, anders als Pakistan, ein säkularer Staat. Seine Hauptreligion, der Hinduismus, gilt oder galt im Allgemeinen als besonders tolerant. Die Toleranz des Hinduismus hängt mit seiner universalistischen Tendenz zusammen, insofern er andere Wege zum Absoluten gelten lässt und ihnen gegenüber aufgeschlossen ist. Vor allem der Neohinduismus vermittelte die Vorstellung, das religiöse Leben gleiche einer Reise auf verschiedenen Wegen: Dies fügte sich gut in den religiösen Pluralismus der westlichen Welt. Hinzu kam, dass der Kampf, durch den Indien seine politische Unabhängigkeit erlangte, von Mahatma Gandhi unter dem Banner der Gewaltlosigkeit geführt wurde. Aber eine der Konsequenzen der Unabhängigkeit war die Teilung des Subkontinents in Indien und Pakistan auf religiöser Basis, die eine Orgie der Gewalt zur Folge hatte. Millionen Muslime zogen von Indien nach Pakistan und umgekehrt Hindus von Pakistan nach Indien, wobei mindestens eine halbe Million Menschen in Krawallen und Massakern ermordet wurde. Gandhi selbst wurde, weil er der Teilung zugestimmt hatte, am 30. Januar 1948 von einem anderen Hindu, Nathuram Godse, erschossen. Das Aufkommen eines neuen hinduistischen Fundamentalismus und Nationalismus weist auf einen Paradigmenwechsel hin, für den die Vorfälle um die Babri-Moschee in Ayodhya ein Fanal gewesen sein könnten: Nach jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Hindus um die Moschee, die 1528 an der Stelle errichtet wurde, wo vorher ein Rama-Tempel stand, wurde diese 1992 durch Tausende von Hindus abgerissen. Dem Vorfall folgte eine Welle der Gewalt in allen indischen Großstädten, und es wurde die Forderung erhoben, alle Moscheen, die im Lauf der Jahrhunderte an der Stelle von Hindutempeln errichtet worden waren, abzureißen. Der militante Nationalismus ist eine Bedrohung nicht nur für den säkularen Staat Indien und für die ganze Region, sondern für den Sanatana Dharma selbst.

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