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Deutsche LiteraturEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Erste (voralthochdeutsche) Zeugnisse; Mittelalter; Humanismus, Renaissance und Reformation; Barock; Aufklärung, Empfindsamkeit und Sturm und Drang; Klassik; Romantik; Biedermeier, Junges Deutschland, Vormärz und Realismus; Naturalismus und Moderne; Nationalsozialismus und Exilliteratur; Deutsche Literatur nach 1945
Unter den Ottonen wurde das Latein, oft in Anlehnung an antike Muster (ottonische Renaissance), wieder alleinige Literatursprache. Ein Beispiel für diese Rückbesinnung auf die Antike waren die an Terenz orientierten Märtyrerdramen der Hrotsvith von Gandersheim. Erst allmählich drangen wieder volkssprachliche Elemente in die geistliche und weltliche Literatur vor, wie in dem Heilshymnus des Ezzoliedes (1063) und die Verslegende des Annoliedes (um 1080). In lateinischen Hexametern war hingegen das Waltharilied (um 1050) abgefasst. Im Zuge der aufblühenden Stadtkultur und des erstarkenden Rittertums entstanden erste vorhöfische Epen, darunter die noch im 13. Jahrhundert kopierte Kaiserchronik (um 1150), welche die ältesten deutschsprachigen Novellen enthielt, das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht (um 1150) und das Rolandslied des Pfaffen Konrad (um 1170), das erstmals auf französische Vorbilder – namentlich das Chanson de Roland, ein Chanson de Geste – zurückgriff, diese aber im Zuge der aktuell werdenden Kreuzzugsthematik religiös-missionarisch zur Kreuzzugsdichtung überhöhte. Als erster mittelalterlicher Roman gilt der nur in Fragmenten überlieferte Ruodlieb (um 1050).
Das seit dem Tod Karls des Großen durch den Niedergang der Laienschulen verursachte Bildungsmonopol der Kirche erfuhr durch das Entstehen einer neuen weltlichen Feudalmacht nach den Kreuzzügen (seit 1096) eine entscheidende Relativierung. Das jahrhundertelang auf die Klöster beschränkte geistliche Leben erhielt darüber hinaus neue Impulse durch die an Universitäten und Bischofssitzen aufblühende weltliche Literatur. Das neue Selbstverständnis und -bewusstsein des Adels speiste sich auch aus der durch die Kreuzzüge ermöglichten geistig-kulturellen Begegnung mit der Kultur des Orients. Einen repräsentativen literarischen Ausdruck fand die weltliche, diesseitsbejahende Kultur der Höfe erstmals in der Form des Minnesangs. Zur frühen („donauländischen”) Phase unmittelbar nach dem zweiten Kreuzzug (dem ersten mit deutscher Beteiligung, 1147-1149) zählen der Sänger Kürenberg, Meinloh von Sevelingen und die Burggrafen von Regensburg und Rietenburg. Mit der rheinischen Ausprägung trat der Minnesang in seine Blütezeit und bildete neben dem zentralen Typus des Werbesangs Varianten wie das Tagelied und das Kreuzlied aus. Unter dem Einfluss der französischen Troubadoure schufen Heinrich von Veldeke, Friedrich von Hausen und andere auch neue Reim- und Strophenformen (Stollenstrophen), zur eigentlichen Meisterschaft gelangten aber erst Heinrich von Morungen, Hartmann von Aue und Walther von der Vogelweide, der auch die Spruchdichtung und die politische Lyrik fortentwickelte. Bei ihm vollzieht sich der Übergang zur „niederen” Minne, die im Gegensatz zum strengen Subordinationsprinzip der„hohen” auch erotische Erfüllung und eheliche Liebe besang. Schriftlich überliefert wurde die Minnedichtung erst in der um 1275 entstandenen Kleinen Heidelberger Liederhandschrift, der illustrierten Großen Heidelberger oder Manessischen Liederhandschrift (nach 1300) und späteren Sammlungen. Neben dem Minnesang entwickelte sich das höfische Epos, das häufig auf Stoffe aus der Antike zurückgriff, wie Heinrich von Veldeke in seiner der Äneis des Vergil nachempfundenen Eneit (1170/90). Hartmann von Aue verfasste nach dem Vorbild des Franzosen Chrétien de Troyes mit Erec und Iwein (um 1200) die ersten deutschen Dichtungen aus dem Kreis der Artussage. Das bedeutendste Epos dieser Zeit, Wolfram von Eschenbachs Parzifal (1200-1210), und Gottfried von Straßburgs Tristan und Isolt (um 1210) schöpften gleichfalls aus dieser Quelle. Einen weiteren Höhepunkt erlebte die Dichtung im Kudrun-Epos (um 1215) und dem anonym überlieferten Nibelungenlied (um 1200), in dem erstmals seit dem Hildebrandslied wieder ein Stoff der Völkerwanderung literarische Form fand. Daneben entstand eine Vielzahl didaktisch-satirischer Spruch-, Fabel- und Schwankdichtungen, wie Hugo von Trimbergs Moralkompendium Der Renner (um 1300).
Der literarisch in Parodien der Ritterepen (Ulrich von Lichtensteins Frauendienst) dokumentierte Niedergang der höfisch-ritterlichen Idealkultur sowie der weitere Aufstieg der Städte führten zu einer Verbürgerlichung der literarischen Erscheinungsformen und Inhalte. Die Minnelyrik variierte zunächst die von Neidhart entwickelten Typen, mündete aber bereits im Werk Heinrichs von Meißen (genannt Frauenlob) in eine Vorform des Meistersangs (siehe Hans Sachs). Vorherrschend wurde eine didaktisch-gelehrte Dichtung (Hugo von Montfort), von der die Lieder Oswalds von Wolkenstein sich durch Witz und sinnliche Lebensbejahung absetzten. In der Prosa wurden der höfische Roman (Rudolf von Ems, Konrad von Würzburg) und die Heldenepik weitergeführt, wichen aber ebenso der Tendenz zum Praktisch-Belehrenden, die auch in einem stetig wachsenden wissenschaftlichen Schrifttum zum Ausdruck kam. Der Dominikanermönch Meister Eckhart gilt als Begründer der wissenschaftlichen deutschen Prosa. Als Höhepunkt der spätmittelalterlichen Erzählprosa gilt der um 1400 verfasste Ackermann aus Böhmen des Johannes von Tepl. Noch im 13. Jahrhundert ist das erste deutschsprachige Schauspiel bezeugt, das Osterspiel von Muri (siehe Osterspiel), dem eine Vielzahl geistlicher Dramen, wie das Benediktbeurer Weihnachts- und Osterspiel, und später die Fastnachtsspiele folgten. Ende des 14. Jahrhunderts entstand die erste vollständige Bibelübersetzung, und unter dem Eindruck der Pest bildeten sich neue Formen geistlicher Gebrauchsliteratur heraus, wie Geißlerlied und Totentanz. Ein wachsendes Geschichts- und Rechtsbewusstsein manifestierte sich in Chroniken und den Schriften der weltlichen Schulwissenschaft, so im Sachsenspiegel (um 1224-1231), dem Schwabenspiegel (um 1275-1276) und der Sächsischen Weltchronik (um 1230). Wichtige Impulse erhielt die Literatur der Epoche durch den Rückgang des Analphabetismus und die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, der eine massenhafte Verbreitung unterschiedlichsten Schrifttums ermöglichte, wie die der populären Schwankdichtungen (siehe Till Eulenspiegel).
Der bereits im Mittelalter manifeste Drang nach geistiger Erneuerung brach sich Anfang des 16. Jahrhunderts Bahn in den am römisch-antiken Vorbild ausgerichteten Bewegungen des Humanismus und der Renaissance und auf religiösem Gebiet in der Reformation. Den Umwälzungen auf weltanschaulichem und politischem Gebiet entsprach eine sich vielfältig fortentwickelnde Literatur, die in Luthers Bibelübersetzung (1522-1534) einen entscheidenden Impuls für die Herausbildung einer einheitlichen neudeutschen Schriftsprache erfuhr. Die Hauptrepräsentanten des Humanismus waren Erasmus von Rotterdam, Ulrich von Hutten und Johannes Reuchlin, der Herausgeber der kirchenkritischen Dunkelmännerbriefe (1517). Im Zuge der konfessionellen Auseinandersetzungen wurde die Prosa zu einem volkstümlich-derben Mittel des Kampfes und der Belehrung, vor allem in den nun zahlreich entstehenden Volksbüchern, wie Fortunatus (1509), Till Eulenspiegel (1515), Historia von D. Johann Fausten (1587; Johann Faust) oder den Schiltbürgern (1598; Lalebuch). Die dort charakteristische Mischung von realistisch-drastischer Darstellungsweise und praktischem Lebenswitz zeichnete die Satiren Johannes Fischarts und die Romane Jörg Wickrams aus (Der jungen Knaben Spiegel, 1554), dessen Rollwagenbüchlein (1555) zugleich den Übergang der Schwankliteratur vom Vers zur Prosa markierte. Noch deutlich den formalen Konventionen des Mittelalters verhaftet war die bedeutendste satirische Dichtung der Epoche, das in der Tradition des Weltspiegels verfasste Narren Schyff (1494) des Sebastian Brant. Im Drama herrschte das von Hans Sachs, Niklaus Manuel und anderen repräsentierte Fastnachtsspiel vor, das theologisch-moralische Anliegen mit Schwankelementen verknüpfte. In seiner humanistisch-reformatorischen Ausprägung zeugte es ferner von der dominierenden Rolle des protestantischen Bürgertums seit Mitte des 16. Jahrhunderts. Hinzu traten Anregungen der Commedia dell’Arte und des englischen Dramas, und neben ersten historischen Dramen entstanden in den Jesuitenkollegs Vorstufen des barocken Schauspiels (Jakob Bidermann, Cenodoxus, Uraufführung 1602). Wesentlich für die Entwicklung der Gattung wurde die Tatsache, dass sie nun auch an den Höfen des Adels heimisch wurde (so bei Heinrich Julius, Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel). In der Lyrik dominierten neben geistlichem Liedgut Meistersang und Gesellschaftslied (siehe Meistersinger).
Das Barock war geprägt vom Zeithintergrund der konfessionellen Spaltung Europas und der daraus resultierenden kriegerischen Auseinandersetzungen (siehe Dreißigjähriger Krieg, 1618-1648) und territorialen Verschiebungen. Das geistig-literarische Leben, das sich auf die Königs- und Fürstenhöfe konzentrierte, nahm starken Einfluss auf das kulturelle Selbstverständnis des Bürgertums. Im gelehrten Schrifttum, in dem bislang das Lateinische vorherrschte, zeichnete sich eine Hinwendung zum Deutschen ab, dessen Niveau als Literatursprache allmählich dem Vorbild des Lateinischen angeglichen werden sollte. Hieraus leitet sich der normative Charakter der Barockliteratur ab, wie er in den Regelwerken von Martin Opitz (Das Buch von der Deutschen Poeterey, 1624) und anderer Autoren zum Ausdruck kam (Philipp von Zesen, Andreas Tscherning, Justus Georg Schottel, Georg Philipp Harsdörffer). Gleichfalls im Zeichen der Spracherneuerung standen die Aktivitäten der verschiedenen Sprachgesellschaften (Fruchtbringende Gesellschaft, gegründet 1617) und Dichterkreise, wie des Pegnitzer Blumenordens. Die weltliche Lyrik setzte die Tradition des Meistersangs und anderer volkssprachlicher Dichtungsformen fort, bediente sich zunehmend aber auch antiker Formen, wie der Elegie und der Ode. Ferner gingen Anregungen des italienischen, auf Francesco Petrarca sich berufenden Petrarkismus (Paul Fleming) und der Hirtendichtung (Opitz) in die Lyrik ein. Die geistliche Dichtung schöpfte ebenfalls aus dem Motivinventar des Petrarkismus (Friedrich Spee von Langenfeld) und wandte sich in ihrer mystischen Spielart (siehe Jakob Böhme, Angelus Silesius) gegen den offiziellen Protestantismus. Christian Hofmann von Hofmannswaldau trat mit lebensbejahenden, galanten Gedichten in der Tradition des Marinismus hervor, während in den Sonetten von Andreas Gryphius die Vanitas-Thematik vorherrschte. Sie wurde auch für den Großteil der dramatischen Dichtung bestimmend. Angeregt durch die Seneca- und Sophokles-Übertragungen von Opitz (Die Trojanerinnen, 1625; Antigone, 1636) rückte die Tragödie an die erste Stelle (mit dem Alexandriner als gebräuchlichstem Versmaß). Wichtigster Dramatiker des Barock war Gryphius mit seinen Trauerspielen (Cardenio und Celinde, Catharina von Georgien, beide 1657) und den „Scherz- und Schimpfspielen”, welche die Tradition des deutschen Lustspiels begründeten (Absurda Comica. Oder Herr Peter Squentz, 1658; Horribilicribrifax, 1663). Die Perspektive des welterfahrenen Zynikers und Hofmannes charakterisierte die Dramen Daniel Casper von Lohensteins (Cleopatra, 1661; Agrippina, 1665). Richtungweisend für den Roman des Barock wurden Übersetzungen fremdsprachiger Vorbilder, wie der Aithiopiká des Heliodor, des Amadis-Romans oder der spanischen Schelmenromane. In dieser Tradition stand auch das bedeutendste Romanwerk der Zeit, Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausens Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch (1669), der mehrere Fortsetzungen erlebte. Dort, wie auch in der Lebensbeschreibung der Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche (1670), entfaltete Grimmelshausen das Panorama der von Kriegswirren gezeichneten Epoche aus der Sicht lebensgewandter Protagonisten der Unterschicht.
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