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Deutsche LiteraturEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Erste (voralthochdeutsche) Zeugnisse; Mittelalter; Humanismus, Renaissance und Reformation; Barock; Aufklärung, Empfindsamkeit und Sturm und Drang; Klassik; Romantik; Biedermeier, Junges Deutschland, Vormärz und Realismus; Naturalismus und Moderne; Nationalsozialismus und Exilliteratur; Deutsche Literatur nach 1945
Das Zeitalter der Aufklärung war gesamteuropäisch bestimmt von der Säkularisierung des christlichen Weltbildes und der bürgerlichen Parteinahme gegen den feudalen Ständestaat absolutistischer Prägung. Die Philosophie stand unter dem Primat der kritischen Vernunft im Sinne Immanuel Kants, der in der Dichtung dem Bemühen um Einfachheit und Klarheit entsprach. Das in idealisierendem Rückgriff auf die Antike formulierte harmonische Menschenbild Johann Joachim Winckelmanns korrespondierte mit dem von Gotthold Ephraim Lessings religiös-theoretischer Schrift über Die Erziehung des Menschengeschlechts (1780) artikulierten Bildungsgedanken. Die Höfe verloren weitgehend ihre Funktion als Zentren des kulturellen Lebens an die Universitäten und weltoffenen Handelsstädte. Neben Berlin, wo Friedrich Nicolai mit Lessing, Christian Felix Weiße und Moses Mendelssohn die Briefe, die neueste Literatur betreffend (1759-1765) herausgab, wurde Leipzig zum Hauptort der Aufklärung in Deutschland. Dort wirkte mit Johann Christoph Gottsched die zentrale Gestalt der literarischen Aufklärung. Sein Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen (1730) wurde trotz der Kritik durch Johann Jacob Bodmer (Kritische Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie, 1740) und Johann Jakob Breitinger (Kritische Dichtkunst, 1740) maßgeblich vor allem für die Entwicklung des deutschen Dramas, das sich nunmehr am französischen Vorbild orientierte. Gottsched selbst schuf ein Musterdrama in Alexandriner (Der Tod des Cato, 1732). Eine Abkehr von Gottscheds Prinzipien vollzog sich zunächst in der Lyrik, später auch durch Lessing in der Dramatik, der mit Miss Sara Sampson (1755) und Emilia Galotti (1772) das bürgerliche Trauerspiel in Deutschland begründete. Sein dramatisches Gedicht Nathan der Weise (1779) setzte dem Führungsanspruch der christlichen Kirche den Toleranzgedanken einer undogmatischen Humanität entgegen, der bereits auf die Ideale der Klassik verwies. Das Vorbild der englischen Literatur, das auch in Lessings Trauerspielen wirksam war, wurde nach 1740 auch in der Lyrik und Epik wirksam. Die Gedichtsammlung Barthold Hinrich Brockes Irdisches Vergnügen in Gott (1721-1748) war der Versuch, christliche Sittenlehre mit Naturlehre und -erkenntnis zu verbinden. Mit Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Ewald von Kleist und Salomon Gessner (Idyllen, 1756) setzte eine Periode idyllisch-bukolischer Naturlyrik ein, die in der Anakreontik (siehe Anakreon) auch auf die antike Ode zurückgriff. Neue Maßstäbe für die deutsche Dichtung setzte Friedrich Gottlieb Klopstock mit seiner Odendichtung und dem (von John Miltons Paradise Lost angeregten) Hexameter-Epos Der Messias (1748-1773). Auf dem Gebiet des Romans wurde der Gottsched-Schüler Christian Fürchtegott Gellert (Fabeln und Erzählungen, 1746-1748) richtungweisend mit Das Leben der schwedischen Gräfin von G*** (1747-1748), in dem erstmals – nach dem Muster des englischen sentimentalen Romans – die handelnden Figuren in psychologisch differenzierter Darstellung erschienen. Sophie von La Roche entwickelte diesen Typus in der Geschichte des Fräuleins von Sternheim (1771) weiter und ließ Züge des Pietismus einfließen, der für die Kultur der Empfindsamkeit in Deutschland höchst bedeutsam wurde. Christian Friedrich von Blankenburg definierte in der ersten systematischen Poetik des deutschen Romans (Versuch über den Roman, 1774) die Gattung als zeitgemäße Darstellungsform seelischer Befindlichkeiten. Wichtigster Vertreter des vorklassischen Romans wurde Christoph Martin Wieland (Der Sieg der Natur über die Schwärmerei oder die Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva, 1764; Die Geschichte des Agathon, 1766-1767, endgültige Fassung 1794), der außerdem mit seiner Zeitschrift Der Teutsche Merkur und Übertragungen der Dramen Shakespeares einflussreich wurde. Die Bewegung des Sturm und Drang übernahm die subjektivistische Ausrichtung der Empfindsamkeit, verlieh ihr jedoch mit dem Ideal des schöpferisch-titanischen Genies andere Akzente. Die wichtigste Gruppenbildung war der Göttinger Hain, dem u. a. Heinrich Christian Boie, Johann Heinrich Voß und die Grafen Stolberg angehörten und Matthias Claudius sowie Gottfried August Bürger nahe standen. In den Balladen, Hymnen und Romanzen der Hainbündler trat erstmals der volksliedhafte Ton zutage, der später für die Romantik charakteristisch wurde. Zum wichtigsten Anreger der Rückbesinnung auf die deutsche Volksdichtung wurde Johann Gottfried von Herder mit zahlreichen theoretischen Schriften. Der Roman war oftmals von autobiographischer Färbung, wie Karl Philipp Moritz’ Anton Reiser (1785-1790) oder Wilhelm Heinses Ardinghello und die glückseligen Inseln (1787). Das meistgelesene deutsche Prosawerk der Epoche war Goethes Sensationserfolg Die Leiden des jungen Werthers (1774, Neufassung 1787), eines der herausragenden Beispiele des deutschen Briefromans. Die Feudalismuskritik des Sturm und Drang trat am deutlichsten im Drama zutage, so in Friedrich Schillers Die Räuber (1781), Die Verschwörung des Fiesco zu Genua (1783) und Don Carlos (1787, im später für die Klassik typischen Blankvers). Den bei Schiller präsenten Konflikt von Individuum und gesellschaftlicher Konvention gestaltete Goethe in Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand (1773), Clavigo (1774) und Egmont (1778) und ließ sich wie Friedrich Maximilian Klinger, dessen Drama Sturm und Drang (1775) der Bewegung den Namen gab, von der Figur des Faust anregen (1772-1775, erstmals 1790 als Faust. Ein Fragment). Ein bedeutender Dramatiker der Epoche war Jakob Michael Reinhold Lenz (Der Hofmeister, 1774; Die Soldaten, 1776), der das tragikomische Gesellschaftsstück begründete und mit Anmerkungen über das Theater (1774) hervortrat. Daneben entstand eine Fülle dramentheoretischer Schriften, wie Schillers Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet (1784).
Als Weimarer Klassik bezeichnet man das zwischen 1786 und 1805 entstandene Werk Goethes und Schillers. Beide legten in unterschiedlicher Weise, häufig aber auch in gemeinsamer Arbeit, ihren Dichtungen und theoretischen Schriften von der Antike und Renaissance inspirierte ethische und ästhetische Leitlinien zugrunde, die im Ideal einer tätigen Humanität gipfelten. Während Schiller das Hauptgewicht auf sittliche Fragen legte, war für Goethe die Idee des Schönen bestimmend. Die Spannung zwischen dem Spekulativen auf der einen und dem Sinnlich-Individuellen auf der anderen Seite wurde im persönlichen Gedankenaustausch, im Briefwechsel und in gemeinsamen dichterischen und editorischen Unternehmen, wie den Zeitschriften Die Horen und Propyläen, den Xenien und der Balladendichtung fruchtbar gemacht. Die wichtigste poetologische Arbeit war der Aufsatz Über epische und dramatische Dichtung. Von Goethe und Schiller (1797), der neue Maßstäbe für die Definition der Gattungen setzte. Die intensivste dichterische Phase war das Jahr 1797 mit zahlreichen gegenseitig angeregten Balladendichtungen, die im Musenalmanach auf das Jahr 1798 erschienen (siehe Musenalmanach). Zu den bedeutendsten Werken der Weimarer Klassik zählen die Dramen Schillers, wie die Wallenstein-Trilogie (1800), Maria Stuart (1801) und Wilhelm Tell (1804), sowie Goethes Lehrgedicht Die Metamorphose der Pflanzen (1795) und sein noch in der Romantik hoch geschätzter Bildungsroman Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795-1796). Nach Schillers Tod (1805) setzte Goethes „nachklassische” Phase ein, in der die Formenstrenge der Klassik – nicht zuletzt durch die Berührung mit der Frühromantik – einer Tendenz zum Fragmentarisch-Aphoristischen wich. Sein Spätwerk stand im Zeichen langfristiger, zum Teil autobiographischer Unternehmen (Dichtung und Wahrheit, 1811-1814; Faust, 1808 und 1833; Die Wahlverwandtschaften, 1809; Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1821 und 1829), erlebte aber auch in der Lyrik nochmals einen Höhepunkt (West-östlicher Divan, 1819; Trilogie der Leidenschaft, 1824). Der starke Einfluss, den Goethe im Zenit seines Lebens auf die deutsche Literatur ausübte, schwand in den letzten Lebensjahrzehnten beträchtlich, als die Romantik und nach ihr das Junge Deutschland sich als prägende Kräfte durchsetzten. Mit dem moralisch-ästhetischen Programm der Weimarer Klassik verwandt waren die Dichtungen Friedrich Hölderlins, wie der Briefroman Hyperion (1797), der Hexameter-Hymnus Der Archipelagus (1800) und das Dramenfragment Der Tod des Empedokles (1798-1800), in der starken Subjektivität der Lyrik kündigte sich aber bereits das Poesieverständnis der Romantik an. Zu deren wesentlichen Anregern auf dem Gebiet des Romans zählte Jean Paul, der zunächst dem Vorbild des englischen sentimentalen Romans folgte, später jedoch mit dem Titan (1800-1803) eine der meistgelesenen Prosadichtungen der Zeit vorlegte.
Die Romantik setzte dem Rationalismus der Aufklärung und dem ethischen und ästhetischen Rigorismus der Klassik neue metaphysische und poetologische Maximen entgegen und knüpfte darin an Tendenzen der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang an, wie die von Herder eingeleitete Besinnung auf die Volksdichtung. Das weltanschauliche Fundament (siehe Johann Gottlieb Fichte, Wissenschaftslehre, 1794; Friedrich Wilhelm von Schelling, Ideen zu einer Philosophie der Natur, 1797) bewegte sich im Grenzbereich von Philosophie und Religion und stellte, wie auch die poetologischen Schriften, das schöpferische Ich in den Mittelpunkt, wie Friedrich Schlegel in den Athenäum-Fragmenten (1798) und seinem Gespräch über die Poesie (1800). Der romantische Subjektivismus mündete, nach anfänglichen Sympathien für die Französische Revolution, oftmals in christlich akzentuierte Innerlichkeit (und Konversionen zum Katholizismus) sowie politischen Konservatismus. Die so genannte Jenaer Frühromantik (ab 1798), mit den Hauptrepräsentanten Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Novalis, Schelling und Wilhelm von Humboldt, formulierte die wesentlichen kunsttheoretischen Richtlinien und brachte gleichzeitig mit Wilhelm Heinrich Wackenroders Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders (1797) und Ludwig Tiecks Franz Sternbalds Wanderungen (1798) die ersten bedeutenden Dichtungen hervor (Novalis: Hymnen an die Nacht, 1800). Die so genannte Heidelberger Hochromantik mit Joseph Freiherr von Eichendorff und Joseph von Görres machte sich mit der Herausgabe der Teutschen Volksbücher (1807) und Achim von Arnims und Clemens Brentanos Sammlung Des Knaben Wunderhorn (1806-1808) um die Volkspoesie verdient, deren liedhafte Schlichtheit einen großen Teil der Lyrik prägte, vor allem bei Eichendorff (Gedichte, 1837), Eduard Mörike (Gedichte, 1838) und Wilhelm Müller (Die schöne Müllerin, 1821). Das bedeutendste Zentrum der so genannten Spätromantik war neben Dresden, Schwaben, München und Wien die preußische Hauptstadt Berlin, wo sich im Salon der Rahel Varnhagen von Ense eine urbane Form romantischer Geselligkeit entwickelte (siehe literarische Salons). Neben Heinrich von Kleist und Friedrich de la Motte-Fouqué wurden Ludwig Tieck und E. T. A. Hoffmann die Leitfiguren der Berliner Romantik. Hier trat die Prosadichtung in den Vordergrund, meist mit märchenhaft-phantastischer Färbung, wie in Tiecks Phantasus (1812-1816) und Hoffmanns Fantasiestücken in Callots Manier (1813-1815), den Nachtstücken (1816) und den Serapionsbrüdern (1819-1821). Hoffmann schuf mit Der Goldene Topf den Prototyp des romantischen Kunstmärchens, das Motive der Volksdichtung mit poetologischen Fragen und gesellschaftssatirischen Elementen verband. (Anregung erfuhr die Gattung vor allem durch die Sammlung von Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm; siehe Grimms Märchen.) Ähnlich verfuhr der mit ihm befreundete Adelbert von Chamisso in Peter Schlemihls wundersame Geschichte (1814). Auf dem Gebiet der phantastischen Literatur und der unheimlichen Geschichte wurde die Romantik stilprägend für das gesamte 19. Jahrhundert. In Berlin entstanden ferner die Werke Heinrich von Kleists (Die Familie Schroffenstein, 1803; Das Käthchen von Heilbronn, 1808), der neben Tieck und dem Dramatiker Zacharias Werner (Der vierundzwanzigste Februar, 1810) die wenigen romantischen Schauspiele von Rang schuf. Die romantische Dichtung vermittelte auch der zeitgenössischen Kunst und Musik vielfältige Anregungen (Naturerlebnis, Märchenmotive), und die Werke von Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge, Franz Schubert oder Felix Mendelssohn wirkten wiederum auf die Literatur zurück.
Die als Biedermeier bezeichnete Restaurationsepoche zwischen dem Wiener Kongress (1815) und der Märzrevolution (1848) war geprägt von einer Tendenz zur Verinnerlichung und einem Rückzug ins Private. Daneben existierten aber auch literarische Bewegungen wie das Junge Deutschland, das sich vehement für die Veränderung der politischen Verhältnisse einsetzte (siehe Vormärz). Zu den wichtigsten biedermeierlichen Autoren, die meist zur Vermischung der Gattungen und zur kleinen Erzählform neigten, gehörten Adalbert Stifter (Studien, 1844-1850), Eduard Mörike (Mozart auf der Reise nach Prag, 1856), Annette von Droste-Hülshoff (Das geistliche Jahr, 1820-1851; Die Judenbuche, 1842), Jeremias Gotthelf (Die schwarze Spinne, 1843; Uli der Knecht, 1846) und Nikolaus Lenau (Gedichte, 1832). Im Spätwerk fand Stifter zum Roman (Der Nachsommer, 1857; Witiko, 1865-1867). Die für das Biedermeier typischen harmonisierenden Elemente traten in der zweiten Jahrhunderthälfte zurück, so in den Novellen Gottfried Kellers (Die Leute von Seldwyla, 1856-1874) und seinem Entwicklungsroman Der grüne Heinrich (1854-1855, neue Fassung 1879-1880). Die Erzählprosa des Realismus vollendete sich im Romanwerk Wilhelm Raabes (Der Hungerpastor, 1864; Abu Telfan, 1868) und Theodor Fontanes (Effi Briest, 1895; Der Stechlin, 1899) und den Novellen Theodor Storms (Immensee, 1851; Der Schimmelreiter, 1888). Auf dem Gebiet des Dramas repräsentierten u. a. Ferdinand Raimund, Franz Grillparzer und Johann Nestroy das literarische Biedermeier, ohne dass ihr Werk ihm jeweils vollständig zugerechnet werden könnte. Grillparzer trat mit Komödien und historisch-psychologischen Dramen hervor (Sappho, 1819; König Ottokars Glück und Ende, 1825; Ein Bruderzwist im Hause Habsburg, entstanden 1848). Raimund mit märchenhaft gefärbten Schauspielen (Der Alpenkönig und der Menschenfeind, 1835) und Nestroy mit virtuos dialogwitzigen Possen (Der böse Geist Lumpazivagabundus, 1835) belebten das Wiener Volkstheater (siehe Wiener Volksstück). Friedrich Hebbel brachte in der Nachfolge Lessings das bürgerliche Trauerspiel wieder auf die Bühne (Maria Magdalena, 1844; Agnes Bernauer, 1855). Noch unter dem Einfluss der Romantik standen die Kunstmärchenzyklen von Wilhelm Hauff (Das Wirtshaus im Spessart und Die Karawane, beides im Maehrchen-Almanach auf das Jahr 1826/1827/1828), die auch in der Lyrik bei Friedrich Rückert und August Graf von Platen weiterwirkte. Im Spannungsfeld von Romantik und Realismus standen die Dichtungen Heinrich Heines (Das Buch der Lieder, 1827), der in programmatischen Schriften die Literatur (Die Romantische Schule, 1836) und das politische Geschehen seiner Zeit (Deutschland, ein Wintermärchen, 1844) kritisch-satirisch kommentierte. Die Publikation von Heines Werken vollzog sich in beständigem Kampf mit der Metternich’schen Zensur (Karlsbader Beschlüsse). 1835 wurden seine sämtlichen Schriften auf den Index gesetzt, gemeinsam mit denen des Jungen Deutschland. Diese Gruppierung (Heinrich Laube, Karl Gutzkow, Ludolf Wienbarg, Theodor Mundt, Ludwig Börne) verstand die Literatur vorrangig als Mittel der politischen Auseinandersetzung, ähnlich wie die Lyriker Franz Dingelstedt, Georg Herwegh und Ferdinand Freiligrath. 1841 verfasste August Heinrich Hoffmann von Fallersleben das „Deutschlandlied” mit der seinerzeit revolutionären Forderung nach staatlicher Einheit. Als diese Hoffnungen in der Nationalversammlung 1848 enttäuscht wurden, verstummte die politische Lyrik vorläufig. Geistig nahe standen dem Jungen Deutschland die Dramatiker Christian Dietrich Grabbe (Kaiser Friedrich Barbarossa, 1829) und Georg Büchner (Dantons Tod, 1835).
Der deutsche Naturalismus wandte sich unter dem Einfluss Emile Zolas einer wissenschaftlich-analytischen Prosa zu, die sich vor allem die präzise Schilderung psychologischer Prozesse (besonders der abnormen Phänomene) und sozialer Verhältnisse zur Aufgabe machte. Zentren waren München (Die Gesellschaft, 1895-1901, herausgegeben von Michael Georg Conrad) und Berlin. Karl Bleibtreu und andere rückten die Lebensverhältnisse in der modernen Großstadt ins Blickfeld, Ludwig Anzengruber das bäuerliche Milieu. Das theoretische Fundament der Bewegung eines konsequenten Naturalismus formulierte Arno Holz gemeinsam mit Johannes Schlaf in Die Kunst, ihr Wesen und ihre Gesetze (1891-1892). Auch seine Erzählung Papa Hamlet (1889) und das Milieudrama Die Familie Selicke (1890) entstanden gemeinschaftlich mit Schlaf und gelten als exemplarische Texte der Berliner Moderne. Das Drama der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts stand insgesamt unter dem Einfluss der Werke Büchners, Hebbels und Henrik Ibsens. Neben Ernst von Wildenbruch, Hermann Bahr, Holz und Bleibtreu wurde Gerhart Hauptmann der Hauptrepräsentant des naturalistischen Schauspiels (Vor Sonnenaufgang, 1889; Die Weber, 1892; Rose Bernd, 1903; Die Ratten, 1911). Eine Schlüsselrolle in der naturalistischen Bewegung spielte die von Otto Brahm 1889 in Berlin gegründete Vereinigung Freie Bühne sowie ihr seit 1890 erscheinendes Publikationsorgan Freie Bühne für modernes Leben (ab 1904 als Neue deutsche Rundschau). Eine Randerscheinung der naturalistischen Dramatik blieb Frank Wedekind, der sich zwar einige Stilelemente zu eigen machte, die ansonsten typische, im so genannten Sekundenstil kulminierende pedantische Realitätsnähe aber ablehnte. Seine Dramen Frühlingserwachen (1891), Der Erdgeist (1895) und Die Büchse der Pandora (1904) griffen mit der Pubertätsproblematik und dem Mythos der Femme fatale charakteristische Themen der Fin-de-siècle-Dichtung auf und bereicherten die deutsche Bühnensprache um einen ekstatischen Ton. In den ersten 20 Jahren des 20. Jahrhunderts wechselten teils kurzlebige Strömungen in Literatur und Kunst einander ab oder bestanden parallel, wie Impressionismus, Symbolismus, Jugendstil oder Neoromantik, die sich in der Formel Moderne zusammenfassen lassen. Die kunsttheoretische Erörterung gewann einen ähnlichen Stellenwert wie in der Romantik und orientierte sich am internationalen Phänomen des Symbolismus, der besonders in der französischen Lyrik vorherrschend war (siehe Baudelaire, Mallarmé, Rimbaud, Verlaine). Der Ästhetizismus der Dichtungen Stefan Georges, Hugo von Hofmannsthals und Rainer Maria Rilkes war auch kennzeichnend für bibliophile Zeitschriften wie Die Insel (1899 gegründet von Otto Julius Bierbaum, Alfred Walter Heymel und Rudolf Alexander Schröder) oder Kunstzeitschriften wie Georges Blätter für die Kunst, Pan (1895-1900, Bierbaum) und Ver Sacrum (Wien, 1898-1903). Rilkes Gedichte (Buch der Bilder, 1902 und 1906) markierten einen eigenständigen Höhepunkt der deutschen Lyrik (die im Übrigen stark dem französischen Vorbild verhaftet blieb), und sein um die Existenzproblematik eines jungen Dichters kreisender Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910) antizipierte den modernen Bewusstseinsroman. Georges Bemühen um konservative Erneuerung fand eine Entsprechung bei Thomas Mann, der in seinen Novellen (Tristan, 1903; Der Tod in Venedig, 1912) bevorzugt die Problematik der Künstlerexistenz entfaltete und mit Buddenbrooks (1901) einen der bedeutendsten Romane der deutschen Literatur schuf. Das dort zentrale Thema des Verfalls prägte auch die frühen Dichtungen Hugo von Hofmannsthals (Der Tor und der Tod, 1900; Der Tod des Tizian, 1901), der mit Arthur Schnitzler und Richard Beer-Hofmann das Dreigestirn der Wiener Moderne bildete. Letzterer schuf mit Der Tod Georgs (1900) unter Verwendung des inneren Monologs das wichtigste Beispiel ornamentaler Prosa innerhalb der österreichischen Jugendstil-Literatur. (Ein weiteres wichtiges Werk des Fin de Siècle legte Leopold von Andrian-Werburg bereits 1895 unter dem Titel Der Garten der Erkenntnis vor.) Schnitzler knüpfte mit dem ansonsten gänzlich eigenständigen Drama Der Reigen (1900) an die provokante Sexualität in den Dramen Wedekinds an, verlieh ihr jedoch ein illusionslos-nüchternes Gewand. Seine im selben Jahr erschienene Erzählung Lieutenant Gustl verwandte erstmals– auch unter dem Eindruck der durch Sigmund Freud begründeten Psychoanalyse – konsequent die Technik des inneren Monologs im deutschen Sprachbereich. Als Sprach- und Gesellschaftskritiker trat vor allem Karl Kraus hervor, dessen Ein-Mann-Zeitschrift Die Fackel zur gefürchteten publizistischen Waffe avancierte. In Wien entstand zudem ein reiches Feld so genannter Kaffeehausliteratur, deren prominenteste Vertreter Peter Altenberg und Anton Kuh waren (später stieß auch Alfred Polgar hinzu). Mit Else Lasker-Schüler, Gottfried Benn, Theodor Däubler, Georg Trakl, Georg Heym, Jakob van Hoddis und anderen vollzog sich der Übergang von der ornamentalen Dichtung der Jahrhundertwende zur von Friedrich Nietzsche geprägten vitalistischen Ekstatik des Expressionismus. Dieser hatte sein Zentrum in Berlin und Wien. Die wichtigsten Publikationsorgane dieser Bewegung waren Herwarth Waldens Zeitschrift Der Sturm (1910-1932) und Franz Pfemferts Die Aktion (1911-1932). Kurt Pinthus fasste in seiner Anthologie Menschheitsdämmerung (1920) bedeutende Zeugnisse der expressionistischen Dichtung zusammen, deren leidenschaftlich-düsterer Gestus sich unter dem Eindruck des 1. Weltkrieges noch verschärfte (Ernst Stadler, August Stramm, Alfred Lichtenstein) und teils sozialkritisch-pazifistische Töne annahm (siehe Aktivismus). Das expressionistische Drama hatte in Georg Kaiser (Die Bürger von Calais, 1914; Gas, 1918), Ernst Toller (Masse Mensch, 1921), Ernst Barlach und Walter Hasenclever seine wichtigsten Repräsentanten. Eine Reaktion auf den Krieg stellte die von dem 1916 gegründeten Zürcher Cabaret Voltaire ausgehende Bewegung des Dadaismus dar, der mit radikaler Sinnentleerung und Sprachzertrümmerung das bürgerliche Kunst- und Kulturverständnis attackierte. Die skurrilen Werke von Hugo Ball, Richard Huelsenbeck, Johannes Baader, Walter Serner, Tristan Tzara, Raoul Hausmann und Kurt Schwitters waren von weit reichender Wirkung auf Kunst und Literatur des folgenden Jahrzehnts und beeinflussten vor allem den Surrealismus. Abseits der verschiedenen Hauptströmungen entstand das bizarre erzählerische Werk Franz Kafkas (Das Urteil, 1913; Der Prozeß, 1925; Das Schloß, 1926), das in seiner Bedeutung für die moderne Dichtung erst nach 1945 erkannt wurde. Hermann Broch (Die Schlafwandler, 1931/1932) und Robert Musil (Der Mann ohne Eigenschaften, 1930-1943) betrieben auf je eigene Art die Essayisierung des Romans. Im Verlauf der zwanziger Jahre löste die Neue Sachlichkeit mit einem nüchternen Reportagestil und der Hinwendung zu aktuellen, biographischen und historischen Themen den Expressionismus ab, so bei Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Max Brod, Hermann Kesten, Hans Fallada und Erich Kästner. Vorbild journalistischen Schreibens war u. a. der „rasende Reporter” Egon Erwin Kisch. Angeregt durch die Montagetechnik des Films und englische und amerikanische Vorbilder (Joyce, Dos Passos), verfasste Alfred Döblin seinen richtungweisenden experimentellen Großstadtroman Berlin Alexanderplatz (1929), während Hermann Hesse (Siddharta, 1922; Steppenwolf, 1927), Rudolf Borchardt oder Hans Carossa das konservativ-christliche Bildungserbe pflegten. Thomas Mann, der 1929 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, legte mit Der Zauberberg (1924) seinen zweiten großen Roman vor, sein Bruder Heinrich Mann persiflierte in Der Untertan und Professor Unrat deutsche Autoritätshörigkeit und Spießermoral. Der nach Thomas Mann bedeutendste Erzähler der Epoche, der Österreicher Joseph Roth, schilderte in Hiob (1930) die untergehende Welt der osteuropäischen Juden, sein Roman Radetzkymarsch (1932) war ein wehmütiger Abgesang auf die untergegangene k. u. k. Monarchie. Die Neue Sachlichkeit brachte auch neue, zum Teil für das Kabarett entwickelte Formen ironisch-satirischer Lyrik hervor (Kästner, Ringelnatz). Exemplarisch für diese Richtung war auch die Hauspostille (1927) Bertolt Brechts, der mit dem Konzept des didaktisch motivierten epischen Theaters maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Dramas ausübte (Die heilige Johanna der Schlachthöfe, 1932) und, zusammen mit Kurt Weill, eine neue Form des Musiktheaters initiierte (Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny und Die Dreigroschenoper, beide 1929).
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