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Artikelgliederung
Einleitung; Anfänge volkspoetischer Forschung; Mythos; Legende und Sage; Volksmärchen; Volksepos; Volkslied; Volksrätsel
Volksdichtung, auf Johann Gottfried von Herder zurückgehender Oberbegriff, der die Gesamtheit anonymer, mündlich überlieferter Texte aus vorliterarischer Zeit bezeichnet. Der Gedanke einer Volksdichtung entstand im Sturm und Drang, wurde aber erst von den Romantikern (den Brüdern Grimm, Johann Ludwig Uhland etc.) zu einer Theorie des kollektiv dichtenden „Volksgeistes” ausgebaut. In der Literaturwissenschaft gilt diese Vorstellung einer „Volkheit” (Goethe) anonymer Texte inzwischen als überholt: Der Verlust eines Autorennamens ist noch kein Indiz für eine kollektive Verfasserschaft. Der Terminus der Volksdichtung bezieht sich sowohl auf epische, dramatische und lyrische Formen. Dazu zählen Kurzformen (Sprichwort, Zauber- und Segensspruch, Witz, Kindervers), aber auch Langformen wie Volks- bzw. Heldenepos, Mythen (siehe Mythologie), Legenden (Sagen), Volksmärchen (im Gegensatz zum Kunstmärchen), Volkslieder und -balladen. Charakterisiert ist die Volksdichtung durch ihre naive Erzählperspektive, eine schnörkellos-stringente Erzählführung und die entindividualisierte (typisierte) Konzeption der Figuren. Daneben werden zumeist Themen allgemeineren Tenors (Liebe und Tod, Verbrechen und Bestrafung, Kampf von Gut und Böse etc.) behandelt. Neben Volksdichtung waren in der Romantik auch die Begriffe Volkspoesie, Nationalpoesie, Naturpoesie und Urpoesie gebräuchlich. Siehe auch Volksbuch.
Anfang des 19. Jahrhunderts weckten die nach Anregung von Clemens Brentano von den Germanisten Jacob und Wilhelm Grimm zusammengestellten Kinder- und Hausmärchen (2 Bde., 1812-1815) das Interesse an Volkspoesie. Die Arbeit der Brüder Grimm inspirierte u. a. den Schotten Andrew Lang und den Dänen Hans Christian Andersen dazu, selbst Märchen zu sammeln und schriftlich zu fixieren. Die Brüder Grimm waren es auch, die erstmals thematische und strukturelle Gemeinsamkeiten zwischen deutschen und romanischen Märchen sowie zwischen Märchen und germanischem Heldenepos bzw. Fabel entdeckten. Letztlich aber legte der Philologe und Orientalist Theodor Benfey (1809-1881) den Grundstein zur vergleichenden Märchenforschung, indem er im Vorwort seiner Übersetzung Pancatantra (1859) die These belegte, dass zahlreiche Elemente heimischer Märchen, aus Indien stammend, von Händlern und Reisenden nach Westen transportiert worden sein mussten. Der Archäologe Karl Otfried Müller (1797-1840) hatte bereits zuvor darauf hingewiesen, dass die mythische Volksdichtung ihren Ursprung in einer Zeit haben könnte, als das Sanskrit und andere Schriftsprachen an Bedeutung verloren. Im englischsprachigen Raum wurde die Volkspoesieforschung durch die populäre Sagen- und Märchensammlung The Golden Bough (12 Bde., 1890, Der goldene Zweig) des Ethnologen Sir James George Frazer angeregt. In jüngster Zeit ist die lange vernachlässigte Volksdichtung afrikanischer, indianischer und ozeanischer Kulturen immer mehr ins Zentrum des Interesses gerückt. Ausschlaggebend hierfür waren u. a. die Untersuchungen des deutschamerikanischen Ethnologen Franz Boas, der auf die grundlegende (kulturstiftende) Bedeutung der Volksdichtung in schriftlosen Gesellschaften verwies. Beeinflusst von der Psychoanalyse Sigmund Freuds, untersuchte C. G. Jung Formen der Volksdichtung und stellte bestimmte immer wiederkehrende Bilder, Charaktere und Motive (so genannte Archetypen) fest. Diese führte er auf ein „kollektives Unbewusstes” zurück. Damit war der Begriff der Volksdichtung unter anderer Perspektive in gewisser Weise neu legitimiert. Zahlreiche dieser Archetypen finden sich etwa im Mythenschatz der Völker.
Mythen sind aus dem Orient, aus Ägypten sowie aus dem griechischen bzw. germanischen Altertum überliefert. Als eine frühe Form der anonym tradierten Welterklärung stellen sie mit ihrem Personal (Götter, Dämonen etc.) und ihrer Thematik (Welterschaffung, Kampf, Naturgewalt etc.) eine wichtige Art der Volksdichtung dar. Dabei wurde der Wahrheitsgehalt dieser Erzählungen von den Zuhörern wohl nicht angezweifelt. Die Figurenkonstellationen der Mythen verschiedener Völker sind sich erstaunlich ähnlich. Selbst Götter und Halbgötter unterschiedlichster Gestalt (so etwa Zeus in der griechischen Mythologie oder die Kojoten- oder Rabengötter indianischer Erzählungen) können über Gemeinsamkeiten kaum hinwegtäuschen. In der Figurenzeichnung einiger Mythen verwischen göttliche und menschliche Attribute. So kennt die indianische oder westafrikanische Überlieferung ganze Zyklen, in denen ein kleiner, gierig-listiger oder gar naiv-dummer Halbgott auftaucht, der selbst genauso häufig überlistet wird – oder sich selbst überlistet – wie er andere beschwindelt.
Dem Volksglauben (oder -aberglauben) entspringende Legenden oder Sagen befassen sich – im Gegensatz zum Mythos – nicht mit der Vorgeschichte, sondern der konkreten Lebenswelt des Menschen, auch dann, wenn sie religiösen oder phantastischen Ursprungs sind. Geschichten von Heiligen, aber auch von Werwölfen und Geistern haben sich ebenso wie fiktive Abenteuer historischer Persönlichkeiten zunächst mündlich überliefert, bevor sie schriftlich festgehalten wurden. Gegenstand vieler Volksgeschichten und -balladen, die auf geschichtliche Wahrheit kaum Wert legen, wurden etwa Jesse James, Robin Hood, Davy Crockett und Kit Carson. In der Schweiz avancierte Wilhelm Tell zum Nationalhelden: Sein Apfelschuss wurde legendär.
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