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JudentumEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Der Bund; Thora und hebräische Bibel; Die rabbinische Tradition; Gebete und Riten; Der Sabbat; Kalender und Feste; Geschichte
Gläubige Juden verstehen das gesamte Leben als Dienst an Gott. Der Spruch „Ich habe den Herrn allezeit vor Augen” (Psalm 16, 8), der auf der Vorderwand zahlreicher Synagogen steht, kennzeichnet die traditionelle jüdische Frömmigkeit. Orthodoxe Juden beten dreimal am Tag: am Morgen (schacharit), am Nachmittag (mincha) und am Abend (maarib). Zu diesen Zeiten brachte man früher Opfergaben im Tempel von Jerusalem dar, so dass das Gebet in gewissem Sinn den Tempeldienst nach der Zerstörung des Gotteshauses fortsetzt. Als einzig festes Element umfasst der Gottesdienst eine Reihe von Segnungen, im Stehen verrichtete, hymnische Gebete (siehe Numeri 6, 22-27). Dazu gehört vor allem das Schemone Esre (Achtzehngebet), ein Bittgebet, das im sephardischen Ritus Amida (das Stehen) bzw. (in älteren Quellen) auch Tefilla genannt wird. An Wochentagen besteht dieses heutzutage aus 19 Segnungen, die 13 Bitten um Wohlergehen und messianische Erfüllung umfassen. Am Sabbat und an Festtagen werden die Bitten durch Gebete ersetzt, die dem jeweiligen Anlass entsprechen. Zu den Morgen- und Abendgebeten gehört überdies das Schema Israel, das jüdische Glaubensbekenntnis. Jeder Gottesdienst schließt mit zwei messianischen Gebeten, dem Alenu sowie dem Kaddisch, einer aramäischen Doxologie. Als Zeichen seiner Ergebenheit trägt der erwachsene männliche Vorbeter während des Morgengebets einen Gebetsmantel (Tallit) mit Quasten (Zizit) sowie das Tefillin, an einem Ledergehäuse befestigte Gebetsriemen (vgl. Deuteronomium 6, 8). Am Türpfosten eines Hauses erinnert die Mesusa an Gottes Allgegenwart. Diese Rollenkapsel ist auf der rechten Seite des Türpfostens, vom Eintretenden aus gesehen, angebracht. Sie besteht aus einem kleinen Pergamentstreifen, der mit den Worten aus Deuteronomium 6, 4-9 und 11, 13-21 beschriftet ist. Der zusammengerollte Streifen ist in eine kleine Kapsel gelegt; sie wird an allen Eingängen jedes Wohnraums befestigt. Als Zeichen des Respekts vor Gott bedecken die Juden ihren Kopf während des Gebets mit einem Hut oder einem Gebetskäppchen (kippa; jiddisch jarmulke). Orthodoxe Juden betrachten die Kopfbedeckung in und außerhalb der Synagoge als Zeichen der Treue gegenüber der jüdischen Tradition. Chassidische Jüdinnen tragen entweder ständig eine Kopfbedeckung oder scheren sich den Kopf und tragen eine Perücke (Scheitel). Die jüdischen Speisegebote gehen auf den Tempelkult zurück. Der häusliche Esstisch wird analog zum Altar des Herrn aufgebaut. Bestimmte Tiere gelten als unrein und dürfen daher nicht gegessen werden (Deuteronomium 14, 3-21). Hierzu zählen Schweine und Fische ohne Flossen oder Schuppen. Erlaubt (hebräisch: kascher; jiddisch: koscher) ist das Fleisch von Tieren mit gespaltenen Hufen, die ihr Futter wiederkäuen, jedoch nur, wenn der Schlachter strenge Regeln beachtet und das gesamte Blut im Vorgang des Schächtens vor dem Verzehr vollständig entfernt hat. Fleisch- und Milchprodukte dürfen nicht zusammen verzehrt werden. Orthodoxe Haushalte verfügen daher auch über getrennte Geschirre und Töpfe für milchige und fleischige Speisen.
Der liturgische Kalender der Juden richtet seine Zeiteinteilung nach den Vorschriften der Thora und den Traditionen des Tempelkultes. Am siebten Tag, dem Sabbat, soll die Arbeit ruhen. Sie verbringen den Sabbat mit Gebeten, Bibelstudien, Erholung und beim gemeinsamen Mahl im Familienkreis. Wie an Festtagen gibt es auch am Sabbat einen zusätzlichen (mussaf) Gottesdienst in der Synagoge, der mit einer Opferhandlung in Verbindung steht, die früher im Tempel ausgeführt wurde.
Der jüdische Kalender ist ein Mondkalender. Im 19-jährigen Schaltzyklus sind die Jahre 3, 6, 8, 11, 14, 17, 19 Schaltjahre. Die Länge der Jahre variiert zwischen 353, 354 und 355 Tagen, die der Schaltjahre zwischen 383, 384 und 385 Tagen. Die Jahreszählung entspricht dadurch der des christlichen Kalenders. Die jüdische Zeitrechnung beginnt mit dem Tag der Schöpfung, der dem 5. Oktober 3761 v. Chr. entsprechen würde. Ende 1998 schrieb man nach jüdischem Kalender das Jahr 5759. Das jüdische Jahr umfasst fünf große und zwei kleine Feste. Drei der Hauptfeiern wurzeln in der bäuerlichen Kultur und folgen dem Rhythmus der Jahreszeiten. Passah, das Frühlingsfest, markiert den Beginn der Gerstenernte, die 50 Tage später mit dem Wochenfest Schawuot (Fest der Schnitternte) endet. Mit dem Laubhüttenfest (Sukkot) wird die Herbsternte gefeiert, der eine zehntägige Phase der allgemeinen Reinigung vorausgeht. Passah erinnert an den Exodus aus Ägypten, Schawuot an die Übergabe der Gesetzestafeln auf dem Berg Sinai, weshalb zu diesem Anlass die feierliche Verlesung der Zehn Gebote in der Synagoge gehört. Die zehn Tage währende Bußzeit vor dem Laubhüttenfest beginnt mit Rosch Haschana, der Neujahrsfeier, und endet mit Jom Kippur, dem Versöhnungstag. Nach alter Tradition wird die Welt an jedem Neujahrstag gerichtet und der Bund am Versöhnungstag von neuem besiegelt. Am Neujahrstag wird das Volk mit einem Schofar (Widderhorn) zur Buße aufgerufen. Der Versöhnungstag, der heiligste Tag des jüdischen Kalenders, dient dem Fasten, dem Gebet und der Umkehr. Seine Liturgie beginnt mit dem Klagegesang des Kol Nidre und schließt eine Erinnerung an den Ritus dieses Tages (avoda) im Tempel ein. Für die Israeliten kennzeichnete das Laubhüttenfest traditionell das Ende des landwirtschaftlichen Jahres. Es war daher eine Zeit der Freude und der Danksagung an Gott. Da der Sühnetag Jom Kippur nur fünf Tage vorher gefeiert wurde, hatte man das Empfinden, mit Gott im Reinen zu sein. Verpflichtend war die Teilnahme zwar nur für Männer, in der Regel nahm jedoch die ganze Familie an diesem Fest teil. Sie wohnte während der sieben Tage des Festes in Laubhütten. Die Hütten wurden in den Höfen der Häuser und Tempel, auf den Dächern der Wohnungen, auf öffentlichen Plätzen und auf Straßen erbaut. Sie durften nicht weiter als eine Sabbat-Tagereise von der Stadt entfernt sein. Die Gleichheit aller Teilnehmer am Fest wurde dadurch betont, dass reiche und arme Juden während der sieben Tage in einfachen Laubhütten wohnten. Die beiden kleineren Feste, Chanukka und Purim, entstanden später als die fünf vom Pentateuch vorgeschriebenen Feiern. Chanukka, das Tempelweihfest, feiert den Aufstand der Makkabäer gegen den syrischen König Antiochos IV. 165 v. Chr. und die anschließende Weihe des zweiten Tempels. Charakteristisch für dieses Fest ist das Anzünden von Kerzen während acht Tagen. An Purim (Losfest) wird die Befreiung der persischen Juden durch Esther und Mordechai gefeiert. Auf dem Höhepunkt dieses Festes, das einen Monat vor Passah stattfindet, wird die Esther-Rolle (megilla) in der Synagoge verlesen. Vier Fastentage, die Ereignisse im Rahmen der Belagerung und Zerstörung der beiden Tempel in den Jahren 586 v. Chr. und 70 n. Chr. wachrufen, vervollständigen das liturgische Jahr. Der Wichtigste trägt den Namen Tischa be Aw (neunter Tag des Monats Aw) und erinnert an die zweimalige Zerstörung des Tempels und die Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492. Mit 13 Jahren erreichen jüdische Knaben die gesetzliche und religiöse Mündigkeit und übernehmen von da an selbst die Verantwortung für die Beachtung aller Gebote (Bar-Mizwa). Auch dürfen sie dann zum ersten Mal in der Synagoge aus der Thora vorlesen. Dieser Brauch entstand erst im 15. Jahrhundert. Mädchen sind mit zwölf Jahren volljährig und feiern dies in modernen, liberalen Synagogen mit dem gleichen Ritus wie die Jungen (Bat-Mizwa). Den nächsten Wendepunkt im Leben eines gläubigen Juden stellt die Hochzeit (kidduschin: Heiligung) dar. Die sieben Vermählungssegnungen schließen Bittgebete für den Wiederaufbau von Jerusalem und die Rückkehr des jüdischen Volkes nach Zion ein. Desgleichen bettet der jüdische Bestattungsritus die Hoffnung auf die Auferstehung des Toten in ein Gebet für die Erlösung des gesamten Volkes ein. Fromme Juden lassen sich in ihrem Tallit (Gebetsmantel) begraben. Zu den verschiedenen Strömungen im Judentum siehe die Artikel Reformjudentum, konservatives Judentum, Rekonstruktionismus, orthodoxes Judentum, Chassidismus.
Die biblischen Berichte der hebräischen Genealogie und Geschichte sind in den meisten Punkten glaubwürdig und lassen sich vielfach durch archäologische oder historische Studien bestätigen. Obwohl Moses seinen Vater im Alten Testament als Aramäer bezeichnet (Deuteronomium 26, 5), stammen die Israeliten nicht allein von den Aramäern, sondern auch von Amoritern und Hethitern ab. Die jüdische Sprache, das Hebräische, wird zur Gruppe der nordwestlichen semitischen Sprachen gerechnet.
Der alttestamentlichen Überlieferung sowie der historischen Theorie zufolge kamen die aramäischen Vorfahren Israels aus der Gegend von Ur in Sumer am unteren Euphrat. Um 2800 v. Chr. gelangte eine Gruppe aramäischer Stämme in die Region von Carrhae (heute Harran, Türkei), einer alten babylonischen Kolonie. Einige Jahrhunderte später zogen mehrere Familienverbände weiter in südwestliche Richtung und ließen sich in vereinzelten Gruppen am Jordan nieder. Die Siedler schlossen sich zu Stämmen zusammen, die neben den an Jahwe glaubenden Israeliten auch die Ammoniter, Moabiter und Edomiter umfassten. Das Alte Testament (siehe Bibel) spricht von zwölf Stämmen, den Nachfahren der zwölf Söhne Jakobs. Diese sind nach Alter geordnet: Ruben, Simeon, Levi, Juda (von Lea), Dan, Naphtali (von Leas Magd Bilha), Gad, Ascher (von Rahels Magd Silpa), Issaschar, Sebulon (von Lea), Joseph und Benjamin (von Rahel). Die Forschung sieht die Jakobsgeschichte als symbolhafte Darstellung an, bei der sich die Stammesgeschichte mit persönlichen Erfahrungen vermischt hat. Zwischen den Stämmen herrschte Blutsverwandtschaft, einige von ihnen, vor allem Ruben, Simeon, Levi und Juda (Söhne derselben Mutter) unterhielten noch engere Beziehungen. Ascher und Gad (Kinder von Dienerinnen) gehörten zu den unterworfenen Stämmen. Auch der Bund zwischen Jakob und Laban (Genesis 31, 44-54) steht symbolisch für die Stammesgeschichte. Die Forschung nimmt heute an, dass der Hintergrund dieses Bundes ursprünglich ein Vertrag zwischen hebräischen und syrischen Stämmen war, die darin die Grenzen ihrer Weideländer im Norden von Gilead absteckten.
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