![]() |
Windows Live® Suchergebnisse
Windows Live® Suchergebnisse NeuplatonismusEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Neuplatonismus, Sammelbezeichnung für die philosophischen und religiösen Lehren einer heterogenen Schule spekulativer Denker des 3. bis 6. Jahrhunderts n. Chr., die an Platon, insbesondere seiner Ideenlehre anknüpfte. Ein Zentrum des Neuplatonismus war Alexandria. Er bezog das hellenistische Judentum, wie von dem jüdisch-hellenistischen Philosophen Philon Judaeus von Alexandria beispielhaft dargestellt, sowie andere Weltanschauungen mit ein. Doch behielt die Lehre ihren im Wesen griechischen Charakter. In seiner weiteren Bedeutung wird der Begriff auf ähnliche metaphysische Theorien angewandt, die sich im Mittelalter, in der Renaissance und der Moderne entwickelten.
Der Neuplatonismus ist eine Form des idealistischen Monismus, deren letzte Wirklichkeit ein unendliches, unerkennbares, vollkommenes Ur-Eines ist. Dieses Ur-Eine ergießt sich in verschiedenen Stufen der Realität (Emanation), deren höchste der Geist (Nous) ist. Auf diesen Nous ist die Weltseele zurückzuführen, das schöpferische Handeln, aus dem die niedrigeren Seelen der Menschen entstehen. Die Weltseele wird als ein Abbild des Nous angesehen, genau wie der Nous als Abbild des Ur-Einen betrachtet wird. Sowohl der Nous als auch die Weltseele bestehen also trotz ihrer Unterscheidung aus derselben Substanz, sind also wesensgleich mit dem Ur-Einen. Die Weltseele hat jedoch, da sie die Verbindung zwischen dem Nous und der materiellen Welt darstellt, die Wahl, ob sie ihre Einheit und scheinbare Vollkommenheit erhalten will oder ob sie völlig sinnlich und verderbt werden soll. Die niedrigeren Seelen haben die gleiche Wahl. Wenn die menschliche Seele aufgrund von Unkenntnis ihrer wahren Natur und ihres wahren Wesens ein falsches Gefühl des Abgetrenntseins und der Unabhängigkeit erfährt, wird sie überheblich und verfällt sinnlichen und schlechten Angewohnheiten. Eine solche Seele kann nach neuplatonischer Auffassung noch immer gerettet werden, und zwar aufgrund genau der Willensfreiheit, durch die ihr die Wahl des sündigen Weges möglich war. Die Seele muss diesen Weg umkehren und in entgegengesetzter Richtung nach und nach die Schritte ihrer Entartung nachvollziehen, bis sie wieder im Ursprung ihres Seins ruht. Dieses Einswerden mit dem Ursprung des eigenen Seins vollzieht sich durch eine mystische Erfahrung, in der die Seele eine alles durchdringende Ekstase erlebt. Die Lehren des Neuplatonismus sind durch folgende Elemente gekennzeichnet: durch einen kategorischen Gegensatz zwischen dem Geistigen und dem Körperlichen, der sich aus Platons Dualismus der Idee und der Materie ableitet; durch die metaphysische Annahme von Mittelkräften, dem Nous und der Weltseele, die die göttliche Macht vom Ur-Einen auf die Vielen übertragen; durch eine Ablehnung der Welt der Sinne und durch die Notwendigkeit der Befreiung vom Sinnesleben durch strenge asketische Übungen.
Der Neuplatonismus entwickelte sich im 3. Jahrhundert n. Chr. im ägyptischen Alexandria. Sein Begründer und prominentester Vertreter war der römische Philosoph Plotin. Zu seinen Hauptwerken zählen die Enneaden, in denen eine umfassende Darstellung der neuplatonischen Metaphysik enthalten ist. Weitere wichtige neuplatonische Denker waren Porphyr, Iamblichos und Proklos. Askese und Jenseitigkeit, wie sie von der neuplatonischen Lehre gefordert wurden, machte den Neuplatonismus auch für die Kirchenväter interessant. Der frühe christliche Prälat Augustinus bekannte in seinen Confessiones den tiefen Einfluss, den diese Lehren auf sein eigenes religiöses Denken hatten. Auch bei dem deutschen Mystiker Meister Eckhart ist der neuplatonische Einfluss erkennbar. Im 15. Jahrhundert wurde die Akzeptanz des Neuplatonismus breiter. Der deutsche römisch-katholische spekulative Philosoph Nikolaus von Kues und andere Mystiker setzten den Grenzen des menschlichen Wissens die Theorie von der Möglichkeit der göttlichen Eingebung entgegen. Diese Theorie entsprach der neuplatonischen Doktrin, dass die Seele in einem Zustand der Ekstase die Macht habe, alle endlichen Grenzen zu überwinden. Die Humanisten der italienischen Renaissance wandten sich in ihrer Reaktion von der bis dahin vorherrschenden rationalistischen Philosophie des Aristoteles ab und der idealistischen Metaphysik Platons und dem Neuplatonismus zu. In diesem Zusammenhang besonders erwähnenswert ist der italienische Gelehrte Marsilio Ficino, der unter der Schirmherrschaft des reichen Adligen Cosimo de’ Medici die Werke von Plotin, Porphyr und Iamblichos übersetzte und erläuterte. In England wies im 17. Jahrhundert die Cambridger Schule starke Ähnlichkeiten mit den neuplatonischen Philosophen auf. Viele der Denker und Schriftsteller des 19. und 20. Jahrhunderts sind vom Neuplatonismus beeinflusst worden, darunter mehrere der wichtigsten britischen romantischen Dichter, wie zum Beispiel William Wordsworth, John Keats und Percy Bysshe Shelley.
© 1993-2008 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten. |
© 2008 Microsoft
![]() ![]() |