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Lateinamerikanische Literatur

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Jorge Isaacs: MariaJorge Isaacs: Maria
Artikelgliederung
4.1

Dichtung und Drama

In der Lyrik waren zunächst innovative europäische Strömungen bestimmend. So fanden Elemente des Expressionismus, des Surrealismus und des spanischen Ultraismo Eingang in die lateinamerikanische Dichtkunst. Der Chilene Vicente Huidobro mit seiner Theorie des Creacionismo betonte den autonomen Charakter der lyrischen Sprache, sein Landsmann Pablo Neruda, der im Jahr 1971 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, kombinierte eine ausgefeilte Sprachkunst mit leidenschaftlichem politischen Engagement (Canto general, 1950; Der große Gesang). Folkloristische Elemente kennzeichneten das Werk eines afro-antillianischen Dichterkreises, dessen prominentester Vertreter der Kubaner Nicolás Guillén wurde.

Die chilenische Dichterin Gabriela Mistral erhielt im Jahr 1945 den ersten Literaturnobelpreis, der für das Werk eines lateinamerikanischen Schriftstellers vergeben wurde. Der Dichterzirkel der Contemporáneos in Mexiko, darunter Jaime Torres Bodet, José Gorostiza und Carlos Pellicer, bevorzugte in düster-introspektiven Werken Themen wie Liebe, Einsamkeit und Tod, während ihr Landsmann, der Dichter und Diplomat Octavio Paz, der 1990 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, ein zunehmend politisch akzentuiertes Werk vorlegte. Mit seinen dem Surrealismus nahe stehenden metaphysischen-erotischen Dichtungen gehört er zu den bedeutendsten lateinamerikanischen Schriftstellern der zweiten Jahrhunderthälfte.

Das Drama entwickelte sich in vielen Städten Lateinamerikas, insbesondere in Mexiko-Stadt und Buenos Aires, zu einem wesentlichen Aspekt des kulturellen Lebens. Zentren einer grundlegenden experimentellen Neuerung waren das Teatro de Ulises (ab 1928) und das Teatro de Orientación (ab 1932) in Mexiko-Stadt, mit den Initiatoren Xavier Villaurrutia, Salvador Novo und Celestino Gorostiza. Die bedeutendsten modernen Dramatiker Mexikos waren Rodolfo Usigli und Emilio Carballido. Ein argentinischer Dramatiker von Rang ist Conrado Nalé Roxlo.

4.2

Erzählliteratur

Seit 1900 durchlief der lateinamerikanische Roman drei Entwicklungsphasen: Zunächst eine regionalistisch-sozialkritische, gefolgt von psychologisch differenzierten Schilderungen der Großstadtwelt, an die sich eine Phase experimenteller Techniken anschloss, die bis heute die Erzählprosa prägt und ihr zu internationalem Ansehen verhalf.

Bedeutende Vertreter des Regionalromans waren der Argentiner Ricardo Güiraldes mit Don Segundo Sombra (1926; Das Buch vom Gaucho Sombra), der zugleich den Höhepunkt des Gaucho-Romans bildete, der Kolumbianer José Eustasio Rivera mit La vorágine (1924; Der Strudel), und der Venezuelaner Rómulo Gallegos mit Doña Bárbara (1929). Unter dem Eindruck der Mexikanischen Revolution entstanden die Romane Los de abajo (1915; Die Rotte) von Marianu Azuela und Gregorio López y Fuentes’ El indio (1935). Mit den Lebensumständen der Indianerstämme Lateinamerikas befassten sich mexikanische, guatemaltekische und in den Andenregionen lebende Schriftsteller, darunter der bolivianische Romancier Alcides Arguedas in Raza de bronce (1919) und der Peruaner Ciro Alegría in El mundo es ancho y ajeno (1941; Die Welt ist groß und fremd). Der guatemaltekische Schriftsteller und Diplomat Miguel Ángel Asturias, der 1966 mit dem Lenin-Friedenspreis und 1967 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, verfasste die brillante politische Satire El señor presidente (1946; Der Herr Präsident).

Als Meister des psychologischen Romans trat der Chilene Eduardo Barrios mit El hermano asno (1922) hervor, sein Landsmann Manuel Rojas nahm Anregungen des französischen Existentialismus in Hijo de ladrón (1951; Wartet, ich komme mit; auch: Der Sohn des Diebes) auf. Andere Autoren wandten sich dem phantastischen Roman zu, wie Maria Luisa Bombal mit La última niebla (1934) sowie die Argentinier Macedonio Fernández (Continuación de la nada, 1944) und Leopoldo Marecha (Adán Buenosayres, 1948). Meisterwerke dieses Genres verfassten Ernesto Sábato (El túnel, 1948; Der Maler und das Fenster; auch: Maria oder die Geschichte eines Verbrechens) und Jorge Luis Borges. Zu Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn gehörte er dem Kreis der ultraistischen Dichter an und wurde später der angesehenste Schriftsteller des modernen Argentinien. Er entwickelte eigene Formen der phantastischen Erzählung, die gesammelt in Ficciones (1944; Fiktionen) erschienen. Zusammen mit Adolfo Bioy Casares (gemeinsames Pseudonym H. Bustos Domecq) verfasste er anspruchsvolle Detektivgeschichten und phantastische Erzählungen. Bioy Casares zählt mit seinem Roman La invención de Morel (1940; Morels Erfindung) zu den ersten lateinamerikanischen Vertretern der Sciencefiction. Internationale Anerkennung fand Julio Cortázar mit seinem experimentellen Roman Rayuela (1963; Rayuela. Himmel-und-Hölle). Cortázars Werke wurden von Kritikern aufgrund ihrer literarischen Qualität und ihrer Originalität enthusiastisch gelobt. Bedeutendster Vertreter des unheimlich-phantastischen Großstadtromans wurden Juan Carlos Onetti aus Uruguay mit El astillero (1961; Die Werft) und Mario Benedetti mit La tregua (1960; Die Gnadenfrist).

Allmählich setzte sich allgemein der Stil des „magischen Realismus” durch. Charakteristisch ist seine Ausweitung der herkömmlichen Erfahrungswelt in magische Dimensionen, die zum Teil synkretistische Vorstellungen der farbigen Bevölkerung aufgreifen. Als Stammvater dieser Bewegung gilt der Kubaner Alejo Carpentier mit Los pasos perdidos (1953; Die Flucht nach Manoa; auch: Die verlorenen Spuren), gefolgt von El siglo de las luces (1962; Explosion in der Kathedrale) und Concierto barocco (1974; Barockkonzert). Ebenfalls aus Kuba stammte der Schriftsteller José Lezama Lima, der in seinem Roman Paradiso (1966) eine mythologische Welt von barocker Komplexität schuf. Als Meister magisch-realistischer Erzählprosa profilierte sich der Mexikaner Juan Rulfo mit dem Roman Pedro Páramo (1955; Pedro Páramo), ebenso wie sein Landsmann Carlos Fuentes mit La región más transparente (1958; Landschaft in klarem Licht). Mit multidimensionalen Erzähltechniken experimentierten Vicente Leñero (Los albañiles, 1964) und Salvador Elizondo (Farabeuf, 1965). Der Peruaner Mario Vargas Llosa zeichnete in La ciudad y los perros (1962; Die Stadt und die Hunde) ein frappierend facettenreiches Bild der scheinbar engen und in sich geschlossenen Welt einer Militärakademie. Unter den Schriftstellern des magischen Realismus wurde Gabriel García Márquez am erfolgreichsten (Literaturnobelpreis 1982). In viele Sprachen übersetzt wurden vor allem seine Meisterwerke Cien años de soledad (1967; Hundert Jahre Einsamkeit), El otoño del patriarca (1975; Der Herbst des Patriarchen) und Crónica de una muerte anunciada (1981; Chronik eines angekündigten Todes), die bis heute die Höhepunkte dieser literarischen Richtung bilden. Ein weiterer wichtiger Vertreter ist Augusto Roa Bastos, der als der bedeutendste Romancier Paraguays gilt und mit Yo, el Supremo (1974; Ich, der Allmächtige) einen viel beachteten Beitrag zum magischen Realismus leistete. Mit García Márquez und seinen Generationsgefährten gewann die lateinamerikanische Literatur erstmals weltliterarisches Niveau und eine beständige internationale Leserschaft. Neben dem seit den fünfziger Jahren die lateinamerikanische Literatur dominierenden magischen Realismus gelang es nur wenigen Schriftstellern, sich international einen Namen zu machen. Dazu zählt u. a. Ernesto Sábato, der mit dem grotesken Epos Sobre héroes y tumbas (1961; Über Helden und Gräber) den nach Meinung vieler Literaturkritiker wichtigsten argentinischen Roman des 20. Jahrhunderts schrieb.

Vom magischen Realismus beeinflusst zeigte sich die Chilenin Isabel Allende, die mit ihrem Familienepos La casa de los espíritus (1982; Das Geisterhaus) als eine der ersten lateinamerikanischen Schriftstellerinnen auch international bekannt wurde. Mit dem Verhältnis von Macht und (durch diese korrumpierter) Kunst befasste sich der chilenische Romancier Roberto Bolaño, etwa in La literatura nazi en América (1996; Die Naziliteratur in Amerika) oder Los detectives salvajes (1998; Die wilden Detektive). Vertreter der jüngeren, nach 1960 geborenen Schriftstellergeneration innerhalb der lateinamerikanischen Literatur brechen in ihren Werken häufig offen – teilweise höhnisch – mit dem magischen Realismus, etwa der Mexikaner Jorge Volpi (En busca de Klingsor, 1999; Das Klingsor-Paradox), der Kubaner José Manuel Prieto (Livadia, 1999; Liwadija) und der Chilene Alberto Fuguet (Las películas de mi vida, 2003; Die Filme meines Lebens).

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