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ÄgyptenEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Das Abrücken vom Pyramidenbau mag, neben entsprechenden religiösen und ideologischen Veränderungen, auch auf ein allgemeines Nachlassen der Wirtschaftskraft des Alten Reiches zurückzuführen sein. Bürokratisierung wie Pyramidenbau verursachten hohe Kosten, die eine Naturalwirtschaft auf Dauer nicht tragen konnte. Aus der zunehmenden Verarmung der ländlichen Bevölkerung resultierte ein Legitimitätsproblem für den Pharao: Seine Regierung stand offensichtlich nicht mehr im Einklang mit der Ma’at. Folge war eine schleichende Erosion königlicher Macht, die nicht zuletzt in der Herausbildung regionaler Hausmachten der Verwaltungsbeamten in den Gauen ihren Ausdruck fand. Ihre Verantwortlichkeit gegenüber der Reichszentrale ließ nach, Ämter wurden erblich, Beamte nicht mehr in der pharaonischen Residenz, sondern in ihrem Gau bestattet. Beamte mutierten zu Patronen, die zentralisierte Bürokratie wich einem Feudalsystem. Symptomatisch für den Bedeutungsverlust der Zentrale in Memphis waren Thronwirren, von denen wir aus der Schlussphase der langen Herrschaft Pepis (Phiops’) II. (2279-2219 v. Chr.) erfahren. Mehr und mehr entglitten den Pharaonen die Zügel. Sie standen völlig im Schatten der mächtigen, jetzt zu Fürsten aufgestiegenen Gauverwaltern. Der schleichende Rückzug des Königtums leitete nahtlos in die Erste Zwischenzeit über. Die Herrscher der 8. Dynastie (2216-2170 v. Chr.), die man schon der Zwischenzeit zurechnen kann, lösten einander in rascher Folge ab, bis ihr letzter Herrscher dem Putsch eines Gaubeamten aus Herakleopolis erlag.
Durch die Machtergreifung der 9./10. Dynastie (Herakleopoliten, 2170-2025/2020 v. Chr.) zerfiel die fast tausendjährige Reichseinheit. Jene Grenzen, die in der Frühzeit die Häuptlingstümer voneinander getrennt hatten, traten wieder zu Tage. Mit Theben entstand unter der 11. Dynastie (2119-2046 v. Chr.) ein neues Machtzentrum, das sich auf nubische Söldner stützte und seine Autorität rasch über ganz Oberägypten ausdehnte. Dagegen verharrte Unterägypten in feudaler Zersplitterung und geriet in seiner Entwicklung gegenüber dem zentralisierteren Oberägypten während der 9. und 10. Dynastie ins Hintertreffen. Beide Teilreiche stießen bei Abydos aneinander, wo sich mehrfach Konflikte entzündeten. Ein Versuch des Nordreiches, Abydos wieder zu erobern, scheiterte und provozierte den Gegenschlag des oberägyptischen Herrschers Mentuhotep II. (2046-1995 v. Chr.), der die Dynastie von Herakleopolis beseitigte und seither als zweiter Reichseiniger nach Menes galt. In der über den längsten Zeitraum einheitlich-zentralisierten Reichsgeschichte des pharaonischen Ägypten sind die „Zwischenzeiten” periodisch wiederkehrende Zäsuren, in denen Gebietsherren zeitweise den Zentralstaat außer Kraft setzten. Sie sind als Ausnahmen von der Regel von besonderem historischen Interesse. Aber auch in der kollektiven Erinnerung der Zeitgenossen hinterließen alle drei Zwischenzeiten bleibende Spuren, am meisten die gleichsam stilprägende Erste Zwischenzeit. Den Zerfall der Reichseinheit erlebten die Ägypter als Einbruch des Chaos, als Zusammenbruch der durch Ma’at verkörperten gerechten Ordnung. Man empfand die soziale Hierarchie förmlich auf den Kopf gestellt. In einem Text aus der 12. Dynastie heißt es: „Der Bettler wird Schätze aufhäufen; die Geringen werden Brot essen; die Dienstboten werden erhoben sein.” Gerade deshalb wurde die Erste Zwischenzeit zur Geburtsstunde der Literatur. Die Erinnerung an Chaos und Untergang verdichtete sich zum sinnstiftenden Mythos für die neue Reichseinheit im Mittleren Reich. Vor dem düsteren Hintergrund der Katastrophe profilierte sich die von Mentuhotep II. begründete neue Zentralstaatlichkeit umso strahlender. Der zitierte Text aus der 12. Dynastie verheißt denn auch: „Dann wird Ma’at auf ihren Platz zurückkehren.”
Mit dem Sieg Mentuhoteps II. war die Reichseinheit wiedergewonnen, politische Stabilisierung aber ließ noch auf sich warten. Im Gegenteil: Im beginnenden Mittleren Reich nahm das Selbstbewusstsein der Gaufürsten wieder zu, und Thronwirren erschütterten abermals das Königtum. Erst mit der 12. Dynastie (1976-1794 v. Chr.) kam das Reich zur Ruhe und begann eine später zu klassischem Rang erhobene kulturelle Blüte. Architektur, Kunst und Schmuck dieser Zeit weisen ein außergewöhnlich hohes Maß an Kunstfertigkeit auf, und diese Periode gilt als goldenes Zeitalter der ägyptischen Literatur.
Die sozialen Rahmenbedingungen hatten sich gegenüber dem Alten Reich, allen scheinbaren Parallelen der Reichseinigung zum Trotz, grundlegend gewandelt. Hatten die Pharaonen der 3. bis 8. Dynastie mit ihrem schriftkundigen Beamtenstab über eine Bevölkerung geherrscht, die, des Lesens und Schreibens unkundig, der Zentralmacht nichts entgegenzusetzen hatte, so waren die Könige nun mit einer feudalen Aristokratie von mächtigen Gaufürsten konfrontiert. Als deutlichstes Zeichen ihres Selbstbewusstseins ließen Gaufürsten die Datierung der Ereignisse in ihrem Herrschaftsbereich nach ihren eigenen Regierungsjahren vornehmen. Das Kräftemessen mit der Aristokratie konnten die Pharaonen nur für sich entscheiden, indem sie die Legitimationsbasis ihrer Herrschaft verbreiterten. Dass Theben, die Residenz der 11. Dynastie, seit Mentuhotep II. zum Reichsmittelpunkt ausgebaut wurde, stieß in Unterägypten auf erhebliche Widerstände. Nachdem der Wesir von Mentuhotep IV. (1983-1976 v. Chr.) seinen König gestürzt und als Amenemhet I. (1976-1947 v. Chr.) selbst die 12. Dynastie begründet hatte, verlegte er die Hauptstadt wieder nordwärts nach Lischt, 30 Kilometer südlich von Memphis. Im Mittleren Reich trat die Selbstherrlichkeit des Königtums hinter einer neuen Verantwortung für die Untertanen zurück: Der Pharao, auf Ausgleich mit den feudalen Eliten bedacht, strebte nach Konsens und war zu Leistungen seinen Untertanen gegenüber verpflichtet: Er gewährte Schutz und konnte im Gegenzug dafür Loyalität und Gehorsam einfordern. Im Mittleren Reich erfuhr das Prinzip Ma’at seine endgültige Ausformung. Theologisch fand die veränderte Grundlegung der Monarchie im Mittleren Reich ihre Entsprechung im Gedanken des Totengerichts. Für ein Leben nach den Regeln der Ma’at belohnt es den Toten mit dem Eingang in ein detailliert ausgestaltetes Totenreich. Der gedachten Totenstadt im „schönen Westen” entsprach die reale Anlage der Nekropolen am Westufer des Nil. Als neues theologisches Konzept trat die Gottessohnschaft des Pharao hinzu. Es hatte seinen Ursprung in der Provinz, wo sich die Gaufürsten als Söhne lokaler Stadtgötter legitimierten. Auf der Grundlage der neuen Königsideologie konnten die Pharaonen der 12. Dynastie noch einmal den Partikularismus der Gaufürsten überwinden. Sie banden deren Familien an die königliche Residenz und zogen die Grenzen der Gaue neu. Durch Erschließung neuen Ackerlandes, das den königlichen Domänen zugeschlagen wurde, erhöhten sie das wirtschaftliche Gewicht der Zentrale gegenüber der Aristokratie. Die Kolonisierung der Senke von Faijum durch Amenemhet III. (1853-1806 v. Chr.) fiel in die Zeit der 12. Dynastie.
Nach wie vor richteten sich die ägyptischen Außenbeziehungen vor allem auf die Beschaffung wichtiger Rohstoffe, von der Levante, aus Punt und aus Nubien. Über den Fernhandel traten aber neue Regionen in den Gesichtskreis der Ägypter: Archäologisch sind aus dem mittelminoischen Kreta, aus Innersyrien und aus Mesopotamien importierte Artikel nachgewiesen. Intensive Beziehungen mit der Levante bezeugt auch die abenteuerliche Erzählung über das Leben des Sinuhe, der, während der Herrschaft Amenemhets I. aus Ägypten exiliert, in Palästina zu Ansehen und Wohlstand gelangte und dort das Leben eines Beduinenscheichs führte, bevor er von seinem König ein Amnestieangebot erhielt. Insgesamt war die Außenpolitik der 12. Dynastie defensiv ausgerichtet. Amenemhet I. befestigte die Südgrenze gegen Nubien am 2. Katarakt (oberhalb von Abu Simbel), und südlich davon sicherte Ägypten seine seit Sesostris I. (1956-1910 v. Chr.) intensivierte Oberherrschaft über Unternubien durch die Anlage militärischer Festungsbauten. Unter Amenemhet I. entstand auch die „Fürstenmauer” am Ostrand des Nildeltas, die Ägypten gegen Nomadenangriffe aus dem Sinai und aus Palästina absichern sollte. Der Versuch, Ägypten gegen Eindringlinge aus Vorderasien abzuschirmen, erwies sich auf Dauer jedoch als wirkungslos. Fremde kamen aber zunächst friedlich, als Söldner, Händler und Handwerker, die sich im Nildelta niederließen. Die Neuankömmlinge waren offenbar überwiegend Angehörige einer semitischen Sprachgruppe und stammten aus Syrien und Palästina, teilweise auch aus Nubien. In der Spätphase des Mittleren Reiches errichteten einige von ihnen als Heka-Chasut („Herrscher der Fremdländer”) lokale Fürstentümer.
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