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ÄgyptenEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Die neuen Herrscher sahen sich sofort mit der mongolischen Expansion in Vorderasien konfrontiert. Die Mongolen hatten Bagdad eingenommen und das Kalifat der Abbasiden liquidiert (1258). Nun rückten sie gegen Syrien und Palästina vor, wo sie ein Sieg der Mamelucken unter Baibars in der Schlacht von Ain Dschalut, 1260 zum Stehen brachte. Im selben Jahr griff Baibars selbst nach dem Thron und nahm den Titel Sultan an. Die Mamelucken wurden bereits im Kindesalter rekrutiert und von ihren Familien getrennt. Dafür band eine starke Solidarität die Militärsklaven in ihren patriarchalisch organisierten Verband ein. Weil ihre spezifische Organisationsstruktur eine Assimilation oder Integration in die ägyptische Gesellschaft praktisch ausschloss, blieben die Mamelucken in Ägypten ein Fremdkörper, ein Staat im Staate, unkultiviert, aber militärisch außerordentlich effizient. Das Mameluckenreich fand nach seinem Sieg von 1260 zu einem fragilen Gleichgewicht mit den Mongolen in Mesopotamien, die es durch ein Bündnis mit der Goldenen Horde (1263) in Schach zu halten suchte. An der Grenzlinie am Euphrat stießen beide Pole der islamischen Welt frontal aufeinander. In Syrien vernichteten die Mamelucken die Reste der Kreuzfahrerstaaten: Sie eroberten Antiochia (1268), Tripolis (1289), Akko (1291) sowie Kleinarmenien (1375) und zwangen Zypern unter ihre Oberherrschaft (1426), scheiterten aber mit der Belagerung von Rhodos (1444). Einen Vorstoß Timur-i Längs nach Syrien schlugen sie rasch zurück (1405). Unter dem Mameluckensultanat blieb Ägypten weiterhin ein kulturelles Zentrum des Islam, zumal die Konkurrenz im Westen (Spanien während der Reconquista) und Osten (Bagdad seit der Eroberung durch die Mongolen) entfiel. Historiker und Chronisten wie Ibn Tagribirdi, an-Nuwairi, Maqrizi und Abu al-Fida führten die islamische Geschichtsschreibung zu neuer Blüte. Neue Moscheen und Profanbauten (Paläste, Karawansereien, Hospitäler) bereicherten das Stadtbild der Hauptstadt Kairo. Obendrein wurde Ägypten zum Ausgangspunkt der islamischen Mission rund um den Indischen Ozean. Im Sudan vernichteten die Mamelucken das monophysitische Nubierreich von Dongola (1314), dessen Bevölkerung sich islamisierte. Im Bündnis mit Venedig kanalisierten die Mamelucken den interkontinentalen Fernhandel über die Levante und die Landenge von Suez. Sie hielten ihr Monopol aber nur für kurze Zeit, da Venezianer und vor allem Genuesen alternative Verkehrswege für den Orienthandel zu erschließen begannen: den Weg über das Schwarze Meer und den Seeweg nach Indien nach der Umschiffung Afrikas durch Vasco da Gama (1498). Den wirtschaftlichen Niedergang Ägyptens, der durch die Umleitung des Fernhandels eingeleitet worden war, komplettierte das Versiegen der nubischen Goldminen, während die Europäer sich neue Goldquellen in Westafrika erschlossen. Zudem hatte die Große Pest von 1347 die Bevölkerung Ägyptens und die Heeresstärke der Mamelucken dezimiert. Die Niederlage des geschwächten Sultanats gegen die vorrückenden Osmanen konnte auch ein 1515 geschlossenes Bündnis mit Persien nicht abwenden: Die Osmanen eroberten, unterstützt von mameluckischen Dissidenten, 1517 Ägypten, beließen den Mamelucken aber ihre führende Stellung (bis 1811).
Mit der Niederlage der Mamelucken wurde Ägypten formell für fast 400 Jahre Teil des Osmanischen Reiches, war aber auch jetzt wieder Randgebiet. Im Lauf der Jahrhunderte lockerte sich die osmanische Herrschaft allmählich, bis sie sich auf eine lediglich formelle Suzeränität beschränkte. Von einer kurzen Blütezeit im 17. Jahrhundert abgesehen, war Ägypten nun wirtschaftlich nahezu bedeutungslos. Das Spannungsverhältnis zwischen einheimischer Bevölkerung und der mameluckischen Herrenschicht, die weiterhin gegen Assimilation resistent blieb, setzte sich fort.
Die osmanische Verwaltungspraxis in Ägypten basierte auf einer 1525 zusammengestellten Gesetzessammlung Süleimans II. (1520-1566), der die Provinz einem Gouverneur (Wali) im Rang eines Paschas unterstellte, dem er einen umfangreichen Verwaltungsstab mit differenzierten Funktionen sowie ein beratendes Gremium (Diwan) zur Seite stellte. Die Eintreibung des Steueraufkommens überließen die Osmanen auf dem Auktionsweg privaten Steuerpächtern (Mültezim), in der Regel für drei Jahre. Seit dem 17. Jahrhundert verwandelte sich die Steuerpacht in ein Instrument gnadenloser Auspressung der Landbevölkerung (Fellachen). Die im Land stationierten Milizen (Odschak) waren in sechs Regimenter geteilt, unter je einem Aga, die direkt dem Sultan in Konstantinopel unterstanden. Am prestigereichsten und am besten bezahlt war das Korps der Janitscharen, das mit der Sicherung der Hauptstadt Kairo betraut war. Von Anfang an griffen die Osmanen zur Besetzung der Verwaltungsstellen auf die vorhandene mameluckische Elite zurück, während die einheimische Bevölkerung so gut wie überhaupt nicht repräsentiert war. Einzig die Ulama, die islamischen Schriftgelehrten, verfügten über Autorität und nahmen eine Mittlerfunktion zwischen Administration und Einheimischen wahr. Vorgezeichnet war damit der Machtkonflikt zwischen zwei fremden Interessengruppen: den Milizen, für die vor allem das Janitscharenkorps stand, und der mameluckischen Verwaltungselite. Da mit der Schwächung der osmanischen Zentralmacht auch das Gewicht des Wali immer mehr abnahm, erlangten die Janitscharen bald das Übergewicht und reduzierten den Wali auf eine Schattenfunktion. Im Gegenzug gelangten die Mameluckenführer, die Beis, in die Spitzenpositionen der osmanisch-ägyptischen Verwaltung. Sie organisierten sich in Lager (Fakarija und Kasimija), die, mit breit gestreuten Anhängerschaften und gestützt auf Privatarmeen, um Macht und Einfluss kämpften. Unter dem Fakariden Rikwan Bei (gestorben 1656) erlangte Ägypten eine weitreichende Autonomie und profitierte wirtschaftlich von der Konjunktur des Kaffeehandels. Eine blutige Fehde zwischen Fakarija und Kasimija (1660-1662) beendete die kurze Blütezeit und dezimierte die Mamelucken nachhaltig. Ein Jahrhundert lang rivalisierten die verbliebenen Mamelucken mit den Janitscharen in unterschiedlichen Konstellationen um die Macht, bis Ali Bei die Alleinherrschaft ergriff und konkurrierende Beis ausschaltete. Unter formeller Anerkennung der Oberherrschaft des Sultans lockerte er die Abhängigkeit vom Osmanischen Reich und reklamierte den Anspruch Ägyptens auf Palästina und Syrien sowie die Heiligen Stätten in Arabien. Nach Ali Beis Sturz 1772 kehrte Ägypten indes rasch wieder zur Anarchie rivalisierender Mamelucken-Clans zurück. Auch eine osmanische Strafexpedition (1786/87) konnte die Lage nur vorübergehend stabilisieren.
In der Schlacht an den Pyramiden schlug Napoleon Bonaparte 1798 die mameluckischen Truppen vernichtend. Die nur von den Kopten bejubelte französische Okkupation Unterägyptens einschließlich Kairos blieb indes Episode und hinterließ kaum nennenswerte Spuren im Land, lenkte aber das Interesse der europäischen Mächte erstmals auf Ägypten. Die Landung osmanischer und britischer Streitkräfte zwang die Franzosen bereits 1801 wieder zum Rückzug. Damit kehrte Ägypten noch ein letztes Mal unter direkte osmanische Herrschaft zurück, die sich jedoch in ruinösen Auseinandersetzungen mit den Mamelucken erschöpfte. In diesem Machtvakuum katapultierte 1805 ein von den Ulama getragener ägyptischer Aufstand den albanischen Osmanen-Offizier Mehmed Ali (1805-1848) an die Macht. Mehmed Alis Ernennung zum Gouverneur wurde nachträglich (1806) vom Sultan sanktioniert. Seine planmäßige Ausschaltung der mameluckischen Opposition gipfelte in einem Massaker in der Zitadelle von Kairo (1811), und auch die traditionelle einheimische Elite der Ulama, der er immerhin die Macht verdankte, schob er an den Rand. Die Rekrutierung einer neuen Führungsschicht überließ er europäischen Militärberatern, die in Ägypten ein Erziehungssystem nach europäischem Vorbild installierten. Umgekehrt entsandte er Ägypter zu Studienzwecken ins westliche Ausland. Mehmed Alis Außenpolitik verfolgte, zunächst im Einklang mit dem Sultan, weit gespannte Expansionsziele: Ägypten zerschlug das Wahhabiten-Emirat auf der Arabischen Halbinsel (1811-1813), annektierte den Sudan (1822/23) und Kreta (1823). Die Eroberung Syriens (ab 1833) musste er dagegen auf Druck europäischer Großmächte, die eine Zerstückelung des Osmanischen Reiches fürchteten, 1841 aufgeben. Zur Finanzierung des Militärs leitete Mehmed Ali umfassende Modernisierungsmaßnahmen ein, scheiterte jedoch mit seinem Industrialisierungsprogramm und seiner Landreform. Immerhin bildete sich auf der Grundlage der wachsenden Baumwollindustrie und des Baumwollhandels eine dünne, finanzkräftige Mittelschicht in den Städten. Mehmed Ali wurde zum Dynastiegründer: Nach einem Zwischenspiel unter Abbas I. Hilmi (1849-1854) öffnete sich Ägypten unter Mehmed Alis Sohn Mehmed Said (1854-1863) und seinem Enkel Ismail (1863-1879) weiter den europäischen Mächten. Der Bau des Suezkanals mit französischem Kapital (1859-1869) manövrierte das Land vollends in Abhängigkeit und finanziellen Ruin: Der Staatsbankrott zwang Ismail, der sich inzwischen – unter nomineller Anerkennung des Sultans – den Prestigetitel Khedive zugelegt hatte, zum Verkauf seiner Suezkanalaktien an Großbritannien (1875) und zur Tolerierung einer Staatsschuldenverwaltung unter anglofranzösischer Leitung (1876). Ägypten hatte langfristig die Hälfte seiner Staatseinnahmen zur Schuldentilgung aufzuwenden. Nach Ismails Tod ging erstmals die Saat des seit Napoleon auch nach Ägypten gelangten Nationalismus auf: Der mit Unterstützung Englands niedergeworfene Urabi-Aufstand (1880), geschürt durch Versorgungsengpässe und den Ruf nach einer Verfassung, richtete sich auch gegen den wachsenden Einfluss der europäischen Großmächte. Der Khedive berief daraufhin ein national orientiertes Kabinett (1881/82), was Großbritannien mit der Beschießung Alexandrias und der Besetzung ganz Ägyptens beantwortete (1882). Eigentlicher Machthaber in Ägypten wurde nun der britische Generalkonsul; Ägypten war faktisch, seit dem Kriegseintritt des Osmanischen Reiches 1914 gegen Großbritannien auch formell, britisches Protektorat. Gegen die britische Herrschaft formierte sich allmählich ein nationaler Widerstand, der im Wesentlichen zwei Ziele verfolgte: Erringung einer konstitutionellen, parlamentarischen Regierungsform für Ägypten und Vertreibung der britischen Besatzung.
Aus der strategischen Konzeption des britischen Empire war Ägypten nicht wegzudenken. Der Suezkanal, seit 1899 unter gemeinsamem angloägyptischem Kondominium, verband die britischen Interessensphären im Mittelmeer und im Indischen Ozean. Überdies zeigte sich die militärische Bedeutung Ägyptens während der für die britische Kolonialherrschaft in Afrika überaus bedrohlichen Revolte des Mahdi, die zur zeitweisen Unabhängigkeit des Sudan führte (1885-1898).
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