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ÄgyptenEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Anders als in modernen Gesellschaften traten Wirtschaft, Religion und Politik noch nicht als autonome Teilsysteme einer differenzierten Sozialordnung in Erscheinung. Sie waren vielmehr eng aufeinander bezogen und standen in permanenter Wechselbeziehung, verbunden durch Institutionen, die uns heute höchst fremdartig anmuten. Eine Reihe von ihnen behauptete von frühester Zeit an durch alle Wechselfälle der altägyptischen Geschichte, teilweise sogar erheblich darüber hinaus, ihre Prägekraft.
Das sakrale Königtum verklammerte institutionell praktisch alle Sphären, in denen die Ägypter der Pharaonenzeit lebten. Der Pharao fungierte in der ägyptischen Vorstellung als Mittler zwischen der Welt der Sterblichen und jener der Götter: Er stand gleichsam an der Spitze der sozialen Pyramide auf der Erde und einer spiegelbildlich dazu projizierten himmlischen Pyramide. Als Scharnier und Kommunikationsmedium zwischen beiden war der Pharao zugleich Mensch und Gott, oberster Repräsentant der Menschen gegenüber den Göttern und Vertreter des Königsgottes Horus auf Erden, mit göttlicher Abstammungslinie. Beidem gab die Herrschertitulatur Ausdruck, mit dem Horusnamen und dem Königstitel „Sohn des Sonnengottes”. In der Königstitulatur („König von Ober- und Unterägypten”) zeigte sich auch die weiter empfundene Zweiteilung des Landes ebenso wie im fortgesetzten Gebrauch zweier Kronen, der „Roten Krone” Unterägyptens und der „Weißen Krone” Oberägyptens. Alle Ressourcen an Land, an Menschen und Material gehörten in dieser Vorstellungswelt dem König. Auf ihn war deshalb das gesamte Verwaltungssystem zugeschnitten. Allein der König war Quelle der Gesetze und des Rechts. In den ägyptischen Quellen tritt uns grundsätzlich der Pharao als allein Handelnder entgegen. „Will er, so tut er”, heißt es in einem Pyramidentext über den Pharao. Dahinter verbirgt sich eine scheinbar allmächtige Autokratie – scheinbar allmächtig, weil die reale Macht des Königs durch zahlreiche Beschränkungen eingeengt war.
Einschränkend wirkte zunächst eine Bürokratie, die in ihrer Spezialisierung und Differenzierung ein beachtliches Maß an Autonomie gegenüber dem Königtum entwickelte – besonders dann, wenn die königliche Zentralgewalt schwach war und an Legitimität verlor. Die Administration war auf allen räumlichen Ebenen des Landes präsent: Dem Wesir (im Neuen Reich: zwei Wesiren), einer Art „Regierungschef” und zugleich de facto Stellvertreter des Pharao, unterstand die Zentralverwaltung. Zu seinen wichtigsten Aufgaben gehörte der Bau der monumentalen Königsgräber. Die Zentralverwaltung gliederte sich in „Scheune” und „Schatzhaus”, jeweils mit eigenen Vorstehern: Die „Scheune” war für die zentrale Magazinierung von Getreide zuständig; das „Schatzhaus” für alle übrigen Güter (Edelmetalle und andere Prestigegüter, Tierprodukte, Rohstoffe). „Scheune” und „Schatzhaus” hatten – als Institutionen des Güteraustausches – die Funktion, die der Markt in modernen Gesellschaften innehat: Statt Angebot und Nachfrage regierte in der Wirtschaft Altägyptens (wie auch in Mesopotamien) das Verwaltungsdekret, das über Einsammlung und Verteilung der Waren entschied. Man spricht in diesem Zusammenhang von „redistributiver Wirtschaft”. Das System der Redistribution setzte sich auf den übrigen Verwaltungsebenen, den „Gauen” und schließlich den Dörfern, fort.
Die Allmacht des Königs war jedoch auch durch die Besonderheiten altägyptischer Religionsvorstellungen beschränkt. Der Begriff Ma’at, der durch eine weibliche Gottheit verkörpert wurde, lässt sich mit „gerechte Ordnung” nur unvollkommen wiedergeben. Ma’at war die spezifisch ägyptische Antwort auf das Problem differenzierter Gesellschaften. Dadurch, dass Menschen sich spezialisierten, unterschiedlichen Berufen nachgingen und eine soziale Hierarchie entstand, drohte der ursprüngliche Zusammenhalt der Gesellschaft zu zerfallen. Ma’at war Inbegriff für eine umfassende Solidarität, für die der Herrscher einstehen musste. Der Sonnengott hatte, der Legende nach, den Pharao eingesetzt, um das Prinzip der Ma’at auf der Erde durchzusetzen. Der König als Garant der Ma’at steht damit – Göttern wie Menschen gegenüber – in der Verantwortung: Er macht die Hungernden satt, lässt die Flüchtlinge heimkehren, bekleidet die Nackten, befriedet die Streitenden. Die Verantwortlichkeit des Königs war zugleich Grenze seiner Allmacht. Ein Pharao, der dem Prinzip der Ma’at nicht zur Geltung verhalf, der nicht Ernährer und Schützer seines Landes war, hatte damit auch seine Legitimität in der Theokratie verloren.
Nur in seiner Funktion und durch seine göttliche Abkunft gehörte der Pharao der Sphäre der Götter zu. Mit dem Tod strebte er erneut der Welt des Sonnengottes zu. Seine Fürsorge setzte sich im Totenreich fort: Der König garantierte die jenseitige Versorgung der Beamten und seiner Untertanen. Im Unterschied zu ihrem Herrn hatten sie sich allerdings einem Totengericht zu stellen. Der Totenkult verpflichtete die Lebenden zu umfangreichen Leistungen den Toten gegenüber: Nicht nur mussten sie zahlreiche Grabbeigaben aufbringen, dem Leichnam Totentexte mit auf den Weg geben und (besonders im Fall des Königs und höherer Würdenträger) durch Mumifizierung das Weiterleben des Toten gewährleisten; sie hatten obendrein regelmäßig das Grab zu pflegen und der Toten zu gedenken. Dem Gedenken dienten spezielle Totenfeste, zu denen sich die Menschen in den Nekropolen versammelten. Im Laufe der Zeit kristallisierte sich ein Pantheon von Gottheiten heraus, das sich bereits im Alten Reich entwickelte, sich aber in der Folge mehrfach wandelte. Horus, der falkenköpfige Sohn des Sonnengottes, war seit frühester Zeit der Gott, der sich in Gestalt des Pharao inkarnierte. Er konkurrierte mit Seth, der alsbald das Böse personifizierte. Zur ägyptischen Reichsgottheit schlechthin avancierte der mit dem Sonnengott Re identifizierte Universalgott Amun. Parallel zu seinem Aufstieg im Neuen Reich erlangte die Amun-Priesterschaft eine beherrschende politische Stellung. In der Vielfalt und teilweisen Uneindeutigkeit der ägyptischen Götterwelt spiegelt sich das Zusammenwachsen regionaler religiöser Vorstellungen aus den diversen Reichsteilen. Anthropomorphe Götter standen neben Pflanzengottheiten und Göttern mit Tierköpfen. Die Menschen hielten über ihre Priester Zwiesprache mit den Göttern; Medium der Kommunikation war der Kult, Kultplatz war der Tempel, der Wohnort des Gottes auf Erden. Durch Sinnstiftung und Ritual integrierte der Kult die gesamte Gesellschaft.
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