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Indien

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Indien (Flagge und Hymne)Indien (Flagge und Hymne)
Artikelgliederung
7.3. 2

Der Niedergang des Mogulreiches

Im ersten halben Jahrhundert nach Aurangsebs Tod verlor die Mogul-Dynastie schrittweise an Macht. Neben kleineren Königreichen und Fürstentümern, errichtet von muslimischen und hinduistischen regionalen Autoritäten, gründeten die Gouverneure der imperialen Provinzen große, unabhängige Staaten, darunter das bedeutende Hyderabad, das seine Unabhängigkeit bis zur Gründung des indischen Nationalstaates 1948 behaupten konnte. Auch Bengalen entwickelte sich zu einer eigenen Macht, bis es 1757 unter die Oberherrschaft der Briten geriet. Zugleich stieg das Reich der Marathen, das sich im 17. Jahrhundert im Gebiet des heutigen Bundesstaates Maharashtra selbständig gemacht hatte, zur stärksten Macht in Indien auf.

1739 erlitt das geschwächte Mogulregime eine verheerende Niederlage gegen den Perser Nadir Schah, der in Indien eingefallen war und Delhi plünderte, wobei ihm der riesige Koh-i-noor-Diamant und der sagenhafte Pfauenthron, der aus massivem Gold bestand und mit Edelsteinen besetzt war, zur Beute fielen. Nadir Schah zog sich bald wieder zurück, doch 1756 geriet Delhi erneut unter Fremdherrschaft, diesmal unter die des Emirs Ahmed Schah Durrani von Afghanistan, der zuvor bereits den Punjab erobert hatte. Nach seinem Abzug in die afghanische Heimat 1764 kehrte der Mogulherrscher wieder auf den Thron zurück. Als Lehnsherr der indischen Fürstentümer galt er noch als formelles Oberhaupt; angesichts der zunehmenden ethnischen, religiösen und politischen Spaltung des Landes, die auch immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen führten, verfügte er allerdings kaum noch über reale Macht und Autorität.

Parallel zum Verfall der muslimischen Macht hatten neben den Marathen die kämpferischen Sikhs weite Gebiete unter ihren Einfluss gebracht. Um 1800 errichteten die Sikhs unter Ranjit Singh ein faktisch unabhängiges eigenes Reich. Die Aussicht auf erneute Vereinigung Indiens in einem einzigen Staat war vollends geschwunden, und das Land, das bereits seit einiger Zeit das Interesse europäischer Mächte geweckt hatte, geriet sukzessive unter britische Herrschaft. 1858 setzten die Briten den letzten Mogulherrscher ab.

7.4

Unter Kolonialherrschaft

7.4. 1

Früher Kolonialismus (1498 bis 18. Jahrhundert)

7.4.1. 1
Portugiesen und Niederländer

Vor allem die Kontrolle der wichtigen Handelswege zwischen dem Mittelmeer und Indien durch die Muslime war es, was verschiedene europäische Mächte dazu bewog, eine neue Route nach Fernost zu suchen. In den Jahren 1497 und 1498 leitete Vasco da Gama im Auftrag der portugiesischen Krone eine entsprechende Expedition: Er umsegelte das Kap der Guten Hoffnung, durchquerte den Indischen Ozean und erreichte am 20. Mai 1498 den Hafen von Calicut (Kozhikode) an der westindischen Malabarküste. Nach Aufnahme freundlicher Beziehungen zum Fürsten von Dekkan sicherte da Gama für Portugal das Monopol für den indischen Seehandel, das ein Jahrhundert lang Bestand hatte.

Gebrochen wurde die portugiesische Monopolstellung zu Beginn des 17. Jahrhunderts durch die niederländische Ostindische Kompanie, eine Vereinigung niederländischer Händler, die 1602 unter dem Schutz der niederländischen Regierung gegründet worden war. Zwei Jahre zuvor hatte die englische Königin Elisabeth I. die Gründung einer ähnlichen Handelsorganisation, der ersten englischen Ostindischen Kompanie, bestätigt und sie mit Privilegien versehen. Letzterer gestattete der Mogulherrscher Jahangir (1605-1627) die Gründung einer Handelsstation in Surat am Golf von Khambhat (1612). Die Portugiesen versuchten, das englische Vordringen mit Gewalt zu verhindern, unterlagen jedoch in der Seeschlacht im Golf von Khambhat (29. November 1612).

Weitere englische Siege in den folgenden Jahren brachen den portugiesischen Widerstand endgültig; die englische Ostindische Kompanie weitete nun im 17. Jahrhundert ihre Einflusssphäre systematisch aus. Sie errichtete einen Stützpunkt in Orissa (1633), gründete die Stadt Madras (1639), erhielt Handelsprivilegien in Bengalen (1651), erwarb Bombay von den Portugiesen (1661), schloss einen Handelsvertrag mit dem Marathenherrscher Shivaji Bhonsle (1674) und gründete die Stadt Kalkutta (1690).

7.4.1. 2
Rivalitäten zwischen Briten und Franzosen

Im 17. Jahrhundert hatten sich außer Portugal, den Niederlanden und Großbritannien auch Dänemark (1616) und Frankreich (1664) in Indien festgesetzt. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts suchte Frankreich seine Position in Konkurrenz zur britischen Ostindischen Kompanie auszubauen. Die Spannungen zwischen Frankreich und Großbritannien erreichten 1746 einen Höhepunkt, als eine französische Flotte Madras belagerte. Dieser Angriff, der sich zu dem gleichzeitig mit dem Österreichischen Erbfolgekrieg (1740-1748) ausgetragenen 1. Karnataka-Krieg ausweitete, sowie die nachfolgenden Kämpfe in Indien blieben letztlich ohne Sieger; 1748 gaben die Franzosen Madras an die Briten zurück.

Im Laufe des 3. Karnataka-Krieges (1756-1763) um die Vorherrschaft in Indien schalteten die Briten den Konkurrenten Frankreich schließlich aus. Das bedeutendste Ereignis des gesamten Krieges war der Sieg der britischen Truppen unter Robert Clive bei Plassey (1757). In dessen Folge übernahmen die Briten de facto die Herrschaft über Bengalen, die bevölkerungsreichste indische Provinz, indem sie sich vom Großmogul die Verwaltungshoheit übertragen ließen. Im Rahmen der Friedensregelungen nach dem Siebenjährigen Krieg wurde das französische Territorium in Indien auf einige Handelsstationen begrenzt. Militärisch spielte Frankreich auf dem Subkontinent keine Rolle mehr.

7.4. 2

Britisch-Indien I (19. Jahrhundert)

7.4.2. 1
Die britische Ostindische Kompanie

Bei der Verfolgung ihrer Ziele in Indien stützten sich die Briten zwar vorwiegend auf ihr überlegenes militärisches Potenzial, doch daneben spielten auch Bestechung, Erpressung und politische Manipulation indischer Herrscher eine nicht unwesentliche Rolle. Die Uneinigkeit der verschiedenen indischen Königreiche und Fürstentümer erlaubte es den Briten schließlich, den gesamten Subkontinent sowie angrenzende Regionen wie Birma ihrer Herrschaft zu unterwerfen. Ihre Herrschaft übten sie entweder direkt aus oder indem sie die regierenden indischen Herrscher ihrer Kontrolle unterstellten. Zwar setzten immer wieder einzelne oder mehrere Staaten dem britischen Vordringen Widerstand entgegen, doch letztlich behielten die Briten stets die Oberhand. Zu den wichtigsten Trägern des bewaffneten Widerstands gegen die britische Herrschaft gehörten die Maratha-Konföderation, die 1818 nach mehreren Kriegen vernichtend geschlagen wurde, und der von Sikhs beherrschte Punjab, der nach einem dreijährigen, für beide Seiten verlustreichen Krieg 1848 kapitulierte.

Nach der Annexion des Punjab unterstellte der britische Generalgouverneur James Andrew Broun Ramsay, Marquess of Dalhousie, die von Nawabs (formal Stellvertreter des Großmoguls) geführten Fürstentümer Satara, Jaipur, Sambalpur, Jhansi, Nagpur und Oudh jeweils nach dem Tod ihrer Herrscher der direkten britischen Verwaltung durch die Ostindische Kompanie. Zugleich mit der Festigung ihrer Macht begannen die Briten mit der Einführung zahlreicher Reformen und Neuerungen. Es wurden Eisenbahnen, Brücken, Straßen und Bewässerungssysteme gebaut, Post- und Telegraphenwesen eingerichtet, überlieferte Traditionen, die den humanitären britischen Auffassungen entgegenstanden (wie vor allem Witwenverbrennung und Sklavenhandel), eingedämmt sowie Agrarreformen dekretiert, die mit den alten Strukturen und Wirtschaftsweisen auf dem Lande brachen. Diese Maßnahmen stießen bei der indischen Bevölkerung ebenso auf heftige Ablehnung wie die weitere Ausdehnung der britischen Herrschaft und die offene Verachtung, die Dalhousie der indischen Kultur entgegenbrachte.

7.4.2. 2
Der Große Indische Aufstand von 1857/58

Die Unruhen eskalierten im Großen Indischen Aufstand, bekannt auch als Sepoy-Aufstand, der am 10. Mai 1857 in Meerut in der Nähe von Delhi begann und bald den ganzen Norden des Subkontinents erfasste. Träger der Erhebung war eine konspirative Bewegung unter den Sepoys, den von der britischen Ostindischen Kompanie aufgestellten indischen Truppen. Die Aufständischen sammelten sich unter dem Banner von Bahadur Shah II., dem nominellen Herrscher des Mogulreiches. Den Rebellen gelang es rasch, Delhi und weitere strategisch wichtige Zentren zu besetzen, wurden aber schließlich von loyalen britisch-indischen Sikhs-Truppen besiegt.

Dem Aufstand folgte eine Periode brutaler Unterdrückung durch britische Truppen, insbesondere in Delhi, wo Tausende ohne Gerichtsverhandlung hingerichtet wurden; der Großmogul Bahadur Shah II. wurde unter dem Vorwurf der Anstiftung zur Rebellion zu lebenslanger Haft verurteilt. Wichtigstes Ergebnis des Sepoy-Aufstands war die Verabschiedung des Act for Better Government in India durch das britische Parlament (1858). Durch dieses Gesetz wurde das Mogulreich formell aufgelöst und die Verwaltung Indiens ging von der Ostindischen Kompanie, die schon 1813 auf ihr Handelsmonopol für Indien und weitere Privilegien hatte verzichten müssen, ganz auf die britische Krone über. Der Generalgouverneur erhielt den Titel des Vizekönigs der Kronkolonie.

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