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IndienEnzyklopädieartikel
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Im Kalten Krieg zwischen dem Ostblock und den westlichen Industriestaaten verfolgte Jawaharlal Nehru einen neutralen Kurs und machte Indien in den fünfziger Jahren zu einer der führenden Nationen unter den Blockfreien. Diese außenpolitische Linie hatte sich schon kurz nach der Unabhängigkeit abgezeichnet. So schloss sich Indien nach Ausbruch des Koreakrieges im Juni 1950 zwar der Resolution des UN-Sicherheitsrates an, in der militärische Sanktionen gegen Nordkorea gefordert wurden, lehnte ein militärisches Engagement an der Seite der USA jedoch ab. Stattdessen versuchte Nehru wiederholt, durch Vermittlungsaktionen einen Frieden in Korea herbeizuführen, und er plädierte für die Aufnahme der Volksrepublik China in die Vereinten Nationen als Voraussetzung für eine Lösung der Krise. Als die USA 1950 Lebensmittellieferungen zur Linderung einer durch mehrere Naturkatastrophen hervorgerufenen schweren Hungersnot vom politischen Wohlverhalten Indiens abhängig zu machen versuchte, verzichtete Nehru auf die Hilfe. Im September 1951 dagegen nahm Indien Hilfslieferungen aus der Volksrepublik China und der Sowjetunion an, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass diese Lieferungen nicht von etwaigen politischen Konzessionen seitens Indiens abhängig gemacht würden. Unabhängigkeit von den Führungsmächten in Ost und West demonstrierte Indien auch in seinem Verhältnis zu Japan. Im Juni 1952 unterzeichnete Indien, obwohl es wie die Sowjetunion 1951 die Friedenskonferenz von San Francisco boykottiert hatte, einen bilateralen Friedensvertrag mit Japan, der einen Verzicht auf Reparationsleistungen festschrieb. 1954 definierte Nehru „Fünf Prinzipien” als seine außenpolitischen Leitvorstellungen: Achtung der territorialen Gegebenheiten, keine Einmischung in die innenpolitischen Angelegenheiten anderer Staaten, Beziehungen auf der Basis der Gleichberechtigung, friedliche Koexistenz und Verzicht auf militärische Gewalt. Aufgrund der Blockfreiheit übernahm Indien in den fünfziger und sechziger Jahren bei internationalen Konflikten oft eine Vermittlerrolle.
Auf der Bandungkonferenz im April 1955 beschlossen 30 asiatische und afrikanische Staaten unter führender Beteiligung Indiens eine gemeinsame Politik auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet und eine einheitliche Politik gegen den Kolonialismus. Im Juli 1956 veröffentlichten Nehru, der jugoslawische Präsident Tito und der ägyptische Präsident Gamal Abd el-Nasser ein gemeinsames Kommuniqué, in dem sie die Ablehnung des Kolonialismus bekräftigten und ein internationales, kollektives Sicherheitssystem forderten. Aufgrund der außenpolitischen Doktrin der Blockfreiheit suchte Indien zur Sowjetunion und zu den USA zunächst in etwa gleich gute Beziehungen. Da Nehru eine Industrialisierung Indiens gemäß sozialistischen Wirtschaftsmodellen anstrebte, ergab sich auf ökonomischem Gebiet jedoch eine verstärkte Orientierung am sowjetischen Vorbild (z. B. auch in Form der Fünfjahrespläne). Im Juni 1955 besuchte Nehru die UdSSR. Ergebnis des Staatsbesuchs war eine gemeinsame sowjetisch-indische Erklärung, in der eine Ächtung aller Atomwaffen, eine umfassende Abrüstung und die friedliche Koexistenz gefordert wurden. Im Gegenzug erhielt Indien sowjetische Wirtschaftshilfe. Unter Indira Gandhi wurde die Annäherung an die Sowjetunion noch ausgebaut, was sich u. a. 1971 im Abschluss eines Freundschaftsvertrags dokumentierte. Ähnliche Vereinbarungen mit anderen Ostblockstaaten folgten. Mit sowjetischer Hilfe wurde Indien zur Atommacht: Am 18. Mai 1974 wurde in der Wüste Tharr erstmals eine indische Atombombe erfolgreich getestet – mit der Folge, dass auch Pakistan sich nuklear aufrüstete. Seit 1989 verfügt Indien über Mittelstreckenraketen, die mit Nuklearsprengköpfen bestückt werden können. Parallel zur sowjetisch-indischen Annäherung verschlechterte sich das Verhältnis zu den USA. Erst als die Janata Party ab 1977 vorübergehend die Regierung stellte, kam es zu einer Erneuerung der Politik der Blockfreiheit und zu einer erneuten Annäherung an die USA. Rajiv Gandhi intensivierte nach seiner Regierungsübernahme 1984 die Beziehungen zur Sowjetunion wieder und schloss 1985 einen Vertrag über verstärkte Zusammenarbeit in den Bereichen Wissenschaft, Medizin und Technik. Ein weiteres Abkommen, diesmal gegen den Einsatz von Atomwaffen, wurde im November 1986 während eines Besuchs des KPdSU-Generalsekretärs Michail Gorbatschow in Indien unterzeichnet.
Als einer der ersten Staaten erkannte Indien 1949 die neu gegründete Volksrepublik China diplomatisch an. Doch sowohl die Besetzung Tibets durch China 1950 als auch Probleme des Grenzverlaufs zwischen beiden Staaten führten schnell zu einer Trübung des Verhältnisses. Trotzdem wurde 1954 noch ein Freundschaftsvertrag unterzeichnet, in dem Indien alle von Großbritannien auf die Indische Union übergegangenen Rechte und Pflichten für hinfällig erklärte. Nachdem Indien jedoch in Verhandlungen über den Grenzverlauf zu keinen Kompromissen bereit war, kam es 1959 zu ersten bewaffneten Grenzzwischenfällen, die 1962 in den 32 Tage dauernden Indisch-Chinesischen Krieg um ein strategisch wichtiges Gebiet in Ladakh mündeten. Indien, das von der Sowjetunion unterstützt wurde, erlitt eine verheerende Niederlage gegen China, das sich mit Pakistan verbündet hatte. Erst 1977 nahmen China und Indien wieder Handelsbeziehungen und bald auch diplomatische Beziehungen auf. 1986 kam es erneut zu einem Grenzkonflikt, der 1993 durch einen Vertrag über eine Truppenreduzierung an der 3 800 Kilometer langen gemeinsamen Grenze vorläufig beigelegt wurde. Der Grenzstreit selbst wurde bis heute nicht gelöst.
Im Verhältnis zu europäischen Staaten stand zunächst noch die Beseitigung der letzten Überreste kolonialer Herrschaft im Vordergrund. So spitzte sich 1954 die Lage um die portugiesischen Besitzungen (Goa, Daman, Diu) zu. Indische Nationalisten drängten auf den Rückzug Portugals. Als im August 1955 portugiesische Einheiten das Feuer auf eine Gruppe indischer Demonstranten eröffneten, die die Grenze nach Goa überschritten hatten, brach Indien die diplomatischen Beziehungen zu Portugal ab. Am 18. Dezember 1961 besetzten indische Truppen die verbliebenen portugiesischen Kolonialgebiete, die von der Regierung zum Teil des Staatsgebiets erklärt wurden. Eine Verurteilung der Annexion durch die UNO scheiterte am Veto der Sowjetunion. Frankreich gab seine kolonialen Besitzungen in Indien 1950 und 1962 zurück. Als bislang letzte territoriale Veränderung annektierte Indien 1975 das Königreich Sikkim im östlichen Himalaya. Es stand seit 1950 unter indischem Protektorat und wurde nun von Indira Gandhi als 22. Bundesstaat in die Republik Indien eingegliedert. In den Jahren 1987 bis 1989 ließ Rajiv Gandhi indisches Militär in den Bürgerkrieg auf Sri Lanka intervenieren (siehe oben).
Die Beziehungen zu Pakistan blieben angesichts der Kaschmir-Frage angespannt. Im Dezember 1953 endeten die indisch-pakistanischen Gespräche über die Einzelheiten der anvisierten Volksabstimmung ergebnislos. Insbesondere war keine Einigung über die Zusammensetzung der während der Abstimmung in Kaschmir zu stationierenden Truppen möglich. Daraufhin beschloss die konstituierende Versammlung von Kaschmir im Februar 1954, entgegen den internationalen Vorgaben, einstimmig den Beitritt zu Indien. Am 26. Januar 1957 erklärte Indien den Staat Kaschmir zu einem Bestandteil der Indischen Republik. Die Proteste der pakistanischen Regierung bei den Vereinten Nationen blieben ohne Konsequenzen. Der Konflikt um das vorwiegend muslimische Kaschmir mündete im August 1965 in den 2. Indisch-Pakistanischen Krieg. Trotz eines von der UNO initiierten Waffenstillstands konnte er erst beendet werden, nachdem es der Sowjetunion gelungen war, zwischen dem indischen Premierminister Shastri und dem pakistanischen Präsidenten Mohammed Ayub Khan zu vermitteln und sie am 10. Januar 1966 zu einem Vertrag über einen beiderseitigen Truppenrückzug zu bewegen. Im März 1971 brach in Ostpakistan ein Bürgerkrieg aus, als die pakistanische Regierung den Kampf der Bengalen für staatliche Unabhängigkeit brutal unterdrückte. Etwa zehn Millionen bengalischer Flüchtlinge strömten nach Indien. Im Dezember 1971 griff Indien im 3. Indisch-Pakistanischen Krieg militärisch zugunsten der bengalischen Separatisten ein, trug damit erheblich zur Spaltung Pakistans bei und ermöglichte so 1972 die Bildung des neuen Staates Bangladesch. 1988 schloss Rajiv Gandhi schließlich einen Nichtangriffspakt mit Pakistan, der jedoch durch permanente terroristische Aktivitäten separatistischer Gruppierungen in Kaschmir, die teilweise von Pakistan aus operierten, und durch Übergriffe des Militärs beider Seiten immer wieder unterwandert wurde.
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