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Aceh, auch Atjeh, offiziell Nanggroe Aceh Darussalam, indonesische Provinz mit Sonderstatus und ehemaliges Sultanat im Nordwesten der Insel Sumatra. Die Provinz Aceh ist 55 392 Quadratkilometer groß und besteht zum großen Teil aus bewaldetem Bergland, das im Gunung Leuser (3 381 Meter) seine höchste Erhebung erreicht. Entlang der Küste verläuft ein schmaler Schwemmlandstreifen. Die Einwohnerzahl von Aceh beträgt etwa drei Millionen; Provinzhauptstadt ist Banda Aceh, das über eine Eisenbahnstrecke mit Medan verbunden ist. Neben der Förderung von Erdöl und Erdgas im Küstenbereich sind der Fischfang und die Landwirtschaft, insbesondere der Pfefferanbau, von Bedeutung.
Begünstigt durch die exponierte geographische Lage, wurde Aceh schon früh von außen beeinflusst. Im 7. und 8. Jahrhundert kamen mit den indischen Kaufleuten der Hinduismus und der Buddhismus in die Region. Im 13. Jahrhundert brachten muslimische Händler aus Arabien und Indien ihre Religion nach Aceh, das in der Folge zu einer der ersten Bastionen des Islam auf dem indonesischen Archipel wurde. Aceh unterstand zunächst der Oberhoheit des Nachbarstaates Pedir und wurde erst Anfang des 16. Jahrhunderts zu einem unabhängigen Sultanat; zwischen 1607 und 1636 stand es unter Sultan Iskandar Muda auf dem Höhepunkt seiner Macht. Die Auseinandersetzungen zwischen Portugal, Großbritannien und den Niederlanden um die Herrschaft über Aceh bestimmten in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Geschichte des Sultanats. 1819 erwarb die britische Regierung die exklusiven Handelsrechte mit dem Sultanat; 1824 wurde Aceh durch einen Vertrag zwischen Großbritannien und den Niederlanden zu einem Protektorat der Niederlande. In einem langwierigen Krieg (1873-1908) leistete Aceh der niederländischen Kolonialregierung erbitterten Widerstand; noch bis zur Gründung der Republik Indonesien nach dem 2. Weltkrieg kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen und bewaffneten Aufständen. Auch nach der Staatsgründung der Republik Indonesien strebten die Acehnesen aufgrund ihres ethnischen Selbstbewusstseins und ihrer tiefen Verwurzelung im Islam weiterhin nach einem unabhängigen muslimischen Staat. 1976 formierte sich die Rebellenorganisation Bewegung freies Aceh (Gerakan Aceh Merdeka, GAM), die nun die Führung im Kampf für die Unabhängigkeit der Provinz übernahm, jedoch nur einen kleinen Teil der Bevölkerung von Aceh vertrat. Vor dem Hintergrund andauernder gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen indonesischer Armee und GAM-Rebellen, die bis dahin schon mehr als 10 000 Opfer gefordert hatten, räumte die Regierung Wahid der Provinz 2000 weitgehende Autonomie ein. In der Folgezeit aufgenommene Verhandlungen der indonesischen Regierung mit der GAM mündeten am 9. Dezember 2002 in der Unterzeichnung eines Friedensabkommens, das neben der sofortigen Einstellung der Kampfhandlungen auch die Vorbereitung von Provinzwahlen beinhaltete, aber die Rebellen auch zur Anerkennung der territorialen Integrität Indonesiens und zu Abgabe ihrer Waffen verpflichtete. Die indonesische Regierung garantierte Aceh im Gegenzug weitgehende Autonomie. Die Verhandlungen über die Umsetzung des Abkommens jedoch scheiterten, woraufhin die indonesische Regierung unter Magawati Sukarnoputri am 19. Mai 2003 das Kriegsrecht über die Provinz verhängte und eine breit angelegte Militäroperation startete. Als Begründung für diese Offensive führte Megawati die Weigerung der Rebellen an, ihre Waffen abzugeben und auf ihre Forderung nach Unabhängigkeit zu verzichten. Die Militäraktion stieß international ebenso auf scharfe Kritik wie die Verhängung des Kriegsrechts, zumal beides offenbar mit schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen seitens indonesischer Sicherheitskräfte an der Zivilbevölkerung von Aceh verbunden war sowie mit der Verweigerung des Zugangs zu der Provinz für Hilfsorganisationen und die Presse. Im Herbst 2004 erklärte der neu gewählte indonesische Präsident Susilo Bambang Yudhoyono, für Aceh eine Verhandlungslösung suchen zu wollen; jedoch gingen die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und GAM-Milizen vorerst vereinzelt weiter. Am 26. Dezember 2004 wurden weite Teile der Provinz Aceh durch die schwerste Naturkatastrophe seit Menschengedenken zerstört: Zunächst erschütterte ein Seebeben der Stärke 9,0 auf der Richterskala, dessen Epizentrum nahe der Westküste von Aceh im Indischen Ozean lag, die Region; dann verwüstete der durch das Seebeben ausgelöste Tsunami insbesondere den Westen und den Norden der Provinz. Die Provinzhauptstadt Banda Aceh an der Nordspitze von Sumatra mit ehemals mehr als 250 000 Einwohnern wurde weitgehend zerstört; in der gesamten Provinz Aceh starben nach offiziellen Angaben mindestens 128 800 Menschen, mehr als 550 000 wurden obdachlos. Unmittelbar nach der Katastrophe rief die GAM einen Waffenstillstand aus, und die indonesische Regierung setzte das Kriegsrecht aus und öffnete die Grenzen der Provinz, um internationalen Hilfsorganisationen den Zugang zu ermöglichen. Die dringend notwendige Versorgung der Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser und Nahrungsmitteln und die medizinische Versorgung gestalteten sich jedoch äußerst schwierig, da die ohnehin wenig ausgebaute Infrastruktur durch das Beben und die Flutwelle große Schäden erlitten hatte. Außerdem waren bis zu der Katastrophe internationale Hilfsorganisationen in Aceh nicht präsent und verfügten daher auch nicht über Stützpunkte, Verteilungswege und lokale Partnerorganisationen. Ende April 2005 hatten die meisten der internationalen Hilfsorganisationen auf Anordnung der indonesischen Regierung Aceh zu verlassen, obwohl sie zum großen Teil ihre Arbeit noch nicht beendet und die ihnen zur Verfügung stehenden Spendengelder noch nicht verbraucht hatten. Die indonesische Regierung erklärte den Wiederaufbau nun zu ihrer eigenen Angelegenheit; allerdings liefen die Arbeiten nur äußerst schleppend an. Die Naturkatastrophe erweckte die Hoffnung, dass sich nun eine friedliche Lösung des Konflikts in Aceh anbahnen könnte, u. a. deshalb, weil offensichtlich geworden war, dass Aceh sich nicht aus eigener Kraft wieder aufbauen könnte, die Provinz also auf Unterstützung seitens der Zentralregierung angewiesen war und separatistische Bestrebungen den Wiederaufbauprozess zum Erliegen bringen könnten. Zudem wurde erwartet, dass die Anwesenheit internationaler Hilfsorganisationen und der internationalen Presse – und damit die Kontrolle durch sie – die Suche nach einer friedlichen Lösung des Konflikts forcieren könnten. Und nicht zuletzt machten einige Länder ihre Hilfszusagen für den Wiederaufbau von einer einigermaßen stabilen, friedlichen Lage in der Provinz abhängig. Im Januar 2005 fanden in Helsinki unter der Vermittlung von Martti Ahtisaari die ersten offiziellen Friedensverhandlungen seit zwei Jahren zwischen der indonesischen Regierung und der GAM statt; sie endeten ergebnislos. In weiteren Gesprächsrunden näherten sich die Verhandlungspartner dann jedoch Stück für Stück an, so dass am 15. August 2005 in Helsinki ein offizielles Friedensabkommen zwischen den Rebellen und der indonesischen Regierung unterzeichnet werden konnte. In dem Abkommen garantierte die Regierung der Provinz weit reichende Autonomie, gestattete der GAM die Teilnahme am weiteren politischen Prozess, d. h. auch die Teilnahme an den für 2006 geplanten Regionalwahlen, sagte der Provinz 70 Prozent der Erlöse aus den Erdöl- und Gasvorräten und sonstigen Ressourcen zu und kündigte den Abzug etwa der Hälfte ihrer rund 50 000 in Aceh stationierten Militär- und Polizeikräfte an. Im Gegenzug verzichteten die Rebellen auf ihre Forderung nach der Unabhängigkeit Acehs und verpflichteten sich, binnen dreier Monate ihre Waffen abzugeben. Des Weiteren versprach die indonesische Regierung, den etwa 5 000 Rebellen beim Aufbau einer neuen Existenz zu helfen. Überwacht wurde der Friedensprozess von der EU-geführten Aceh Monitoring Mission. Das seit Mai 2003 bestehende Kriegsrecht war bereits im Mai 2005 aufgehoben worden. Ende 2005 hatte die indonesische Regierung den Abzug von gut 25 000 Militär- und Polizeikräften abgeschlossen, die Rebellen hatten ihre Waffen abgegeben, und der militärische Arm der GAM hatte sich aufgelöst. Damit galt der Bürgerkrieg, dem insgesamt etwa 15 000 Menschen, mehrheitlich Zivilisten, zum Opfer gefallen waren, offiziell als beendet. Ein knappes Jahr nach Abschluss des Friedensabkommens verabschiedete das indonesische Parlament ein Gesetz zur Umsetzung dieses Abkommens, den „Erlass über die Verwaltung von Aceh”, der allerdings nicht in allen Punkten den Vereinbarungen aus dem Abkommen folgte und daher von früheren GAM-Rebellen scharf kritisiert wurde. Bei den ersten freien Regionalwahlen in Aceh im Dezember 2006 gewannen GAM-Mitglieder etwa die Hälfte der Sitze, der frühere GAM-Rebellenführer Irwandi Yusuf wurde zum Gouverneur der Provinz gewählt.
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