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NigeriaEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
1807 verbot Großbritannien den Sklavenhandel und begann, an der nigerianischen Küste den Handel mit Palmöl zu fördern. Seit der Erforschung des Niger durch Mungo Park 1795 und 1805 und die Brüder John und Richard Lemon Lander 1830 dehnten britische Kaufleute ihre Handelsaktivitäten bis in den Norden Nigerias aus; auch christliche Missionare kamen auf dem Niger ins Hinterland. Um den vom Nigerdelta ausgehenden Sklavenschmuggel zu beenden, besetzte Großbritannien 1851 Lagos; die Stadt wurde 1861 britische Kronkolonie. Auf der Kongokonferenz 1884/85 erhielt Großbritannien das Gebiet des heutigen Nigeria, in dessen willkürlich gezogenen Grenzen die verschiedenartigen Volksgruppen der Haussa-Fulbe, Ibo, Yoruba sowie weitere Ethnien unter ein künstliches Staatsgebilde gezwungen wurden. 1885 gründete Großbritannien das Protektorat Niger Districts und 1893 das Niger Coast Protectorate. Im Norden vertrat seit 1886 die Handelsgesellschaft Royal Niger Company die britischen Interessen; ausgestattet mit Herrschaftsrechten und dem britischen Handelsmonopol sollte sie den britischen Machtbereich über das Sokoto-Kalifat und Bornu ausdehnen.
Keines der Protektorate stand zum Zeitpunkt der Gründung ganz unter britischer Herrschaft. Die erst in den Jahren 1897 bis 1903 eroberten Nordgebiete erklärte Großbritannien 1900 zum Protektorat Nordnigeria; dort führte der britische Kolonialverwalter Frederick Lugard das System der „indirekten Herrschaft” (indirect rule) – lokale Autonomie der Emire unter Aufsicht und Kontrolle britischer Berater – ein. Ebenfalls 1900 schloss Großbritannien das 1896 eroberte Yorubaland mit dem 1897 eroberten Königreich Benin zum Protektorat Südnigeria zusammen. Mit der Machtübernahme in den neuen Protektoraten sicherte Großbritannien im Scramble for Africa seine Einflussgebiete erfolgreich gegen Frankreich und Deutschland ab. 1914 fasste Großbritannien die beiden Protektorate und die Kolonie Lagos unter dem Namen The Colony and Protectorate of Nigeria zusammen. In Nordnigeria blieb das Regime der Emire unter der britischen indirekten Herrschaft bestehen, die in der Folge auch in einzelnen Regionen Südnigerias eingeführt wurde.
Mit den Aufständen der Yoruba 1918 und der Ibo 1929 begann der Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft und die von ihr eingesetzten lokalen Sachwalter. In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts organisierte sich die schwarzafrikanische Intelligenz Nigerias in ersten antikolonialen Nationalbewegungen wie der Nigerian National Democratic Party (NNDP). Nnamdi Azikiwe gründete 1944 die erste politische Partei auf ethnisch-regionaler Basis, den National Council of Nigeria and the Cameroons (NCNC), der Ibo, Yoruba, Haussa und Fulbe in seinen Reihen vereinte und die Unabhängigkeit Nigerias im Rahmen des Commonwealth forderte. Obafemi Awolowo gründete 1951 die Action Group (AG) der Yoruba aus dem Südosten. NNDP, NCNC und AG standen als antiimperialistische Nationalvereinigungen an der Spitze der jungen Unabhängigkeitsbewegung. Der 1949 u. a. von Abubakar Tafawa Balewa gegründete konservative Northern People’s Congress (NPC) der Haussa und Fulbe verkörperte die Interessen der nordnigerianischen Eliten und unterstützte die britische Vormundschaft. Seit der Aufteilung Nigerias in eine Kolonialföderation aus Nord-, West- und Ostregion 1946 stärkten die Briten stufenweise die Autonomie der Regionen; eigene Landesparlamente und -regierungen sowie die wirtschaftliche und kulturelle Autonomie erhielten die drei Regionen in der Verfassung von 1954. Unter dem Druck des NCNC und der Gewerkschaften führten die Briten ein zentrales, vom Volk direkt zu wählendes Parlament und einen Ministerrat für ganz Nigeria ein. Am 1. Oktober 1960 entließ Großbritannien Nigeria unter Premierminister Abubakar Tafawa Balewa in die Unabhängigkeit, und am 1. Oktober 1963 wurde Nigeria Republik innerhalb des Commonwealth of Nations mit Nnamdi Azikiwe als Staatspräsidenten.
Von Beginn der Unabhängigkeit an gefährdete der Gegensatz zwischen dem rückständigen muslimischen Norden der Haussa-Fulbe und dem wirtschaftlich und kulturell führenden, christlich geprägten Süden der Ibo und Yoruba den wegen seines Mehrparteiensystems als vorbildlich angesehenen jungen Staat. Ethnische, soziale und religiöse Spannungen zwischen den drei Mehrheitsvölkern und den Minderheiten des Middle Belt führten 1964 zu gewalttätigen Ausschreitungen. Durch Korruption, Verschärfung regionaler Gegensätze und Misswirtschaft geriet das Land an den Rand des Bürgerkrieges; Fälschungen bei den Parlamentswahlen im Oktober 1965 lösten erneut blutige Unruhen aus. Im Januar 1966 beendete der Putsch von Offizieren aus dem christlichen Südosten, dem Gebiet der Ibo, die Erste Republik; Premierminister Balewa wurde getötet, Staatspräsident Azikiwe trat zurück. Ein Militärrat unter General Johnson Aguiyi-Ironsi erklärte Nigeria zum zentralistischen Einheitsstaat. In einem von Haussa-Fulbe getragenen Gegenputsch stürzten im Juli 1966 Offiziere aus dem Norden und dem Middle Belt das Militärregime des Generals Aguiyi-Ironsi; Aguiyi-Ironsi selbst wurde ermordet; General Yakubu Gowon übernahm die Regierung. Mehrere zehntausend der im Norden lebenden Ibo wurden getötet oder in ihr Heimatland im Südosten vertrieben. Das föderative System wurde wiederhergestellt und auf zwölf Bundesstaaten erweitert; das Erdölgebiet im Nigerdelta stand nicht mehr unter Verwaltung der Ibo.
Die Pogrome an den Ibo im Norden und die beginnende Erschließung der Erdölvorkommen im Südosten führten zur Abspaltung der von den Ibo bewohnten Region im Südosten des Landes: Am 30. Mai 1967 erklärte der Militär-Gouverneur Oberst Ojukwu die Provinz Biafra mit einem der größten Erdölvorkommen Nigerias zur unabhängigen Republik. Es folgte einer der blutigsten und verlustreichsten Bürgerkriege Afrikas mit circa zwei Millionen Toten unter der Zivilbevölkerung. Der Krieg endete nach zweieinhalb Jahren am 15. Januar 1970 mit der bedingungslosen Kapitulation Biafras vor der Bundesarmee, die sich aus Haussa-Fulbe, Yoruba und den Minoritäten des Middle Belt zusammensetzte. Nicht die Idee von einer nigerianischen Identität einte nun das Land, sondern erst die Nationalisierung des wichtigsten nigerianischen Bodenschatzes, des Erdöls.
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