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Zivilisation

Enzyklopädieartikel

Zivilisation (lateinisch civilis: den Staatsbürger betreffend; bürgerlich), Bezeichnung für bürgerliche Tugenden, kulturelle Errungenschaften, die Ausbildung von Umgangs- und Lebensformen sowie Ergebnisse des wissenschaftlich-technischen Fortschritts.

In seiner ersten Bedeutung und Anwendung wurde unter dem Begriff Zivilisation die Angleichung bürgerlicher und adliger Wertvorstellung im Ancien Régime im Frankreich des 18. Jahrhunderts verstanden. Damit waren in erster Linie Rollenerwartungen verbunden: tugendhafte Verhaltensnormen, bestimmte Fertigkeiten und kultivierte Umgangsformen. Später kamen die seit dem 19. Jahrhundert gültigen staatsbürgerlichen Grundrechte einer so genannten Zivilgesellschaft hinzu. Unter den Merkmalen einer Zivilisation wurden nun u. a. Moralität und Rechtsstaatlichkeit, ökonomischer und technischer Fortschritt, wissenschaftliche Leistungen und soziale Errungenschaften, materielle Versorgung und staatliche Institutionen, freier Wirtschaftsverkehr und eine immer stärker ausdifferenzierte Arbeitsteilung verstanden.

Im Selbstverständnis europäischer bürgerlicher Gesellschaften wurde Zivilisation als historischer Prozess begriffen, an dem alle Völker teilhaben könnten. So wurde seit Beginn der Kolonisation außereuropäischer Länder ein Gegensatz zwischen (europäischer) Zivilisation und vorgeblich nichtzivilisierten, so genannten „primitiven” Völkern konstruiert: Ihnen sollte die Zivilisation durch christliche Missionen oder staatliche Gewalt der Kolonialherren vermittelt werden. Der eigene zivilisatorische Zustand wurde dabei als Fortschritt und Ausdruck von Modernität gesehen, der weltweit übertragbar sei.

In den Gesellschaftswissenschaften, vor allem in der Soziologie und Ethnologie, wird der Begriff Zivilisation ideologiekritisch betrachtet und im Wesentlichen in drei Bedeutungsebenen unterteilt:

  • in einer geschichtsphilosophischen Trennung von Zivilisation und Kultur im Hinblick auf wirtschaftliche, wissenschaftliche und technische Fortschritte;
  • kulturanthropologisch als die kulturelle (wissenschaftlich, religiöse, politische) und technische bzw. materielle Entwicklung von Gesellschaften und entsprechender sozialer Verhaltensmuster;
  • als psychodynamischer Prozess, wie ihn vor allem Norbert Elias in seinem Hauptwerk Über den Prozess der Zivilisation (1939) beschrieben hat.

Der Soziologe Elias analysierte den prozessualen Charakter der zivilisatorischen Entwicklung europäischer Gesellschaften seit dem ausgehenden Mittelalter. Sein Standardwerk wurde seit Ende der sechziger Jahre stark rezipiert, da er in seiner Darstellung historische Quellen mit soziokulturellen und psychosozialen Aspekten in einer Art Sozialisationsmodell verband und die immerwährende Weiterbildung von Verhaltensstandards herauszuarbeiteten versuchte. Dabei spielt die psychodynamische Affektkontrolle (Scham, Gewissen und Peinlichkeitsschwellen), die sich vom Fremd- zu Selbstzwang gewandelt hat, für die individuelle Entwicklung des Menschen wie den allgemeinen zivilisatorischen Verlauf von Gesellschaften eine wichtige Rolle.

Den heute erreichten Verhaltensstandard bilden zivilisatorische Errungenschaften, die aufgrund des seit dem Mittelalter rapide beschleunigten Aggressionsabbaus mehr oder weniger befriedete Verkehrsformen darstellen und die durch eine größere materielle Absicherung, durch gesellschaftssteuernde Institutionen und durch einen allgemeinen technischen Fortschritt unterstützt werden.

Diese Entwicklung ist aber nicht stabil, sondern durch Verzögerungen gesellschaftlicher Reformen und sozialer Rückschläge gefährdet. Diese von Elias selbst in Betracht gezogene Zivilisationsskepsis wird von Arnold Gehlen in seinem zivilisationskritischen Ansatz dahin gehend noch verschärft, dass er vor der Gefahr der Selbstzerstörung der derzeitigen Zivilisation warnt, da mit zunehmendem Fortschritt Individuen überfordert werden und soziale Steuerungsinstrumente sowie Kontrollmechanismen versagen könnten.

Das von Norbert Elias formulierte universalistische Erklärungsmodell der Zivilisationsabläufe wird seit einigen Jahren vor allem von dem Ethnologen Hans Peter Dürr kritisiert, der die historischen Grundlagen bzw. Voraussetzungen sowie Ableitungen der Elias’schen Theorie zu widerlegen versucht.

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