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Lebenserwartung

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Artikelgliederung
1

Einleitung

Lebenserwartung, durchschnittliche Lebensdauer der Individuen einer Art oder Population.

Fast alle vielzelligen Lebewesen machen ein Embryonalstadium durch, das mit der ersten Teilung der befruchteten Eizelle beginnt. Dann folgt eine Jugendphase, in der das Lebewesen zur Geschlechtsreife gelangt. Im Erwachsenenstadium, auch adulte Phase genannt, erreicht das Lebewesen den Höhepunkt seiner Fortpflanzungsfähigkeit, und dann beginnt der Abbau der physiologischen Aktivität, der schließlich mit dem Tod endet. Jede Spezies hat eine charakteristische Lebenserwartung, die sowohl in ihrer Gesamtlänge als auch in der Dauer der einzelnen Phasen sehr unterschiedlich sein kann. Viele Eintagsfliegen haben z. B. in ihrer insgesamt einjährigen Lebenszeit eine adulte Phase von nur einem Tag; beim Menschen dagegen umfasst das Erwachsenenalter etwa 70 Prozent der gesamten Lebenserwartung.

2

Lebenserwartung und Höchstalter

Das Höchstalter ist das maximale Alter, das ein Lebewesen der betreffenden Art jemals erreicht hat; es ist allenfalls näherungsweise bekannt. Als Lebenserwartung bezeichnet man dagegen das Alter, bei dem im Durchschnitt der Tod eintritt. Der wesentlich aussagekräftigere Wert ist die Lebenserwartung; in ihm spiegeln sich neben anderen Faktoren auch die Lebensbedingungen der Umwelt wider.

Beim Menschen ist ein Höchstalter von 122 Jahren belegt: Die Französin Jeanne Calment starb 1997 in diesem Alter. In den entwickelten Ländern steigt die Lebenserwartung jährlich um etwa drei Monate, eine natürliche Grenze ist nicht zu erkennen. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ist die Lebenserwartung hier von 35 bis 40 Jahren auf mehr als das Doppelte gestiegen.

Die durchschnittliche Lebenserwartung eines neugeborenen Jungen in Deutschland beträgt derzeit 76,1 Jahre (2008) und diejenige eines Mädchens 82,3 Jahre (2008). Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Lebenserwartung gibt es auch im Tierreich: Bei Arten, deren Weibchen sich um die Aufzucht der Jungen kümmern (Brutpflege), leben Weibchen im Dienst einer erfolgreichen Fortpflanzung zumeist länger als Männchen. Man vermutet, dass die längere Lebenserwartung mit Auswirkungen weiblicher Hormone zusammenhängt.

Das langlebigste Säugetier ist möglicherweise der Grönlandwal (siehe Glattwale), für den anhand der Untersuchung von Augengewebe ein Höchstalter von mehr als 200 Jahren errechnet wurde. Zu den langlebigsten Wirbeltieren gehören auch Riesenschildkröten, die wahrscheinlich ebenfalls ein Alter von mehr als 200 Jahren erreichen können. Das Wirbeltier mit dem geringsten Höchstalter ist die Pygmäen-Grundel (Eviota sigillata), ein Korallenfisch, der maximal 59 Tage alt wird. Die im Bereich hydrothermaler Schlote lebenden Bartwürmer (Pogonophora) können ein Alter von 170 bis 250 Jahren erreichen; dies errechneten Wissenschaftler aufgrund der Längenzunahme der Würmer pro Zeiteinheit. Manche Pflanzen, vor allem Bäume, leben aber noch viel länger als alle Tiere: Ein Mammutbaum kann etwa 4 000 Jahre alt werden.

3

Theorien über die Begrenzung des Lebens

Biologen sind sich weitgehend darüber einig, dass die Lebenserwartung eines Organismus im Wesentlichen von der natürlichen Selektion bestimmt und begrenzt wird. Es gibt aber bisher keine allgemein anerkannte Theorie darüber, auf welchem Weg das geschieht und nach welchen Mechanismen eine Generation verschwindet und der nächsten Platz macht. Nach der so genannten Fehlertheorie kommt es während der Vermehrung der Körperzellen zur Alterung, weil sich dabei in der genetischen Information, die zwischen den Zellen weitergegeben wird, immer mehr kleine Fehler einschleichen. Eine wichtige Rolle spielen offensichtlich Telomere, die Endabschnitte der Chromosomen, die bei jeder Zellteilung kürzer werden, wodurch die Teilungsfähigkeit der Chromosomen herabgesetzt wird. Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Länge der Telomere und der Lebenserwartung: Über 60-Jährige, deren Telomere noch relativ lang waren, lebten nicht nur durchschnittlich vier bis fünf Jahre länger als Menschen mit kürzeren Telomeren, sie hatten auch ein geringeres Risiko, eine tödliche Herz- oder Infektionskrankheit zu erleiden.

Einer anderen Theorie zufolge ist das Altern in den Zellen eines Lebewesens programmiert. Bei Zellen aus Menschen und anderen Säugetieren, die man im Labor weiterzüchtet, beobachtet man die Alterung und dann das Absterben nach weniger als 50 Zellteilungen.

Nach der Immuntheorie des Alterns (siehe Immunsystem) verliert der Organismus nach und nach die Fähigkeit, sich gegen eingedrungene Krankheitserreger und Anomalien der Zellen im Körperinneren zu schützen. Beim Menschen schrumpft die Thymusdrüse, die Antikörper produziert und deshalb im Immunsystem eine entscheidende Aufgabe erfüllt, etwa vom 50. Lebensjahr an auf einen Bruchteil ihrer ursprünglichen Größe zusammen, und auch ihre Aktivität nimmt ab. Die Vertreter der Immuntheorie nehmen an, dass das gesamte Immunsystem die Fähigkeit verliert, Freund und Feind zu unterscheiden, so dass es körpereigenes Gewebe angreift; auf diese Weise entstehen auch Autoimmunkrankheiten.

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