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Artikelgliederung
Sanskrit-Literatur, die klassische Literatur Indiens, abgefasst in Sanskrit. Sie lässt sich in zwei Phasen einteilen: einmal in die vedische Zeit (ca. 1500 bis 200 v. Chr.), als die vedische Form des Sanskrit in Gebrauch war, und in die Sanskrit-Zeit (200 v. Chr. bis ca. 1100), eine Phase, in der sich aus dem Vedischen das klassische Sanskrit entwickelte. Trotz der chronologischen Kontinuität indischer Schriftkultur unterscheidet sich das Wesen der Literatur der Sanskrit-Zeit ganz erheblich von der vedischen Literatur. Der Hauptunterschied besteht darin, dass die vedische Literatur, die die Veden, die Brahmana und die Upanishaden umfasst, in erster Linie religiösen Charakter hat, wohingegen sich die klassische Sanskrit-Literatur, von wenigen Ausnahmen abgesehen, mit weltlichen Themen beschäftigt. Die Dichtung der Veden steht in liturgischem Zusammenhang. Bei den Epen in Sanskrit, wie z. B. dem Mahabharata und dem Ramayana, sind die didaktischen, lyrischen und dramatischen Formen weit über ihre ursprünglichen Ausprägungen hinaus entwickelt worden, um damit literarischen, ästhetischen oder moralischen Ansprüchen Genüge zu leisten. Abgesehen vom Mahabharata und den Puranas handelt es sich bei den Autoren der Sanskrit-Literatur in der Regel um mehr oder minder bekannte Persönlichkeiten, während die Schriften der vedischen Zeit von Dichter-Familien oder religiösen Schulen verfasst wurden. Die klassische Sanskrit-Literatur unterscheidet sich zumeist in Form und Stil von den Veden. Die vedische Prosakunst hat im Yajur-Veda, den Brahmanas und den Upanishaden ein verhältnismäßig hohes Niveau erreicht. Abgesehen von philosophischen und grammatischen Abhandlungen sind Elemente von Prosaliteratur in der klassischen Sanskrit-Literatur nur in Fabel, Märchen, Liebesgeschichte und teilweise im Drama zu finden. Charakteristisch für die Prosaliteratur des Sanskrit sind lange, komplizierte Wortzusammensetzungen und rhetorische Konstruktionen. In stilistischer Hinsicht hat sie sich – ausgehend von der vedischen Literatur – nicht mehr weiter entwickelt. Auch die Dichtung in Sanskrit unterscheidet sich von der vedischen Dichtkunst. Ein Großteil der Dichtung, insbesondere die epische, bedient sich des Versmaßes sloka, das aus den vedischen Anushtubh-Stanzen hervorging. Dabei handelte es sich um vier achtsilbige Zeilen mit vorwiegend jambischen Kadenzen. Zahlreiche andere Versmaße, die zumeist auf vedischen Vorbildern beruhen, sind jedoch weiter entwickelt worden und übertreffen die alten Originale an Kunstfertigkeit und Schönheit.
Die klassische Sanskrit-Literatur lässt sich einteilen in epische, lyrische, didaktische, dramatische und erzählende Versdichtung sowie didaktische, dramatische und erzählende Prosa. Die epische Versdichtung kennt zwei Kategorien, das freiere Erzählepos, genannt Itihasa („So war es”) oder Purana („Alte Erzählungswerke”), sowie das Kunstepos, genannt Kavya („poetische Schöpfung”). Das Großepos Mahabharata (zwischen 300 v. Chr. und 300 n. Chr.) ist das bei weitem wichtigste Beispiel für ein Purana. In einem ähnlich freien Stil sind die 18 Puranas aus viel späterer Zeit gehalten. Die Anfänge des Kunstepos sieht man im Ramayana (begonnen im 3. Jahrhundert v. Chr.), ausgereift war die epische Form des Kavya jedoch erst um das 5. Jahrhundert n. Chr. mit Kalidasa. Dieser Dichter und Dramatiker schrieb die beiden bekanntesten Kunstepen in Sanskrit, das Kumara-Sambhava und das Raghuvamsha. Die lyrische Dichtung weist charakteristische Merkmale auf, wobei das wichtigste davon die kunstvolle Weiterentwicklung der Einzelstrophe im Gegensatz zur fortlaufenden Komposition ist. Formal sind diese Strophen hochkompliziert und von unendlicher Vielfalt. Die vollendetsten Werke aus der Reihe der längeren lyrischen Schöpfungen sind das Meghaduta und das Ritusamhara, beide verfasst von Kalidasa. Im erstgenannten Werk geht es um eine mittels einer Wolke versandte Botschaft, die ein vertriebener Yaksha, also ein übernatürliches Wesen, seiner Liebsten schickt. Das Ritusamhara zeichnet sich durch seine Naturbeschreibungen Indiens und durch starken emotionalen Ausdruck aus. Der Großteil der lyrischen Dichtung ist in Form einzelner Miniatur-Stanzen verfasst, die stark an die didaktische Sprichwortdichtung erinnern, die in Indien ebenfalls zu großer Blüte gelangte. Zur berühmtesten Stanzensammlung dieser Art, verfasst von Bhartrihari, dem neben Kalidasa wohl bedeutendsten indischen Dichter, gehören lyrische, lehrhafte und erotische Gedichte. Als weiterer großer Meister des erotischen Gedichts gilt Amaru, der vermutlich nach Bhartrihari wirkte. Seine Sammlung trägt den Titel Amarusataka. Auch in der indischen Lyrik ist die landestypische Neigung zu Spekulation und Reflexion spürbar, zwei Elemente, die im Hinduismus eine große Rolle spielen. Die Tendenz zur Reflexion ist nicht nur die Grundlage dessen, was die indische Religion und Philosophie auszeichnet, sie hat auch Eingang gefunden in einen weiteren Zweig der indischen Literatur, nämlich in das gnomische, didaktische Strophenwerk, das einer Sprichwortsammlung gleichkommt. Aus allen Bereichen der Sanskrit-Literatur hat man gut 8 000 dieser Strophen gesammelt. Am Anfang steht hier das Mahabharata, des Weiteren finden sie sich als Kernaussage in fast allen Fabeln. Ihr Leitgedanke ist wiederum das Wissen um die Nichtigkeit menschlichen Lebens und die erhabene Glückseligkeit, derer man im Rückzug von der Welt teilhaftig wird.
Das Sanskrit-Drama gehört zu den jüngsten, aber auch interessantesten Schöpfungen der Sanskrit-Literatur. Diese Gattung dürfte im 5. oder 6. Jahrhundert entstanden sein. Neben einigen vedischen Hymnen in Dialogform ist aus der Frühzeit nichts überliefert, was als mögliche Grundlage für das Drama hätte dienen können, wobei auch dies nicht gesichert ist. Das Sanskrit-Wort für „Drama” lautet nataka, abgeleitet aus nat, nrit, was „tanzen” bedeutet. Sicher ist, dass der Tanz zur Entwicklung des Dramas beigetragen hat, da er bei zahlreichen religiösen Zeremonien eine wichtige Rolle spielte. Zu späteren Zeiten begleiteten pantomimische Tänze die Verehrung von Shiva und Vishnu, insbesondere der Reinkarnation Vishnus in Gestalt des Krishna. Die Pantomimen spielten die Heldentaten dieser Gottheiten, die Aufführung wurde musikalisch untermalt. Volkstümliche Darbietungen dieser Art, die so genannten yatras, können bis zum heutigen Tag in Bengalen bewundert werden. Die Themen des indischen Dramas sind zum größten Teil identisch mit jenen der Heldenlegenden in den Epen oder der historischen indischen Höfe. Insgesamt gesehen unterscheiden sich die Dramenstoffe nicht von den Themen der Sagen und Liebesgeschichten in Erzählform. Der bedeutendste indische Dramatiker ist Kalidasa, Autor des Shakuntala, der auch die epische und lyrische Dichtung meisterhaft beherrschte. Etwas früher noch datiert das Drama Mricchakatika, das angeblich aus der Feder König Sudrakas stammt, wahrscheinlich aber von Dandin (6. Jahrhundert) oder einem anderen Dichter am Hofe Sudrakas geschaffen wurde. Im 7. Jahrhundert soll der indische Kaiser Harsha drei beliebte Dramen verfasst haben. Die Dramen des Bhavabhuti, der neben Kalidasa und Dandin zu den herausragenden hinduistischen Dramatikern zählt, stammen aus dem 8. Jahrhundert.
Sehr aufschlussreich im indischen Schrifttum sind die Fabeln und Märchen. Es dürfte kaum ein Motiv aus europäischen Fabelsammlungen geben, das in einer entsprechenden indischen Sammlung fehlt, und vieles deutet deshalb darauf hin, dass der überwiegende Teil dieser Gattung indischen Ursprungs ist. Die früheste und wichtigste Sammlung indischer Fabeln ist buddhistischer Natur und in Pali abgefasst und dürfte aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. stammen. Diese Sammlung enthält Geschichten über frühere Inkarnationen des Buddha, die so genannten Jatakas. Die beiden wichtigsten Sanskrit-Sammlungen, das Pancatantra und das Hitopadesha, beruhen auf buddhistischen Quellen. Eine typische Eigenschaft von Fabel- und Märchensammlungen in Sanskrit besteht darin, dass in eine einzige Geschichte zahlreiche andere miteingebaut werden. Diesen Kunstgriff haben andere morgenländische Kulturen übernommen. Exemplarisch sind in diesem Zusammenhang die Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht. Das Panchatantra gelangte über eine Übertragung des Originaltextes aus dem Sanskrit ins Pahlawi auch ins Arabische, Griechische, Persische, Türkische, Syrische, Hebräische, Lateinische und Deutsche und von dort in andere europäische Sprachen. Das Hitopadesha soll angeblich von Narayana stammen und Auszüge aus dem Panchatantra und anderen Büchern enthalten. Berühmteste Märchensammlung ist die sehr umfangreiche Kathasaritsagara, die von dem kaschmirischen Dichter Somadeva um 1070 erstellt wurde. Die wissenschaftliche Literatur Indiens erfreut sich zahlreicher Spielarten und ist sogar bis zum heutigen Tag in verhältnismäßig gutem Sanskrit verfasst. Die alten Gesetzestexte der Veden finden ihre Fortsetzung in modernen poetischen Werken wie den Dharma-Shastras und Smritis, wobei das Manu-Smriti, auch Gesetzbuch des Manu genannt, und die Yajnavalkya zu den herausragendsten Beispielen gehören. Die sechs Systeme der hinduistischen Philosophie (Vedanta, Yoga, Mimamsa, Nyaya, Sankhya und Vaisheshika) und deren umfangreiches Schrifttum beruhen auf den Upanischaden. Grammatik, Etymologie, Lexikographie, Prosodie, Rhetorik, Musik und Architektur können jeweils auf eine umfangreiche Fachliteratur zurückgreifen. Das älteste Werk mit etymologischem Charakter ist das vedische Glossarium des Yaska. Später entstanden (4. Jahrhundert v. Chr.), aber von weit größerer Bedeutung ist die Grammatik des Panini und seiner Kommentatoren Katyayana und Patanjali. Mathematik und Astronomie wurden seit jeher eifrig gepflegt. Die so genannten arabischen Ziffern stammen aus Indien und werden in arabischen Ländern „Hinduziffern” genannt. Die medizinische Wissenschaft scheint bereits vor dem christlichen Zeitalter in Indien entstanden zu sein, denn eine der führenden Kapazitäten auf diesem Gebiet, Caraka, war Leibarzt von König Kansihka im 1. oder 2. Jahrhundert. Und die Anfänge dieser Wissenschaft reichen bis zu den Schriften in den Atharva-Veden zurück.
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