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Windows Live® Suchergebnisse RomanEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Antike und mittelalterliche Ursprünge; 16. Jahrhundert: die Emanzipation der Prosa; 17. Jahrhundert: der Beginn des modernen Romans; 18. Jahrhundert: der Aufstieg des Romans; 19. Jahrhundert: Roman und Moderne; 20. Jahrhundert: Tradition und Experiment
Roman, nach heutigem Verständnis ein erzählender, im Vergleich zu Kurzgeschichte und Novelle relativ umfangreicher Prosatext. Neben Epos und Sage stellt der Roman eine Großform der Epik dar. Untergattungen lassen sich nach Aussageart bzw. Wirkungsabsicht (didaktisch, erbaulich, satirisch, idealistisch, empfindsam, realistisch etc.), nach Form bzw. Erzählperspektive (Briefroman, Tagebuchroman, Ich-Roman, auktorialer Roman, personaler Roman etc.) sowie nach inhaltlich-stofflichen Aspekten bestimmen (Bildungsroman, Abenteuerroman, Ritterroman, Schelmenroman, Schauerroman, Kriminalroman, Künstlerroman, Reiseroman, Heimatroman, Staatsroman, Großstadtroman, Kriegsroman, Liebes- oder Eheroman, Familienroman, historischer Roman, philosophischer Roman etc.). Grenzen sind allerdings zumeist nur schwer zu ziehen; eine reine Untergattung existiert nirgends. Der Begriff Roman entwickelte sich im 12. Jahrhundert in Frankreich (aus altfranzösisch: romanz, zu lateinisch romanicus: römisch) und bezeichnete zunächst jede Schrift in der lingua romana, also der Volkssprache – im Gegensatz zur lingua latina, dem lateinischen gelehrten Schrifttum. Im ausgehenden 13. Jahrhundert fand er dann ausschließlich für Prosaliteratur Verwendung. Im Deutschen existiert das Wort Roman in der heutigen Bedeutung erst seit dem 17. Jahrhundert. Der Roman profilierte sich erst zu Beginn der Neuzeit als eigenständige Gattung, gewann aber seit seiner Akzeptanz als „hohe” Literatur im 18. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung und entwickelte bis heute eine gewaltige Vielfalt des Erscheinungsbildes. Mit dem Beginn der industriellen Buchproduktion um 1800 und der Formierung einer modernen, d. h. extensiv konsumierenden Literaturgesellschaft avancierte er zur populärsten Prosa- und Literaturgattung überhaupt. Einerseits als triviales „Lesefutter” in Fülle verbreitet (siehe Trivialliteratur), demonstriert er andererseits als Sprachkunstwerk beständig seinen experimentellen Charakter, wobei in der Moderne und der Postmoderne die Handlung als strukturbildendes Element zunehmend in den Hintergrund tritt zugunsten multiperspektiver, häufig am Film orientierter Darstellungsweisen (Montage, Simultantechnik etc.).
Bereits in der Antike entstanden in Indien, Japan, China und Ägypten sowie in der arabischen Welt und im griechisch-römischen Raum zahlreiche längere Prosaerzählungen, die später Bestandteil der europäischen Literaturtradition wurden, darunter Teile der Schriften Herodots, Anabasis und Kyru paideia (4. Jh. v. Chr.) von Xenophon und die um 100 v. Chr. entstandene populäre Sammlung erotischer Erzählungen Miles des Aristides von Milet. Aus dem 1. oder 2. Jahrhundert n. Chr. stammt das älteste überlieferte griechische Zeugnis der Gattung, der Liebesroman Chaireas und Kallirhoe von Chariton von Aphrodiasias, der die Muster folgender Werke der Zeit vorgab; dazu gehören die exotische Kulisse, phantastische Fahrten, pathetisch ausgemalte Liebesverstrickungen, eingefügte Reden, dramatisch ausgefeilte Wortwechsel im Stil der Tragödie bzw. der damals gerade neuen attischen Komödie nachempfundene Dialoge. Weitere bedeutende antike Beispiele der Gattung sind Ovids Metamorphosen (ca. 10 n. Chr.), das mit Kulturkritik durchwobene Satyricon des Petronius (um 50 n. Chr.) sowie der für die römische Romanproduktion typische, da satirische Goldene Esel von Apuleius (um 170 n. Chr.). In der für den Roman äußerst produktiven Nachfolgezeit folgten u. a. die Aithiopica des Heliodor (ca. 240 n. Chr.), Leukippe und Kleitophon (Ende des 2. Jahrhunderts) des Achilleus Tatios, die Ephesiaka des Xenophon von Ephesos und der Longos zugeschriebene bukolische Roman Daphnis und Chloe (beide im 2. oder 3. Jahrhundert). Von der immer wieder kolportierten Urfassung der Liebesromane um die Figur des Apollonius von Tyrus aus dem 3. Jahrhundert ist der Verfasser nicht bekannt. Besonders einflussreich waren spätantike Varianten des Apollonius-Romans in lateinischer Sprache (4. bis 6. Jahrhundert) sowie Troja-Romane und Volksbücher, etwa der so genannte Alexanderroman. Weitere Vorläufer – und vor allem wichtige Quellen – des modernen Prosaromans waren das mittelalterliche Versepos (die isländische Edda, der englische Beowulf, das Nibelungenlied usw.) und, ab dem 12. Jahrhundert, die altfranzösischen Fabliaux, schwank- bzw. märchenartige Verserzählungen erotisch-satirischer Prägung, die auch der Märe ihre Gestalt verliehen. Erste, teils von der griechischen Tradition beeinflusste mittelalterliche Versromane mit antiken Stoffen und Entlehnungen aus der keltischen Mythologie entstanden im Frankreich des 12. Jahrhunderts. Paradigmatisch für die Zeit ist das von höfischen Idealen geprägte Werk des Chrétien de Troyes, das die hohe Minne und ritterliche Abenteuer thematisierte und um 1180 als roman courtois den mittelhochdeutschen Raum beeinflusste; Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg und Wolfram von Eschenbach empfingen vom roman courtois wichtige Impulse. Nach 1190 entstand mit Tristan et Iseult von Bérol der erste tragische Roman spezifisch europäischer Provenienz; Bérol griff die unglückliche Liebesgeschichte von Tristan und Isolde wieder auf, die bereits den anglonormannischen Dichter Thomas von Bretagne 1160 und 1165 zu einer Fassung inspiriert hatte. Zwischen 1230 und 1240 verfasste Guillaume de Lorris den ersten Teil des Roman de la Rose in 4 068 Versen, der die Form der Allegorie innerhalb der Romangattung kultivierte. Im 14. Jahrhundert wurden nur noch wenige Versromane verfasst; erst im 15. und 16. Jahrhundert kam es in Italien durch Ludovico Pulci und Matteo Maria Boiardo bzw. durch Ludivico Ariosto und Torquato Tasso zu einer gewissen formalen Neubelebung. Unter den wenigen asiatischen Romanen ragt Genji-monogatori (Die Geschichte vom Prinzen Genji) der japanischen Hofdame Murasaki Shikibu aus dem 11. Jahrhundert heraus; generell aber blieb der Roman bis ins 18. Jahrhundert ein gesamteuropäisches Phänomen. Hier vollzog sich auch die Herausbildung seiner Formenvielfalt, wenn auch gelegentlich einzelne Nationalliteraturen bevorzugt bestimmte Romantypen hervorbrachten.
Ausgehend von Frankreich begann gegen Ende des 15. Jahrhunderts eine verstärkte Emanzipation der Prosa innerhalb der europäischen Literatur. Da der Roman jedoch weiterhin höfische Ideale propagierte und auch als Form mit diesen gleichgesetzt wurde, kam er beim zunehmend bürgerlichen Publikum in den Verruf, einer neuen, urbaner werdenden Wirklichkeit entgegenzustehen. (Der Vorwurf einer idealisiert-trivialisierten Weltsicht durch den Roman hielt sich bis ins 18. Jahrhundert.) 1485 erschien mit Thomas Malorys Le Morte Darthur in England erstmals eine Druckfassung eines Prosaromans – sie war von William Caxton bearbeitet und bevorwortet worden; Thema war die Artussage. Die galante Weltanschauung seiner Zeit kultivierte der in Italien begründete Schäferroman, der in Iacopo Sannazaros Arcadia (vollständig erstmals 1504) einen frühen Glanzpunkt fand. In Deutschland etablierte sich der Prosaroman erst zur zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, wobei die Wiederentdeckung griechischer Klassiker des Genres im Zuge des Buchdrucks maßgeblich wurde. Herausragende Werke sind die Volksbücher Till Eulenspiegel, das bereits 1515 erschien, und das Lalebuch; beide griffen die vom Stricker initiierte Tradition des Schwankromans wieder auf. Einen frühen Höhepunkt der Gattung des Prosaromans stellt Rabelais’ fabulierfreudiges Buch Gargantua und Pantagruel dar, das zwischen 1532 und 1564 erschien und die phantastischen Abenteuer zweier Riesen zum Thema hat. Er beeinflusste u. a. Johann Fischart zu seiner Affentheuerlich Naupenheuerlichen Geschichtklitterung (1582). Mit dem so genannten Schelmenroman trat im Spanien des 16. Jahrhunderts erstmals ein Typ des Prosaromans mit relativ differenzierter Psychologie der Figuren und realistischer Wiedergabe ihres gesellschaftlichen Umfelds auf, darunter der anonym veröffentlichte Lazarillo de Tormes (1554) und Mateo Alemáns Guzmán de Alfarache (1559-1604). Aus der Perspektive vagabundierender Helden der sozialen Unterschicht und ihrer verwickelten Abenteuer zeichnete er ein lebendiges, bisweilen sozialkritisches Sittenbild des zeitgenössischen Spanien. Nach dem Protagonistentypus, dem pícaro (spanisch für: Gauner, Schelm), werden diese Romane auch pikarische Romane genannt. Ihr Vorbild ist bis hin zu Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausens Simplicissimus (1668), René Lesages Gil Blas (1715-1735) und William Makepeace Thackerays Vanity Fair (1848) spürbar. Noch populärer als die Schelmenromane jedoch war das Genre der damals weit verbreiteten Ritterromane, die alte Ritterepen für ein am Sensationellen interessiertes Massenpublikum aufzubereiten suchten. Der populärste Stoff war zweifellos der des Amadis (Amadis von Gaula, 1569 ff.), der seit 1350 bis Ende des 16. Jahrhunderts immer neue Bearbeitungen und Erweiterungen erfuhr und innerhalb der französischen Literatur gar bis ins 17. Jahrhundert wirkte. In England verfasste Philipp Sidney mit The Countesse of Pembrooke’s Arcadia (1590; Arcadia der Gräfin Pembrock) eine pastoral-chevalereske Prosaromanze, die später ebenfalls als Vorbild für Schäferdichtungen diente und etwa Thomas Nashe beeinflusste. Nashes The Unfortunate Traveller, or The Life of Jack Wilton (1594; Der unglückliche Reisende oder Die Abenteuer des Jack Wilton) wiederum ist das früheste Beispiel eines Schelmenromans in englischer Sprache.
Ursprünglich als Parodie auf die grassierende Mode der Ritterbücher verfasst, markiert Miguel de Cervantes’ Don Quijote de la Mancha (1605 und 1612) den eigentlichen Beginn des modernen Romans. Rein vordergründig ein Abenteuerroman über einen Landedelmann, der durch exzessive Lektüre der Ritterbücher und Identifikation mit deren Helden zusehends in eine Traumwelt und in Konflikt mit der Wirklichkeit gerät, gelang dem Autor hier ein Werk von enormem Erfindungsreichtum, Sprachwitz und psychologischem Einfühlungsvermögen, dessen Qualitäten noch der deutschen Romantik als Richtschnur dienten. Ein umfassendes Panorama der anthropologischen und weltanschaulichen Positionen des Barock entwarf Gracián y Morales in seiner philosophischen Romanallegorie El criticón (3 Bde., 1651-1657). Mitte des 17. Jahrhunderts entstanden in Frankreich die monumentalen Liebesromane der Madame de Scudéry. Antoine Furetière, Charles Sorel und Paul Scarron nutzten die Gattung zur Satire. In Deutschland beginnt zur Jahrhundertmitte ein selbständiges Romanschaffen; namentlich Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel und Daniel Caspar von Lohenstein machten sich hier verdient. Die Tendenz zum psychologischen und sozialen Realismus im Roman setzte sich bis zum Ende des 17. Jahrhunderts fort, gelangte aber erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts voll zur Entfaltung. Frühes Beispiel hierfür ist Marie-Madeleine Marquise de La Fayettes La Princesse de Clèves (1678). Die religiöse Allegorie The Pilgrim’s Progress (1678-1684; Die Pilgerreise) von John Bunyan variiert die Form. 1670 erschien mit Piere Daniel Huets Traité de l’origine des romans die erste Untersuchung zur Geschichte der Gattung. Christian Weise übertrug ein politisch-satirisches Romanschaffen in die deutsche Dichtung (Der politische Näscher, 1676). Im Bereich der Unterhaltungsliteratur ragt Johann Gottfried Schnabels Insel Felsenburg (1636-1651) klar heraus und schlägt mit seinem bürgerlichen Impuls eine Brücke vom Barock zur Aufklärung.
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