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Artikelgliederung
Aggression (lateinisch aggressio: Angriff), Verhalten, mit dem ein Lebewesen ein anderes bedroht oder angreift. In der Tierwelt unterscheidet man zwei Formen der Aggression: Zwischenartliche (interspezifische) Aggression tritt im Konflikt zwischen Angehörigen verschiedener Arten auf. Dazu gehören in erster Linie das Angriffsverhalten von Räubern, die Verteidigung angegriffener Tiere gegenüber Räubern oder Nesträubern und die Konkurrenz um Ressourcen wie Nahrung und Wasser. Die innerartliche (intraspezifische) Aggression richtet sich gegen Artgenossen. Sie ist relativ häufig, weil Individuen derselben Tierart oft in unmittelbarer Konkurrenz um Nahrung, Paarungspartner und Lebensraum stehen. Aggressives Verhalten ist vor allem unter Wirbeltieren verbreitet, kommt aber auch bei wirbellosen Tieren vor, insbesondere bei Staaten bildenden Insekten, die ihr Volk gegen Feinde verteidigen oder gemeinsam Beute überwältigen. Männchen anderer Insekten (z. B. Hirschkäfer), Spinnen und Schnecken kämpfen beispielsweise gegen Rivalen. Sogar bei den einfach gebauten Seeanemonen kommen aggressive Auseinandersetzungen zwischen Individuen verschiedener Klone vor.
Innerartliche Aggression läuft in den meisten Fällen ohne nennenswerte körperliche Schädigung ab: Fische verhaken ihre Kiefer ineinander oder schnappen nach einem Rivalen. Vögel attackieren einander mit Krallen oder Schnäbeln. Kängurus schlagen oder treten ihren Kontrahenten. Stiere, Schafe und Ziegen stoßen die Köpfe gegeneinander. Die Männchen vieler Hornträgern oder männliche Hirsche fechten mit ihren Gehörnen bzw. Geweihen Konflikte um paarungsbereite Weibchen aus; ist einer der Rivalen erschöpft, zieht er sich zurück. Manchmal führt innerartliche Aggression aber auch zu schweren Verletzungen bis hin zum Tod, etwa bei männlichen See-Elefanten, die um ihren Harem kämpfen. Die Grenze des Aggressionsverhaltens ist abhängig vom möglichen Nutzen und Risiko. Auch der Gewinner hätte viel zu verlieren, würde er im Kampf ernsthaft verletzt werden. Dann wäre er möglicherweise nicht mehr in der Lage, den nächsten Gegner zu unterwerfen, oder könnte für Räuber zu einer leichten Beute werden. In der Evolution haben sich daher durch natürliche Selektion Verhaltensweisen entwickelt, die das Ausmaß intraspezifischer Aggression begrenzen. Meist hält dabei eine evolutionsstabile Strategie das Risiko im Verhältnis zum potentiellen Nutzen so gering wie möglich. Kämpfe rivalisierender Männchen werden bei den meisten Tierarten nicht als Beschädigungskampf, sondern als Kommentkampf ausgetragen. Hier wird aggressives Verhalten ritualisiert; tödliche Waffen werden nicht eingesetzt, Kampfbewegungen nur angedeutet. Giftschlangen kämpfen beispielsweise gegeneinander, ohne ihre Giftzähne einzusetzen. Dickhornschafe schlagen ihre gut gepanzerten Köpfe gegeneinander, ohne sich zu verletzen. Oft kommt es nicht einmal zu Körperkontakt, sondern nur zu Drohgebärden, etwa Furcht erregenden Schreien oder Zähnefletschen bei Säugetieren. Um möglichst groß zu erscheinen und dem Gegner Angst einzuflößen, entfalten manche Echsen eine Hautfalte am Hals, fächern Vögel ihr Gefieder auf und sträuben Säugetiere ihr Fell. Oft nimmt ein unterlegenes Tier im Kampf eine Demutshaltung ein, mit der es seine Unterwerfung anzeigt. Der Kampf endet, bevor es zu Verletzungen kommt: Hunde drehen sich auf den Rücken und präsentieren ihre Kehle. Möwen bieten dem Gegner die ungeschützte Rückseite des Halses dar. Stichlinge nehmen eine senkrechte Stellung mit dem Kopf nach unten ein. Eine Demutsgebärde bedeutet das Eingeständnis der Niederlage. Für den Sieger ist sie ein Schlüsselreiz, dass Aggression nicht mehr geboten ist. In Gruppen lebende Tiere schaffen durch Kämpfe oft eine Rangordnung. Ist diese gefestigt, finden nur noch selten Auseinandersetzungen statt, aufkeimende Aggression wird durch eine Demutsgebärde beendet. Auch Reviere beschränken innerartliche Aggression, da sich Konflikte auf gelegentliche Scharmützel an den Reviergrenzen beschränken. Der Nutzen dieser Mechanismen ist allerdings oft geteilt: Einerseits profitieren alle Tiere einer Gruppe davon, wenn sie einander nicht gegenseitig verletzen. Andererseits müssen rangniedere Tiere oft bis zum Tod der ranghöheren darauf warten, sich fortpflanzen zu können.
Mit den biologischen Ursachen der Aggression befasste sich der österreichische Verhaltensforscher Konrad Lorenz in seinem Buch Das so genannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression (1963, Neuauflage 1988). Lorenz ging von einem angeborenen Aggressionsinstinkt aus, der beim Menschen ebenso vorhanden sei wie im Tierreich und vergleichbare Funktionen erfülle – etwa die Aufteilung des Lebensraumes oder den Aufbau einer Rangordnung. Kritiker bestreiten allerdings, dass es beim Menschen ein instinktives Aggressionsverhalten gibt. Die Bedeutung eines solchen Instinkts beim Menschen sei gering, weil das menschliche Verhalten viel stärker durch bewusste Handlungen und komplexe Verhaltensweisen bestimmt sei. Abgesehen davon würde in der Zivilisation Aggression meist als abweichendes Verhalten bestraft und sei sozialer Kontrolle unterworfen. Beim Menschen kann Aggression gegen andere Personen, gegen sich selbst (Autoaggression) oder gegen Sachen gerichtet sein. Menschliche Aggression äußert sich verbal, in Gestik, Mimik oder als körperliche Gewalt. Aggressivität – also die Bereitschaft zur Aggression – wird durch Stress, Frustration (z. B. Enttäuschung oder Minderwertigkeitsgefühle) gefördert, kann aber auch durch psychische Beeinflussung von außen, z. B. politische Propaganda, ausgelöst werden. Sie ist meist Ausdruck eines psychischen Konflikts oder einer psychischen Störung. Oft wird der Aggressionsimpuls an einem Ersatzobjekt abreagiert, weil von diesem kein Gegenangriff zu befürchten ist. Aggression kann ins Unbewusste verdrängt werden. Eine Aggressionstheorie besagt, dass Erfahrungen ein wichtiger Faktor für aggressives Verhalten beim Menschen sind. Wenn beispielsweise eine persönliche Beleidigung, eine Gefährdung der sozialen Stellung oder eine Bedrohung durch Waffen aggressives Verhalten auslösen, beruhe dies auf einem unbewussten Lernprozess, der aus Konditionierung und sich anschließender Bekräftigung entstanden sei. Eine alarmierende Situation führt dann möglicherweise zu einer stark emotional geprägten Reaktion, einem Affekt. Eine Affektsituation geht mit körperlichen Symptomen wie beschleunigtem Herzschlag einher und kann als „Kurzschlussreaktion” eine vom Verstand nicht mehr beeinflusste aggressive Handlung zur Folge haben. Aggressive Handlungen haben oft Erfolg, der Aggressor wird also belohnt, so dass diese nach Möglichkeit wiederholt werden. Kinder lernen beispielsweise, dass sie durch Aggression in den Besitz von Spielzeug kommen oder auf sich aufmerksam machen können. Auch beobachten sie aggressives Verhalten bei anderen und ahmen es nach. Kinder, die von den Eltern mit körperlicher Gewalt diszipliniert werden, wenden im Umgang mit anderen auch selbst häufig Gewalt an, und Eltern, die ihre Kinder misshandeln, wurden in ihrer Kindheit meist selbst misshandelt. Aggressivität bei Kindern entsteht oft aus regelmäßigem Streit, emotional verletzenden Situationen oder psychischen Traumata, z. B. aus der Trennung der Eltern oder dem Tod eines geliebten Menschen. Eine wichtige Aufgabe der Pädagogik ist es, Kinder und Jugendliche den richtigen Umgang mit der eigenen Aggressivität zu lehren. Negative Gruppenprozesse, die zur Aggression gegenüber Schwächeren oder Andersartigen führen, müssen in besonderer Weise behandelt werden. Wichtig für die Bewältigung von Aggressivität ist es, die Konsequenzen aggressiver Handlungen aus Sicht der Opfer zu zeigen und verständlich zu machen. Aggression ist in der menschlichen Gesellschaft ein Mittel, um Macht über andere auszuüben. Allerdings ist diese Macht nicht moralisch begründet und wird daher von anderen häufig nicht akzeptiert. Siehe auch Soziobiologie; Sozialpsychologie; Psychologie
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