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Artikelgliederung
Textilindustrie, Wirtschaftszweig, der aus Faserstoffen Flächengebilde zur weiteren Verarbeitung herstellt. Ausgangsmaterialien sind im Wesentlichen die Naturstoffe Baumwolle, Wolle, Seide und Bastfasern sowie die synthetisch gewonnenen Chemiefasern. Die Herstellung von Textilien durchläuft in einem oder verschiedenen Unternehmen mehrere Produktionsstufen: In der Spinnerei werden aus den verschiedenen Rohstoffen Garne erzeugt, die in der Weberei, Strickerei oder Wirkerei, beim Tuften oder der Vliesstoffherstellung zu Flächen verarbeitet werden. In der sich anschließenden Textilveredlung werden diese Flächen z. B. gefärbt, mit besonderen Eigenschaften ausgerüstet oder bedruckt.
Die Herstellung von Textilien ist fast so alt wie die Menschheit. Ihr genauer Ursprung lässt sich nicht nachvollziehen. Die ältesten bekannten Textilien stammen aus der Zeit um 4500 v. Chr. und wurden in Ägypten gefunden. Die dortigen klimatischen Verhältnisse dürften den Erhalt der frühgeschichtlichen Leinengewebe begünstigt haben. In anderen Regionen hat sich die Herstellung von Textilien vermutlich ähnlich früh entwickelt. Darauf deuten Funde von Spindeln für die Herstellung von Garnen hin. Außerdem finden sich in den ältesten Schriften bereits Hinweise auf das Spinnen und Weben. Die Fertigkeit des Webens dürfte aus dem Flechten entstanden sein, das schon die ersten Jäger und Sammler beherrschten. Auch der Stamm des Wortes Textil deutet auf diese Verbindung hin. Er kommt vom lateinischen „texere”: zusammenfügen, flechten, weben. Wichtiger Rohstofflieferant für Gewebe war in der Frühgeschichte das Schaf, dessen Heimat man in Kleinasien vermutet. Von dort aus ist es im Lauf von Jahrhunderten nach Europa gekommen, zunächst nach Griechenland und Italien. Von den Römern ist bekannt, dass sie vornehmlich Wollkleidung trugen. Mit der Ausbreitung des Römischen Reiches haben sich die Schafhaltung und die Verarbeitung der Wolle weiter nach Westeuropa verbreitet, zunächst nach Spanien. In den folgenden Jahrhunderten verloren Spaniens Wollmanufakturen in Europa an Bedeutung. Im Mittelalter entwickelten sich England, Frankreich, Italien, die Niederlande und Deutschland zu den wichtigsten Textilerzeugern. In Mitteleuropa und damit auch in Deutschland übernahmen zunächst Frauen in Heimarbeit das Spinnen und Weben von Wolle. Später ging diese Arbeit auf Klöster über, die zunächst vorwiegend für den eigenen Bedarf produzierten. Mit wachsendem Wohlstand überließen sie eigens dafür angenommenen Arbeitern das Spinnen und Weben. Bekannt hierfür war zur damaligen Zeit der Zisterzienserorden, der in Brabant und Flandern, in Schlesien und Thüringen Tuche herstellen ließ. Auch von Klöstern am Bodensee wird berichtet, dass sie bereits im 12. Jahrhundert große Schafherden zur Wollgewinnung unterhielten. Die Wollverarbeitung konzentrierte sich in Süddeutschland auf die Städte Nürnberg, Augsburg, Regensburg und Passau. Aber auch Pommern, Schlesien sowie Sachsen besaßen zu dieser Zeit eine ausgedehnte Tuchfabrikation. Um 1200 entstanden bereits zahlreiche Zünfte der Tucharbeiter, die zeitweise beachtliche Macht erreichten. Ihre ständigen Auseinandersetzungen mit den Regierenden sorgten dafür, dass die deutschen Tuchmacher ihre lange Zeit führende Stellung in Europa im 17. Jahrhundert an Frankreich und England abgeben mussten.
Das erste maschinelle Hilfsmittel bei der Herstellung von Textilien war das Spinnrad, dessen Vorläufer bereits in der Frühgeschichte im Orient verwendet wurden. Die Grundlage für die industrielle Spinnerei war das Flügelspinnrad. Entwürfe hierfür aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts sind bekannt von dem Braunschweiger Steinmetz Jürgen und Leonardo da Vinci, dessen Modell aber zunächst in Vergessenheit geriet. Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts wurden Textilien mit relativ einfachen Geräten hergestellt. Danach begann mit der Umstellung von der Handspinnerei zur Maschinenspinnerei eine umwälzende Epoche, die von England aus ihren Weg auf den Kontinent nahm. Gefördert wurde diese Entwicklung mit der wachsenden Verbreitung der Baumwolle in Europa, die sich im Gegensatz zu der langfaserigen Wolle auf den alten Handgeräten nur schwer verarbeiten ließ. Die ersten Patente für Maschinen zum Spinnen und Weben wurden Mitte des 18. Jahrhunderts in England erteilt. Die bekannteste ist die von James Hargraves im Jahr 1767 gebaute Spinnmaschine, die er nach seiner Tochter Jenny nannte, deren Arbeitsprinzip bis heute in der Streichgarnspinnerei verwendet wird. Als Erfinder der mechanischen Webstühle gilt der Engländer Dr. Edmund Cartwright, der 1785 sein erstes Patent hierfür anmeldete. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts fanden die Textilmaschinen eine weite Verbreitung auch in den übrigen europäischen Ländern. Ihre Einführung war mit erheblichen Unruhen verbunden, weil viele Heimarbeiter um ihren Arbeitsplatz fürchteten. Dennoch war die fortschreitende Mechanisierung der Textilfertigung nicht aufzuhalten (siehe Webmaschine).
Die industrielle Herstellung von Textilien ist heute weltweit verbreitet. Viele Entwicklungsländer nutzen sie als Einstieg in die Industrialisierung. Dadurch verstärkt sich ständig der weltweite Wettbewerb der Anbieter. Die weniger entwickelten Staaten setzen dem technischen Vorsprung der industrialisierten Länder ihre geringeren Produktionskosten entgegen und bieten ihre Erzeugnisse zu niedrigeren Preisen an. Um den Industrieländern den Anpassungsprozess an den verstärkten internationalen Wettbewerb zu erleichtern, wurde 1974 das Welttextilabkommen (WTA) ausgehandelt, das in den Folgejahren mehrfach revidiert wurde. In der Uruguay-Runde des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT), die im April 1994 nach siebenjähriger Dauer abgeschlossen wurde, vereinbarten die am Welttextilabkommen beteiligten Länder, den internationalen Textilhandel bis zum Jahr 2005 vollständig zu liberalisieren. Über die Einhaltung der dabei eingegangenen Verpflichtungen soll die Welthandelsorganisation (WTO) wachen. Obwohl die Schwellenländer hohe Wachstumsraten bei der Textilproduktion verbuchen können, wird der größte Teil des Welttextilhandels immer noch von wenigen Ländern bestritten. Die zehn größten Exportländer vereinen etwa die Hälfte der Textilexporte (ohne Bekleidung) auf sich. Unter ihnen verteilt sich ihr Exportvolumen von 82 Milliarden US-Dollar folgendermaßen: Deutschland (14 Prozent), Hongkong (13 Prozent), Italien (12 Prozent), Südkorea (11 Prozent), Volksrepublik China (11 Prozent), Taiwan (9 Prozent), Japan (8 Prozent), Belgien (8 Prozent), USA (7 Prozent) und Frankreich (7 Prozent). Die meisten dieser Länder finden sich auf der Seite der größten Importeure wieder. Sie teilen diesen Kuchen mit einem Wert von fast 67 Milliarden US-Dollar unter sich wie folgt auf: Hongkong (20 Prozent), Deutschland (15 Prozent), Volksrepublik China (11 Prozent), Frankreich (9 Prozent), Großbritannien (9 Prozent), Italien (7 Prozent), Japan (6 Prozent), Niederlande (5 Prozent) und Belgien (6 Prozent). In Europa wurden 1994 in der Textilindustrie (ohne Bekleidung) knapp 1,1 Millionen Menschen beschäftigt. Die deutsche Textilindustrie befindet sich aufgrund des zunehmenden internationalen Wettbewerbs seit den sechziger Jahren in einem ständigen Anpassungsprozess. Mit stetiger Rationalisierung hat sie sich von einem personalintensiven zu einem kapitalintensiven Industriezweig gewandelt. Die Investitionen für einen einzigen Arbeitsplatz liegen heute oft bei mehreren Millionen DM. Als Folge davon ist die Zahl der Arbeitsplätze in diesem Bereich von einst rund 600 000 auf noch etwa 160 000 zurückgegangen. Die Textilindustrie ist mit einem Jahresumsatz von zuletzt 33 Milliarden DM nach wie vor die wichtigste Konsumgüterindustrie in Deutschland. Unter allen Industriegruppen liegt sie auf Rang 9. Von ihrer Produktion entfallen heute 45 Prozent auf Textilien für die Bekleidungsindustrie, 30 Prozent auf Heim- und Haustextilien und 25 Prozent auf technische Textilien, die in der Autoproduktion genauso verwendet werden wie am Bau, in der Landwirtschaft, der Medizin, im Anlagenbau oder in der Luft- und Raumfahrt. Die einzelnen Sparten werden je nach Verarbeitungsschritt und den verschiedenen Rohstoffen unterschieden. Die wichtigsten Sparten sind, gemessen an ihrem Umsatz: Baumwollweberei, Textilveredlung, Textilkonfektion und die Teppichindustrie. Die Schwerpunkte der Textilfertigung in Deutschland liegen heute in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen. Wie in anderen Wirtschaftszweigen hat auch bei der Textilindustrie die Verlagerung von Produktionen ins Ausland in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Hauptzielrichtung sind die Länder Mittel- und Osteuropas, die mit ihren niedrigen Produktionskosten mit den meisten asiatischen Staaten konkurrieren können. Zusätzlich bietet sich auch dort in den kommenden Jahren die Chance, neue Märkte zu erschließen. Die Mehrheit der deutschen Textilunternehmen setzt aber weiterhin auf den Standort Deutschland, zumal die Absatzgebiete in Mittel- und Osteuropa auch von den heimischen Produktionsstandorten versorgt werden können.
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