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LuthertumEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Die lutherische Reformation wollte keine neue Kirche gründen, sondern die Erneuerung der einen Kirche durch eine gemeinsame Besinnung auf das Evangelium bewirken. Heute sind für das Luthertum konfessionelle Identität und Einheit der Kirche keine sich ausschließenden, sondern komplementäre Größen. Innerhalb der Gemeinschaft der einen Kirche gibt es eine legitime Verschiedenheit der Strukturen, Mentalitäten und ihrer Ausgestaltungen. Ein wichtiges Modell dafür wurde vom Lutherischen Weltbund formuliert: die Einheit in versöhnter Verschiedenheit. In Straßburg wurde ein vom Weltbund getragenes Institut für ökumenische Forschung eingerichtet. Zwischen den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen wurde 1973 die Leuenberger Konkordie erarbeitet; seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gibt es Gespräche zwischen dem Lutherischen Weltbund und dem Einheitssekretariat der katholischen Kirche. Die Gemeinsame Kommission dieser beiden Institutionen hat eine Reihe von Konvergenzdokumenten erarbeitet. Der bisherige Höhepunkt war die gemeinsame Unterzeichnung eines Dokuments zur Rechtfertigungslehre am Reformationstag (31. Oktober) 1999 in Augsburg, der Stadt also, deren Name mit der kirchlichen Formierung des Luthertums im 16. Jahrhundert engstens verbunden ist.
Über den Bereich des Kirchentums hinaus gehört Martin Luther zu den großen Gestalten der Geschichte, die die Entwicklung der deutschen und europäischen Kultur entscheidend geprägt haben. Seine Übersetzung der Bibel gilt als eines der wichtigsten Denkmäler der deutschen Sprach- und Literaturgeschichte, zahlreiche aus dieser Übersetzung stammende Bilder und Metaphern der deutschen Sprache weisen diese als „Lutherdeutsch” aus. Luther ist einer der Väter der Volksschule, während Philipp Melanchthon zum Organisator der höheren Schulen und der Universitäten wurde. Das evangelische Pfarrhaus wird über die Jahrhunderte zum unerschöpflichen Reservoir für Theologie und Philosophie sowie für deren kritische Befragung und auch Infragestellung. Im lutherischen Gottesdienst spielt die Musik eine wichtige Rolle, in besonderer Weise wurde das Kirchenlied zum Ausdruck evangelischen Glaubens und evangelischer Frömmigkeit. Die Lieder Luthers rühren bis heute an die tieferen Gefühlsschichten auch aufgeklärter Menschen, die Lieder von Paul Gerhardt sind ökumenisches Gemeingut geworden. Die evangelische Kirchenmusik erreicht mit Heinrich Schütz und dann vor allem mit Johann Sebastian Bach ihren Höhepunkt. Bachs Kantaten, Motetten, Oratorien, die Johannes- und Matthäuspassion und seine Orgelwerke sind heute nicht nur im Gottesdienst, sondern auch im Konzertsaal zu hören. Der Begründer der deutschen Aufklärung, Gottfried Wilhelm Leibniz, festigte die Verbindung von Christentum und Philosophie, und Immanuel Kant gilt nicht nur als der Zertrümmerer der Metaphysik, sondern auch als Philosoph des Protestantismus. Lutherische Theologen oder aus dem Luthertum kommende Gelehrte prägten die liberale Theologie und den Kulturprotestantismus des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts sowie die damit eng verbundene bürgerliche Kultur. Das Ende des Kulturprotestantismus markierte allerdings eine Theologie in der Tradition des Calvinismus, die dialektische Theologie von Karl Barth.
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