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AlpenEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Gebirgsbildung und geologischer Aufbau; Räumliche Gliederung; Klima, Vegetation, Tierwelt; Siedlungsgeschichte; Wirtschaft; Probleme des Alpenraumes
Die ältesten bekannten Spuren des Menschen in Europa fanden sich am Südrand der Alpen, an der Riviera; sie stammen aus dem Altpleistozän vor etwa einer Million Jahren. Vermutlich drangen in den späteren Warmzeiten immer wieder Menschen in die Alpen vor. Nachweisen lässt sich der Mensch im Alpenraum erstmals vor etwa 100 000 Jahren, also während der letzten Warmzeit (Interglazial) zwischen Riß- und Würm-Eiszeit. Bekannte archäologische Fundstellen sind z. B. die Wildkirchlihöhle im Säntis, das Drachenloch im Taminatal und die Drachenhöhle im Murtal. Während der folgenden Würmkaltzeit waren die Alpen wieder unbewohnt. Während des Neolithikums (siehe Steinzeit) wurde das Gebirge von seinen südlichen Rändern her als Sommerweidegebiet im Sinne einer Transhumanz erschlossen. Zunächst konnten nur die höheren Lagen als Viehweiden genutzt werden, während die meist feuchten Talböden gemieden wurden. Ungefähr 4000 bis 3500 v. Chr. begann die Dauerbesiedlung mit Viehzucht und Ackerbau entlang relativ trockener Täler wie dem Etschtal, dem Tessintal und Ossolatal. In den nördlichen Alpen wurden zunächst das Inntal und die Alpen-Randseen besiedelt. Aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. stammt auch die Ötztaler Gletschermumie, die 1991 in den Ötztaler Alpen gefunden wurde. Mit Beginn der Bronzezeit – in den Alpen um 1800 v. Chr. – setzte der Abbau von Kupferlagerstätten ein. Dies verstärkte die landwirtschaftliche Nutzung und begünstigte die Besiedlung der Täler sowie den Ausbau der Verkehrswege. Während der Hallstattkultur wurde auch Salz, Eisen und Blei abgebaut. Zu den Völkern, die bis zur Ankunft der Römer die Alpen besiedelt hatten, zählen die Kelten, Veneter, Ligurer, Räter und Etrusker. Kurz vor Christi Geburt eroberten die Römer die Alpen. Sie erschlossen das Gebirge und seine Pässe durch ein Netz von Straßen, legten Militärlager und Siedlungen an, und sie führten den Wein und die Esskastanie ein. Die römische Kultur prägte vor allem die südlichen und westlichen Alpen. Günstig für die Besiedlung des Gebirges wirkte sich die etwa 500-jährige Friedenszeit unter römischer Herrschaft („pax romana”) aus, während die zweite Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrtausends durch politische Unsicherheit und einen Rückgang von Bevölkerung und Wirtschaft gekennzeichnet war. Im Zuge der Völkerwanderung zwangen Einfälle verschiedener Völker und Stämme, darunter Germanen, Awaren, Sarazenen und Hunnen, in manchen Regionen die ansässige Bevölkerung, in höhere Lagen umzusiedeln. Im Westen (Schweiz, Vorarlberg, Allgäu) siedelten nun auch Alemannen, im Norden Bajuwaren, und im Süden und Südosten ließen sich Slawen nieder. Durch die Einwanderung germanischer Stämme seit dem 6. Jahrhundert entwickelte sich neben dem romanischen auch ein germanischer Siedlungsraum. Damit entstanden in den Alpen, bedingt durch kulturelle wie auch naturräumliche Voraussetzungen, zwei bis heute deutlich voneinander unterscheidbare Wirtschafts- und Kulturräume. In der romanischen Bergbauernwirtschaft waren Ackerbau und Viehzucht gleich wichtig, während in den germanischen Regionen die Viehzucht Vorrang besaß. Bis heute unterscheiden sich die Kulturräume durch ihre Siedlungsweise: im romanischen Bereich eng zusammengebaute Haufendörfer mit Steinhäusern, im germanischen Bereich Streusiedlungen in Holzbauweise. Während des Hochmittelalters, etwa von 1000 bis 1350, erlebten die Alpen eine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit. Durch verbreitete Waldrodungen konnte der Siedlungsraum erweitert werden. Die Unterschiede zwischen dem romanischen und dem germanischen Siedlungsraum prägten sich weiter aus. Im romanischen Alpenraum wurden die Dörfer politisch gestärkt und erhielten weitgehende Selbstverwaltungsrechte. Das Realteilungsrecht führte zu einem stark zerteilten Grundbesitz. Der Ackerbau ermöglichte eine hohe Besiedlungsdichte. Es wurden Ackerterrassen angelegt und Weinbau betrieben. Dagegen ging im germanischen Alpenraum der Einfluss vom Einzelhof aus, der politisch in grundherrschaftliche Strukturen eingebunden war und durch das Anerbenrecht als Wirtschaftseinheit von Dauer war. Der Ackerbau besaß hier untergeordnete Bedeutung, das Getreide wurde teilweise für wenige Jahre auf Flächen angebaut, die vorher und nachher als Wiesen dienten (so genannte Egartwirtschaft). Größere Bedeutung erhielt hier die Waldwirtschaft. Die Besiedlungsdichte war vergleichsweise gering. Die Wirtschafts- und Kulturweisen, so wie sie sich im Hochmittelalter herausgebildet hatten, blieben in den meisten Alpenregionen bis ins 19. Jahrhundert, teilweise bis ins 20. Jahrhundert bestimmend. Im 14. und 15. Jahrhundert führten veränderte Randbedingungen vor allem in der Schweiz und in den nördlichen Alpen zu wirtschaftlichen Umwälzungen: Der Ackerbau wurde hier gänzlich eingestellt, Käse und Vieh verstärkt für den Export produziert. Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts führte vor allem in den dichter besiedelten Regionen der südlichen Alpen zu saisonaler Wanderarbeit und zur Abwanderung, so z. B. in Savoyen. In manchen Regionen nahm zwischen der Mitte des 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts die Bevölkerung um bis zu 70 Prozent ab, in Regionen mit Industrieansiedlung nahm sie zu.
Die traditionell wichtigsten Wirtschaftsfaktoren in den Alpen sind Land- und Forstwirtschaft. Die Bedeutung der Almwirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen. In klimatisch begünstigten Gebieten der Südalpen spielen der Weinbau und der Anbau von Gemüse und Obst (z. B. im Etschtal) eine Rolle. Im Wallis wird Weinbau bis in eine Höhe von 1 200 Metern betrieben. Am Südrand der Alpen werden auch Zitrusfrüchte angebaut. In der Holzwirtschaft spielen wegen ihres schnellen Wachstums Fichten die wichtigste Rolle. Ebenfalls auf eine lange Geschichte kann der Bergbau in den Ostalpen zurückblicken (siehe oben). Viele der vor allem an metamorphe Gesteine gebundenen Erzlagerstätten sind heute jedoch erschöpft. Zu den Förderprodukten zählen bzw. zählten Wolfram-, Blei-, Zink-, Eisen-, Kupfer-, Magnesium- und Silbererze sowie Salz und Werksteine wie Granit und Marmor. Große Bedeutung besitzt die Energiegewinnung aus Wasserkraft. Hierfür wurden zahlreiche Stauseen (siehe Staudamm) angelegt, die auch der Regulierung von Hochwasserständen dienen. Zu den nennenswerten Wirtschaftszweigen gehören ferner die Textilindustrie, der Maschinen- und Gerätebau, Feinmechanik, die chemische Industrie, die Aluminiumverarbeitung, die Stahlindustrie und die Elektrometallurgie, die Papier- und Celluloseindustrie sowie die Nahrungsmittelindustrie. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Tourismus zum vielerorts beherrschenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. Traditionell spielte schon wegen des Reichtums an Sol-, Mineral- und Thermalquellen der Bädertourismus eine Rolle. Stark zugenommen haben sowohl der Erholungstourismus im Sommer wie im Winter. Der Massentourismus zieht große ökologische, soziale und verkehrstechnische Probleme nach sich (siehe unten).
Die Alpen sind eine europäische Region mit vielen gravierenden Problemen, sowohl infolge des tief greifenden sozialen und wirtschaftlichen Wandels der letzten 150 Jahre wie auch der dadurch hervorgerufenen ökologischen Probleme. Zu den wichtigsten Problemfeldern gehören der drastische Rückgang der traditionellen Landwirtschaft, die zunehmenden Standortprobleme der Industrien, die Schädigung des Bergwaldes (siehe Waldsterben), der eine wichtige Schutzfunktion gegen Erosion und Lawinen besitzt, die Umweltbelastungen durch den Transit- und Reiseverkehr sowie die negativen sozialen und ökologischen Folgen des Massentourismus. So gibt es in den Alpen mittlerweile etwa 12 000 Seilbahnen und Lifte sowie rund 40 000 Abfahrtspisten mit einer Gesamtlänge von circa 120 000 Kilometern. Besonders der Skisport ist zunehmend in die Kritik geraten, weil die Anlage und der Betrieb von Pisten und Liften die empfindliche Bergnatur stören. Die Gefährdung bzw. der Verlust des ökologischen Gleichgewichts zeigt sich an der drastischen Zunahme von Naturkatastrophen wie Bergstürzen, Lawinenabgängen und Muren während der letzten Jahrzehnte. Um die Schädigungen zu reduzieren, wurden von den Anrainerstaaten zum Teil ausgedehnte Gebiete unter Naturschutz gestellt. Trotzdem ereigneten sich auch während der vergangenen Jahre wiederholt Naturkatastrophen. Lawinenabgänge führten im Februar 1999 vor allem in Tirol und im Wallis zu verheerenden Schäden.
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