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TansaniaEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Fossile Funde in der Olduvaischlucht und in einigen anderen Landesteilen belegen, dass das Gebiet bereits vor Millionen von Jahren durch Hominiden der Gattung Australopithecus, Vorfahren des heutigen Menschen, besiedelt war. In historischer Zeit war das Gebiet des späteren Tanganyika von verschiedenen Bantu-Gruppen – darunter Chaga, Hehe, Gogo, Yao und Nyamwesi – sowie von Masai und anderen nilotischen Gruppen bewohnt. Ab dem 16. Jahrhundert stand das Küstengebiet unter dem Einfluss der Portugiesen, die später jedoch von Oman-Arabern verdrängt wurden. Der Deutsche Carl Peters reiste 1884 ohne Regierungsauftrag nach Ostafrika, schloss mit Häuptlingen unter Anwendung krimineller Methoden so genannte Schutzverträge ab und erwarb auf diese Weise riesige Flächen für das Deutsche Reich. Ab 1885 wurden die Grenzen Tanganyikas in mehreren Verträgen zwischen verschiedenen europäischen Staaten ausgehandelt; so einigten sich das Deutsche Reich und Großbritannien 1890 im Helgoland-Sansibar-Vertrag über ihre Einflussbereiche in Ostafrika. Koloniale Interessen in dem Gebiet hatten außer Deutschland und Großbritannien auch Portugal und Belgien. Die Verträge übertrugen die Gebiete des heutigen Tanganyikas, Ruandas und Burundis an das Deutsche Reich (Deutsch-Ostafrika). Sansibar, Kenia und Uganda wurden den Briten zugesprochen, das Kongobecken ging größtenteils an Belgien, Moçambique an die Portugiesen. Die Deutschen investierten große Summen in Tanganyika, um den Nordteil mit Kaffee- und Teeplantagen profitabel zu machen. 1905 kam es zum Maji-Maji-Aufstand. Die antikolonialistisch motivierte Erhebung, die durch Einführung einer Hüttensteuer ausbrach, wurde nach blutigen Kämpfen und einem zweijährigen Buschkrieg 1907 von den Kolonialtruppen niedergeschlagen. Der 1. Weltkrieg machte die Pläne zur Nutzbarmachung des Landes zunichte, auch in Deutsch-Ostafrika kam es zu Kämpfen. Eine behelfsmäßige Schutztruppe von 12 000 Afrikanern und 4 000 Deutschen unter General Paul von Lettow-Vorbeck konnte sich lange gegen die 250 000 Mann von belgischen, britischen, portugiesischen und südafrikanischen Truppen halten. Nach ihrem Rückzug nach Moçambique, später Nord-Rhodesien, kapitulierte sie schließlich im November 1918. Die Sieger teilten sich das Land; der Völkerbund machte Tanganyika, den größten Teil von Deutsch-Ostafrika, zum britischen Mandatsgebiet (Tanganyika Territory innerhalb Britisch-Ostafrika). Da die britische Verwaltung während der zwanziger Jahre wenig Maßnahmen zur Kolonialisierung ergriff, baute sich in Tanganyika – anders als im benachbarten Kenia – kein Siedler-Problem auf. Das zeigte sich auch in der Übergangszeit vor der staatlichen Unabhängigkeit. Die größte Partei, die 1954 gegründete Afrikanische Nationalunion Tanganyikas (Tanganyika African National Union, TANU) unter Julius Nyerere war eine gemäßigte Organisation, die ihre Anhängerschaft aus allen ethnischen Gruppen und nationalen Gebieten erschloss. Nyerere wurde nach der Unabhängigkeit Tanganyikas im Dezember 1961 erster Ministerpräsident; ein Jahr später wurde das Land mit Nyerere als Staatspräsident zur Republik. Tanganyika verblieb im Commonwealth.
Im Januar 1964 überstand Nyerere einen fehlgeschlagenen Militärputsch. Um seine Regierung gegen revolutionäre Umtriebe zu stärken, begann er in der Folgezeit Gespräche mit Ministerpräsident Amani Karume von Sansibar; am 26. April führten diese Gespräche zur Bildung der Vereinigten Republik Tansania. Die Übereinkunft lag in gegenseitigem Interesse. Sansibar erhielt Hilfeleistungen vom Festland, und Nyerere konnte ganz legal die revolutionären Bestrebungen auf Sansibar bekämpfen. Nyerere wurde Präsident der Union, Karume wurde der erste Vizepräsident. Jedes der Gebiete behielt sein eigenes Parlament und Rechtssystem, ein weiteres Abkommen über eine Vertiefung der Integration war aber vorgesehen. Diese Integration erwies sich jedoch als schwierig, trotz der Föderation blieben die beiden Teilgebiete des Staates sehr unterschiedlich. Die Regierung in Sansibar war wesentlich radikaler und doktrinärer als die Tanganyikas. Auf dem Festland wurden Wahlen abgehalten, nicht hingegen auf der Insel. Während man in Tanganyika dem britischen Rechtssystem folgte, wurde das Gerichtswesen auf Sansibar 1970 umorganisiert: Man führte Volksgerichtshöfe mit drei Mitgliedern ein, Verteidiger waren nicht zugelassen. Aufgrund dieser unterschiedlichen Rechtssysteme lehnten die Gerichte des Festlandes die Auslieferung von Gefangenen nach Sansibar ab. Nach der Ermordung Karumes 1972 wurde Aboud Jumbe dessen Nachfolger; unter ihm nahm der politische Einfluss Sansibars ab. 1977 schlossen sich die TANU und die Afro-Shirazi Party, die einzige Partei Sansibars, zusammen und bildeten unter dem Vorsitz von Nyerere die Einheitspartei Chama Cha Mapinduzi (CCM, Revolutionäre Staatspartei). Die wirtschaftliche Lage in Tansania war von Beginn an schlecht: Das Land verfügte kaum über Industrie und exportfähige Rohstoffe, die Landwirtschaft diente eher der Selbstversorgung als dem Handel. Zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation entwickelte Nyerere 1967 ein Programm, das sozialistische Ideen mit den Besonderheiten Afrikas verbinden sollte. Alle Bereiche der Wirtschaft wurden weitgehend unter staatliche Kontrolle gestellt, Banken und private Unternehmen wurden verstaatlicht, staatliche Genossenschaften sollten die Bevölkerung mit Gütern und Dienstleistungen versorgen. Das sozialistische Experiment erlitt mit der Ölkrise Anfang der siebziger Jahre einen schweren Schlag, der Anstieg der Ölpreise zehrte alle Devisenreserven Tansanias auf. In der Landwirtschaft sollte das Ujamaa-Programm, eine Kombination moderner Techniken mit traditionellen Arbeitsweisen, für Belebung sorgen und eine Grundlage für weitere Entwicklungen schaffen. Auch dieses Programm schlug fehl, sowohl wegen der globalen ökonomischen Entwicklungen, aber auch wegen staatlicher Ineffizienz und der Widerstände vor Ort. In den siebziger und achtziger Jahren stand die Regierung Tansanias an vorderster Front der afrikanischen Befreiungsbewegung. Unabhängigkeitskämpfer aus Moçambique hatten in Tansania ihre Übungs- und Rückzugsstützpunkte bei ihrem Widerstand gegen die Portugiesen. 1978 mündeten die langjährigen Konflikte zwischen Tansania und Uganda in einem Krieg zwischen beiden Ländern. Tansanische Truppen trugen 1979 zum Sturz des ugandischen Diktators Idi Amin Dada bei und blieben bis 1981 im Land. Bei den Verhandlungen um die Unabhängigkeit von Rhodesien (heute Simbabwe) war Präsident Nyerere einer der führenden Vertreter der afrikanischen Seite. Auf internationaler Ebene schloss sich Tansania der Bewegung blockfreier Staaten an, pflegte gute Beziehungen zum Westen, lehnte sich ideologisch aber eng an die Länder des Ostblocks an. Besonders aus der Volksrepublik China erhielt das Land viele Hilfeleistungen. 1985 verzichtete Nyerere auf eine neuerliche Kandidatur für das Präsidentenamt, den Vorsitz der CCM behielt er jedoch bis 1990. Sein Nachfolger an der Staatsspitze wurde Ali Hasan Mwinyi, der einige Reformen zur Liberalisierung der Wirtschaft einleitete. Im Februar 1992 beschloss die CCM, das Einparteiensystem abzuschaffen und Oppositionsparteien zuzulassen; im Juni wurde ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. Der Bürgerkrieg in Ruanda 1994 führte zu einem beträchtlichen Zustrom von Flüchtlingen. Im März 1995 schloss Tansania seine Westgrenzen, um den Flüchtlingszustrom aus Ruanda und Burundi einzudämmen; zu diesem Zeitpunkt hielten sich in den Lagern bei Kagera rund 500 000 Flüchtlinge auf. Im Oktober 1995 fanden die ersten Präsidentschafts- und Parlamentswahlen seit Einführung des Mehrparteiensystems statt. Neues Staatsoberhaupt wurde Benjamin William Mkapa von der CCM, die auch die absolute Mehrheit der Parlamentssitze gewann. Die zweiten freien Wahlen im Oktober 2000 bestätigten Mkapa als Präsidenten und die CCM als absolut stärkste Partei. Die Präsidentschaftswahlen im Dezember 2005 gewann der bisherige Außenminister Jakaya Kikwete (CCM) – Mkapa durfte laut Verfassung nicht wieder antreten. Aus den gleichzeitig abgehaltenen Parlamentswahlen ging wieder die CCM klar als absolut dominierende Kraft hervor. Auch diese Wahlen waren wie die vorangegangenen auf dem Festland frei und fair verlaufen; auf Sansibar, der Hochburg der Opposition, war es dagegen zu gewalttätigen Zusammenstößen gekommen wie schon bei den Regionalwahlen im Monat zuvor. Dort hatte sich der CCM-Kandidat für das Präsidentenamt, Amani Karume, nur relativ knapp durchsetzen können, und auch die Dominanz der CCM im Regionalparlament war weniger stark als die im Bundesparlament.
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