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Tollwut

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Artikelgliederung
1

Einleitung

Tollwut, schwere, ansteckende Infektionskrankheit des Zentralnervensystems; Erreger sind Lyssaviren aus der Familie Rhabdoviridae, die durch Biss- und Kratzwunden sowie durch die Kontamination von Schleimhäuten mit dem Speichel eines infizierten Tieres (Belecken, Speichelspritzer) in den Organismus gelangen können.

Die Krankheit kann alle gleichwarmen Tiere, insbesondere Säuger einschließlich des Menschen befallen. Beim Menschen liegt die Latenzzeit (Inkubationszeit, die Zeit bis zum Auftreten der ersten Krankheitszeichen) zwischen 20 und 120 Tagen; meist dauert sie vier bis sechs Wochen. Wird Impfstoff nicht rechtzeitig verabreicht (möglichst bald nach dem Biss eines tollwutverdächtigen Tieres), verläuft Tollwut in aller Regel tödlich.

Hauptüberträger der Tollwut ist in Europa der Rotfuchs, in vielen Entwicklungsländern sind es streunende Hunde. Die Zahl der Tollwutfälle ist in Europa jedoch drastisch zurückgegangen: In der Bundesrepublik waren es 1991 noch 3 534 Fälle, 2004 dagegen nur 49 Fälle, von denen 14 auf Fledermäuse entfielen (Fledermaustollwut wird durch andere Virustypen verursacht als Fuchstollwut). Der letzte Todesfall durch den Biss eines tollwütigen Fuchses wurde in Deutschland 1990 im Raum Leipzig verzeichnet. Der Rückgang der Tollwut ist auf die erfolgreiche Immunisierung von Füchsen zurückzuführen. So wurden allein in Deutschland jährlich etwa sechs Millionen Impfstoff-Kapseln für Füchse ausgelegt. Dies hatte eine erhebliche Bestandsvermehrung des Rotfuchses zur Folge, der auch als Überträger des Fuchsbandwurmes von Bedeutung ist.

Insbesondere in Entwicklungsländern ist Tollwut nach wie vor ein gravierendes Problem. Weltweit sterben nach Angaben von 2005 jährlich etwa 55 000 Menschen an dieser Krankheit, die meisten davon in Indien. In Großbritannien starb 2002 ein Fledermauskundler am Europäischen Fledermaus-Lyssa-Virus Typ 2 (European Bat Lyssavirus EBLV 2); durch Fledermaustollwutviren sind nur Menschen gefährdet, die eine infizierte Fledermaus ergreifen und gebissen werden. 2005 wurden in Deutschland sechs Organempfängern mit Tollwutviren infizierte Organe übertragen. Drei der Empfänger erkrankten und starben. Die deutsche Organspenderin war sehr wahrscheinlich in Indien über einen Hund mit der Krankheit infiziert worden und daran gestorben; die Infektion war erst nach den Transplantationen entdeckt worden.

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Tollwut beim Menschen

Am Ende der Latenzzeit treten an der verheilten Bissstelle Reizungen und Schmerzen auf, und der umliegende Bereich fühlt sich taub an. Häufig leidet der Erkrankte unter Depressionen und Angstgefühlen. Dieses Anfangsstadium dauert etwa zwei Tage. Dann folgt eine Phase der Reizbarkeit und Überempfindlichkeit. Der Patient hat allgemein starke Ängste, die sich durch das Einsetzen der ersten Atem- und Schluckbeschwerden noch verschlimmern. Durch krampfartige Kontraktionen von Zwerchfell und Kehlkopf kommt es zu Erstickungsgefühlen. Der Patient hat quälenden Durst, kann aber nichts trinken: Schon beim Anblick von Wasser treten Kehlkopfkrämpfe auf. Häufig steigt das Fieber in diesem Stadium bis auf 39 °C. In Mund und Rachen sammelt sich ein dickflüssiges, schleimiges Sekret; die betroffene Person spuckt es aus oder versucht zu husten. Dieses Stadium dauert etwa drei bis fünf Tage; am Ende tritt durch Krampfanfälle oder durch Herz- oder Atemstillstand der Tod ein. 2004 überlebte eine 15-jährige US-Amerikanerin als erster Mensch eine (durch einen Fledermausbiss zugezogene) Tollwuterkrankung, obwohl sie bereits schwere Krankheitssymptome gezeigt hatte. Sie war durch ein künstliches Koma und mit antiviralen Medikamenten behandelt worden. Fünf weitere Menschen, die im Gegensatz zu dieser Patientin sofort nach dem Auftreten von Symptomen geimpft worden waren, überlebten – zum Teil mit Hirnschäden – Tollwutinfektionen; nur einer dieser Patienten wurde vollständig gesund, einer starb nach vier Jahren an Spätfolgen der Infektion.

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Tollwut bei Tieren

Bei Tieren kommt die Tollwut in zwei Erscheinungsformen vor, bei denen das Tier entweder sehr gereizt oder teilnahmslos und gelähmt ist. Die erste Form verläuft ähnlich wie beim Menschen. In der Erregungsphase versucht das Tier, jedes Lebewesen, das ihm in die Quere kommt, zu beißen. Bei der selteneren zweiten Form ist die Erregungsphase nur sehr kurz, oder sie fehlt ganz; stattdessen setzen schon in einem frühen Stadium die Lähmungen ein, zunächst in Kiefern und Kehlkopf. Bei Tüpfelhyänen in der Serengeti wurden Tollwutviren nachgewiesen, ohne dass die Hyänen erkrankt waren; die Hyänen waren offenbar gegen den betreffenden Virusstamm immun (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2001).

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Geschichte und Vorbeugung

Die Tollwut wird schon in medizinischen Schriften aus der Zeit um 300 v. Chr. erwähnt, aber wie sie übertragen wird, erkannte man erst 1804. 1884 entwickelte der französische Bakteriologe Louis Pasteur einen Impfstoff zur Vorbeugung gegen Tollwut. In abgewandelter Form wird Pasteurs Methode bis heute verwendet; sie hat dazu geführt, dass sehr viel weniger Menschen als früher an Tollwut sterben. Die moderne Therapie nach dem Biss eines Tieres mit Tollwutverdacht sieht so aus: Zunächst wird die Bisswunde möglichst schnell und gründlich mit einer starken Seifenlösung oder Wasser gereinigt und mit Alkohol desinfiziert. Anschließend erhält die betroffene Person um die Bissstelle herum sowie zusätzlich an anderer Stelle intramuskulär Injektionen von Tollwut-Hyperimmunglobulin (siehe Antikörper) sowie mehrmals in den darauf folgenden Wochen einen Impfstoff aus abgetöteten Viren, die in menschlichen Laborzellkulturen gezüchtet werden.

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